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Die Rolle der Geschichte bei Zukunftsprognosen

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Peter N. Stearns von der Carnegie Mellon University vertritt in diesem Beitrag die Ansicht, dass die Vorhersagen über die Zukunft um so präziser sind, je besser wir die Vergangenheit verstehen.

Die Rolle der Geschichte bei Zukunftsprognosen

Nostradamus
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Die Menschheit war schon immer an Zukunftsvorhersagen interessiert. Deshalb haben zahlreiche Gesellschaften über die Jahrtausende verschiedene Methoden der Prognose entwickelt. Einige versuchten, über Magie bzw. religiöse Rituale Informationen über bevorstehende Ereignisse zu erlangen. Im antiken Rom nutzten Feldherren Methoden wie die Betrachtung des Vogelflugs oder die Eingeweideschau, um Schlachtverläufe zu bestimmen. Recht früh diente auch die Anordnung der Sterne zur Vorhersage des (mitunter persönlichen) Schicksals. Die Astrologie war in China, in Griechenland und Rom sowie im Mittleren Osten nicht nur während der Antike eine anerkannte Wissenschaft. Obwohl sich im Europa des 16. Jahrhunderts Astrologie und Astronomie aufspalteten, blieb Erstere doch bedeutend. Seit vielen Jahren lehnen Wissenschaftler die Prinzipien der Astrologie ab. Dennoch glauben Millionen von Menschen weiterhin an ihre Methoden und versuchen, daraus Erkenntnisse für ihr Handeln zu gewinnen.

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Lange bevor im aufgeklärten 18. Jahrhundert der Glaube an magische Rituale nachließ, hatten sich Methoden herausgebildet, um die Vergangenheit hinsichtlich der Zukunft zu Rate zu ziehen. Die meisten heutigen Prognosen – etwa zu militärischen oder ökonomischen Fragen – beziehen Entwicklungen der Geschichte ein, da allgemein davon ausgegangen wird, dass eine Beziehung zwischen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignissen besteht. Wie später noch zu erläutern ist, sind die Arten von Beziehungen, auf denen Vorhersagen basieren, sehr unterschiedlich, und die Erfolgsquote variiert dementsprechend erheblich.

Drei grundlegende Methoden bestimmen die Prognosen über Zukunftsfragen mit Hilfe der Vergangenheit. Eine erste heute noch anerkannte Methode geht von der Annahme aus, dass in der Geschichte bestimmte Strukturen wiederkehren. Dabei wird unterstellt, dass sich Entwicklungen durch ihre Voraussage besser steuern lassen. Diese Denkweise liegt dem Sprichwort „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, die Fehler der Geschichte zu wiederholen” zugrunde. Eine zweite Methode basiert auf der Idee, dass eine höhere Kraft den Lauf der Geschichte – und damit auch die Zukunft – bestimme. Die dritte Methode wurde im letzten Jahrhundert am systematischsten entwickelt: Hierbei wird die (jüngste) Vergangenheit hinsichtlich von Trends betrachtet, die sich in der Zukunft fortsetzen könnten. Dies bringt häufig die genauesten Ergebnisse. Natürlich ist keine dieser Methoden frei von Fehlern.

Methode I: Zyklen und Analogien

Wahrscheinlich ging man bei der ersten systematischen Anwendung geschichtlichen Wissens zur Zukunftsprognose davon aus, dass sich die Geschichte in Zyklen fortsetzt und vergangene Geschehnisse sich wiederholen. Viele chinesische Historiker waren Vertreter dieser Position, die den Verlauf der Kaiserdynastien zu beschreiben schien: Eine neue Dynastie kommt an die Macht, erlebt eine Blütezeit und danach ihren Niedergang, und der Zyklus beginnt mit der nächsten Dynastie von neuem. Der konfuzianische Denker Mencius, der von etwa 371 bis 289 v. Chr. lebte, behauptete, dass in China alle 500 Jahre ein „echter König” an die Macht kommen würde. Aber auch andere Gesellschaften spekulierten über geschichtliche Zyklen, obwohl einige ihrer Berechnungen eher auf Zahlenmystik basierten als auf einem tatsächlichen historischen Verständnis. Dies traf z. B. für den Glauben der Maya an kosmische Zyklen zu: Die Maya vertrauten fest darauf, dass die Götter bestimmte Perioden – und damit die Geschicke aller Menschen während dieser Zeit – kontrollierten.

