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Der ideale Beschäftigte ist jung, unter 35, dennoch gut ausgebildet und berufserfahren, am besten Single, zu absoluter Mobilität und „lebenslangem Lernen” bereit.Was sagt dieses Profil über die Bedingungen aus, unter denen heute gearbeitet und gelebt wird? Mit diesem Fragenkomplex beschäftigt sich ein Feature von Jürgen Erdmann, erschienen 2002 bei Encarta Online unter dem Titel Die moderne Arbeitswelt.
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Zuerst die gute Nachricht: Am 12. Januar 2002 unterzeichnete der brasilianische Bürgermeister Cesar Maia eine Verordnung, die sicherstellen soll, dass Pferde in Rio de Janeiro die 48-Stunden-Woche, den freien Sonntag und mindestens eine Stunde Mittagspause bekommen. Die schlechte Nachricht: für die meisten Berufstätigen in Brasilien gelten diese Vorzüge nicht. So ist das „da unten”, in der „Dritten Welt”. Doch auch in den so genannten Metropolen der Industrienationen wächst unter dem Druck hoher Arbeitslosigkeit die Tendenz zur Verschärfung der Arbeitsbedingungen: „poor working”, Doppeljobs zur Gewährleistung des Lebensunterhalts, wachsende Überstunden der Noch-Beschäftigten lassen die Illusion der „Freizeitgesellschaft” als zynische Phrase erscheinen. Wie sieht die moderne Arbeitswelt unter den Bedingungen schwindender Arbeit und verschärfter Konkurrenz aus?
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Auch bei Encarta |
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Wer schwer arbeitet, dem gebührt ein bequemer Stuhl, ein behagliches Heim und eine angenehme Umgebung. Sie sind sein gutes Recht. Aber niemandem gebührt die Muße, der nicht zuvor seine Arbeit verrichtet hat. Henry Ford
Glaubt man Wirtschaftsjournalisten wie Jeremy Rifkin oder Gero Jenner, so führen Technisierung und Globalisierung dazu, dass der Mensch in der Arbeitswelt tendenziell überflüssig wird. In früheren Lebensformen wäre das kaum ein Problem gewesen: Die Antike hatte einen negativen Begriff von materieller Produktion, sie war etwas für Sklaven, Frauen und Banausen; im Mittelalter war Arbeit die Bitternis des irdischen Daseins. Ein fiktiver gesunder Menschenverstand könnte die Verteilung schwindender produktiver Mühsal auf eine wachsende Zahl von Menschen fordern.
Doch die moderne Welt definiert sich über Arbeit, weshalb man sie auch Arbeitsgesellschaft nennt. Die Menschen müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, um leben zu können, und wer keine Arbeit hat, ist nicht nur arm, sondern auch moralisch wertlos. Seit dem 19. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein saugte die industrielle Produktion menschliche Arbeitskraft an und strukturierte die gesamte moderne Lebensweise darum herum: Disziplin, Zeitempfinden, Moral, Hygiene, Ernährung, Erholung und Sport bildeten ein System der Erhaltung von Arbeitsfähigkeit.
Die „klassische” Rationalisierung zielte darauf, den Menschen zum perfekten Produktionsfaktor zu machen. Zwei Namen wurden zum Inbegriff dieser „fordistischen” Welt: Henry Ford, der Installateur der Fließbandproduktion, und Frederick Winslow Taylor, der Schöpfer eines ausgeklügelten Systems von Bewegungsabläufen und Erholungsphasen zur Optimierung der menschlichen Arbeit. Beide wurden von der ungeahnten technischen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überholt: Das Fließband erwies sich als ideal geeignet zum Einsatz von Industrierobotern, wird aber tendenziell vom flexiblen Team abgelöst; den Taylorismus kann man bestenfalls noch an der Ausgabe amerikanischer Schnellrestaurants beobachten. Die menschenleere Fabrik wurde zum Idealbild der neuen Welt; Hilfsbegriffe wie Dienstleistungs- oder Informationsgesellschaft kamen in Mode. Eine alte Illusion schien Wirklichkeit zu werden: Der Mensch könnte von aller mühseligen Tätigkeit befreit werden, um sich ganz der Planung und Überwachung zu widmen, die übrige Arbeit wäre gerecht zu verteilen.
Die heutige Gesellschaft sucht nach Wegen, die Übel der Routine durch die Schaffung flexiblerer Institutionen zu mildern. Die Verwirklichung der Flexibilität konzentriert sich jedoch vor allem auf die Kräfte, die die Menschen verbiegen. Richard Sennett
Eine sich ständig wandelnde Technik und wachsende Weltmarkt-Konkurrenz lassen den „fordistischen” Facharbeiter, der lebenslänglich an seinen arbeitsteilig begrenzten Beruf gebunden war, zu einer Sonderform werden. Der vorindustrielle Arbeiter, der einfach aufhörte, wenn er fertig war, ist mit der Durchsetzung von Produktivitäts- und Profitorientierung nicht nur materiell, sondern auch ideologisch verschwunden. Die vernetzte Computerwelt unterliegt, konkurrenzbedingt, dem Zwang, permanent neue Produkte, Produktionsformen, Betriebssysteme und Lebensweisen hervorzubringen, deren Verfallsdatum sich ständig beschleunigt. Sie braucht nicht den sicherheitsorientierten und ruhebedürftigen, fleißigen Arbeiter, sondern den universellen und austauschbaren, flexiblen Menschen, der so agiert und funktioniert als sei er zeitlich, natürlich und sozial ungebunden.
