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Bettine von Arnim: Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde

Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde ist eine 1835 besorgte Zusammenstellung und Bearbeitung der Korrespondenz, die die junge Bettina von Arnim mit dem deutschen Dichterfürsten und dessen Mutter führte. Durch ihre Bekanntschaft mit der Frau Rat Goethe in Frankfurt kam der Kontakt mit dem Dichter in Diensten des Herzogs Karl August von Weimar zustande. Der Briefwechsel ist Ausdruck schwärmerischer Hingabe und Verehrung Goethes, der die Zuschriften des vorwitzigen Kindes freundlich, aber auch mit einer gewissen Reserviertheit beantwortet. Nachdem Bettina, eine der herausragenden Frauengestalten der deutschen Romantik, im Jahr 1811 ungebührliches Verhalten gegenüber Goethes Ehefrau Christiane an den Tag gelegt hatte, antwortete Goethe nicht mehr, und der Briefwechsel mündet in die monologische Tagebuchform.

Bettine von Arnim: Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde

An Goethe.

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Ach frage nur nicht warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme, da ich Dir doch eigentlich nichts zu sagen habe? – ich weiß freilich noch nicht womit ich’s ausfüllen soll, aber das weiß ich, daß es doch zuletzt in deine lieben Hände kommt. Drum hauch ich’s an mit allem was ich Dir aussprechen würde, ständ’ ich selbst vor Dir. Ich kann nicht kommen, drum soll der Brief mein ungeteiltes Herz zu Dir hinüber tragen, erfüllt mit Genuß vergangner Tage, mit Hoffnung auf neue, mit Sehnsucht und Schmerz um Dich; da weiß ich nun keinen Anfang und kein Ende.

Von Heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen, wie soll ich loskommen vom Wünschen und Sinnen und Wähnen; wie soll ich Dir mein treues Herz das sich von allem zu Dir allein hinüberwendet, aussprechen? – ich muß schweigen wie damals, als ich vor Dir stand, um Dich anzusehen. Ach was hätt’ ich auch sagen sollen? – ich hatte nichts mehr zu verlangen.

Gestern waren viele witzige Köpfe im Haus Brentano beisammen, da wurden unter andern gymnastischen Geistesübungen auch Rätsel aufgegeben, da waren sehr geschickte Einfälle und wie die Reihe an mich kam, da wußt ich nichts. Und wie ich in der Verlegenheit mich umsah, und kein Gesicht das mir einen befreundeten, verständlichen Ausdruck hatte, da erfand ich dies Rätsel: Warum die Menschen keine Geister sehen? – Keiner konnt es raten, ich sagte: weil sie sich vor Gespenster fürchten. – Wer? – Die Menschen? – Nein die Geister. – Ja so grausamlich kamen mir diese Gesichter vor, und so fremd, und unverständlich, aus denen nichts zu mir sprach wie aus deinen geliebten Zügen, vor denen sich die Geister gewiß nicht fürchten; nein es ist deine Schönheit, daß die Geister mit deinen Mienen spielen, und dies ist der unwiederstehliche Reiz für den Liebenden, daß der Geist ewig dein Gesicht umströmt.

Sonntag, ganz allein im einsamen großen Haus alles ist ausgefahren und geritten und gegangen, und deine Mutter ist vor dem Bockenheimer Tor im Garten, weil heute die Birn geschüttelt werden von dem Baum der bei deiner Geburt gepflanzt wurde.

Bettine.

An Bettine.

Du bist ein feines Kind, ich lese deine lieben Briefe mit innigem Vergnügen, und werde sie gewiß immer wieder lesen mit demselben Genuß. Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit, und dem was Dir dein witziger Dämon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen, nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf wenn ich Dir danke. Bewahre mir dein Vertrauen und lasse es wo möglich noch zu nehmen. Du wirst mir immer sein und bleiben was Du bist. Mit was kann man Dir auch vergelten, als nur, daß man sich willig von allen deinen guten Gaben bereichern läßt. Wie viel Du meiner Mutter bist weißt Du selbst, ihre Briefe fließen in Lob und Liebe über. Fährst Du so fort den flüchtigen Momenten guten Glückes, liebliche Denkmale der Erinnerung zu widmen; ich stehe Dir nicht dafür, daß ich mir’s anmaßen könnte solche geniale lebenvolle Entwürfe zur Ausführung zu benützen, wenn sie dann nur auch so warm und wahr an’s Herz sprechen.

Die Trauben an meinem Fenster die schon vor ihrer Blüte, und nun ein zweitesmal Zeugen deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife entgegen, ich werde sie nicht brechen ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe mir bald und liebe mich.

G.

Bettine von Arnim: Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde. In: Werke und Briefe in vier Bänden. Hg. von Walter Schmitz und Sibylle von Steinsdorff. Bd. 2. Frankfurt am Main 1992. S. 120ff.

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Arnim, Bettina von

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