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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Wissenschaftler wieder. Ernst Fischer, Professor am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz, befasst sich in seinem Beitrag mit der Rolle des Buches im Zeitalter der elektronischen Medien. Seine These lautet: Das Buch als Medium wird nicht verschwinden, sondern sich in vielen Bereichen behaupten.
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Die inflationäre Verwendung von Formeln wie jenen vom „Ende des Papiers” oder vom „Ende des Buchzeitalters” wirft Fragen auf: Was steckt hinter dem Eifer, ja dem Ingrimm, mit dem das Druckmedium totgesagt und der Anbruch eines neuen, elektronischen Zeitalters verkündet wird? Und vor allem: Auf welcher Grundlage beruhen solche griffig formulierten Befunde? Die Fakten geben dazu wenig Anlass, denn weltweit wird mehr Papier produziert und bedruckt als je zuvor. Offenbar steht hier mehr auf dem Spiel als das Schicksal eines traditionellen Mediums: In der Mediendiskussion geht es um die Frage nach der Welt, in der wir morgen leben werden. Es sind die Zukunftsängste unserer Gesellschaft, die den selbst ernannten Mediengurus die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums für ihre in prophetischem Gestus verkündeten apokalyptischen Szenarios sichern. Ihre Prognosen prätendieren ein gesichertes Wissen über den Verlauf der Medienevolution, tatsächlich aber beruhen sie über weite Strecken auf Spekulation. Gibt es überhaupt Möglichkeiten, diese Debatte auf eine rationale, argumentative Basis zu stellen? Prognostik ist im Prinzip ein legitimer Anwendungsbereich von Wissenschaft; man kann in ihr einen Prüfstein sehen für den Grad an Allgemeinheit der Aussagen, die in einer Disziplin möglich sind. Sie ist aber nur dort möglich, wo aus der retrospektiven Deutung eines Geschehens regelmäßige Abläufe, Gesetzmäßigkeiten oder wenigstens bestimmte Grundmuster ermittelt werden können. Wer in die Zukunft blicken will, muss also in die Vergangenheit zurückgehen. Aber kennen wir die Bewegungsgesetze der Mediengeschichte?
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Auch bei Encarta |
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Die Rede vom „Ende des Buchzeitalters” beruht auf der Vorstellung, dass ältere Medien durch neue Medien im Rahmen einer von Konkurrenzverhältnissen gekennzeichneten Wettbewerbssituation verdrängt werden. Diese Annahme versteht sich indes keineswegs von selbst, ja sie kann seit langem als widerlegt angesehen werden. Bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts, 1913, hat Wolfgang Riepl in seinem Werk über Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer ein „Grundgesetz der Entwicklung des Nachrichtenwesens” formuliert, das als die früheste Fassung der These vom Komplementärverhältnis der Medien gelten kann. Fundament dieses Grundgesetzes, das Riepl aus akribischen Nachforschungen zu den schon in der Antike erstaunlich vielfältigen Formen der Meldetechnik und Informationsvermittlung gewonnen hat, war die Beobachtung, dass im Bereich des Nachrichtenwesens „die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen”. Und weiter hieß es bei Riepl: „Denn nicht nur die Nachrichtenmittel, ihre Leistungen und Verwendungsmöglichkeiten vermehren und steigern sich unausgesetzt, auch das Gebiet ihrer Verwendung und Ausnützung ist in fortwährender Erweiterung und Vertiefung begriffen. Sie machen einander die einzelnen Felder dieses Gebietes streitig, finden aber in dem fortschreitenden Prozeß der Arbeitsteilung alle nebeneinander genügend Raum und Aufgaben zu ihrer Entfaltung, bemächtigen sich verlorener Gebiete wieder und erobern Neuland dazu.”
Riepls Thesen wurden von der stürmischen Medienentwicklung im 20. Jahrhundert fast in jeder Hinsicht bestätigt und in vielfältiger Weise illustriert. Aber wenn es inzwischen als Konstante der Kommunikationsgeschichte angesehen wird, dass noch niemals ein neues Medium ein älteres wirklich verdrängt hat, sondern es unter Funktionsaspekten immer nur ergänzt hat, so reicht dieses Komplementaritätsgesetz ganz offensichtlich nicht aus, um die Bewegungsgesetze der Mediengeschichte aufzuzeigen. Was treibt den Prozess an, der in immer kürzeren Abständen immer mehr Medien entstehen lässt?
