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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Peter N. Stearns von der Carnegie Mellon University untersucht in diesem Beitrag die weltweite Industrialisierung seit ihrem Beginn im England des 18. Jahrhunderts. Er vergleicht verschiedene industrielle Revolutionen in der Welt miteinander, um die Industrialisierung besser zu verstehen und ihre Auswirkungen auf regionale Volkswirtschaften und das tägliche Leben zu beurteilen.
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| Industrielle Revolution im Nordosten der USA |
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Das unter dem Namen „industrielle Revolution” bekannte wirtschaftliche Phänomen ist in der Menschheitsgeschichte eine von zwei grundlegenden Veränderungen der ökonomischen Gegebenheiten – die andere war die Entstehung der Landwirtschaft. Die Industrialisierung nahm im späten 18. Jahrhundert in Westeuropa, insbesondere in Großbritannien, ihren Ausgang, um dann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nach Frankreich, Deutschland, Belgien und die USA überzugreifen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts griff die Industrialisierung auch außerhalb Europas und Nordamerikas um sich, insbesondere in Japan. Am Ende des 20. Jahrhunderts waren die Industrialisierung und ihre Auswirkungen beinahe überall auf der Welt zu spüren.
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Die Industrialisierung hatte weit reichende Konsequenzen. Sie änderte nicht nur das Arbeitsleben von Grund auf, sondern auch das Familienleben und das Freizeitverhalten. In gewisser Weise definierte sie auch den Sinn und Zweck, Kinder aufzuziehen, neu. Mit ihr nahm die potentielle Macht eines Staats zweifellos zu. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der militärischen Produktion. Der Industrialisierungsprozess änderte sogar Gesellschaften, die nicht unmittelbar an der Industrialisierung teilnahmen. Die Industriegesellschaften errangen neue Vorteile gegenüber Gesellschaften, die weiterhin auf der Landwirtschaft beruhten – ein Ungleichgewicht, das sich bis auf den heutigen Tag auf die Beziehungen innerhalb der Weltwirtschaft auswirkt.
Jede Entwicklung, die so weit reichend ist wie die industrielle Revolution, wirft für die Geschichtswissenschaftler unweigerlich eine ganze Reihe von Fragen auf. Schon der Begriff als solcher ist umstritten: Ist Revolution ein treffendes Wort für einen Prozess, der sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstreckt und der in seiner Anfangsphase die Volkswirtschaft insgesamt nicht verändert? – In Anbetracht der letztendlichen Auswirkung des Prozesses würden die meisten Geschichtswissenschaftler diese Frage mit ja beantworten. Weitere Fragen: Was bedeutet „Industriegesellschaft”, wenn man neben den technischen Gesichtspunkten und dem Gesichtspunkt der Arbeitsorganisation auch kulturelle und persönliche Werte in die Betrachtung einbezieht? Welches sind die globalen Dimensionen der industriellen Revolution? Und vor allem: Was setzte sie in Gang, und wohin hat sie uns geführt?
Zunächst einmal ist der Begriff der Industrialisierung zu definieren. Die Industrialisierung umfasst die Mechanisierung der Produktion und beinhaltet eine größer werdende Bedeutung der Produktion in der Gesamtwirtschaft. Typischerweise tritt die Industrialisierung in Volkswirtschaften auf, die bis dahin von der Landwirtschaft geprägt waren, und bringt auch große Veränderungen in der Nahrungsmittelproduktion mit sich. Vor der industriellen Revolution wurden die Waren hauptsächlich manuell hergestellt. Dazu war oft ein beträchtliches handwerkliches Geschick der Arbeiter erforderlich. Die Herstellung von Waren war dezentralisiert. Dies gab den Arbeitern, die in kleinen Gruppen arbeiteten, ein Gefühl der aktiven Teilnahme und der aktiven Steuerung ihrer Arbeit. Die Herstellungskosten waren aber hoch, und der Produktionsumfang war verhältnismäßig gering. Die Industrialisierung erhöhte die Produktionsleistung erheblich und machte wichtige Güter (Bedarfsgüter) leichter verfügbar.
