|
Der vielseitige deutsche Schriftsteller und Theaterleiter Heinrich Laube war einer der führenden Publizisten des Jungen Deutschland. Den größten Erfolg hatte er mit seinen in vier Bänden erschienenen Reisenovellen (1834-1837) und seiner autobiographisch geprägten, vom Geist des Vormärz beseelten Romantrilogie Das junge Europa. In seinen Politischen Briefen (1833) äußerte sich der Verfasser, der wegen seiner unverhohlenen Anhängerschaft für die Julirevolution von 1837 bis 1839 eine zweijährige Haftstrafe verbüßte, explizit zu den repressiven politischen Verhältnissen in Deutschland. Der Quellentext bietet einen Teil des zweiten Briefes.
Mein lieber und immer lieberer Freund ! Gieb mir erst recht herzlich die Hand, und dann höre mit Geduld und Aufmerksamkeit quantum satis. …
 |
|
Auch bei Encarta |
|
 |
|
|
|
|
Bis zum Juli 1830, hatte ich wohl hier und da mit mehr oder weniger Theilnahme bemerkt, daß auch nach der Beendigung von Beckers Weltgeschichte, die Weltgeschichte fortgehe, aber von einem ununterbrochenen Verfolgen und Erwägen der Tagesbegebenheiten war nicht die Rede. In genanntem Juli war ich schon etwas aufmersamer geworden, las ich den B ö r n e, erlebte ich die Pariser Reformation, und die Berliner – – nebenbei hörte ich hin und wieder ein Collegium bei Gans. Ich mußte mir das Bier abgewöhnen, denn selbst das Wasser kochte und schäumte in mir. Dies – nicht das Wasser – stieg bis etwa zum Februar 1831, denn bis dahin hatte ich noch vielfachen Umgang mit Ultra’s und vis certamine crescit.
Meine Arbeiten zwangen mich, meinen Umgang etwas einzuschränken, und natürlich ließ ich die Ultras fahren. So blieb ich nun allein der äußersten linken Seite gegenüber. Nun scheint aber das Opponiren mit meinem innersten Wesen verwachsen zu sein, denn ich brauche bloß einige Tage zu einsiedeln, um mit mir selbst in die allerwüthendste Opposition zu gerathen. Ich war betroffen darüber, daß die Leute, für die ich mich in aristokratischen Gesellschaften so oft heiser geschrieen hatte, daß diese mir plötzlich so sonderbar vorkamen. Ich las allerlei pro et contra, und faßte den Entschluß, mich möglichst frei von der Terminologie ec. ec., sowohl der Ultras als der Liberalen zu halten und auf eigene Rechnung Recht zu haben und zu irren.
(In dem Satze: „Einer Klique zu gefallen irren,” liegt der Accent nicht auf i r r e n.)
Dabei gerieth ich, weil ich’s redlich meinte, und doch gern alle Menschen wollte leben lassen, in die grüßlichste Unruhe. Ich versuchte es, mich für den Augenblick zu beruhigen, ich betrog mich selbst und schläferte mich ein: Der Schlaf war aber unerquicklich.
In dieser erzwungnen Beruhigung schrieb ich an Dich – ich hatte den Brief kaum auf die Post getragen, als er mir schon wie untergeschoben vorkam, ich wollte ihm sogleich einen andern nachsenden, sah aber ein, daß dieser noch konfuser werden würde. Auch noch jetzt habe ich nicht die Aussicht, mich vollkommen mit Dir zu verständigen, denn ich sehe auf eine grauenvolle Weise die Wahrheit des „Leben ein Traum” an mir lebendig werden. Alles, Essen und Trinken ausgenommen, kommt mir einestheils unläugbar real vor die Augen, anderntheils verschwimmt es in einem solchen Balladennebel, daß mir Landrecht, Calderon, Shakespeare, Hegel, Gerichtsordnung, Göthe, Steffens, Börne, Napoleon, Poesie, Genie, Größe, Niederträchtigkeit ec., wie alte Sagen vorkommen, die man so anhört, ohne zu fragen: „ist das auch wahr?” weil darauf eigentlich nichts ankommt, genug die Sache ist einmal so, und hört sich gut an. Mit einem Worte, ich bin sonst ein ganz polizeigemäßer Mann, aber in meiner innersten Innerlichkeit, vor der Hand wahnsinnig, oder wenigstens finster, sehr finster.
Du hast gerungen, und scheinst für den Augenblick mit Dir einig zu sein, dazu gratulire ich Dir – (daß Du Rationalist seist, glaube ich Dir nicht, und wenn Du es mit tausend Eiden bekräftigst, denn der plumpste Mysticismus ist nicht so arg, als das labbrige Gewächs der Rationalisten: was ist in der Welt natural, was supernatural?) –
Deine Art, mich zu bekehren, ist auch nicht die Profelytenmacherei oder Intoleranz, die ich angriff. Ad vocem Toleranz: darunter verstehe ich keineswegs die Apathie, von der ich mich nicht immer ganz weißbrennen kann, in welcher man Alles gehen läßt, wie’s geht, sondern die Gesinnung, welche mit den Waffen redlicher Ueberzeugung den Gegensatz bekämpfend, zugiebt, daß diesem Gegensatze ein – sei es auch irgend ein historisch entstandenes – gewisses Recht zum Grunde liegt.
Heinrich Laube: Das Neue Jahrhundert. Zweiter Theil. Politische Briefe. Leipzig 1833, S. 36ff.
Erscheint in:
Laube, Heinrich Rudolf Constanz; Junges Deutschland
|