Es fehlt nicht an Versuchen, den historischen Wandel der menschheitlichen Medienpraxis modellhaft abzubilden. Die Resultate sind freilich sehr unterschiedlich: Wir begegnen, in formaler Betrachtungsweise, linearen Modellen ebenso wie der Vorstellung von kreisförmigen Prozessen, wobei die linearen Modelle entweder als zukunftsoffen oder aber als teleologisch, also einem Endzustand zustrebend, aufgefasst werden können. Außerdem können lineare Prozesse Medienverhältnisse als konvergent oder als divergent beschreiben. Auf anderer, inhaltlicher Ebene lassen sich zwei fundamentale Ansatzpunkte der Mediengeschichtsschreibung voneinander abheben: ein technikzentrierter und ein anthropologisch fundierter. Hierzu im Folgenden einige genauere Hinweise.
Die technikzentrierte Mediengeschichtsschreibung tritt uns in ihrer einfachsten und zugleich geläufigsten Ausprägungsform als Chronik von Erfindungen entgegen, häufig als detailreiche annalistische Darstellung „von den ersten Schriftzeichen zum Mikrochip”. Nun werden in der Tat Erfindungen in der Regel nur einmal gemacht; fast zwangsläufig fügen sich daher diese Erfindungen zu einer Vorstellung linearen Fortschritts zusammen. Ein solcher Ansatz bietet aber keine Möglichkeit zur Interpretation des medientechnologischen Wandels, insofern er die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit solcher Erfindungen bzw. ihrer gesellschaftlichen Durchsetzung unbeantwortet lässt.
Einen Schritt weiter gehen jene Beobachter der Technikentwicklung, die nach bestimmten Grundmustern oder der Gerichtetheit des Medienprozesses fragen. So etwa vertritt Nicholas Negroponte, Leiter des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology und eine Galionsfigur der Medienprognostik, in seinem Buch Total digital (1995) die Auffassung, dass „gegenwärtig die ganze Skala der Telekommunikationsmedien einem Konvergierungsprozeß unterliegt – Fernsehen, Telefon, alle Aufzeichnungsmedien, Film, Zeitungen, Magazine, Bücher und der sie alle infizierende und verändernde Computer”. Basis dieser Konvergenzthese ist der Übergang vom Atom zum Bit, von der analogen zur digitalen Technologie, wobei die Digitaltechnik als eine Welt der unbeschränkten Möglichkeiten erscheint.
Eine eindeutig teleologische, fast heilsgeschichtliche Interpretation der Medienentwicklung hat dagegen der französische Jesuit Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin bereits in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegeben, als er die planetarische Ausbreitung einer „Noosphäre”, einer Vernunftsphäre als einer Form höheren kollektiven Bewusstseins der Menschheit, prognostiziert hat. Bei Teilhard de Chardin mündet diese Vision in eine „totale Humanisierung”, findet also ein positives Ende. Die aktuelle Debatte um die Zukunft des Internet knüpft zum Teil explizit an Teilhard de Chardin an, wenn sie die weltweite Verbindung der Rechner als einen Vorgang deutet, der zur Herausbildung eines „Weltgehirns”, eines globalen Nervensystems, eines „Hyperkortex” führen müsse, dessen Infrastruktur von den neuen Kommunikationstechnologien wie dem World Wide Web gebildet werde. Bestandteil dieser Netzutopien ist die Erwartung eines Zusammenwachsens von Mensch und Maschine, Biologie und Technik, sei es durch „Interfaces”, also Schnittstellen, die eine solche Verbindung übergangslos herstellen, durch technische Implantate oder im Rahmen von Existenzformen im „Cyberspace”, in denen die Unterschiede zwischen Realität und Virtualität gänzlich aufgehoben sind. Gleichgültig, ob man solche Visionen als „rasendes Gefasel” von „Netz-Gurus” abtun möchte oder nicht: Es spiegelt sich darin die verbreitete Neigung, den Prozess der permanenten Verdichtung der Kommunikation als einen Naturvorgang zu interpretieren. Eine solche Betrachtungsweise unterstreicht mit dem Natürlichen auch das Unausweichliche dieses Vorgangs und hat den angenehmen Nebeneffekt, uns von der Verantwortung zu entlasten, die wir auf uns laden, wenn wir Strukturen errichten, die das Leben auf diesem Planeten in nachhaltiger Weise, aber ungewisser Richtung verändern. Die Richtung ist tatsächlich ungewiss, denn die „Absichten” der Natur erkennen wir stets erst in retrospektiver Deutung, d. h. eine organologische Auffassung des Geschichtsprozesses taugt nur bedingt als Instrument der Medienprognostik.