Die Industrialisierung erfolgte aber nicht von einem Tag auf den anderen. Während der industriellen Revolution bestanden neuere Produktionsverfahren neben älteren. Dies führte oft zu beträchtlichen Spannungen zwischen Verfechtern der herkömmlichen Verfahren und Befürwortern der Mechanisierung. Am Ende des Industrialisierungsprozesses hatten sich die neuen Maschinen und die neuen Arbeitsmethoden allgemein durchgesetzt. Von den ursprünglichen Industriezentren aus weiteten sich die neuen Verfahren und Technologien auf andere Produktionszweige sowie auf das Verkehrswesen (wie bei der Entwicklung der Eisenbahnen), auf die Kommunikation (Erfindung des Telegraphen) und auf den Vertrieb (das Aufkommen des Warenhauses) aus.
Bevor auf die Auswirkungen der Industrialisierung und ihre globalen Dimensionen eingegangen wird, müssen zunächst ihre Ursachen untersucht werden. Wenn man versteht, weshalb ein bestimmtes historisches Phänomen aufgetreten ist, versteht man das Wesen des Phänomens und seine Folgen besser. Aber weder die Ursachen noch die Folgen sind im Allgemeinen ohne weiteres zu erkennen. Geschichtswissenschaftler müssen nach konkreten Anhaltspunkten Ausschau halten.
Die frühere Stellung Europas in der Weltwirtschaft liefert die ersten Anhaltspunkte dafür, weshalb die industrielle Revolution gerade in Europa ihren Anfang genommen hat. Bis ins 18. Jahrhundert zogen Länder wie Großbritannien aus dem weltweiten Handel Gewinn. Die so erwirtschafteten Gewinne konnten in Kapital für industrielle Investitionen umgesetzt werden. Durch den Welthandel setzte sich auch die Erkenntnis durch, dass die Weltmärkte auf billigere, maschinell hergestellte Waren reagieren und sich so die ins Inland fließenden Einkünfte weiter erhöhen lassen.
Für die Auslösung der industriellen Revolution in Europa waren außerdem Änderungen in der Binnennachfrage sowie Bevölkerungsveränderungen von entscheidender Bedeutung. Das Konsumdenken hatte bis zum 18. Jahrhundert an Bedeutung zugenommen. Die Menschen verlangten nach neuartiger Kleidung und neuen Haushaltswaren. Dieser neue Markt spornte die frühen Hersteller an, die bald Möglichkeiten fanden, beim Verbraucher neue Bedürfnisse entstehen zu lassen. Gleichzeitig führte die höhere Nahrungsmittelproduktion in der ersten Phase der landwirtschaftlichen Veränderung Europas (zunehmende Bedeutung der im 16. Jahrhundert aus Amerika eingeführten Kartoffel) zu einem gewaltigen Bevölkerungswachstum. Die Bevölkerung Westeuropas wuchs zwischen 1730 und 1800 um 50 bis 100 Prozent. Hier war ein gewaltiger neuer Markt für Waren, und gleichzeitig gab es viele willige Arbeitskräfte.
Zum Teil haben auch kulturelle und politische Faktoren die industrielle Revolution ausgelöst. Die von der Aufklärung, einer geistigen Bewegung im Europa des 18. Jahrhunderts, definierten Werte, insbesondere die zunehmende Wissenschaftsgläubigkeit und die hohe Wertschätzung für harte Arbeit und materiellen Erfolg, haben die frühen Erfinder und Fabrikbesitzer angespornt und motiviert. Neuere geschichtswissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass die Ideen der Aufklärung bis 1750 nicht nur das Weltbild der Intellektuellen, sondern auch das vieler einfacher Leute verändert haben. Die Auffassung, dass Natur und Gesellschaft rational verstanden und verändert werden können, schuf eine ganz neue Grundlage für den Umgang mit Produktion und Technik. Regierungen, die nach wirtschaftlichen Erfolgen strebten, um ihre diplomatische und militärische Stellung zu verbessern, förderten ebenfalls innovative Veränderungen. Sie förderten den Straßen-, Kanal- und Eisenbahnbau. Sie setzten Handwerkszünften, die die herkömmlichen Arbeitsverfahren bewahren wollten, Grenzen oder schafften sie ganz ab. Sie schritten gegen Arbeiterproteste ein, die für die neuen Fabriken störend sein konnten.
