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Encarta Online: Die gestylte Persönlichkeit

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Selbstdarstellung, Imagepflege und Charakterstyling selbstverständlich sind. Mit Ursachen, Hintergründen und Erscheinungsformen dieses Phänomens beschäftigt sich ein Essay von Jürgen Erdmann, erschienen 2002 bei Encarta Online unter dem Titel Die gestylte Persönlichkeit.

Encarta Online: Die gestylte Persönlichkeit

Die Welt ist schick, die Welt ist schön, die Welt ist bunt. Wir alle sind Künstler, zumindest Lebenskünstler. Wir gestalten unser Drumherum und – darüber vermittelt – uns selbst, als stünden wir auf einer Bühne. Lifestylemagazine liefern uns Vorbilder, die uns zeigen, wie wir uns zu kleiden, einzurichten, zu verhalten, unser Leben zu gestalten haben. Es scheint, als bedürften wir der Marken, Trends und Images, um unser Selbst zur Darstellung zu bringen. Muss auch unsere Persönlichkeit gestylt werden wie unsere Wohnung und Kleidung? Müssen wir uns produzieren wie eine Ware? Bestimmen Dinge unser Leben? Sind wir so oberflächlich geworden, dass wir uns über so genannte Äußerlichkeiten definieren? Mögliche Antworten liegen wohl einen Stock tiefer, im Bereich der Frage, warum wir uns eigentlich ständig definieren müssen und nicht schlicht wir selbst sind.

Wer bin ich?

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Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst. (Ernst Bloch)

Es schien einmal viel einfacher, sich zu definieren. Name, Alter, Geschlecht und Beruf gaben genügend Information, um ein Selbst darzustellen. Persönlichkeit wiederum war an diese angeblich klaren, äußerlichen Fakten gebunden: Ein Arbeiter sah wie ein Arbeiter aus, wohnte und lebte wie ein Arbeiter; ein Dandy sah wie ein Dandy aus, wohnte und lebte wie ein Dandy. Heute unterliegen wir alle dem Zwang, uns zu gestalten – nur die Preiskategorie mag hier noch differenzieren.

Es wäre freilich falsch, das „Lifestyle-Konzept” als oberflächlich abzutun und der Vergangenheit das Image des Fundamentalen zu lassen. War es nicht womöglich so, dass die Einwohnermeldeamt-Faktizität den modernen Individuen nicht mehr reichte, um ihre Persönlichkeit zu definieren? Zumindest muss man zugeben, dass bereits die Festlegung als Arbeiter oder Bürgerlicher, selbst die als Mann oder Frau, eine Reduktion des Ich auf abstrakte Merkmale beinhaltete. Im historischen Schweinsgalopp könnte man die Entwicklung so umreißen: Die an die Scholle gebundene bäuerliche Welt sah Persönlichkeit noch als naturgegeben, die antagonistische Arbeitsgesellschaft akzeptierte die Bindung an berufliche Charaktermasken als zweite Natur, die flexible neue Welt entfaltet den Zwang zur permanenten Selbstfindung und -darstellung. Der Mensch wird sich selbst zum Gegenstand, der sich durch eine schier endlose Kette von Eigenschaften definiert, wobei es auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten gleichgültig ist, ob er dies mittels schicker Klamotten oder abgründiger Gefühle erreicht, ob er sich auf einzelne Besonderheiten oder flexible Vielfalt kapriziert. Die Notwendigkeit, seine Persönlichkeit zu definieren, kann als kreative Möglichkeit erscheinen, aber auch als brutaler Zwang. Psychische Krankheiten wie die multiple Persönlichkeit oder das Borderline-Syndrom können eine Konsequenz sein. Die Diskrepanz zwischen dem Selbst und seiner Darstellung ist jedenfalls für viele Menschen ein Problem.

Wir spielen alle Theater

Nahezu alles Abstrakte kann man leugnen: Recht, Schönheit, Wahrheit, Güte, Geist, Gott! Den Ernst kann man leugnen, das Spiel nicht. (Johan Huizinga)

Wir ruhen nicht in uns, sondern müssen uns permanent herstellen und darstellen. Offensichtliches Kennzeichen hierfür ist unser alltäglicher Sprachgebrauch. Wir spielen mit den Worten und relativieren damit alle unsere Absichten, lassen sie ironisch und zweifelhaft werden, wir „überspielen” unsere „echten” Gefühle, „produzieren” uns, wenn wir im Mittelpunkt stehen wollen, wir brauchen nicht mehr ins Theater zu gehen, weil wir im Leben ständig auf der Bühne stehen. Der Soziologe Erving Goffman hat die Tatsache, dass wir uns im Alltag wie Schauspieler bewegen, zu analysieren versucht und dabei herausgearbeitet, dass wir uns und unser Gegenüber grundsätzlich als Teilnehmer eines Spiels betrachten und stets gezwungen sind zu zweifeln und zu deuten, hinter dem Rollenverhalten den „wirklichen” Charakter zu suchen. Diese landläufige Ironie schafft einerseits an der Oberfläche eine Gleichschaltung der Kriterien von Persönlichkeit, lässt Trauerkloß und Modegeck als beliebige Ausformungen der Selbstdarstellung erscheinen, adelt die Auswahl der Accessoires zum Ausdruck des Innersten und setzt Werte und Moral zu austauschbaren Meinungen herab. Zum andern entspringt dem Selbstdarstellungsbewusstsein eine Sucht nach „Eigentlichkeit” und „Authentizität”, das dadurch zu einem Mythos jenseits meiner Eigenschaften und dinglichen Bestimmungen gerinnt. Die Suche nach dem „echten” und „wahren” in uns wirft uns zumeist ins Reich des Nebulösen und Esoterischen zurück und wird längst von einer psychologisch geschulten Werbeindustrie genutzt, die eben jene äußeren Accessoires mit einem kruden „Jargon der Eigentlichkeit” (Adorno) zu tiefsinnigen Persönlichkeitsbestimmungen ernennt.

