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August von Kotzebue: Menschenhaß und Reue

Die populären Stücke des deutschen Dramatikers August von Kotzebue erfreuten sich beim zeitgenössischen Publikum beispielloser Beliebtheit. Das unterhaltsam-effektvolle Ehebruchsdrama Menschenhaß und Reue, uraufgeführt am Schauspielhaus Berlin am 3. Juni 1789, bildete den Auftakt zum jahrzehntelangen Erfolg des Autors. In genretypischer Manier konfrontiert der Zweite Auftritt des Zweiten Aufzugs die philanthropische Eulalia mit dem passionierten Frauenfeind Major von der Horst, der sich schließlich in sein Gegenüber verliebt.

August von Kotzebue: Menschenhaß und Reue

Zweiter Auftritt

Eulalia – der Major

E U L A L I A tritt mit einer sehr anständigen Verbeugung in das Zimmer.
D E R  M A J O R erwidert sie ein wenig verwirrt, für sich. Nein, alt ist sie nicht. Er wirft noch einen Blick auf sie. Beim Henker, nein! und häßlich auch nicht.
E U L A L I A Ich freue mich, gnädiger Herr, in Ihnen den Bruder meiner Wohltäterin kennenzulernen.
D E R  M A J O R Madam – jeder Titel ist kostbar, wenn er Anspruch auf Ihre Bekanntschaft gibt.
E U L A L I A ohne das Kompliment weder durch Blick noch durch Stellung zu erwidern. Die schöne Jahreszeit hat den Herrn Grafen vermutlich aus der Stadt gelockt?
D E R  M A J O R Das wohl eben nicht. Sie kennen ihn. Ihm gilt es gleichviel, ob wir Regen oder Sonnenschein, Frühling oder Winter haben, wenn nur in seinem eignen Hause ein ewiger Sommer herrscht. Das heißt nämlich: eine freundliche Frau, eine gut besetzte Tafel und ein paar lachende Freunde.
E U L A L I A Der Graf ist ein liebenswürdiger Epikureer; immer gleichlaunicht, immer genießend jede Minute seines Lebens – tropfenweise, wie das erste Glas Rheinwein, welches der Arzt einem Kranken erlaubt. Aber gestehn Sie, Herr Major, der Graf ist ein Schoßkind des Glücks. Nicht um Geburt und Reichtum, nein, um der gesunden Mischung seiner Säfte willen. Ein gesunder Körper ist gerne gepaart mit einer heitern Seele. Kranke Nerven, trägeschleichendes Blut, würden den Grafen elend machen, selbst in den Armen Ihrer liebenswürdigen Schwester.
D E R  M A J O R der immer sichtbarer betroffen wird, sowie Eulaliens Verstand sich mehr und mehr ihm entwickelt. Sehr wahr, Madam! – und mein guter bequemer Schwager scheint sein Glück zu fühlen und festhalten zu wollen. Er hat den Dienst verlassen, um ganz sich selbst zu leben.
E U L A L I A Wirklich? Das macht seinem Kopfe Ehre.
D E R  M A J O R Wenn nur die Einsamkeit ihm nicht am Ende lästig wird.
E U L A L I A Ich denke, Herr Major, für den, der ein unbefangenes Herz in die Einsamkeit mitbringt, erhöht sie jede Freude des Lebens.
D E R  M A J O R Zum ersten Male hör’ ich das Lob der Einsamkeit aus einem schönen Munde.
E U L A L I A Sie sagen mir da eine Schmeichelei auf Kosten meines Geschlechts.
D E R  M A J O R Ist die Einsamkeit schon lange im Besitz einer so liebenswürdigen Verteidigerin?
E U L A L I A Ich wohne hier seit drei Jahren.
D E R  M A J O R Und nie ein leiser Wunsch nach Stadt und Menschengewühl?
E U L A L I A Nie, Herr Major.
D E R  M A J O R Das zeugt entweder von einer sehr rohen oder von einer sehr ausgebildeten Seele. Ihr erster Blick läßt keinen Zweifel übrig, zu welcher Klasse man Sie rechnen darf.
E U L A L I A mit einem Seufzer. Es gibt vielleicht noch einen dritten Fall.
D E R  M A J O R Wirklich, Madam – ohne ihrem Geschlechte zu nahe treten zu wollen – Die Weiber schienen mir immer weniger für die Einsamkeit geschaffen, als die Männer. Wir haben tausenderlei Beschäftigungen, tausenderlei Zerstreuungen, welche Ihnen mangeln.
E U L A L I A Darf ich fragen: welche?
D E R  M A J O R Wir reiten, wir jagen, wir spielen, wir lesen, wir schreiben Briefe, wir schriftstellern wohl gar ein wenig –
