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Abraham Geiger: Lehrbuch zur Sprache der Mischnah

Zu Beginn seiner Zeit als Rabbiner in Breslau schrieb der Führer des Reformjudentums Abraham Geiger sein grundlegendes Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischnah. Die Mischna ist der hebräisch geschriebene Gesetzeskodex der Juden. Der hier wiedergegebene Text stammt aus der Einleitung zum ersten Band seines Werks, dem „Lehrbuch”. Geiger beschreibt hier die Wandlung des Hebräischen, wie es uns in der Mischna begegnet, von einer lebendigen, vom Volk gesprochenen Sprache zu einer schriftlichen Gelehrtensprache, die auch Wörter, Formen und Strukturen des Aramäischen sowie des Griechischen und Lateinischen aufgenommen hat.

Abraham Geiger: Lehrbuch zur Sprache der Mischnah

§. 2. Der Charakter der Mischnahsprache im Allgemeinen.

Die Sprache der Mischnah ist demnach ihrem Wesen nach die hebräische, nur eine spätere Ausbildung derselben, nachdem sie bereits aufgehört hatte, in dem Munde des Volkes zu leben. Schon in den späteren biblischen Schriften bemerken wir eine Umwandlung der Sprache; der lebendige Quell versiegt, die Anschauung ist nicht mehr frisch und schöpferisch, die Energie erschlafft, und in Formen und Wortbildungen dringt der Aramäismus ein. Diese Umbildung nimmt in der Gelehrtensprache der Mischnah bedeutend zu. Die geschwundene innere Sprachanschauung, welche für eine lebende Sprache Norm und Regel ist, wird durch Reflexion ersetzt, und das geistige Fluidum, welches die lebende Sprache so beweglich macht und sich oft nicht in die Schranken der Regel einzwängen läßt, muß dem logischen Gesetze weichen. Aber die Sprache bereicherte sich auch durch die Nothwendigkeit, neue Gegenstände und Begriffe auszudrücken. Sie fand dafür einige ächthebräische Worte vor, welche zwar in der Bibel nicht vorkommen, aber im Munde des Volkes lebten. Für wirklich Neues mußte sie selbst Ausdrücke schaffen, und sie benützte dazu möglichst den vorhandenen hebräischen Schatz, den sie weiter ausprägte; aber sie nahm auch die Hülfe der herrschenden Sprachen an. Aus dem Aramäismus wurden Flexionen und Derivationen, neue Wortbildungen, Constructionen und ganz neue Stämme entlehnt, allein mit den Aenderungen, welche das Späthebräische verlangt; Geräthschaften und andere früher nicht vorhandene Begriffe werden mit den Ausdrücken des Volkes belegt, das sie gebracht, und daher sind viele griechische Wörter in die Sprache gedrungen und haben in ihr das Bürgerrecht erhalten, und mit diesen auch einige lateinische Wörter, welche die spätere griechische Sprache mit einer kleinen Umformung aufgenommen hat.

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Dr. Abraham Geiger: Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischnah. Breslau 1845, S. 2f.

Erscheint in:

Geiger, Abraham; Jüdische Literatur; Mischna

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