Bei der wichtigen Frage, weshalb gerade Großbritannien Wegbereiter des neuen industriellen Wachstums war, kann man die Ursachen und Wirkungen näher analysieren. Wichtige Faktoren waren die britischen Eisen- und Kohlenvorräte und eine allgemeine Zustimmung zu technischen Neuerungen. Nachdem die britische Industrie eine gewisse Stärke erreicht hatte (die sich insbesondere während der Napoleonischen Kriege zeigte), versuchte man in anderen Ländern bewusst, dem britischen Beispiel zu folgen.
Die Industrialisierung veränderte das Leben der Menschen in vielerlei Hinsicht. Die erste Veränderung betraf die Produktionsweise. Wie bereits weiter oben erwähnt, war die Grundlage der industriellen Revolution der Einsatz von Maschinen in der Produktion. Zunächst wurden die Maschinen mit Hilfe von Wasserrädern angetrieben. Aber durch die Einführung der modernen Dampfmaschine um 1770 in Großbritannien stand ein leistungsfähigerer Antrieb zur Verfügung. Dank der Dampfmaschine, mit der man stärkere Pumpen betreiben konnte, konnten im Bergbau tiefere Schächte ausgehoben werden. Dadurch wurde die Förderung von Kohle deutlich gesteigert. Dampfmaschinen trieben bald auch die Blasebalge von Hochöfen sowie automatische Hämmer und Walzen bei der Formung von Metallen an. Die Rentabilität in der Metall verarbeitenden Branche konnte beträchtlich erhöht werden, als man dazu überging, zum Schmelzen und Veredeln von Metall anstelle der früher verwendeten Holzkohle die billigeren Brennstoffe Kohle und Koks zu verwenden. Diese technischen Verbesserungen führten zusammengenommen zu einer gewaltigen Zunahme der Eisenproduktion. Paradoxerweise entstand durch den vermehrten Einsatz von Dampfmaschinen ein zunehmender Bedarf an Kohle und Eisen zum Bauen und Betreiben dieser Maschinen. Eisen und Kohle waren aber genau die Grundstoffe, die durch den Einsatz von Dampfmaschinen besser genutzt wurden.
Die industrielle Revolution veränderte in ihrer Anfangsphase die Produktion nicht nur in technischer Hinsicht, sondern führte auch zu einer neuen Organisation der Industrie. Diese Neuerungen ergaben sich zwangsläufig aus der Verwendung neuer Maschinen, hatten aber auch für sich betrachtet Vorteile. Diese Veränderungen machen in ihrer Summe die wirtschaftlichen Auswirkungen der industriellen Revolution aus.