Die romantische Vorhut

Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, auf dem hohen Niveau meines blauen Porzellans zu leben. (Oscar Wilde)

Die Empfindung, das moderne Selbst sei sich zweifelhaft, seine Welt nur ein Spiel, seine Persönlichkeit von Dingen bestimmt und sein Urgrund etwas endlos zu Suchendes, gehört zur Basisausstattung der aus der Romantik geborenen modernen Literatur und ihrer Protagonisten. Lord Byron erschien seinen Zeitgenossen und Epigonen als gestylter Inbegriff des romantischen Helden, der seine „Echtheit” durch seine Teilnahme an Freiheitskriegen beweisen musste. Für den „Klassiker” Hegel war die ganze romantische Schule durch die Unkräftigkeit ihrer ironischen Subjektivität gekennzeichnet. Flaubert fühlte sich wie ein „vom Überdruss aufgedunsener Pilz” und Oscar Wilde beklagte seine Unfähigkeit, auf dem Niveau seines blauen Porzellans zu leben. Vor allem Letzterer erscheint als Inbegriff der gestylten Persönlichkeit, die zwischen spaßhafter Selbstdarstellung und tragischer Selbstauflösung schwankt. Die Verallgemeinerung dieser „Künstlerexistenz” muss zwangsläufig Absurditäten und Übertreibungen hervorbringen, da sie nicht mehr in Nischen existieren und sich dadurch zur Besonderheit erheben kann. Der massenhafte Sonderling ist ein Widerspruch in sich, weil die Blechkiste mit Picasso-Aufschrift prinzipiell jeder kaufen kann und die Selbstdarstellung als tiefsinniger Mensch jedem anderen ebenso möglich ist. Dadurch entsteht ein Wettbewerb um Originalität, dessen Material in einer endlosen Kette von Dingen und Eigenschaften besteht und deshalb nicht zu gewinnen ist.

Die verzweifelte Persönlichkeit

Ich ist ein Anderes. (Arthur Rimbaud)

Der Sucht nach dem Tiefsinn hinter der verdinglichten Oberfläche gesellte sich alsbald die Verzweiflung am eigenen Ich hinzu. Romantischer Zweifel und nihilistische Verzweiflung sind die ideologischen Voraussetzungen des Ästhetizismus, so wie es der geistigen In-Frage-Stellung moderner Subjektivität durch die „68er” und der „Null-Bock-Generation” bedurfte, um die Phase der Lifestyle-Schickeria hervorzubringen. Die Grundlage dieser Entwicklung findet sich in einem gesellschaftlichen Prozess, der eine permanente Bedrohung durch Arbeitslosigkeit sowie eine erzwungene Flexibilität und Mobilität zur Basis der individuellen Existenz macht. Der moderne Mensch empfindet sich nicht grundlos als austauschbar und gleichgemacht, zudem einer zunehmend unüberschaubaren Welt ausgeliefert. Tief empfundene Sinnlosigkeit bringt ihn dazu, sich über die Form seines Hemdkragens zu definieren. Die zwanghafte Suche nach individueller Besonderheit, welche die gestylte Persönlichkeit hervorbringt, fußt auf einem zumeist unbewussten Leiden an einer Welt, die den vereinzelten Einzelnen zum auswechselbaren Funktionsbestandteil einer Gesamtmaschinerie herabsetzt, die er nicht mehr zu überschauen oder gar zu kontrollieren vermag.