Die europäische Tradition, die sich während der Renaissance herausbildete, beruhte nur selten auf der Erforschung formeller Zyklen. Wie später noch dargestellt werden soll, tendierte das Christentum dazu, eine plötzliche und drastische Wendung der Geschichte statt eines zyklischen Geschehens in den Mittelpunkt seiner Ideologie zu stellen. Dennoch gingen viele Intellektuelle davon aus, dass bestimmte Schemata sich wiederholen würden und man für Vorhersagen auf geschichtliche Analogien zurückgreifen könne. Dies ist auch heute noch eine wichtige Methode, sei es im privaten, politischen oder militärischen Bereich.

Regierungschefs nutzen häufig die Analogie, um ihren politischen Weg festzusetzen. In zahlreichen militärischen Konflikten nach dem 2. Weltkrieg wie Korea und Vietnam etwa waren zahlreiche US-Politiker der Ansicht, dass sie nicht vor dem kommunistischen Gegner zurückweichen dürften. Grundlage dieser Ansichten waren die Geschehnisse nach dem fehlgeschlagenen Versuch Großbritanniens und Frankreichs, Deutschland 1938 mit der so genannten Appeasement-Politik zu beschwichtigen. (Um Hitlers Weltmachtstreben zu stoppen – und einen drohenden zweiten Weltkrieg zu verhindern –, stimmten sie im Münchner Abkommen der Abtretung des tschechoslowakischen Sudetenlands an Deutschland zu. Wenig später jedoch marschierte Hitler in Polen ein – das britisch-französische Vorhaben war gescheitert.) In Analogie hierzu glaubten die USA in Vietnam und Korea, nicht nachgeben zu dürfen.

In den siebziger Jahren suchten viele amerikanische Politiker, besorgt wegen des begrenzten Erdölvorkommens im Mittleren Osten, nach einer Richtschnur für ihre zukünftige Vorgehensweise. Hierzu sollten Analogien in der Vergangenheit hilfreich sein; so wurde zeitweise die Geschichte der Entwicklung synthetischen Gummis während des 2. Weltkrieges untersucht, wodurch der von den Japanern blockierte Nachschub an natürlichem Gummi ersetzt werden konnte. In diesem Fall wurde die Entwicklung eines synthetischen Ersatzstoffes für Erdöl forciert. In jüngerer Zeit etwa wurde die Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten ins Feld geführt, um die NATO-Intervention im Jahr 1999 gegen die „ethnischen Säuberungen” in Jugoslawien zu veranlassen bzw. zu rechtfertigen.

Das Denken in Analogien für Zukunftsvorhersagen war eines der bestimmenden Charakteristika der geschichtlichen Tradition, die sich während der Renaissance in Europa entwickelte – wobei auch hierbei Verfahren aufgegriffen wurden, die im antiken Griechenland und Rom aufgekommen waren. Antike Berichte über militärische Strategien etwa dienten zur Konzeption der eigenen Kriegsführung. Der bedeutende italienische Philosoph Machiavelli (1469-1527) stellte die These auf, dass ein Herrscher, der mit einem Aufstand in seinem Staat konfrontiert sei, die Zukunft durch Rückblick auf jene Entscheidungen gestalten könne, die in ähnlichen Situationen von früheren Herrschern ergriffen worden waren. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren Wissenschaftler in Europa und den USA der Ansicht, dass sich anhand des Studiums geschichtlicher Vorfälle, besonders derjenigen aus der klassischen Antike, Leitlinien für zukünftige Strategien entwickeln lassen könnten – damit allerdings war eher eine Sensibilität für geschichtliche Ereignisse gemeint. Noch heute bildet das Studium historischer Schlachtenverläufe einen wichtigen Teil der Ausbildung militärischen Führungspersonals.

Hin und wieder betrifft das Denken in Analogien auch allgemeinere Vorhersagen. Während der zwanziger Jahre etwa hob Oswald Spengler in seinem damals viel beachteten Buch Der Untergang des Abendlandes (1918-1922) Parallelen zwischen dem Niedergang des Römischen Reiches und der Entwicklung der europäischen Zivilisation hervor.

