Quellentext aus Encarta Erscheint in:
Encarta Online: Die deutsche Jugend 2002

Was will die „Generation Ego”? Wofür setzt sie sich ein, was lehnt sie ab? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich ein Feature von Otmar Jacobs, erschienen 2002 bei Encarta Online unter dem Titel Kein Bock auf Null Bock – die deutsche Jugend 2002.

Encarta Online: Die deutsche Jugend 2002

Mein Gott, ich bin out, so richtig megaout. Die Jugend von heute will Karriere machen, Leistung, Sicherheit und Macht sind ihr wichtiger denn je. Jugendlichkeit als Phase der Rebellion oder als Zeit des Aufbegehrens, des sprichwörtlichen Jugendprotestes, das war anscheinend einmal. Sekundärtugenden sind in, wird täglich ausposaunt, und von der Shell-Studie Jugend 2002 wissenschaftlich untermauert: Dass die Jugendlichen von heute wieder fleißig und ehrgeizig sein wollen. Dass sie eine pragmatischere Haltung einnehmen, dass sie ihre Probleme praktischer lösen, dass sie ihre Karriere entschlossener angehen als die unambitionierten Dauerkuschler und weltverbesserischen Mülltrenner meiner Generation. Wenn man mal nur nicht so einer wird!

Generation „Ego”

Auch bei Encarta

Jugendliche im Deutschland von 2002 sind „Ego-Taktiker”. Sie interessiert nur, was ihnen selbst nutzt. In einem Wertecocktail mixen sie pragmatisch, was ihnen gerade passend erscheint: Fleiß und Macht, Familie und Sicherheit, Kreativität und Lebensstandard – alles geht gleichzeitig. Gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderungen stellt sich der Nachwuchs durchaus, er will aber seine Probleme selbst lösen. Der Politik und den Parteien sprechen die Jugendlichen nur wenig Lösungskompetenz zu. Zu diesen Ergebnissen kommt die 14. Shell-Jugendstudie, die von den Bielefelder Sozialwissenschaftlern Professor Dr. Klaus Hurrelmann und Professor Dr. Mathias Albert sowie einem Team des Münchener Forschungsinstituts Infratest Sozialforschung verfasst wurde. Im Auftrag der Deutschen Shell befragten die Forscher mehr als 2 500 Jugendliche im Alter von zwölf bis 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Wertvorstellungen und ihrer Einstellung zur Politik.

Geringes Interesse an der Politik

Der Schwerpunkt der Studie wurde auf „politische Einstellungen und politisches Engagement” gelegt. Politischem Extremismus wird eine klare Absage erteilt, mehrheitlich spricht man sich für ein Verbot der NPD aus, und für die Grünen interessiert sich niemand mehr wirklich. Engagiert zeigten die Jugendlichen sich nur, wenn sie selbst betroffen sind: „Gegen Studiengebühren, Lehrermangel oder die Sparmaßnahmen gehen sie auf die Straße”, so die Bielefelder Soziologen. Der prototypische Jugendliche ist anscheinend der „Ego-Taktiker”. Er engagiert sich auch schon mal, wenn es sein muss, aber vor allem, um daraus einen persönlichen Vorteil zu ziehen, denn an sein eigenes Glück glaubt er allemal. Von den großen politischen Themen bleiben die Jugendlichen nach Aussage der Wissenschaftler unberührt: Ein „Ja” zu Europa und zur Globalisierung, ohne wenn und aber. Das war’s! Diese Einstellung drücke sich auch im Wahlverhalten aus. „Wir müssen damit rechnen, dass nur 60 Prozent der Erstwähler bei der Bundestagswahl an die Urnen gehen werden”, so Hurrelmann. „Wahlen sind in der Jugend kein Selbstläufer: Es gilt, Jungwähler für die Demokratie zu begeistern.” Auf diesem Feld der staatsbürgerlichen Bildung scheint also ein wenig Nachbesserung notwendig: Es ist offensichtlich dem Nachwuchs schwer zu vermitteln, wie ihre Probleme in Schule, Ausbildung und Beruf durch ein Kreuz auf den Wahlzetteln beseitigt beziehungsweise am besten angegangen werden können, denn der „Ego-Taktiker” fragt: Wem nützt es?

Grundlegender Wertewandel

„Aufstieg statt Ausstieg” lautet das Motto, nach dem die Jugendlichen ihre Zukunft gestalten. „Die ideologisch überfütterte ,Null-Bock‘-Stimmung früherer Generationen ist passé”, so Hurrelmann. Auf die erhöhten Leistungsanforderungen und Risiken unserer gegenwärtigen Gesellschaft reagiert die Jugend optimistisch und pragmatisch: Mit erhöhter Leistungsbereitschaft. Dieser Wertewandel, der sich bereits in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angedeutet hatte, wird in der vorliegenden Studie umfassend sichtbar gemacht.