Zum ersten Mal waren die Arbeiter in einer Fabrik konzentriert. Die Verwendung von Wasser- oder Dampfkraft machte es erforderlich, dass sich die Arbeiter in der Umgebung des Rads oder der Maschine aufhielten. Dadurch, dass sie an einer Stelle konzentriert waren, war im Vergleich zu der Zeit, als sie noch in kleinen Werkstätten oder zu Hause gearbeitet haben, eine bessere Überwachung möglich. Außerdem konnte durch die Spezialisierung eines Arbeiters auf einen kleinen Tätigkeitsbereich innerhalb des Produktionsprozesses die Arbeitsproduktivität erheblich gesteigert werden. Durch das Fabriksystem wurden darüber hinaus Kapital und Arbeiter in Einheiten von bis dahin nie da gewesener Größe zusammengefasst. Bei der Heimarbeit wurden die Arbeitsausrüstung und die Unterkünfte in der Regel vom Arbeiter selbst gestellt. Der Fabrikant musste nur das Betriebskapital für den Kauf der Rohstoffe und die Zahlung der Löhne aufbringen. Mit den neuen Maschinen und Fabriken waren aber weit größere Investitionen erforderlich. In der Metallindustrie und im Bergbau beispielsweise, wo die Maschinen besonders teuer waren, konnten neue Firmen meist nur durch Zusammenschluss mehrerer wohlhabender Personen in irgendeiner Form von Geschäftspartnerschaft gegründet werden.
Die Kombination von neuer Technik und neuer Arbeitsorganisation wirkte sich unweigerlich ganz erheblich auf ältere Produktionsverfahren aus. Handwerker, die auf manuelle Arbeitsweisen und auf ihre Geschicklichkeit angewiesen waren, konnten sich vielleicht noch eines gewissen Wohlstands erfreuen, solange die neuen Produktionsverfahren nicht auf ihren Bereich übergriffen. Aber ihre althergebrachte Arbeitsweise war zum Untergang verurteilt. Der Widerstand der Handwerker gegen das neue Wirtschaftssystem war einer der qualvollsten Abschnitte der Industriegeschichte. Er gipfelte in der so genannten „Maschinenstürmerei”, der mutwilligen Zerstörung der neuartigen Maschinen. Dieser Widerstand war aber immer nur kurz und erfolglos.
Die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Landwirtschaft waren kompliziert, vor allem deshalb, weil die industrielle Revolution anfangs von mehreren voneinander unabhängigen Veränderungen in der Landwirtschaft abhing. So war beispielsweise eine bessere Nahrungsmittelproduktion nötig, damit zusätzliche Arbeitskräfte in den Städten, Fabriken und Bergwerken arbeiten konnten. Die Veränderungen erfolgten in zwei Phasen. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts wurden in den westeuropäischen Ländern zum ersten Mal seit dem Mittelalter Neuerungen in der Landwirtschaft eingeführt. Durch neue Dränageverfahren konnte zusätzliches Acker- und Weideland gewonnen werden. In der Viehzucht gab es Verbesserungen. Durch neue Feldfrüchte, vor allem die Kartoffel, konnte die Produktion von kalorienreichen Nahrungsmitteln beträchtlich ausgeweitet werden. Durch den Einsatz von Stickstoff bindenden Feldfrüchten, wie etwa der Steckrübe, konnten die Felder ständig bestellt werden, anstatt jedes dritte Jahr brachzuliegen. Schließlich sorgte auch der Einsatz neuer Werkzeuge (z. B. die Verwendung der Sense anstelle der Sichel) für mehr Produktivität. Diese Veränderungen genügten, um zusammen mit den Nahrungsmittelimporten mehr Nahrungsmittel zur Verfügung zu haben. Dadurch wurden Arbeitskräfte für die Industrie frei.
Die zweite Phase der Veränderungen in der Landwirtschaft begann etwa in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts und war das Ergebnis der frühen Industrialisierung selbst. In der Landwirtschaft wurden neue Maschinen wie etwa Mähbinder und größere Pflüge eingesetzt. In der industriellen Forschung wurden chemische Düngemittel entwickelt. In der Nahrungsmittelverarbeitung revolutionierten Apparaturen wie Milchzentrifugen die Molkereiproduktion. So etwas wie industrielle Landwirtschaft entwickelte sich besonders in den Weiten Nordamerikas, wo neue Kanäle, Eisenbahnverbindungen und die Dampfschifffahrt den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten erleichterten. In den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts versorgten die Vereinigten Staaten und Kanada sowie Australien, Neuseeland und Argentinien die europäischen Industrieländer und die eigenen regionalen Industriezentren mit Nahrungsmitteln. In Europa gewannen große landwirtschaftliche Güter gegenüber den herkömmlichen bäuerlichen Betrieben an Boden. Andere Länder, wie beispielsweise Großbritannien, hielten es für vorteilhafter, sich auf die neuen Industriesektoren zu konzentrieren und setzten deshalb stark auf den Import von Nahrungsmitteln.