Methode II: Diskontinuität der Geschichte

Jene Vorhersagemethode, die von drastischen historischen Wendungen ausgeht, basiert auf der Annahme, das nach einem eher kontinuierlichen Verlauf der Ereignisse eine göttliche oder säkulare Macht der Geschichte plötzlich eine gänzlich neue Richtung gibt. In diesem Fall dient die Geschichte nicht als Leitlinie für die Zukunft, sondern als Maßstab, um zu bestimmen, wie einschneidend sich diese Veränderung auswirken wird.

Die religiöse Variante

Judentum, Islam und Christentum basieren auf der Idee historischer Diskontinuität. Ihre Propheten machten jedoch häufig keine präzisen Vorhersagen. Das Judentum bediente sich als erstes dieses Ansatzes, indem es die Vorstellung entwickelte, dass in unbestimmter Zukunft der Messias erscheinen würde, um auf der Welt das Reich Gottes zu errichten.

Ähnlich wie das Judentum entwickelte der Islam die Idee des Jüngsten Tags bzw. Jüngsten Gerichts. Der Koran setzte fest, dass sich dieses Ereignis nach einer Phase von 50 000 Jahren ankündigen werde, wobei die Menschen nach Gut und Böse (bzw. Himmel oder Erde) unterteilt würden.

Das Christentum sagte ebenfalls die von Gott eingeleitete Apokalypse voraus. Im Markusevangelium ist folgende Vorhersage durch Christus überliefert: „Aber in jenen Tagen wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen” (Markus 13, 24-26). In der Offenbarung des Johannes wird eine 1000-jährige Herrschaft Christi vorhergesagt, gefolgt von der Rückkehr Satans und einer Zeit fürchterlicher Qualen; am Ende aber würden diejenigen endgültig auferstehen, die in die Seligkeit eingehen sollen (Offenbarung 21, 4-10). Die frühen Christen glaubten an die baldige Auferstehung Jesu Christi.

Im frühen Mittelalter (400 bis 1000 n. Chr.) begnügten sich die christlichen Gesellschaften damit, geschichtliche Chroniken ohne Zukunftsprognosen zu verfassen. Dies änderte sich jedoch im 12. und 13. Jahrhundert, einhergehend mit einer stärkeren Sensibilität für geschichtliche Ereignisse. In Europa wuchs dank der Begegnung mit arabischen und griechischen Schriften zudem das Interesse an der Mathematik, was die Genauigkeit der Chroniken (etwa bezüglich der Angaben von exakten Heeresstärken etc.) erheblich steigerte. Gleichzeitig begannen italienische Städte, statistische Daten zu erfassen. Mit der steigenden Bedeutung der Zahl ging ein neues Verständnis des Kalenders einher. Die katholische Kirche begrüßte das 14. Jahrhundert mit einem Jubelfest. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde damit ein Ereignis begangen, das auf dem Kalender beruhte.

Im 12. Jahrhundert begannen einige Theologen, über den nahen Zeitpunkt einer Herrschaft des Antichristen zu spekulieren, die dem Jüngsten Gericht vorangehen sollte. Joachim von Fiore wurde zum ersten apokalyptischen Propheten; er erkannte die Bedeutung von Kalenderunterteilungen und nutzte diese als Grundlage für seinen Blick in die Zukunft. Dabei legte er die Länge eines jeden Zeitalters mit 40 Generationen fest. In Anbetracht dieser Beweisführung erwartete von Fiore die Ankunft des Antichristen und das Ende eines kontinuierlichen Verlaufs der Menschheitsgeschichte für die Zeit zwischen 1256 und 1260.

Die Tradition apokalyptischer Vorhersagen dominierte während mehrerer Jahrhunderte, wobei zur Mitte des 16. Jahrhunderts Nostradamus als ehrgeizigster Prophet der Neuzeit in Erscheinung trat. Der französische Arzt gab Bücher mit Prophezeiungen heraus, die noch heute gelesen werden. Nostradamus sagte eine Phase bevorstehender Katastrophen voraus, die von der nahen Zukunft bis zum Jahr 2000 reichen würde. Er warnte vor Kriegen, der Ermordung von Königen, großen Feuersbrünsten und riesigen Seeschlachten. Spätere Anhänger interpretierten diese Vorhersagen hinsichtlich so unterschiedlicher Ereignisse wie dem Großen Brand von London (1666), der Amerikanischen bzw. Französischen Revolution (1775-1783 und 1789-1799), dem Angriff Hitlers auf Polen (1939) und dem 2. Weltkrieg (1939-1945). Wie Joachim von Fiore sagte Nostradamus die Ankunft des Antichristen voraus. Er ging jedoch davon aus, dass dies erst um 1999 und in Verbindung mit neuen Seuchen und Hungersnöten geschehen werde.