Auf eine Objektivierung dieser Problematik zielt der Vorschlag, die Auseinandersetzung mit der Kommunikationsgeschichte auf eine systemtheoretische Basis zu stellen und stärker als bisher an die Biologie anzulehnen. Diese biogenetische Theorie der Kommunikationsformen könnte vorhumane oder sogar intraorganismische Formen des Informationstransfers mit einschließen und würde demnach in ihrem Erklärungsanspruch von der ersten Zellteilung vor Milliarden Jahren bis zu den höchstentwickelten Mediensystemen der Gegenwart reichen. Von hier aus ist es nur ein kurzer Weg zu einer Deutung der Medienevolution als darwinistischen Prozess, in welchem Vorgänge der Anpassung, Variation und Selektion einander laufend ablösen – eine Betrachtungsweise, die manchen Äußerungen zum Thema Medienkonkurrenz und zum „Ende des Buchzeitalters” unausgesprochen zugrunde liegen dürfte.
Die vielzitierte Formel vom „Ende des Buchzeitalters” war ursprünglich der vom deutschen Verlag hinzugefügte Untertitel des epochalen Werkes von Herbert Marshall McLuhan The Gutenberg Galaxy (1962; Die Gutenberg-Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters, 1968). McLuhan hat dort Medien als „Extensions of Man”, als Ausstülpungen unserer Organe und als Erweiterungen unseres Zentralnervensystems beschrieben, und er hat auch den Begriff des „Global Village” in Umlauf gebracht, um das kommunikative Zusammenwachsen der Welt (das der 1980 verstorbene Medientheoretiker mindestens im Ansatz richtig prognostiziert hat) zu kennzeichnen. Die hirnbiologischen Anknüpfungspunkte sind bei ihm aber nur Element eines größeren, anthropologisch fokussierten Reflexionszusammenhangs. Seine Publikationen schließen sich zu einer umfassenden Theorie des kulturellen Wandels zusammen, in deren Mittelpunkt die prägende Kraft steht, die von der spezifischen Materialität der Medien (nicht ihren Inhalten!) auf das Denken des Menschen ausgeht – das ist ja der Sinn der Formel „The medium is the message”.
McLuhan hat ein ausgeprägt zyklisches Modell der Medienentwicklung propagiert. Zunächst scheint es überraschend, dass in einem sich so stürmisch entwickelnden Bereich wie dem der Medien, der allgemein als Musterbeispiel linearen Fortschritts betrachtet wird, solche Verlaufsmuster überhaupt denkbar sind. Und doch besitzen gerade diese zyklischen Beschreibungsmodelle, die in den entscheidenden Punkten nicht auf die Technik, sondern auf das Subjekt der Mediengeschichte, den Menschen, rekurrieren, eine besondere Prägnanz und Attraktivität. Aus McLuhans medientheoretischen Schriften lässt sich ein vierstufiges Phasenmodell destillieren, dessen Stufen jeweils eine Phase der Menschheitsentwicklung repräsentieren:
- • In einer ersten vorschriftlichen Entwicklungsstufe erfasst Kommunikation den gesamten Menschen, weil sie neben der Sprache auch die anderen Sinne des Menschen mit einbezieht, also noch stark audiodaktyl bestimmt ist;
- • In der zweiten Stufe, gekennzeichnet durch die Erfindung des phonetischen Alphabets, in welchem Zeichensystem und Bezeichnetes willkürlich, bloß durch Konvention verknüpft erscheinen, erfolgt eine erste Fragmentierung der sensorischen Fähigkeiten des Menschen, bei Überbetonung seines Gesichtssinnes.
- • Auf der dritten Stufe entsteht der „typographic man”. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern bildet nach McLuhan die Basis für die Dominanz der linear-kausalen, logischen Denkgewohnheiten des modernen Menschen, wobei im 19. Jahrhundert mit dem Auftreten neuer – wie er sagt: „elektrischer” – Medien der Prozess zur Ablösung der Gutenberg-Galaxis einsetzt, also der Prozess der Ablösung der Druckmedien.
- • Auf der vierten Stufe schließlich, am Ende des 20. Jahrhunderts, entsteht eine neue Galaxis, die den Menschen wieder in allen seinen sensorischen Kapazitäten beansprucht, also wieder ganzheitliche Kommunikationsformen entstehen lässt.
Das Phasenmodell muss im Sinn McLuhans als eine Spiralbewegung gesehen werden: Die Rückkehr zum Ausgangspunkt erfolgt auf einem anderen Niveau, insofern die Kommunikationsmedien über Jahrtausende hinweg unsere Sinne und unser Denken formen und die Vorstufen dieser Formung, die im kollektiven Gedächtnis der Menschheit aufgehoben sind, unser heutiges Medienverhalten determinieren.