Die Industrialisierung veränderte das Leben der Menschen über die Veränderungen im Handwerk und in der Landwirtschaft hinaus. Zum ersten Mal lebte mehr als die Hälfte der Bevölkerung eines Landes in der Stadt: In Großbritannien war dieser Punkt im Jahr 1850 erreicht. Eine andere wichtige Veränderung betraf die Familie. Nun, da Arbeiten und Wohnen an verschiedenen Orten stattfanden, war eine neue Arbeitsteilung unter den Familienmitgliedern erforderlich. In vielen Industriegesellschaften schieden verheiratete Frauen oft aus dem Arbeitsleben aus, um die Hausarbeit zu verrichten. Am Anfang der Industrialisierung wurden manchmal Kinder als Arbeitskräfte eingesetzt, aber mit der Weiterentwicklung der Maschinen wurden sie nicht mehr gebraucht. Gleichzeitig schien eine bessere Ausbildung wünschenswert, um mehr qualifizierte erwachsene Arbeitskräfte zu haben. Deshalb war die Kindheit in den Industriestaaten eher von Ausbildung als von Arbeit geprägt.
Die Industrialisierung schuf neue, oft tiefe soziale Kluften. Die Kluft zwischen den Fabrikanten und der zunehmenden Flut von Arbeitern, die keinen Einfluss mehr auf ihre Arbeitsbedingungen hatten, wurde größer. Mit fortschreitender Industrialisierung entwickelten sich neue Protestformen, insbesondere Streiks und andere Arten der politischen Auseinandersetzung.
Die meisten Geschichtswissenschaftler sind sich darüber einig, dass sich durch die industrielle Revolution die Arbeitsqualität in vielerlei Hinsicht verschlechtert hat. Das schnellere Arbeitstempo und die engmaschige Überwachung durch Arbeitsaufseher und Vorgesetzte wirkte sich auf die Arbeitsqualität negativ aus. Außerdem konnten sich die Arbeiter durch die Arbeit weg von zu Hause und durch die zunehmende Arbeitsteilung oft nicht mehr mit dem Produkt identifizieren, das sie herstellten. Im Gegenzug stiegen die Löhne, die zu Beginn der Industrialisierung oft sehr niedrig waren. Dadurch ergaben sich neue Konsummöglichkeiten. Eine kleine Zahl von Arbeitern konnte sich auch qualifizieren und aufsteigen und sogar Arbeitsaufseher werden. Ein weiterer Aufstieg war aber selten. So kam es, dass die Arbeiter schließlich nicht mehr so sehr Wert auf eine befriedigende Arbeit legten, sondern sich stattdessen eher für kürzere Arbeitszeiten und bessere Bezahlung einsetzten.
Aber das Leben außerhalb der Arbeit wurde nicht unbedingt sofort besser. Arbeiterfamilien hatten vielleicht einen großen Zusammenhalt. Dafür traten aber neue Spannungen auf. Viele Arbeiter reagierten ihren Frust an Familienangehörigen ab. Auch die Freizeitqualität verschlechterte sich zunächst mit der Industrialisierung. Das anstrengende Arbeitstempo wirkte sich zu Lasten der Freizeit aus. Selbst in Japan mit seinen traditionellen Freizeitvergnügungen wendeten sich Unternehmer gegen althergebrachte Feste, weil sie darin eine lästige Zeitverschwendung sahen. Unternehmer in aller Welt wendeten sich auch gegen andere Freizeitbeschäftigungen wie etwa das Trinken, wenn auch mit weniger Erfolg. Trotzdem entstanden neue Freizeitvergnügungen. Insbesondere setzte sich die kommerzielle Unterhaltung (etwa der Profisport, das Volkstheater und später der Kinofilm) allgemein durch.