Im 17. Jahrhundert ebbte diese apokalyptische Tradition zugunsten wissenschaftlicher Methoden der Zukunftsprognose langsam ab. Im intellektuellen und religiösen Diskurs der Zeit aber war der christliche Ansatz einer geschichtlichen Diskontinuität weiterhin aktuell. Kleinere protestantische Gruppen etwa sagten das bevorstehende Ende der Menschheitsgeschichte voraus; viele übersiedelten in die USA, wo sie sich größere religiöse Toleranz erhofften. In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts kam z. B. Mutter Ann Lee, die Gründerin der Shaker, von England in die Vereinigten Staaten, wo sie von ihrer Vision schrieb, dass Gott die Menschen in Amerika auserkoren habe. Während des 18. Jahrhunderts versuchte Jonathan Edwards, ein führender amerikanischer Theologe, mit Hilfe biblischer Zahlenspiele zu belegen, dass sich die Welt am Ende ihrer Geschichte befände.

Im amerikanischen Protestantismus des 19. Jahrhunderts konnte sich diese Art religiöser Prophezeiung teils erhalten. In der Provinz New York gewann William Miller in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts immerhin 50 000 Anhänger für seine Vorhersage, dass das Ende der Welt 1843 kommen würde. 30 Jahre später beschwor James Brooks eine Phase beispielloser Gottlosigkeit, auf die die Wiederkunft Christi folgen würde. Noch 1997 wurde die Sichtung des Kometen Hale-Bopp von Mitgliedern einer Sekte in San Diego als Zeichen des Weltendes und ihrer eigenen bevorstehenden Errettung interpretiert. Im Rahmen dieser Prophezeiung begingen sie kollektiven Selbstmord. Auch der Jahrtausendwechsel gab Anlass zu allerlei Spekulationen.

Die säkulare Variante

Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert hat die säkulare Variante einer These historischer Diskontinuität stark an Bedeutung gewonnen. Im Gegensatz zu religiös inspirierten Theoretikern sind diese Säkularisten jedoch der Ansicht, dass eine weltliche Kraft diese dramatische Veränderung des Geschichtsverlaufs steuern werde.

1794 veröffentlichte der französische Spätaufklärer Antoine-Nicolas Condorcet seinen Essay Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain (Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes), der eine perfekte menschliche Gesellschaft voraussagt. Condorcet sah die Geschichte als kontinuierlichen Fortschritt, der einen Punkt erreicht hatte, an dem das Wissen und die Evolution der Menschheit den Sprung zum Zeitalter vollkommener Glückseligkeit gestatten könne. Auf dieser Sichtweise aufbauend, sagten unzählige Propheten im 19. Jahrhundert eine bessere Zukunft voraus. Der utopische Sozialismus etwa glaubte an ein rasches Ende von Ausbeutung und Selbstsucht und prophezeite ein Stadium menschlicher Gleichheit. Karl Marx war der Ansicht, dass die Gesetze der Geschichte letztendlich zu einer Revolution des Proletariats führen würden, an deren Ende die Auflösung aller Klassenschranken stünde. 1888 schrieb der amerikanische Romancier Edward Bellamy den Bestseller Looking Back (Rückblick aus dem Jahre 2000), den er zur Jahrtausendwende spielen ließ. Hier sind die USA zu einem sozialistischen Idealstaat geworden, der die Geschichte transzendiert hat.

Während Condorcet und Marx ihren Glauben an ein Ende der Geschichte begründen konnten, blieb die Analyse anderer Theoretiker oftmals eher vage. Während der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde immer mehr die Technologie zur Ursache eines qualitativen Menschheitssprungs erklärt. Zu diesem Zeitpunkt begann der französische Autor Jules Verne das Sciencefiction-Genre mit Romanen wie De la terre à la lune (1865, Von der Erde zum Mond) und Voyage au centre de la terre (1864, Reise zum Mittelpunkt der Erde) zu prägen, in denen Flugzeuge, U-Boote, Weltraumsatelliten, Raketen sowie das Fernsehen vorhergesagt wurden. Bei Verne gibt die Technologie der Geschichte eine neue Gestalt, und sie leitet ein drastisch verändertes neues Zeitalter ein.