Jenseits dieser großen Linien hat McLuhan versucht, auch den Lebenszyklus eines Einzelmediums modellhaft zu bestimmen. Der Begriff der Tetrade, der in dem von Bruce R. Powers fertig gestellten, erst 1995 erschienenen Werk The Global Village näher ausgeführt und dort auch bildlich dargestellt wird, steht für einen vierstufigen Mechanismus, der für alle Artefakte des Menschen – im Besonderen aber für Medien – Gültigkeit haben soll. Demzufolge erleben Medien nach ihrer Erfindung
- A. eine Phase der Ausweitung, Verbreitung und Verstärkung,
- B. eine Abschwächung und ein Veralten,
- C. eine Wiedergewinnung neuen Terrains und
- D. einen Umschlag in einen anderen Funktionszusammenhang.
Das Tetradenmodell dient der Aufdeckung verborgener Wirkungszusammenhänge; man kann mit ihm die „unablässige kulturelle Rekombination” von alten und neuen Medien durchspielen. (”Ein neues Medium lässt das alte nie in Frieden.”) Alle Innovationen sind ja in irgendeinem Punkt als Reformulierungen erfolgreicher Lösungen der Vergangenheit aufzufassen, neue Medien bauen auf bewährten Konzepten alter Medien auf. So kommt es auf der dritten Stufe der Tetrade immer wieder zur Rückkehr zu Bewährtem und Bekanntem, konkret im Medienbereich zu Prozessen der Reoralisierung, der Revisualisierung, der Reskripturalisierung (hier ist u. a. an die Wiederkehr der stimmlichen Kommunikation über Telefon im Anschluss an die Telegraphie zu denken, in neuerer Zeit an die Möglichkeit handschriftlicher Mitteilung über Telefax, an Bildtelefonie oder an die aktuellen Bemühungen, über Spracherkennung von der Bedienung des PC über Tastatur wegzukommen usw.). Im Grunde erscheinen die enormen technologischen Innovationsschübe überhaupt nur dadurch verkraftbar, dass im Neuen das Alte wiederkehrt.
In der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Theoriebildungen offenbart sich die Schwierigkeit, zu verbindlichen Feststellungen über Verlaufsform und Bewegungsgesetze des Medienprozesses zu kommen. Dennoch lassen sich daraus gewisse Einsichten gewinnen, mindestens zu den Problemzonen, die in dem Diskurs immer wieder zutage treten. Zwei davon seien hervorgehoben:
In den Aussagen zur Medienentwicklung werden häufig die völlig unterschiedlichen Funktionen der Kommunikationskanäle negiert: So etwa werden Kanäle zur unidirektionalen Massenkommunikation (wie Fernsehen) mit solchen der bidirektionalen, personalen Kommunikation (wie Telefon) auf eine Ebene gebracht. Ursache dafür ist ein unscharfer und sehr stark rhetorisierter Begriff von Medien, der vor allem dort zu absurden Bezugstiftungen führt, wo es um die Frage des Verhältnisses von Medien zueinander geht. Nur dadurch ist es überhaupt möglich, dass die Medienlandschaft permanent unter Gesichtspunkten eines Verdrängungswettbewerbs betrachtet wird und dass immer wieder Szenarien von Vernichtungsfeldzügen der Medien untereinander entworfen werden, obwohl nirgendwo am Markt Sieger und Besiegte gefunden werden können. Dass dies so ist, hängt mit der funktionalen Spezialisierung der Einzelmedien zusammen, die – schon aus ökonomischen Rücksichten – von sich aus eine Strategie der Konkurrenzvermeidung verfolgen.
