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Apuleius: Der goldene Esel

Das Hauptwerk des römischen Schriftstellers und Philosophen Lucius Apuleius ist der parodistische frivole Roman Metamorphosen (auch Der goldene Esel. Das um 170 n. Chr. entstandene Werk schildert die turbulenten Erlebnisse eines jungen Mannes, der in einen Esel verwandelt wird. Ehe seine Rückverwandlung einsetzt, durchlebt er eine Reihe von Abenteuern, die auch mit erotisch anzüglichen Szenen angereichert sind. Der als Beispiel ausgewählte Textabschnitt schildert eine Episode aus dem fröhlich-leichtfertigen Verhältnis zu der Hetäre Fotis. Die Übersetzung besorgte August Rode im Jahr 1783.

Apuleius: Der goldene Esel

(…) Ich finde meine teure Fotis ganz allein in der Küche vor der Anrichte, wie sie ihrer Herrschaft ein Ragout zubereitete, dessen lieblicher Geruch mir schon von weitem den Mund wässerig machte.

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Sie hatte eine nettes Leinenkleid an und war dicht unterm Busen mit einer schönen fleischfarbenen Binde hoch und zierlich gegürtet.

Soeben schwenkte sie mit niedlichen Händen die Kasserolle um, worin sie das Essen zurechtmachte. Durch ihre rasche Bewegung gerieten alle ihre zarten Glieder, gleich Gallert, in das sanfteste Beben. Hin und her wallten die wohlgepflegten Lenden, und wollüstig zitterten unter ihnen die runden Hüften.

Ich stutzte bei dem Anblick und erstarrte fast vor Erstaunen und Bewunderung. Jeder schlummernde Sinn erwachte und empörte sich. Endlich rief ich:

„Ei, wie allerliebst, Fotis, bewegst du doch beim Schwenken dieser Kasserolle das Popöchen! Was für ein köstliches Gericht bereitest du! Oh, wahrhaftig, mehr als glücklich, wer da nur den Finger hineintunken darf!”

Das Mädchen, dem es gar nicht an Maulwerk fehlte, sah sich sogleich mit schelmischer Miene nach mir um und versetzte schalkhaft:

„Fort, mein schöner Herr, fort von meinem Herde; denn wenn Euch mein Feuer auch nur ein wenig anbläst, so brennt Ihr lichterloh, und niemand vermag dann Eure Glut zu löschen als ich, die ich sowohl leckere Gerichte zubereiten wie auch wonniglich das Bett in Schwingungen zu versetzen weiß.”

Ich ließ mich durch diese Worte aber nicht abschrecken, sondern blieb stehen und betrachtete mir ganz aufmerksam alle Reize des Mädchens.

Ich schweige der übrigen, da ich für Kopf und Haar von jeher vorzüglich eingenommen gewesen. Bin ich in Gesellschaft, so sehe ich mich beständig danach um, und in der Einsamkeit habe ich im stillen meine Lust und Freude daran.

Der Grund, den ich mir von diesem Vorzug anzugeben weiß, ist dieser:

Wäre der Kopf nicht der vornehmste Teil des Körpers, wie würde die Natur denselben so frei und offen, so in die Augen fallend auf die Schultern erhoben haben? Das Haar aber ist durch seine eigentümliche Schönheit dem Haupt, was den übrigen Gliedern kaum nur der gesuchte Schmuck lachender Farben und prachtreicher Kleider ist. Ja, will eine Schöne recht sich sehen lassen und in all ihrem Reize erscheinen, so wirft sie die Bekleidung ab, jeglicher Schleier fällt: Sie tritt allein in ihrer nackten Schönheit auf und vertraut mehr auf die Rosen ihrer Haut als auf das Gold ihres Gewandes. Allein (Frevel ist’s, es nur zu sagen, und niemals möge sich ein Beispiel einer so abscheulichen Untat ereignen) entblößet das Haupt des schönsten Mädchens seines Haars, ihr raubt zugleich auch dem Gesicht all seine Liebenswürdigkeit! Und käme sie von dem Himmel hernieder, wäre sie aus dem Meere geboren und von den Wellen erzogen, ja wäre sie Venus selbst, umtanzt von den drei Huldgöttinnen, gefolgt von dem ganzen Volk der Amoretten, mit ihrem Gürtel geschmückt; duftete sie wie Zimt und tröffe von Balsam, ginge aber kahlköpfig einher – gefallen könnte sie ihrem Vulkanus selbst nicht. Im Gegenteil, was kann bezaubernder sein als ein Haar von schöner Farbe und blendendem Glanz, das hell in der Sonne blitzt und nur einen sanften Widerschein von sich gibt und durch wechselnde Anmut seinen Anblick vervielfältigt; das jetzt, wie Gold schimmernd, sanft zur Farbe des Honigs sich verdüstert, jetzt bei Rabenschwärze mit der Täubchen blauspielenden Hälsen wetteifert oder, gesalbt mit arabischem Wohlgeruch, von kunstreicher Hand geteilt und glatt zurückgebunden, wie ein Spiegel des gegenüberstehenden Liebhabers Bild verschönert zurückwirft? Was kann man Edleres sehen, als wenn die Fülle desselben, zu einem Schopf gewunden, den Scheitel krönt oder ringelnd über den Rücken hinabfließt? Kurz, die Würde des Haars ist so groß, daß, geht eine Schöne auch noch so geschmückt mit Gold, Stoff, Edelgesteinen und allem übrigen Staate und hat nur nicht für die Zierlichkeit ihrer Haare gesorgt, sie deswegen allein von niemand für angeputzt gehalten wird.

Meine Fotis trug die ihrigen mit einer glücklichen Nachlässigkeit geziert und war darum nur desto reizender.

Ich konnte mich vor Übermaß der Wollust nicht mehr halten. Ich umfing Fotis und drückte den Spitzen ihrer Haare, wo sie sich über der Stirn in einen Knoten verschlangen, den süßesten Kuß auf.

Sie bog den Hals zurück, sah mich seitwärts mit durchtriebenen Augen an und sprach:

„He, kleiner Lecker, das ist bittersüße Ware! Sieh dich vor, daß du dir nicht mit dem zuvielen Honig auf lange den Magen vergällst.”

„Wenn’s weiter nichts ist, immerhin!” versetzte ich. „Für einen einzigen Kuß von dir, du allerliebstes Mädchen, laß ich mich wohl lebendig auf diesen glühenden Kohlen braten.”

Mit den Worten drückte ich sie fester an mich und küßte sie. Und schon umschlang sie mich, von gleichen Trieben hingerissen und wie ich schmachtend von lechzendem Verlangen; schon sog ich ihren Zimtatem aus halbgeöffnetem Mund ein, saugte Nektar von ihrer der meinigen begegnenden Zunge und fühlte mich unwiderstehlich zum völligen Genuß der Wollust hingerissen, als ich ausrief:

„Ich sterbe, Fotis; erbarme dich, ich sterbe!”

Unter wiederholten feuervollen Küssen antwortete sie:

„Sei guten Muts! Dein Wunsch ist auch der meine, und später denn diesen Abend soll unser Vergnügen nicht verschoben sein. Sobald Licht angesteckt, bin ich auf deinem Zimmer. Jetzt geh und rüste dich zum Kampf. Ich kündige dir heiße Fehde auf die ganze Nacht an.”

Nach diesem und ähnlichem Gekose schieden wir voneinander. (…)

Apuleius: Der goldene Esel. Nach der Übersetzung von August Rode neu bearbeitet und herausgegeben von M. Hengstler. München 1969, S. 25ff.

Erscheint in:

Lateinische Literatur; Apuleius, Lucius

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