Leistung, Sicherheit, Macht und Einfluss liegen stark im Trend – ebenso wie Kreativität, Toleranz und Genuss. Traditionelle und moderne, scheinbar widersprüchliche Werte vereinen sich zu einer neuen Synergie. Gleiches gilt für die Lebensplanung: ,Ja‘ zu Karriere und Familie, die zwei zentrale, gleichberechtigte Zielvorstellungen sind – gerade auch für Mädchen und junge Frauen. Für sie sei es selbstverständlich, voll in den „Erfolgsfaktor Bildung” und den Beruf zu investieren. Hurrelmann über diese Ergebnisse der Studie: „Jugendliche haben die ,altbürgerlichen‘ Prinzipien von ihrem ,Staub‘ befreit und entwickeln ein neues, unbefangenes Verhältnis zu ihnen.” Gibt die Realität dem Wertecocktail der Jugend recht?

Wertewandel und Realität

Schon früh übt sich die Jugend nach Kräften in der Tugend der Bewährung. Konfrontiert und erfahren mit den Techniken der (schulischen) Auslese, in der über ihre künftige Stellung in der Hierarchie der Berufe entschieden wird, machen sich die Heranwachsenden ihren Reim auf ihre Lage – auf Erfolg und Misserfolg – wie andere Generationen vor ihnen auch. Begleitend macht sich die ganze Öffentlichkeit, vom Kanzler bis zur FAZ oder Bild-Zeitung, daran zu schaffen, die Bedingungen zu erläutern, die für das Fortkommen der Heranwachsenden gelten. Und da die Chancen durch maßgebliche Instanzen wie „Wachstum” und „Arbeitsmarkt” umschrieben sind, kommt es wie immer darauf an, sie zu nutzen. Heute um so mehr, als besagte Chancen nicht sehr reichlich bemessen sind. Dass eine zügige Verwendung jugendlicher Tat- und Arbeitskraft in dem Umfang, wie sie zur Verfügung steht, nicht vorgesehen ist, wird täglich verkündet.

Die Erfolgreichen im Ausleseprozess, in der Studie „selbstbewusste Macher” und „pragmatische Idealisten” genannt, lassen sich auch durch Aufklärungsarbeit wie die Titelgeschichte Jung, erfolgreich – entlassen im Spiegel (August 2002) oder die Topstory Generation Arbeitslos – jung, top ausgebildet, aber ohne Job im Stern (Oktober 2002) in ihrem Leistungsgedanken, in ihrer Gleichung „Bildung = Job” kaum beeindrucken. Eher entnehmen sie daraus den Auftrag, dass ihre Anstrengungen noch mehr zum Beweis der eigenen Brauchbarkeit auszufallen hätten: „Ich werde auch erst einmal als Müllmann arbeiten.” Aber dann kommt ganz sicher der Karrieresprung … Die weniger Erfolgreichen in der Konkurrenz, so genannte „zögerliche Unauffällige” und „robuste Materialisten”, reagieren mit Resignation beziehungsweise Aggression und brauchen etwas Nachhilfeunterricht, nicht in Mathematik oder Schweißen, sondern in Verhaltenskunde: „Zentrale Aufgabe der Gesellschaft ist es, diese beiden Gruppen zu integrieren”, so Hurrelmann.

Bewertung der Studie

Bei der 14. Shell-Jugendstudie, die sich mit der Jugend des Jahres 2002 auseinandersetzt, muss man sich am Ende der Lektüre tatsächlich fragen, was an dieser Jugend überhaupt noch „jugendlich” ist, was sie von den Erwachsenen unterscheidet. Vom überkommenen Weltverbesserungsdrang, vom idealistischen Jüngling, der sich berufen wähnt und befähigt, „die Welt umzugestalten oder wenigstens die ihm aus den Fugen gekommene Welt wieder einzurichten” (Georg Wilhelm Friedrich Hegel), ist heutzutage nichts zu spüren. Sind die Jugendlichen anno 2002 eine Generation von „Ego-Taktikern”, von schlichten Opportunisten – wie manche Erwachsene auch? Vielleicht sollte man sich aber auch einfach von dem Bild des aufmüpfigen Jugendlichen, wie ich es bisher hatte, verabschieden: Schluss mit der Jugend, erwachsen ist man von Geburt an.

Post Scriptum

Bewertung der Jugendstudie aus Sicht der Titanic: „Sensationelle Ergebnisse der Shell-Studie 2002! Wissenschaft, die Wissen schafft: Die Shell-Studie hat endlich herausgefunden, wie die heutige Jugend tickt! Hauptergebnisse: Neben ,tollem Aussehen‘, ,Markenkleidung tragen‘ und neuer ,Technik‘ (Internet, Handy etc.) werden Orientierungen wie ,Karriere machen‘ als absolut ,in‘ bezeichnet. Für ,out‘ dagegen hält die Jugend ,Müll runtertragen‘, ,scheiße aussehen‘ und Kant lesen. Nächstes Jahr wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie spät es ist.”

Otmar Jacobs

Aus Encarta Online.

Erscheint in:

Adoleszenz; Karriere; Jugend

© 2008 Microsoft