Horror Vacui

Das Nichts ist nicht, das Nichts wird geseint; das Nichts nichtet sich nicht, das Nichts wird genichtet. Also bleibt, dass ein Sein existieren muss. (Jean-Paul Sartre)

Die Tatsache, dass die menschliche Tätigkeit maschinell ersetzbar, inhaltlich beliebig und für den Einzelnen undurchschaubar wird, kollidiert mit dem Selbstverständnis des „westlichen” Menschen, der sich grundsätzlich als tätiges (arbeitendes) und kreatives (innovatives) Wesen definiert. Die Fähigkeit, unser Selbst in religiöser Kontemplation oder zweckfreiem Handeln zu finden und zu bestätigen, wurde in der langen Geschichte der Arbeitsgesellschaft verschüttet. Die Angst vor der Leere treibt uns zu ständig neuer Tätigkeit und da der Produktionsprozess uns tendenziell immer weniger braucht, stürzen wir uns emsig wie die Bienen auf die Gestaltung unserer Persönlichkeit, stylen, kaufen, richten ein und empfinden beim Schuhkauf die prickelnde Mischung aus Stress und Selbstverwirklichung, die unser Menschsein erst verwirklicht. Die Dinge die uns darstellen sollen, werden zu Fetischgegenständen und unsere Freizeitbeschäftigungen zur Arbeit. Von der Fußreflexzonen- bis zur Trauerarbeit werden schließlich alle unsere persönlichen Verwirklichungen mit dem Begriff der Arbeit geadelt – nur damit nicht nichts übrig bleibt.

Strategien der Selbstdarstellung

Die Farben sind gemischt, die Leinwand aufgespannt. Aber wie soll ich ihn festhalten, diesen unruhigen, flüchtigen, unbeständigen Menschen, dessen Erscheinung hundertfältig wechselt? (Jean de La Bruyère)

Die endlosen Möglichkeiten, unsere Persönlichkeit zu stylen, stellen uns notwendigerweise vor die Qual der Wahl. Die prinzipienlose Flexibilität würde uns schlicht zerreißen und zwingt uns letztlich, unsere Marke, unser Image, unsere Dingwelt zu finden und darüber unsere Persönlichkeit zu konstruieren. Das hilflose Bewusstsein hat dabei die Tendenz, Kriterien gleichzuschalten; im gleichen Maße, wie Charaktereigenschaften auf dem öffentlichen Jahrmarkt zur Eigenwerbung benutzt werden, versucht man, Äußerlichkeiten mit Bedeutung zu schwängern. Zufriedenheit tritt nur für Momente ein. Einmal nicht mehr wollen müssen und sich trotzdem ganz sicher wissen – dieser Zustand tritt erst ein, wenn meine Jeans zu mir gehört, wie mein Duft, mein Fuß und mein Vater. Dem Wahlzwang notgemäß treten Gegensatzpaare auf: Ich bin Luxusfetischist oder Konsumverzichter, vergnügungssüchtig oder in Leidenskonkurrenz, Schickimicki oder Sack-und-Asche-Typ. Die Beliebigkeit der Bestimmungen lässt sich prächtig in Nachmittagstalkshows verfolgen: Zwanghaft öffentlich kann die gestylte Persönlichkeit ebensogut über Sexualität wie über Baseballkappen streiten. Die Unfähigkeit, zu wählen und sich recht zu stylen, hat eine ganze Beratungsindustrie hervorgebracht: Von der Farbberatung bis zur Psychohilfe ist alles auf dem Markt zu finden; das zusammenfassende Modewort heißt „Selfmanagement”. Von Selbstkritik und ernsthafter psychologischer Hinterfragung ist in diesem Kosmos nichts mehr zu finden.

Der Mensch als Betrieb

Ich betrachte mich als Chef eines Unternehmens, dem eine Ware gehört: Cindy Crawford. Also bin ich nicht machtlos – die Ware gehört mir. (Cindy Crawford)

Die gespaltene Persönlichkeit definiert sich zunächst über Eigenschaften, dann über ihre Stellung im Arbeitsleben, weitergehend über Dinge, vor allem über schöne, um letztendlich eine Umkehrung zu vollziehen, nach der sie sich selbst als Ding behandelt. Der Mensch verkauft sich wie eine Ware, macht Werbung für sich, will sich als schönes Ding darstellen. Doch der Mensch ist kein Gegenstand, er lebt, ist tätig, kann sich nicht wirklich selbst verkaufen. In der Konsequenz dessen, was sich für uns selbst im Kleinen vollzieht und was sich im Großen historisch vollzog, behandeln wir uns schließlich wie ein kapitalistischer Einzelbetrieb. Wir agieren auf einem Markt, in Konkurrenz mit anderen Marktsubjekten und müssen dabei ständig Neues produzieren. Nicht zufällig sind die Eigenschaften, die von Ökonomen wie Joseph Alois Schumpeter und John Maynard Keynes zur Definition des „Pionier-Unternehmers” entworfen wurden, zu Modewörtern der Persönlichkeitsdarstellung geworden: Kreativität, Intuition, Findigkeit, Animal Spirits. Auch wenn unsere Fähigkeiten nur für eine kreative Frisur, die intuitive Auswahl des richtigen Hemds, Findigkeit beim Weineinkauf und die Animal Spirits unseres Parfums hinreichen, so genügt dies dennoch, um uns auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu produzieren und darzustellen. Würden wir Lifestyle als Lebensgestaltung übersetzen, die Selbstdarstellung mit Selbstkritik anreichern und etwas öfter über den einzelbetrieblichen Horizont hinausblicken, so könnte unsere brüchige Persönlichkeit womöglich einmal die verdinglichte Welt in Frage stellen.

Jürgen Erdmann

Aus Encarta Online.

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Persönlichkeit; Charakter; Mode

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