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Von der heiligen Katharina von Siena, die schon im Alter von sechs Jahren ihre erste Vision Christi erlebte, sind 380 Briefe erhalten. Der hier wiedergegebene Brief, 1906 von der deutschen Schriftstellerin Annette Kolb übersetzt, zeigt die mystische Glut, die ihrem Glauben eigen war.
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Euch, liebstem und teuerstem Vater und Sohn in Christo Jesu schreibe ich, Catarina, Dienerin und Magd der Diener Gottes in seinem kostbaren Blut; eingedenk der Worte unseres Erlösers, als er zu seinen Jüngern sprach: „Sehnlichst verlangte mir das Osterfest mit euch zu halten, bevor ich sterbe.” So rufe ich Euch zu, Bruder Hieronymus, mein liebster Vater und Sohn! Und so Ihr mich fragtet, welche Ostern ich denn mit Euch zu begehen wünschte, antworte ich Euch: keine anderen Ostern gibt es, als die des unbefleckten Lammes, jene selben nämlich, die er in Darbietung seiner selbst mit seinen geliebten Jüngern hielt. O süßes Lamm, geröstet am Feuer der göttlichen Liebe und am Spieße des heiligsten Kreuzes! O holdeste Speise, reich an Lust und Freude und Trost! In dir ist alles: denn der Seele, die in Wahrheit dir dienet, bist du Tisch, Speise und Diener geworden. Wir sehen in der Tat, daß der Vater dabei der Tisch ist, und er ist das Lager, auf dem die Seele ausruhet; und wir sehen, daß uns das Wort seines eingebornen Sohnes als Speise dargeboten ist mit so großem Liebesfeuer. Wer brachte es Dir entgegen? Der Bote des hl. Geistes. Und in der unermeßlichen Liebe, die er uns entgegenbringt, genügt es ihm nicht, daß andere uns dienen, er selbst will uns zu Diensten sein.
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Bei diesem Mahle nun verlangt meine Seele, zusammen mit Euch das Osterfest zu halten, bevor ich sterbe: denn wenn das Leben vorüber ist, können wir es nicht mehr halten. Und wisset, mein Sohn, daß wir zu diesem Mahle entkleidet und gekleidet treten müssen. Entkleidet, sage ich, von aller Eigenliebe und weltlicher Freude, von Nachlässigkeit, Betrübnis und Verwirrung des Gemütes (weil durch die maßlose Traurigkeit die Seele verdorrt); und bekleiden müssen wir uns mit glühendster Liebe; dies aber können wir nicht erreichen, wenn die Seele nicht öffnet das Auge der Selbsterkenntnis, so daß sie sich selbst als nicht seiend erkennt, und daß wir nur Werkzeuge sind dessen, was nicht ist; und indem die Seele auf ihren Schöpfer blickt, und auf die unendliche Güte, die sie in ihm entdeckt, kann sie nicht anders als ihn lieben; und die Liebe schmückt sie alsbald mit den wahren und königlichen Tugenden, und lieber erwählte sie den Tod, als gegen den Willen desjenigen zu handeln, den sie liebt; sondern stets ist sie besorgt, das zu tun, was ihm zu Gefallen ist; so liebt sie alsbald, was er liebt, und haßt, was er verabscheut; denn durch die Liebe wird sie umgeschaffen zu seinem Ebenbild.
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Die Briefe der Heiligen Catarina von Siena. Ausgewählt, eingeleitet und deutsch herausgegeben von Annette Kolb. Leipzig 1906, S. 48f.
Erscheint in:
Katharina von Siena, heilige
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