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Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn

In ihrer für die Romantik typischen Wertschätzung volkstümlichen Liedguts sammelten die befreundeten Dichter Achim von Arnim und Clemens Brentano während einer Rheinreise im Jahr 1802 deutsche Lieder, Sagen und Märchen und schufen so den Anstoß für eine umfangreiche Kompilation deutscher Lieder, die in drei Bänden veröffentlicht wurde. Die behauptete Mündlichkeit der Stücke ist häufig fiktiv, die Sammlung enthält auch Bearbeitungen und eigene Gedichte. Das ausgewählte Lied Der Tod und das Mädchen im Blumengarten behandelt das Thema der Vergänglichkeit und schildert in schaurig-düstrer Atmosphäre die Konfrontation eines Mädchens mit der allegorischen Gestalt des Todes.

Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn

Der Tod und das Mädchen im Blumengarten

Fliegendes Blatt aus Köln

Es ging ein Mägdlein zarte
Früh in der Morgenstund
In einem Blumengarten,
Frisch, fröhlich und gesund;
Der Blümlein es viel brechen wollt,
Daraus ein Kranz zu machen
Von Silber und von Gold.

Da kam herzugeschlichen
Ein gar erschrecklich Mann,
Die Farb war ihm verblichen,
Kein Kleider hatt er an,
Er hatt kein Fleisch, kein Blut, kein Haar,
Es war an ihm verdorret
Sein Haut und Flechsen gar.

Gar häßlich tät er sehen,
Scheußlich war sein Gesicht,
Er weiset seine Zähne
Und tat noch einen Schritt
Wohl zu dem Mägdlein zart,
Das schier für großen Ängsten
Des grimmen Todes ward.

„Nun schick dich, Mägdlein, schick dich,
Du mußt mit mir an Tanz!
Ich will dir bald aufsetzen
Ein wunderschönen Kranz,
Der wird dir nicht gebunden sein
Von wohlriechenden Kräutern
Und zarten Blümelein.

Der Kranz, den ich aufsetze,
Der heißt die Sterblichkeit;
Du wirst nicht sein die letzte,
Die ihn trägt auf dem Haupt;
Wieviel allhie geboren sein,
Die müssen mit mir tanzen
Wohl um das Kränzelein.

Der Würmer in der Erde
Ist eine große Zahl,
Die werden dir verzehren
Dein Schönheit allzumal,
Sie werden deine Blümlein sein,
Das Gold und auch die Perlen,
Silber und Edelstein.

Willst du mich gerne kennen
Und wissen, wer ich sei?
So hör mein Namen nennen,
Will dir ihn sagen frei:
Der grimme Tod werd ich genannt
Und bin in allen Landen
Gar weit und breit bekannt.

Die Sense ist mein Wappen,
Das ich mit Rechte führ,
Damit tu ich anklopfen
Jedem an seine Tür,
Und wenn sein Zeit ist kommen schon,
Spät, früh und in der Mitten,
’s hilft nichts, er muß davon!”

Das Mägdlein voller Schmerzen,
Voll bittrer Angst und Not,
Bekümmert tief im Herzen,
Bat: „Ach, du lieber Tod,
Wollst eilen nicht so sehr mit mir,
Mich armes Mägdlein zarte
Laß länger leben hier!

Ich will dich reich begaben,
Mein Vater hat viel Gold,
Und was du nur willst haben,
Das all du nehmen sollt!
Nur lasse du das Leben mir,
Mein allerbeste Schätze,
Die will ich geben dir!”

„Kein Schatz sollst du mir geben,
Kein Gold noch Edelstein!
Ich nehm dir nur das Leben,
Du zartes Mägdelein,
Du mußt mit mir an meinen Tanz,
Daran noch kommt manch Tausend,
Bis daß der Reihn wird ganz.”

„O Tod, laß mich beim Leben,
Nimm all mein Hausgesind!
Mein Vater wird dir’s geben,
Wenn er mich lebend findt;
Ich bin sein einzigs Töchterlein,
Er würde mich nicht geben
Um tausend Gulden fein.”

„Dein Vater will ich holen
Und will ihn finden wohl
Mit seinem Hausgesinde,
Weiß, wenn ich kommen soll;
Jetzund nehm ich nur dich allein:
O zartes Mägdlein junge,
Du mußt an meinen Reihn.”

„Erbarm dich meiner Jugend”,
Sprach sie mit großer Klag,
„Will mich in aller Tugend
Üben mein Lebetag.
Nimm mich nicht gleich dahin jetzund,
Spar mich noch eine Weile,
Schon mich noch etlich Stund!”

Drauf sprach der Tod: „Mitnichten.
Ich kehr mich nicht daran,
Es hilft allhier kein Bitten,
Ich nehme Frau und Mann!
Die Kinderlein zieh ich herfür,
Ein jedes muß mir folgen,
Wenn ich klopf an die Tür.”

Er nahm sie in der Mitten,
Da sie am schwächsten was,
Es half bei ihm kein Bitten,
Er warf sie in das Gras
Und rührte an ihr junges Herz.
Da liegt das Mägdlein zarte
Voll bittrer Angst und Schmerz.

Ihr Farb tat sie verwandeln,
Ihr’ Äuglein sie verkehrt,
Von einer Seit zur andern
Warf sie sich auf der Erd,
All Wollust ihr vergangen war,
Kein Blümlein mehr wollt holen
Wohl aus dem grünen Gras.

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Achim von Arnim und Clemens Brentano: Der Tod und das Mädchen im Blumengarten. In: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. München 1957. S. 18ff.

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Brentano, Clemens; Arnim, Achim von

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