Während dieser Fortschrittsoptimismus im gesamten 20. Jahrhundert fortbestehen und in den siebziger und achtziger Jahren einen neue Höhepunkt erreichen sollte, wurden immer stärker auch pessimistische Stimmen laut. Angesichts moderner Militärtechnologien und der Präsenz starker Diktaturen (Stalin, Hitler) zeichneten Theoretiker und Schriftsteller ein eher dunkles Zukunftsbild. Aldous Huxley und George Orwell beschrieben in Brave New World (1932, Schöne neue Welt) bzw. Nineteen Eighty-four (1949, Neunzehnhundertvierundachtzig) Gesellschaften, die von einem anonymen, menschenverachtenden und autoritären Bürokratenapparat beherrscht werden, welcher das Individuum ständig überwacht und manipuliert. Die Technologie ist hier der Katalysator für die zukünftige drastische Veränderung.

In den sechziger Jahren stellte die Bevölkerungsexplosion einen zentralen Faktor bei der Erstellung von Zukunftsprognosen dar. Ursache in diesen Szenarien war nun eine unkontrollierte Geburtenrate. Demographen imaginierten, wie das Bevölkerungswachstum zu unvorhersehbaren Katastrophen führen würde. Menschen in stark bevölkerten Ländern würden in weniger bevölkerte, reichere Länder einfallen und Staaten erbitterte Kriege um die knappen Ressourcen führen. Die Nahrungsmittelversorgung würde dem Bevölkerungswachstum nicht mehr standhalten, und die Umweltverschmutzung dieses Problem verschärfen. Damit trete die Geschichte in eine neue, katastrophale Phase ein. In den achtziger und neunziger Jahren griffen Umweltschützer immer wieder auf diese Prophezeiungen zurück.

In den neuesten Theorien zur geschichtlichen Diskontinuität spielt die Technologie, durch die neuesten Entwicklungen in der Roboter-, der Computer- und der Gentechnik belebt, wieder eine zentrale Rolle. Charakteristisch hierbei ist die Vorstellung einer kommenden postindustriellen Gesellschaft, in der sich grundlegende Wesenszüge des menschlichen Lebens und der Organisation radikal ändern würden. Folgen seien kürzere Arbeits- und längere Freizeiten, eine Verödung urbaner Strukturen durch Internetmöglichkeiten („globales Dorf”) sowie eine Zentralisierung der Macht in den Händen von Informationsbesitzern (statt bei den Eigentümern von Kapital). Inwieweit diese Entwicklung nur für die reichen Länder gelten werde, ist umstritten.

Methode III: Trendextrapolation

Die beiden oben diskutierten Vorhersagemethoden nutzen die Geschichte entweder als Quelle für wiederkehrende Analogien oder als Grundlage für eine drastisch veränderte Zukunft. Bei einer dritten Methode werden anhand der Geschichte Trends bestimmt und ihre Zukunftsfähigkeit analysiert. Diese Trendextrapolation hat vor allem in den letzten Jahrzehnten weite Verbreitung gefunden. Dies hat seine Ursache im gewaltigen Anstieg des Fachwissens – einschließlich des Wissens über die Geschichte – sowie in einer wachsenden Nachfrage bei Regierungs- und Wirtschaftsführern (etwa Börsenmaklern) nach bestmöglichen (auch kurzfristigen) Zukunftsprognosen. Diese Prognosen basieren immer auf der Extrapolation der derzeit relevanten Trends. Bei der Trendextrapolation müssen zunächst die wichtigen gegenwärtigen Trends in einer bestimmten Gesellschaft bestimmt werden; ebenso wichtig ist die Analyse möglicher Gründe und Prognosen über deren Fortbestand – nicht alle Trends sind schließlich dauerhaft. Trendextrapolationen finden u. a. in Arbeitsplatzprognosen Anwendung.

Die sichersten kurzfristigen Vorhersagen basieren in der Tat auf Extrapolation, beispielsweise die Prognose, dass sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung in den USA und Japan in den nächsten Jahrzehnten erhöhen wird. Diese Annahme basiert auf einer bereits niedrigen Geburtenrate und einer stetig steigenden Lebenserwartung. Es ließe sich anhand dieser Trendextrapolation auch durchaus argumentieren, dass sich das 21. Jahrhundert zum geriatrischen Zeitalter oder zum Zeitalter der Alten entwickeln könnte. Dann würde ein Großteil der öffentlichen Politik vermutlich durch den zunehmenden Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung bestimmt.

