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Der dreiteilige Erzählband Papa Hamlet (1889), bestehend aus den Novellen Der erste Schultag, Ein Tod und Papa Hamlet, ist das Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den deutschen Schriftstellern Arno Holz und Johannes Schlaf, die mit der Titelerzählung ein überzeugendes Stück naturalistischer Prosa vorlegten. Innovatorische Elemente von Papa Hamlet sind u. a. die detailgenaue Einbeziehung von Alltagssprache und mit der Beschreibung sozialen Elends die Erschließung von Themen, die in der Hochliteratur bis dato tabuisiert waren.
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(…)
Er rückte sich jetzt geräuschvoll den Stuhl zurecht.
„So’ne Kälte!! Nich mal’n paar lump’je Kohlen hat das! So’ne Wirtschaft!”
Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.
„Na?! Willste so gut sein?!”
Sie drückte sich noch weiter gegen die Wand.
„Na! Endlich!”
Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte er anbehalten.
„Nich mal Platz genug zum Schlafen hat man!”
Er reckte und dehnte sich.
„So’n Hundeleben! Nich mal schlafen kann man!”
Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewälzt. Die Decke von ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloß da …………………………………………………………………………………………
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Das Nachtlämpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehört.
Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzähligen Lichtpünktchen wie übersät. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schräg gegen das Glas aufgeblättert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich die fette Schrift ab: „Ein Sommernachtstraum”. Hinten auf die Wand, übers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren schwarzen, rechteckigen Schatten.
Der kleine Fortinbras röchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen angefangen.
„So’n Leben! So’n Leben!”
Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich, weinerlich.
„Du sagst ja gar nichts!”
Sie schluchzte nur wieder.
„Ach Gott, ja! So’n … Ae!! …”
Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerückt.
„Is ja noch Platz da! Was drückste dich denn so an die Wand! Hast du ja gar nich nötig!”
Sie schüttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmählich über das ganze Bett hin verbreitet.
„So ein Leben! Man hat’s wirklich weit gebracht! … Nu sich noch von so’ner alten Hexe rausschmeißen lassen! Reizend!! Na, was macht man nu? Liegt man morgen auf der Straße! … Nu sag doch?”
Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrückt. Ihr Schluchzen hatte aufgehört, sie drehte ihm den Rücken zu.
„Ich weiß ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag doch!”
Er war jetzt wieder auf sie zugerückt.
„Nu sag doch! … Man kann doch nicht so – verhungern?!”
Er lag jetzt dicht hinter ihr.
„Ich kann ja auch nicht dafür! … Ich bin ja gar nicht so! Is auch wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! … Du schläfst doch nicht schon?”
Sie hustete.
„Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind! Dies viele Nähen … Aber du schonst dich ja auch gar nicht … ich sag’s ja!”
Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.
„Du – hättest – doch lieber, – Niels …”
„Ja … ja! Ich seh’s ja jetzt ein! Ich hätt’s annehmen sollen! Ich hätt’ ja später immer noch … ich seh’s ja ein! Es war unüberlegt! Ich hätte zugreifen sollen! Aber – nu sag doch!!”
„Hast du ihn – denn nicht … denn nicht – wenigstens zu – Haus getroffen?”
„Ach Gott, ja, aber … aber du weißt ja! Er hat ja auch nichts! Was macht man nu bloß? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!”
Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.
„Ach Gott! Ach Gott!!”
Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust. Sie zuckte!
„Ach Gott! Ach Gott!!”
Der dunkle Rand des Glases oben quer über der Decke hatte wieder unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf, schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen ………………………………………………………………………………………………………………………………
„Ach, nich doch, Niels! Nich doch! Das Kind – ist ja schon wieder auf! Das – Kind schreit ja! Das – Kind, Niels … Geh doch mal hin! Um Gottes willen!!” Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.
Durch das dumpfe Gegurgel drüben war es jetzt wie ein dünnes, heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wühlte es, der ganze Korb war in ein Knacken geraten.
„Sieh doch mal nach!!”
„Natürlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch der Deuwel holte! …”
Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.
„Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!”
Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die Schatten oben über die Wand hin schaukelten. –
„Na? Du!! Was gibt’s denn nu schon wieder? Na? … Wo is er denn? … Ae, Schweinerei!”
Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an den Unterhosen ab.
„So’ne Kälte! Na? Wird’s nu bald? Na? Nimm’s doch, Kamel! Nimm’s doch! Na?!”
Der kleine Fortinbras jappte!
Sein Köpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.
„Na? Willst du nu, oder nich?! – – Bestie!!”
„Aber – Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den – Anfall!”
„Ach was! Anfall! – – Da! Friß!!”
„Herrgott, Niels …”
„Friß!!!”
„Niels!”…………………………………………………………………………………………………………………………………………
„Na? Bist du – nu still? Na? – Bist du – nu still? Na?! Na?!”
„Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was – machst du denn bloß?! Er, er – schreit ja gar nicht mehr! Er … Niels!!”
Sie war unwillkürlich zurückgeprallt. Seine ganze Gestalt war vornüber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.
„Die … L – ampe! Die … L – ampe! Die … L – ampe!”
„Niels!!!”
Sie war rücklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.
„Still! Still!! K – lopft da nicht wer?”
Ihre beiden Hände hinten hatten sich platt über die Tapete gespreizt, ihre Knie schlotterten.
„K – lopft da nicht wer?”
Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten über ihm pendelte, seine Augen sahen jetzt plötzlich weiß aus.
Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne tropfte das Tauwetter.
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Acht Tage später balancierte der kleine, buckelige Bäckerjunge Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle, dickverschneite Severingäßchen nach dem Hafen runter. Die Witterung hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen blau aus.
„Heil dir, Svea! Mutter für uns alle!”
Es hatte gerade fünf geschlagen. Vor dem neuen, großen Schnapsladen an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee geschlagen. Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits drüben am Jakobiplatz mit beiden Händen an die große, dick beeiste Glocke gehängt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache alarmierte. Jesus! Jesus!!
Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte er, daß der Mann erfroren war. „Erfroren durch Suff!” Seinen zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrünen Frackschößen sah noch die Flasche.
Wohlan, eine pathetische Rede!
Es war der große Thienwiebel.
Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?
Lirum, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlaß dich drauf! Aber – es war ja alles egal! So oder so!
Arno Holz/Johannes Schlaf: Papa Hamlet. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Theo Meyer. Frankfurt am Main 1979. S. 78ff.
Erscheint in:
Holz, Arno; Schlaf, Johannes; Naturalismus (Literatur)
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