Die Industrialisierung hat die Welt verändert. Die Auswirkungen der Industrialisierung sind fast überall auf der Welt zu spüren. Dennoch waren diese Auswirkungen nicht überall gleich. Um die weltweiten Folgen der Industrialisierung zu verstehen, muss man die unterschiedlichen Ausprägungen der Industrialisierung in den verschiedenen Ländern verstehen.
Die Industrialisierung ist anfangs immer ein regionales und nicht ein nationales Phänomen, wie die lange Verzögerung der Industrialisierung im Süden der Vereinigten Staaten zeigt. Viele Teile Westeuropas und die Vereinigten Staaten folgten Großbritannien Anfang des 19. Jahrhunderts. In einigen anderen Regionen Europas – Schweden, Holland, Norditalien – setzte die Industrialisierung erst gegen Mitte des Jahrhunderts richtig ein. Die nächste große Welle der neuen Industrialisierung begann etwa in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts und umfasste Russland und Japan. In der (bis jetzt) letzten Welle wurden in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die übrigen Pazifikanrainer (insbesondere Südkorea und Taiwan) in rasantem Tempo industrialisiert.
Das Wesen der Industrialisierung war in den jeweiligen Ländern durch unterschiedliche Faktoren geprägt. In Großbritannien beispielsweise verlief die Industrialisierung erfolgreich, solange sie von einzelnen Erfindern und vergleichsweise kleinen Firmen abhing. In dem Unternehmensklima des späteren 19. Jahrhunderts begann sie aber, sich zu verzögern. Im Gegensatz dazu preschte Deutschland zu einem Zeitpunkt nach vorne, als die Industrialisierung eher durch größere Firmen, durch unpersönlichere Unternehmensführungsstrukturen und durch kollektive Forschung als durch Tüftler geprägt war. In Deutschland hatte auch der Staat einen größeren Anteil an der Industrialisierung als in Großbritannien.
Die Industrialisierung in Frankreich betonte modernisierte Handwerksprodukte. Dies war nicht nur ein Ausdruck früherer nationaler Spezialisierung, sondern auch eine Folge unzureichender Kohlenvorräte – ein Faktor, der die Entwicklung der Schwerindustrie hemmte. Frankreich musste auch handwerklich geprägte Arbeiter dazu drängen, neue Arbeitsweisen anzuwenden. Dies führte zu Spannungen, wie sie zu jener Zeit typischerweise auftraten. Arbeiter in der Möbelindustrie etwa verwendeten fertige Muster, um die Möbel schnell herstellen zu können. Aber um ihre handwerklichen Qualitäten nicht einzubüßen, behielten sie bestimmte manuelle Verfahren bei. Die Industrialisierung der Vereinigten Staaten stützte sich auf die Einwanderer. Dies erklärt zum Teil, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer demokratischen politischen Formen Vorreiter einer besonders rücksichtslosen Bevormundung von Arbeitern waren, die in der Einführung des Fließbands gipfelte. Anders als in Deutschland wurden in den Vereinigten Staaten aber Gesetze gegen Unternehmen erlassen, die durch ihre Größe den Wettbewerb zu ersticken drohten. Diese Gesetze erzielten allerdings nicht immer die gewünschte Wirkung. Die Vereinigten Staaten läuteten mit ihrem riesigen Markt auch die Ära des Massenkonsums ein, was letztendlich weltweite Auswirkungen hatte. Insbesondere wurden in den Vereinigten Staaten auf ein Massenpublikum zugeschnittene Kleidungsmoden und Unterhaltungsformen eingeführt.