Die Beurteilung von Trends kann also langfristige Prognosen nach sich ziehen, vor allem, wenn sie mit der Analogiemethode kombiniert wird. Mitte der neunziger Jahre behaupteten viele Banken, dass in den nächsten 50 bis 100 Jahren die Regionen mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum weltweit Ostasien, das östliche Mitteleuropa, Lateinamerika und möglicherweise Südafrika oder gar Russland sein würden. Diese Vorhersage basierte auf jüngsten Trends, wie dem schnellen Wirtschaftswachstum im Pazifikraum und in Lateinamerika. Für das Bruttosozialprodukt in den Schlüsselländern Lateinamerikas wird in der nahen Zukunft eine jährliche Steigerung von 7 bis 8 Prozent erwartet, und China erreicht bereits ein jährliches Wachstum von 10 Prozent. Bei ihrer Prognose kombinierten die Banken diese Trends mit der geschichtlich begründeten Annahme, dass jüngere Industrieregionen im Vergleich zu vollentwickelten und nicht industrialisierten Regionen besonders schnell wachsen. Die geschichtlichen Beispiele für diese Annahme sind Japan von 1920 bis 1960 und die USA von 1870 bis 1930.

Diese jüngsten Prognosen gingen jedoch davon aus, dass keine neuen Faktoren, wie z. B. ein größerer Krieg, auftreten würden. Außerdem berücksichtigten sie keine Änderungen, die sich durch die unvorhergesehene Entfaltung von Kräften in Afrika, Südasien oder andernorts ergeben könnten, oder Änderungen ähnlich denen in Lateinamerika in den dreißiger Jahren. Schließlich sahen sie auch nicht die finanziellen Probleme voraus, die in jüngster Zeit im Pazifikraum aufgetreten sind. Selbst mit diesen Einschränkungen und unabhängig von der letztendlichen Genauigkeit jedoch zeigen die Vorhersagen, wie viel Informationen sich anhand der Trendextrapolation sammeln lassen, wenn sie durch einen geschichtlichen Hintergrund ergänzt wird, der seinerseits eine solide Ursachenforschung voraussetzt. Die Vorhersagen scheinen zumindest für die nächsten Jahrzehnte plausibel zu sein.

Eine weitere Trendanalyse sagt mit einiger Sicherheit voraus, dass sich in den nächsten 20 Jahren immer mehr Länder Atomwaffen beschaffen werden. Dies Entwicklung hat bereits begonnen, wie die Atomwaffentests in Pakistan von 1998 zeigen. Die Ursachen hierfür sind solide erforscht: Die technologischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten verbessern sich stetig, immer mehr nationale Mächte wollen ihre Stärke bekunden. Die beunruhigendste Frage, die sich aus dieser Situation ergibt, stellt sich jedoch nicht aufgrund der aktuellen Trends, sondern angesichts der geschichtlichen Analogie: In der Vergangenheit hat ein Land, das bestimmte Waffen kaufte oder entwickelte, diese auch eingesetzt.

In ihrer radikalsten Form dient die Trendanalyse auch zur Formulierung verallgemeinernder Entwicklungen. So ist die Annahme weit verbreitet, dass die Modernisierung der Gesellschaften weltweit in bestimmten vorhersehbaren Bahnen verlaufen wird, so dass sie sich immer weiter einander annähern werden, falls sich keine unvorhersehbaren Katastrophen ereignen: Prognostiziert wird gelegentlich ein höherer sozialer Bildungsstand, die Kleinfamilie, größere soziale Gerechtigkeit und eine Steigerung des Konsumverhaltens. Fachleute argumentieren, dass diese Trends bereits in den meisten Gesellschaften sichtbar sind.

Warum sich die Zukunft nicht gänzlich voraussagen lässt

Warum entzieht sich die Zukunftsentwicklung unserer Kenntnis? Warum sind so viele Vorhersagen falsch? Viele scheinen zum Zeitpunkt, zu dem sie gemacht werden, plausibel – so glaubte man in den vierziger Jahren, dass drei Dekaden später jeder im Helikopter und nicht mehr im Auto reisen würde, und in den siebziger Jahren gingen Forscher gar davon aus, dass Kommunen die Kleinfamilie ersetzen könnten. Warum liegen wir mit unseren Prognosen immer wieder falsch?