Flexibilität bezeichnet ursprünglich die Fähigkeit eines Baumes, der Kraft des Windes nachzugeben und dennoch immer wieder zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückzukehren. Die moderne Arbeitswelt verlangt von ihren Protagonisten, dass sie sich jeder Umstrukturierung oder Umschulung anpassen, ohne zu fragen, ob sie zu einer vorigen Gestalt zurückkehren möchten und ohne zu berücksichtigen, dass Menschen nicht die Wurzeln eines Baumes besitzen.
Es schwinden, es fallen // die leidenden Menschen // blindlings von einer // Stunde zur andern, // wie Wasser von Klippe // zu Klippe geworfen // Jahr lang ins Ungewisse hinab. Johann Christian Friedrich Hölderlin
Man könnte nun freilich die Hoffnung nähren, die modernen Arbeiter könnten im Zuge der Flexibilisierung ihre Arbeits- und Lebenswelt nach ihren Bedürfnissen gestalten. Die Realität des unbegrenzten und zugleich begrenzten Arbeitsmarktes sieht freilich anders aus. Produktionsstandorte werden dorthin verschoben, wo Arbeitskraft am billigsten ist oder am flexibelsten wieder ausgegliedert werden kann, ein Umstand, der die Möglichkeiten der Unternehmen grenzenlos macht, für den Arbeiter jedoch nur verschärfte Arbeitsplatzkonkurrenz bedeutet. Teilzeitjobs mögen im Einzelfall gewollt sein und für die Beschäftigten einen Gewinn von „Lebenszeit” bedeuten, allzuhäufig sind sie jedoch nur der Alternative „halb oder gar nicht” geschuldet. Der flexible Arbeitsmarkt ist letztlich in der Hauptsache eine Anpassung an die Bedingungen des Profits, mit einer wachsenden Kluft zwischen Besserverdienern und „poor workers” (in den USA liegt das Einkommensgefälle bei etwa 7 zu 1) und einer Tendenz zu permanentem Wechsel.
„Jobhopping” kann als kreative Möglichkeit des Einzelnen empfunden werden, der Routine eines Lebensberufes zu entfliehen, ist jedoch zumeist nur eine Konsequenz des Prinzips des „hire and fire” moderner Unternehmen. „Poor working” mag besser sein als Sozialhilfe, ist jedoch objektiv nur ein Zwang, der die Staatskassen entlastet und für die Unternehmen ein beliebig abrufbares Arbeitskräftereservoir schafft. Teilzeit heißt in der Praxis, dass man einen Arbeiter für 20 Stunden anstellt, um ihm dann, je nach Bedarf, Überstunden anzubieten. Eine weitere Konsequenz ist das „Outsourcing” an einen Subunternehmer, mit dessen Hilfe man Risiken und Kosten auslagern und tarifvertragliche Regelungen umgehen kann. Grundsätzlich führt die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu einem erhöhten Druck auf den einzelnen Arbeiter, dessen Anforderungsprofil sich dementsprechend permanent verschärft.
Ford, wir sind 12, oh mach uns eins // wie Tropfen im Gemeinschaftsquell; // lass laufen uns im Strom des Seins, // schnell wie dein 12-PS-Modell! Aldous Huxley
Die moderne Arbeitswelt erscheint auf den ersten Blick wie ein Fleckerlteppich mit zahllosen Variationen: Vom Kellnerjob bis zur Computerheimarbeit, von der Fließbandarbeit bis zum alten Handwerker ist alles vorhanden. Dennoch sind drei Grundtendenzen zu erkennen: Flexibilisierung, Beschleunigung und „Lean Production”, d. h. maximaler Erfolg mit geringstmöglichem Aufwand. Die klassischen Strukturen werden dabei aufgelöst: An die Stelle des Schichtbetriebs treten individuelle Arbeitspläne, Teilzeitarbeit und Gleitzeit, das lange Fließband wird durch so genannte Teamarbeit ersetzt, die flexible Produktion und gegenseitige Kontrolle ermöglicht. Dies relativiert die Hierarchiepyramide, da der sichtbare Chef verschwindet und macht den Prozess austauschbar und intensiv, weil das Team prinzipiell schneller und besser als andere Teams funktionieren muss. Die Einzelnen werden einerseits auf ihre Selbstdisziplin zurückgeworfen und andererseits vom Rhythmus der Maschine abhängig. Permanente Erneuerung und Beschleunigung, neue Prozesse für neue Produkte sollen so gewährleistet werden. Was heute gilt, ist morgen schon vergessen. Die Arbeitswelt stellt sich auf das Tempo des Computers ein.