E U L A L I A Die edle Jagd und das noch edlere Spiel räum’ ich Ihnen willig ein; aber ich fürchte, dabei haben Sie wenig gewonnen.
D E R  M A J O R In der Tat, Madam, ich wünschte einen Tag lang Zeuge Ihrer Beschäftigungen zu sein.
E U L A L I A O, Sie können nicht glauben, Herr Major, wie schnell die Zeit vorbeieilt, wenn eine gewisse Einförmigkeit in unserer Lebensart herrscht. Ein Tag, wie der andere; die heutige Morgenstunde, wie die gestrige; o, da fragt man sich so oft: haben wir heute schon Sonnabend? ist der Montag schon zu Ende? – Wenn ich an einem heitern Morgen mir den Kaffee auf den grünen Hofplatz hinaustragen lasse, dann ist mir das süße Bild der auflebenden Geschäftigkeit und Tätigkeit um mich her immer neu. Die Schwalben schwirren, die Enten und Gänse schnattern, das Vieh wird ausgetrieben, der Bauer zieht hinaus aufs Feld, und wünscht mir im Vorbeigehen einen freundlichen, guten Morgen, alles lebt und webt und ist froh. Wenn ich nun ein paar Stunden lang Zeuge dieses erquickenden Schauspiels gewesen bin, dann geh’ ich an meine Geschäfte, und eins, zwei, drei, ist der Mittag da. Gegen Abend fang ich an herumzuschwärmen, aus dem Garten in den Park, aus dem Park auf die Wiesen. Ich füttere mein Federvieh, ich begieße meine Blumen, ich pflücke Erdbeeren, schüttle Kirschen von den Bäumen, oder ich sehe den Bauerknaben zu, wie sie spielen.
D E R  M A J O R Alles das sind Freuden des Sommers. Aber der Winter! der Winter!
E U L A L I A O, wer wird sich nun gerade den Winter immer denken, als einen Greis, in Pelz gehüllt, mit dem Muff in der Hand? Der Winter hat seine eigenen Freuden. Wenn draußen Schnee und Hagel an die Fenster stürmt, so tut einem schon der Gedanke so wohl: ich sitze hier am warmen Ofen. Und dann ist’s Zeit, den Bücherschrank zu öffnen, durch Lesen die Seele zu erheitern, bis die Frühlingssonne wieder wärmer scheint. Oder ich lasse mir mein Klavier stimmen, so gut unser Schulmeister das versteht, und spiele mir selbst eine Sonate von Mozart, oder singe mir eine Arie von Paisiello.
D E R  M A J O R Selig, wer den Faden seiner Beschäftigungen so ganz aus sich selbst zu spinnen vermag!
E U L A L I A Und, lieber Gott! wie unersättlich frißt das Stadtleben die kostbare Zeit! Da muß ich heute Visiten geben, morgen lästige Besuche empfangen, heute mir eine Haube stecken, morgen mir ein Kleid garnieren. Hier fragt niemand darnach; für die Frau Pastorin ist meine Haube noch immer nach dem neuesten Geschmack.
D E R  M A J O R Aber man will doch zuweilen ein Menschenantlitz sehen.
E U L A L I A Fehlt es mir etwa daran? O Herr Major, ich sehe Menschengesichter, die gesunder und froher um sich blicken, als Ihre städtischen Gerippe. Und dann hab’ ich, außer dem Herrn Bittermann und seinem Peter, noch so eine ganz eigene Gesellschaft, die mich zuweilen herzlich belustiget, nämlich die Bauerweiber aus dem Dorfe. Die kommen im Winter mit ihren Spinnrädern; da setz’ ich mich mitten unter sie, und da erzählen sie mir und belehren mich, über Flachs und Hanf, über Milch und Butter, und was dergleichen mehr ist. Die guten Seelen haben mich alle lieb, weil ich sie immer um Rat frage, und weil sie sich dabei so wichtig fühlen.
D E R  M A J O R Gewiß, Madam, wenn jemand auf der Welt versteht, aus jeder Blume Honig zu saugen, so sind Sie es.
E U L A L I A stößt einen unwillkürlichen Seufzer aus.

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August von Kotzebue: Menschenhaß und Reue. In: Schauspiele. Herausgegeben und kommentiert von Jürg Mathes. Frankfurt/Main 1972, S. 63ff.

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Kotzebue, August von

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