Spätere Industrialisierungen verliefen auch unterschiedlich. In Russland begann die Industrialisierung schon vor der Oktoberrevolution 1917. Aber nach der Revolution trieben die Kommunisten die Industrialisierung erheblich voran. In ihrer Industriepolitik setzten sie statt auf den marktwirtschaftlichen Wettbewerb auf staatliche Planung. In Japan war die Industrialisierung durch eine ungewöhnlich enge Zusammenarbeit zwischen den Großindustriellen und der Regierung geprägt. Japan musste anfangs wie alle später industrialisierten Länder wichtige Produktionsmittel importieren. Auch wichtige Rohstoffe wie etwa Treibstoffe fehlten. Deshalb förderte der Staat schon früh Industriezweige, die Exportgüter herstellten, und begrenzte die Einfuhr nicht unbedingt erforderlicher Importartikel. Diese Politik wirkt auch heute, wo Japan zu den größten Industrieländern der Welt gehört, noch nach. Außerdem fand das konfuzianische Erbe Japans, das die Gruppenarbeit betont, im Führungsstil der Industrieunternehmen seinen Niederschlag. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts konnten viele Beobachter feststellen, dass die Industrialisierung in zwei unterschiedlichen kulturellen Umfeldern – in der westlichen Welt und in der konfuzianischen Welt – beträchtlich an Boden gewonnen hat, allerdings mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen.
Etwas schwierig wird es, die weltweite Industrialisierung als Abfolge von Industrialisierungswellen zu beschreiben, wenn Länder nur teilweise industrialisiert werden und sich noch nicht in einer vollen Umwälzung befinden. Die Industrieproduktion von Ländern wie Mexiko, Brasilien, Indien und China reicht aus, um die Notwendigkeit der Einfuhr bestimmter Waren wie etwa Bekleidung und Autos zu reduzieren. Diese Länder haben auch um bestimmte Exportgüter herum Schlüsselindustrien entwickelt. In diesem Zusammenhang sind z. B. Brasilien mit seiner Computerindustrie (die weltweit zu den größten gehört) und Indien mit den Bereichen Raumfahrt und Computersoftware zu nennen.
Das Muster von Innovation und Vielfalt in der Industrialisierung setzt sich fort. Der Zusammenbruch des Kommunismus in Europa Ende der achtziger Jahre zwang eine Reihe osteuropäischer Regierungen, auf Marktwirtschaft umzuschalten, um das industrielle Wachstum zu beschleunigen. Manche Länder, die unter dem kommunistischen System ganz erfolgreich waren, fanden diesen Weg nicht einfach. In der Tat wurde nie zuvor in der Industriegeschichte ein solches Umschalten eines Wirtschaftssystems versucht. In China nahm 1978 eine andere ganz neue Entwicklung ihren Anfang. Damals begann in China etwas, was die erste Phase einer schnellen Industrialisierung zu sein scheint, aber mit einer teilweisen Marktwirtschaft, kombiniert mit strikt autoritärer Kontrolle durch die Regierung.
Es ist schwierig, ein allgemeines Muster der Industrialisierung anzugeben, weil der Industrialisierungsprozess Jahrzehnte dauern kann und überdies von Land zu Land unterschiedlich verläuft. Einige Länder wie etwa Frankreich, Deutschland und die Vereinigten Staaten folgten schnell dem britischen Vorbild. Gemeinsames Vorgehen aus Geschäftsinteresse, das Interesse der Regierungen wegen der militärischen Vorteile der Industrialisierung und natürlich die gute Ausstattung mit natürlichen Ressourcen waren wichtige Faktoren bei der Industrialisierung dieser Länder. Andere Länder hinkten aber hinterher. Die Ursachen hierfür sind ganz unterschiedlich. Einigen Ländern fehlte es an günstigen Energiequellen. Noch mehr Länder waren von der westlichen Wirtschaft abhängig. Sie waren zu arm, um das Kapital für die teuren Industrieausrüstungen aufbringen zu können, und oft wurde die Industrialisierung von westlichen Kapitalisten hintertrieben. Ägypten beispielsweise versuchte zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter einer reformerisch eingestellten Führung, die Industrialisierung durchzuführen, wurde aber blockiert. Stattdessen wurde das Land Rohstofflieferant (hauptsächlich Baumwolle) für westliche Hersteller. Einige Länder schließlich verzichteten aus kulturellen Gründen auf die Industrialisierung. So ließ die traditionsgebundene chinesische Regierung in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die erste Bahnlinie, die in dem riesigen Land gebaut worden war, wieder zerstören.
