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Klimawandel, Raubbau an der Natur, vermehrt auftretende Umweltkatastrophen – alles nur Panikmache oder Anzeichen für einen weltumspannenden destruktiven Vorgang? Mit diesem Fragenkomplex beschäftigt sich ein Feature von Peter Göbel, erschienen 2002 bei Encarta Online unter dem Titel Der ruinierte Planet.
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Kristallklare Bäche, makellos weiße Firnfelder, grau verwitterte Basaltfelsen, auf denen Seevögel zu Tausenden nisten, moosgrüne Landschaften, bis zum Horizont ohne ein einziges Haus – so paradiesisch unberührt wirkt Island. Wenn die Medien über den ruinösen Raubbau an der Natur bis hin zur Desertifikation ganzer Landstriche berichten, dann wird die nahezu menschenleere Insel am Rand der Arktis deshalb auch kaum erwähnt. Leider trügt der schöne Schein. Selbst am Polarkreis gibt es keine heile Welt mehr. Island ist ein weithin durch Bodenerosion „verwüstetes” Land, und der Hauptverursacher war und ist der Mensch. Als die Insel vor über 1 000 Jahren besiedelt wurde, eignete sich etwa die Hälfte ihrer Fläche als Acker- und Weideland. Seither haben Viehherden vielerorts die Pflanzendecke zertrampelt und dadurch Angriffspunkte für den Wind geschaffen, der die fruchtbare Bodenkrume bis auf das nackte Gestein erodiert. Heute ist nur noch ungefähr ein Fünftel der Insel mit Vegetation bedeckt, gut 30 000 Quadratkilometer haben sich in Wüsten verwandelt.
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Überweidung, Abholzung der Wälder und nicht angepasster Ackerbau führen rund um den Globus, vom Mittleren Westen der USA über die Sahelzone Afrikas bis zur Mongolei, zu verheerender Bodenerosion durch Wasser und Wind. Weltweit sind davon annähernd zwei Fünftel des gesamten Ackerlandes und ein Fünftel des Grünlandes betroffen. Schätzungsweise 75 Milliarden Tonnen Boden werden alljährlich von den Feldern und Weiden gespült und geweht – Verluste, die kaum zu ersetzen sind, denn ein tiefgründiger Boden, der für den Anbau taugt, muss sich in Jahrhunderten entwickeln. Die Bodenerosion ist zudem nur eine Form der Bodenverschlechterung; die geeigneten Agrarflächen schrumpfen zusätzlich durch den übermäßigen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, durch die Bodenverdichtung unter der Last zu schwerer landwirtschaftlicher Maschinen und nicht zuletzt durch die fortschreitende Bodenversalzung in Bewässerungskulturen. In den letzten 50 Jahren hat sich dadurch die Bodenqualität auf zwei Dritteln der landwirtschaftlichen Fläche drastisch verschlechtert. Dabei ist der Erhalt fruchtbarer Böden die Grundvoraussetzung für eine ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln.
Von der Wetterkarte her kennt man Island nur allzu gut: Berühmt-berüchtigt ist das Islandtief, ein Tiefdruckwirbel, der sich sehr häufig über der Insel dreht und mit seinen Ausläufern Wolken, Regen und kühle Luft nach Europa schaufelt. Neben dem Azorenhoch ist es das Aktionszentrum, das das Wetter auf dem Kontinent entscheidend bestimmt. In den letzten Jahrzehnten verstärkt sich der Eindruck, dass die Aktionszentren der Atmosphäre weltweit „aktiver” sind als früher. Die Mitteleuropäer spüren dies zum einen an heftigen Stürmen, wie dem „Todesorkan Lothar”, der an Weihnachten 1999 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu über 250 Kilometern pro Stunde eine Spur der Verwüstung durch Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland zog, zum andern an sintflutartigen Regenfällen und den diversen nachfolgenden „Jahrhundertfluten”. Extreme Wettereignisse gab es schon immer; nun scheinen sie beinahe alltäglich zu werden – ist unser Klima, das als „gemäßigt” gilt, aus den Fugen geraten?
Die in mitteleuropäischen Klimastationen aufgezeichneten Daten sind in der Tat mitunter alles andere als „gemäßigt”. So gewaltige Luftdruckschwankungen wie beim Durchzug von „Lothar” kommen normalerweise nur bei tropischen Wirbelstürmen vor, und die am 6. und 7. August 2002 im niederösterreichischen Waldviertel gefallenen 250 Liter Regen pro Quadratmeter würden jedem indischen Sommermonsun zur Ehre gereichen. Die Balearen, mitten in der Zone des angeblich „sommertrockenen und winterfeuchten” mediterranen Klimas gelegen, hatten schon in den Wochen zuvor Wolkenbrüche über sich ergehen lassen müssen und in den zurückliegenden Wintern lange Dürrezeiten erlebt – Klima paradox.