Ein weiterer Denkfehler vieler Medienprognostiker besteht darin, in der Frage der gegenseitigen Verdrängung oder Ergänzung von Medien nicht oder nur ungenügend zwischen den intermediären und den transmediären Bezügen zu unterscheiden, d. h. zwischen dem Verhältnis der Medien zueinander und dem Verhalten der Mediennutzer. Das oben erwähnte Komplementaritätsgesetz nach Riepl hat in erster Linie Geltung im intermediären Verhältnis, beschränkt sich also auf eine funktionale Betrachtungsweise (z. B. Fernsehen hat den Hörfunk nicht ersetzt, allenfalls in seiner Funktion verändert); es sagt nichts über Verschiebungen in Art und Umfang der Mediennutzung aus. Eine Ausweitung des Medienangebots führt aber selbstverständlich zu Konkurrenzsituationen: Medien konkurrieren hinsichtlich der menschlichen Aufnahmekapazität, des Zeitbudgets und des finanziellen Budgets. Wenn – wie Forscher ermittelt haben – das Medienangebot innerhalb einer Generation um 4 000 Prozent gestiegen ist, so ergibt sich daraus ein Überlastsyndrom, ein „recipient’s gap”, weil die anthropologisch fixierte Rezeptionskapazität des Menschen nur unwesentlich, allenfalls mit 5 Prozent pro Generation, ansteigt. Dieses Problem wird in der Regel durch reflektierten und selektiveren Umgang mit den Medien gelöst. Auch in den Bereichen des Zeit- und Geldbudgets stehen Medien in einem klaren Konkurrenzverhältnis. Allerdings gilt es hier den sozialen Kontext zu berücksichtigen. Die spektakuläre Apodiktik von Aussagen wie jener über das „Ende des Buchzeitalters” ist umso weniger berechtigt, als die Ergebnisse empirischer Forschung ganz klar zeigen, dass sich die Nutzung von Medien schichtenspezifisch sowie generationsspezifisch höchst unterschiedlich darstellt. So hat sich z. B. herausgestellt, dass für PC-Nutzer Bücherkauf und Lesen einen besonders hohen Stellenwert haben. Für einzelne gesellschaftliche Bereiche gilt, dass sich die Medien, alte und neue, gegenseitig fördern und verstärken und nicht etwa bekämpfen. Die bereits 1940 von Paul Lazarsfeld inaugurierte These von der nichtsubstitutiven Nutzung von Medien, bekannt als „The-more-the-more-Regel”, hat sich seither in vielerlei Hinsicht bestätigt.
Wie steht es also um das Ende des Papiers? Aus den Erkenntnissen der Medientheorie lässt sich die Einsicht ableiten, dass jene Kommunikationssysteme und Medien erhalten bleiben, die sich als lebensdienlich erweisen, als vorteilhaft für Individuen, gesellschaftliche Teilsysteme oder ganze Gesellschaften – wenn auch ihr Fortbestand manchmal nur im Rahmen eines Funktionswandels möglich wird. Jedes Medium muss sich permanent in seiner Unentbehrlichkeit und Wirksamkeit legitimieren, so auch die gedruckten Medien. Wo Offline- oder Onlinemedien einen klaren Mehrwert erzielen – z. B. bei Multimediaprodukten wie elektronischen Enzyklopädien auf CD-ROM oder in Bereichen rasch veränderlicher Information und Auskunftsmittel im Internet, vermutlich noch in anderen Segmenten des Marktes –, hat das gedruckte Buch Einbußen erlitten und wird gewiss noch weitere erleiden. Aber es wird als Medium nicht verschwinden: Aufgrund seiner hohen Funktionalität wird es sich in vielen Bereichen als Glied in der medialen Verwertungskette behaupten, und es wird im Zeichen neuer Technologien wie „Printing on demand” sogar neue Chancen erhalten; die Möglichkeit zur kostengünstigen Produktion von Kleinauflagen kann der publizistischen Vielfalt förderlich sein. Nicht zuletzt wird gerade das sorgfältig hergestellte und gut ausgestattete Buch neue Bedeutung gewinnen als eine Möglichkeit, den Wert seines jeweiligen Inhalts hervorzuheben: Dass ein Text im elektronischen Zeitalter in Buchform erscheint, wird das mit „junk information” überhäufte Publikum als Signal verstehen, dass sich eine nähere Auseinandersetzung mit diesem Buch lohnen könnte. Denn schon heute stellt die Überfülle an Informationsangeboten ein gravierendes Problem dar; nicht in der Beschaffung, sondern in der Selektion von Information liegt daher die Herausforderung der Zukunft. Es ist nicht zuletzt dieses, unsere Vorstellungs- und Fassungskraft übersteigende Potential der neuen, „schnellen” Medien, die den „langsamen” Medien ihre Chance gibt – bis auf weiteres auch dem bedruckten Papier.
Gekürzte und überarbeitete Fassung von Ernst Fischer: Ende des Papiers? Kritische Überlegungen zur Medienprognostik. In: forum medienethik 1998, Nr. 2: Ende des Papiers – Schriftkultur am Ende? Stuttgart 1998, S. 42-49.
Zum Autor: Prof. Ernst Fischer ist am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz tätig. Er ist zugleich Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Encarta Enzyklopädie.
Erscheint in:
Kommunikation; Buch; McLuhan, Herbert Marshall; Teilhard de Chardin, Marie-Joseph Pierre; Internet; World Wide Web; Papier; Medien
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