Die Folgen der Industrialisierung sind letztlich weltumspannend. Anfang des 19. Jahrhunderts drängte die europäische Fabrikproduktion die mehr traditionell geprägte Produktion in Regionen wie Lateinamerika und Indien zurück. Gleichzeitig benötigten Industriezentren Nahrungsmittel und Rohstoffe und sorgten für die Ausweitung dieser Bereiche in Ländern wie Chile und Brasilien. Die Notwendigkeit, sich durch Exporte Geld zu verschaffen, um Luxusgüter und Maschinen aus Industrieländern importieren zu können, führte in Regionen wie Lateinamerika oder bis zum Jahr 1900 in Afrika zu großen Veränderungen in den Arbeitsmustern. Schlecht bezahlte Lohnarbeit, oft begleitet von Zwangsmaßnahmen, war weithin verbreitet.
Die Macht der Industrie und der Bedarf an Rohstoffen und Absatzmärkten standen hinter dem Imperialismus der europäischen Staaten im 19. Jahrhundert. Allmählich wurden auch andere Länder industrialisiert oder entwickelten zumindest einen eigenständigen Industriesektor. Die Bemühungen von Ländern wie Indien, China, dem Iran oder Brasilien, ihre Importabhängigkeit zu verringern und durch die Industrialisierung einen begrenzten Exportbereich aufzubauen, machen denn auch einen nicht unwesentlichen Teil der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts aus. Die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Umwelt sind ebenfalls international. Die Industrialisierung hat die Wasser- und Luftqualität in der Umgebung der Fabriken schnell beeinträchtigt. Die Bedarf der Industrie an landwirtschaftlichen Produkten wie Kautschuk hat in Ländern wie Brasilien zur Waldvernichtung und zu Bodenveränderungen geführt. Diese Umweltauswirkungen haben mit der weltweiten Zunahme des industriellen Wachstums ebenfalls zugenommen. Dadurch sind die heutigen Probleme wie etwa das Problem des Treibhauseffekts entstanden. In diesem Sinn bleibt die Frage nach den weltweiten Auswirkungen der Industrialisierung auch an der Schwelle zum 21. Jahrhundert offen.
In Anbetracht der weltweiten Auswirkungen der Industrialisierung ist es besonders wichtig, das Wesen und die Folgen der Industrialisierung zu verstehen. Die Auswirkungen auf die eigene Person (die Auswirkungen auf Arbeit oder Privatleben) sind zwar leicht nachzuvollziehen, es ist aber sehr viel schwieriger, das Wesen der Industrialisierung weltumspannend zu erfassen, vor allem, wenn sie sich in den verschiedenen Ländern so unterschiedlich gestaltet. Die Geschichte trägt zum besseren Verständnis der Industrialisierung bei. Wenn die Ursachen, die Unterschiede und die geschichtlichen Folgen der industriellen Revolution klar sind, können die heutigen Umstände besser verstanden und – hoffentlich – zukünftige Industrialisierungsprozesse positiv gestaltet werden.
Zum Autor: Peter N. Stearns ist Professor für Geschichte und Dekan der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften an der Carnegie Mellon University. Er ist der Autor von The Industrial Revolution in World History und anderer Publikationen.
Erscheint in:
Vereinigte Staaten von Amerika; Landwirtschaft; Europa; Industrie; Industrielle Revolution; Handel; Industrialisierung; Fabriksystem; Weltwirtschaft; Arbeiterbewegung
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