Für die Menschen in diesem Prozess führt dies zu permanenter Unsicherheit und Stress, zu Überstunden oder Kurzarbeit, zur geistigen Belastung auch außerhalb der Arbeit. Konkurrenz und Überforderung entladen sich entweder am Kollegen (Mobbing) oder an der eigenen Person (Burn-out-Syndrom). Schon die „klassische” Fabrikproduktion nahm keine Rücksicht auf den menschlichen Körper und seine Abhängigkeit von Jahres- und Tageszeiten, von Biorhythmen und Mondphasen. Sie legte sich als abstrakte Struktur über seine Bedürfnisse. Das Tempo des Rechners macht Muße und Erholung zur überflüssigen Pause in einem prinzipiell pausenlosen Datenrausch. Das „finstere” Mittelalter kannte an die 100 Feiertage im Jahr, die „Freizeitgesellschaft” macht die Siebentagewoche für das noch beschäftigte Drittel zur gnadenlosen Tendenz. Das gilt für den Börsenbroker ebenso wie für die Bäckereifachverkäuferin.
Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort; // hab’ mich niemals deswegen beklagt. Hannes Wader
Der ideale Beschäftigte, der diesen flexiblen Anforderungen genügen kann, ist jung, unter 35, dennoch gut ausgebildet und berufserfahren, am besten Single, zu absoluter Mobilität und „lebenslangem Lernen” bereit. Er hat auch zu Hause einen Computer, um weiter zu arbeiten oder sich vorzubereiten und ist jederzeit abrufbar. Obwohl Frauen die Avantgarde in Sachen flexibler Arbeitszeit waren, sind sie nur bedingt geeignet, da sie schwanger werden können und ihren biologischen Zyklus meist intensiver spüren. In seiner Freizeit bringt sich der ideale Beschäftigte auf den neuesten Stand der Technik, bildet sich auch allgemein fort, sorgt sich um die Gesundheit seines Körpers und sollte auch psychisch und den sozialen Umgang betreffend „an sich arbeiten”. Disziplin und Gesundheit, Eloquenz und Offenheit sind seine Prinzipien. Kurzum: Es gibt ihn nicht, zumindest solange das „sozialverträgliche Frühableben” vor der Midlife-Crisis nicht zum Standard erhoben wird.
Ein Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen, weil sie eine Quelle des Glückes und der Gemütsruhe ist. Arthur Schopenhauer
Der Mensch als soziales und natürliches Wesen ist von der flexiblen Arbeitswelt überfordert. Er ist nicht mehr in der Lage, sein Leben als Geschichte eines Subjekts zu lesen, als ruhigen, gleichmäßigen Fluss, über den sich Unzweideutiges sagen ließe; seine Biographie ist zur „Patchwork-Biographie” geworden. Flexibilität, die das Gestern heute schon zum Gestrigen erklärt, macht die eigene Lebensstruktur zum Alltagsgeschäft. Aus einem Arbeitsprozess, der Unsicherheit zur Essenz macht, lassen sich individuelle Besonderheit, Stolz und Selbstverwirklichung nicht mehr beziehen. Da aber zugleich Arbeit immer noch das zentrale Definitionskriterium von Persönlichkeit ist, bleiben Leere und ein gnadenloses Getriebensein von einer Wichtigkeit zur anderen übrig.
Auch die sozialen Strukturen drumherum werden fragmentiert, existieren als SMS-Freundschaften, E-Mail-Adressen und Stimmen auf dem Anrufbeantworter. Die Familie wird zur „Pinnwandfamilie” – man hinterlässt sich Nachrichten, um mühsam Restkontakt zu halten, während jeder seiner Wege geht. Für die Einzelnen ist dies eine große Kollision ihrer Interessen. Glaubt man der Shell-Jugendstudie, so sind Arbeit und Familie immer noch die wichtigsten Ziele auch junger Menschen. Wie das vereinbar bleiben soll, steht dahin.
Die Maschinen sind das neue Proletariat, die Arbeiterklasse kann sich ihre Papiere holen. Jacques Attali
Nach Schätzungen einschlägiger Experten wie Rifkin und Jenner würde die konsequente Umsetzung aller technischen Möglichkeiten 70 Prozent der menschlichen Arbeit überflüssig machen. Obwohl dies ein offensichtliches gesellschaftliches Problem darstellt, existieren keine entsprechenden Konzepte. Moderne Politik gewährleistet in erster Linie Flexibilität, so genannte Reformen bestehen aus Deregulierung und Privatisierung, versuchen nicht einmal mehr strukturbildend einzugreifen. Der Staat nimmt sich aus der Verantwortung.
Weltweit akzeptiert man die Existenz von „poor working” und Doppeljobs, Massenarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum ist zur Basis gesellschaftlichen Nicht-Handelns geworden. Solange die Finanzmärkte boomen, scheint dem kurzfristigen Denken der Politiker „jobless growth” nicht als Problem. Für wirkliche politische Maßnahmen oder Reformen gibt es schlicht und einfach kein Geld und keine Perspektive. Unter diesen Bedingungen wird sich der Druck in der Arbeitswelt wohl weiter verschärfen.
Jürgen Erdmann
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Kapitalismus; Arbeitnehmer
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