Über die Ursachen der für die unmittelbar Betroffenen oft katastrophalen extremen Wetterereignisse streiten die Experten heftig. Sind sie die Folgen des Treibhauseffekts, also des durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe verstärkten Ausstoßes so genannter Treibhausgase, in erster Linie von Kohlendioxid? Oder gehören Unwetter einfach nur zu den Begleiterscheinungen von Klimaschwankungen, wie sie die Bewohner der Erde seit deren Entstehung hinnehmen müssen? An der Tatsache, dass die globale Mitteltemperatur heute etwa 0,7 °C über den Werten am Ende des 19. Jahrhunderts liegt, dass es vor allem im vergangenen Jahrzehnt immer wieder zu neuen Wärmerekorden seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen kam, ist allerdings nicht zu zweifeln. Gleichzeitig hat beispielsweise die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre vom Beginn des Industriezeitalters bis heute um fast ein Drittel zugenommen. Der Verdacht liegt deshalb mehr als nur nahe, dass der Mensch selbst das Klima unseres Planeten ruiniert. Und die dramatischen Folgen der Erwärmung sind unabsehbar, reichen vom Abschmelzen der polaren Eismassen und dem Anstieg des Meeresspiegels über die Entwicklung neuer Krankheitserreger bis zu häufigeren Bergstürzen in den Hochgebirgen, weil der Dauerfrostboden, also das eisige Skelett der Berghänge, unter dem wärmeren Klima zunehmend schwindet.
Heftige Regenfälle müssen nicht zwangsläufig zu verheerenden Überschwemmungen führen wie entlang der Elbe im August 2002. In natürlichen Ökosystemen wird der Abfluss gebremst und verringert, indem ein großer Teil des gefallenen Niederschlags verdunstet und im Boden versickert. Rund 20 000 Quadratkilometer der Fläche Deutschlands, ein Areal etwa so groß wie Sachsen-Anhalt, sind jedoch mit Gebäuden und Verkehrswegen überbaut, dort kann das Wasser nicht mehr versickern. Und der Flächenanteil der Wälder, die besonders viel Wasser verdunsten, beträgt mittlerweile nur noch knapp 30 Prozent. Der verzweifelte Kampf gegen das Hochwasser kommt also nicht ausschließlich von den Unwettern.
Wasser im Überfluss ist auch nur eine kleinere Katastrophe – zumindest gemessen an den Folgen des akuten Wassermangels in anderen Regionen der Erde. In mindestens 25 Ländern sind die Süßwasserreserven bedrohlich knapp geworden, im Jahr 2025 könnten es doppelt so viele sein. Darunter leiden die natürlichen Ökosysteme, die Nahrungsmittelproduktion und nicht zuletzt die Menschen. Weltweit gehen jährlich schätzungsweise fünf Millionen Todesfälle auf unzureichende Wasserversorgung zurück. Ein Strom wie der Huang He, der zusammen mit zwei weiteren Flüssen 400 Millionen Menschen in China versorgt, versickert heute schon weit vor seiner Mündung; der Aralsee schrumpft seit Jahren und verkommt dabei zu einer mit Agrarchemikalien verseuchten Kloake; im Jemen müssen zum Teil schon 400 Meter tiefe Brunnen gebohrt werden, um an die Grundwasservorräte zu gelangen …
Ursachen der Wasserknappheit sind die übermäßige Wasserentnahme und die fortschreitende Wasserverseuchung mit den verschiedensten Schadstoffen. Im 20. Jahrhundert hat sich die globale Wasserentnahme mehr als versechsfacht; sie ist damit doppelt so schnell gewachsen wie die Weltbevölkerung. Fast drei Viertel der Wasserentnahme werden von der Landwirtschaft genutzt, vor allem für Bewässerungskulturen, ohne die eine ausreichende Ernährung der Weltbevölkerung heute nicht mehr möglich wäre. Allerdings wird dabei ein großer Teil des Wassers verschwendet, versickert in undichten Kanälen oder verdunstet und lässt schädliche Salze in den oberen Bodenschichten zurück. Das Wasser, das unter den bewässerten Flächen in den Boden und von dort weiter in das Grundwasser dringt, ist zudem häufig stark mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln belastet, was wiederum dazu führt, dass auch die unterirdischen Wasservorräte zunehmend als Trinkwasserquellen unbrauchbar werden.
Peter Göbel
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Klimaänderung; Treibhauseffekt; Umweltschutz
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