Jede der drei vorgestellten Vorhersagemethoden hat charakteristische Schwachstellen, die gerade auf ihren Rückgriffsverfahren auf die Geschichte beruhen. So wird bei der Analogiemethode, die auf dem Grundgedanken eines zyklischen Geschichtsverlaufs basiert, davon ausgegangen, dass geschichtliche Ereignisse oder Strukturen über die Zeit hinweg eine ausreichende Ähnlichkeit aufweisen, um vergleichbare Auswirkungen nach sich zu ziehen. Viele Historiker glauben jedoch, dass tatsächliche vergleichbare Situationen sehr selten sind, und sie zeigen die inhärenten Grenzen der Analogie auf. Die Analogie „Computer leisten das für die Erziehung, was die Dampfmaschine für die Fertigung gebracht hat” wirft die Frage auf, ob die Umstände tatsächlich genügend Gemeinsamkeiten aufweisen, um eine inhaltliche Bedeutung zu haben. In Extremfällen kann das Denken in Analogien auch zu folgenschweren Ergebnissen führen. Dies war z. B. in den dreißiger Jahren der Fall, als Frankreich fälschlicherweise davon ausging, dass der 2. Weltkrieg wie der 1. Weltkrieg verlaufen werde, und eine wohl durchdachte Verteidigungslinie entlang der Nordgrenze aufbaute, um eine Invasion durch Deutschland zu verhindern: Hitlers Truppen jedoch konnten die Verteidigungslinie mithilfe ihrer neuen Technologie einfach umgehen.

Die Theorie einer historischen Diskontinuität basiert ganz offensichtlich auf einem Glauben an Gott, die Technologie oder eine andere weit reichende politische Ursache. Die meisten dieser Vorhersagen sind bisher nicht vollständig eingetroffen. Die entscheidende Schwachstelle der Methode liegt in der Annahme, dass ein einziger Faktor die Zukunft bestimmen wird. Die Geschichte der Menschheit bis in die Gegenwart zeigt jedoch, dass die großen gesellschaftlichen Veränderungen normalerweise durch mehrere Faktoren verursacht werden. Daraus ergibt sich, dass es unrealistisch ist, auf ein einziges drastisches Ereignis als Auslöser für eine zukünftige Veränderung zu setzen, da dieser Ansatz in Anbetracht der verschiedenen komplexen Zusammenhänge der Gesellschaft häufig zu vereinfachend ist.

Die Trendanalyse ist für unerwartete Variablen anfällig. Es gibt z. B. eine beliebige Anzahl von Ereignissen, die die Entwicklung hin zu einer alternden Bevölkerung unterbrechen könnten. Neue kostspielige Krankenversicherungen könnten z. B. verhindern, dass die Älteren nicht mehr medizinisch versorgt werden und daher die hohe Lebenserwartung Erwachsener verringern. Eine neue Einwanderungspolitik könnte junge Menschen aus anderen Ländern anlocken, um die Altersstruktur der Bevölkerung wieder auszugleichen. Die Geburtenraten könnten unerwartet steigen wie beim überraschenden Babyboom in den vierziger Jahren. Die Theorie, dass sich die Gesellschaften bei zunehmender Modernisierung einander annähern, ist zwar verlockend, aber berücksichtigt keine unerwarteten Variablen durch religiöse Entwicklungen, wie z. B. das Aufkommen des islamischen und hinduistischen Fundamentalismus in weiteren Regionen.

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass wir, so sehr wir uns auch darum bemühen mögen, Vorhersagen zu erstellen, nicht mit letztendlicher Sicherheit werden in Erfahrung bringen können, was die Zukunft für uns bereithält. Dennoch: Die Geschichte wird der grundlegende Schlüssel für ihre Beurteilung bleiben.

Zum Autor: Peter N. Stearns ist Professor für Geschichte und Dekan des College of Humanities and Social Sciences an der Carnegie Mellon University. Er ist Autor von Millennium II, Century XXI: A Retrospective on the Future und zahlreichen anderen Veröffentlichungen.

Erscheint in:

Nostradamus; Spengler, Oswald; Futurologie; Apokalypse des Johannes; Prophetie; Trend

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