|
Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Richard Foltz untersucht in diesem Essay die Dynamik und die Konsequenzen der schnellen Ausbreitung des Islam, die im 7. Jahrhundert n. Chr. begann.
 |
Der Islam wird oft als arabische Religion angesehen, und das war er im 7. Jahrhundert auch tatsächlich. Neben dem Judentum und dem Christentum ist dies die dritte Hauptglaubensrichtung, deren Ursprung auf die biblische Figur Abraham zurückgeht. Sie entstand im Westen Arabiens. Ihr Prophet, Mohammed, war ein Araber, ihre heilige Schrift, der Koran (Qur’an), ist in Arabisch geschrieben, und als Mohammed im Jahr 632 starb, hatte die gesamte Arabische Halbinsel seine Autorität anerkannt. In weniger als einem Jahrhundert eroberten Armeen unter arabischer Führung Territorien von Spanien bis Indien. Sie bildeten eine zentrale Verwaltungseinheit, das Kalifat, in dem die meisten der privilegierten, mit Macht verbundenen Ämter von Arabern bekleidet wurden.
 |
|
Auch bei Encarta |
|
 |
|
|
|
|
Viele Araber begannen, die überraschenden militärischen Erfolge als Beweis für die Überlegenheit ihrer neuen Religion anzusehen. Diese Vorstellung wurde offensichtlich durch die Belohnung in Form von neuem, unermesslichem Reichtum und Prestige in allen eroberten Ländern noch bestätigt. In ihren Schlachten eigneten sich die Araber fremdes Eigentum als Beute an, und nach ihren Siegen besetzten sie bedeutende und lukrative Positionen in den Reichsverwaltungen des Kalifats. Durch ihr neues Reich kontrollierten sie auch den Handel – eine Situation, die viele Vorteile mit sich brachte, nicht nur für die arabischen Kaufleute, sondern auch für die Regierungsbeamten, die von den erhobenen Zöllen profitierten.
So überraschte es auch nicht, dass die Araber diese Gewinne nicht mit Menschen teilten wollten, die nicht der muslimischen Gemeinschaft angehörten. Und genauso selbstverständlich war das Streben der Außenseiter, in diese privilegierte Gruppe aufgenommen zu werden. Diese Spannungen waren die wesentliche Ursache für die Wandlung des Islam von einem spezifischen Ausdruck der arabischen Kultur zu einer kosmopolitischen, universellen Tradition in kaum mehr als 100 Jahren.
Obwohl noch immer viele Menschen die Meinung teilen, der Islam sei eine Religion, die „mit dem Schwert” verbreitet wurde, muss man zwischen der Verbreitung der muslimischen Herrschaft und der Verbreitung des Islam als religiösem Glauben unterscheiden. Der Koran legt fest, „dass kein Zwang hinsichtlich der Religion” bestehe, und die muslimischen Araber hatten im Hinblick auf die Erhaltung ihrer Macht und die Bewahrung des Geheimnisses ihres Erfolges auch nur wenig Interesse daran, andere in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Der Koran legte den Muslimen jedoch die Pflicht auf, die islamische Herrschaft zu verbreiten, damit, wo auch immer Muslime leben, sie nicht gezwungen wären, Gesetzen zu folgen, die im Widerspruch zu ihrem Glauben stünden.
Seit Beginn der ersten bedeutenden arabischen Eroberungen – darunter Ägypten und Syrien im Westen bzw. Norden und das gesamte persische Sassaniden-Reich im Osten – waren die Muslime in der Regel darauf bedacht, die vorhandenen Systeme sowie die Infrastruktur zu erhalten. Als ein traditionelles Stammesvolk verfügten die Araber über keinerlei eigene Erfahrungen oder Modelle, die für die Herrschaft über ein so großes Reich geeignet waren. So entschieden sie sich dafür, den Status quo im Wesentlichen zu bewahren, während sie selbst die obersten Regierungsränge bekleideten und damit die höchste Staatsmacht in Bezug auf wichtige Entscheidungen verkörperten. In Griechenland, Aram oder Pahlavi-Persien wurde der Aufbau der Verwaltung das ganze 7. Jahrhundert hindurch beibehalten, in den östlichen Gebieten sogar noch länger. Erst allmählich setzten sich arabische Inschriften bei der Münzprägung durch. Auch das alte Besteuerungssystem wurde übernommen, und die lokalen Gemeinden innerhalb der neuen arabischen Territorien beließ man weitestgehend unter der Gerichtsbarkeit ihrer eigenen Führer. Zentral ernannte muslimische Richter, die Qadis, urteilten nur in Ausnahmefällen. Die Bürokraten behielten gewöhnlich ihre Positionen. In den berühmten Bildungseinrichtungen (wie der medizinischen Schule in Gundeshapur im Südwesten des Iran) unterrichteten auch weiterhin christliche, jüdische und andere nichtarabische Lehrer die islamischen Studenten.
Tatsächlich zeichnete sich die Periode der arabischen Omaijaden-Dynastie (661-751) im Vergleich zur Herrschaft der Byzantiner oder Sassaniden durch eine außergewöhnliche religiöse und kulturelle Toleranz gegenüber der nicht muslimischen Bevölkerung aus. Der Grund für diese Art der Politik der Omaijaden lag jedoch weniger in der Wohltätigkeit als vielmehr in praktischen Interessen. Die Araber sahen den Islam als ihre eigene Religion an. Solange sie die Politik fest unter Kontrolle hatten, stellten die Traditionen der so genannten geschützten Völker (Bewohner eroberter Gebiete, die von den Muslimen gegen andere Invasoren geschützt wurden) keine Bedrohung dar. Außerdem waren die Araber sich dessen bewusst, dass das kulturelle Erbe ihrer Untertanen ihnen als Herrscher in vielerlei Hinsicht von Nutzen sein konnte. Die Omaijaden erlaubten und förderten sogar die Einwanderung von Fachleuten wie z. B. Ärzten, Astronomen und Mathematikern aus dem Byzantinischen Reich. Viele dieser Emigranten waren Angehörige unorthodoxer christlicher Sekten oder Heiden, die unter der Verfolgung der Byzantiner litten, während ihnen in den arabisch beherrschten Ländern mehr Freiheiten zugestanden wurden. Im Gegensatz zu den christlichen Byzantinern waren die Araber offen für die intellektuellen Traditionen der klassischen mediterranen Welt, einschließlich der griechischen und römischen Philosophen und Wissenschaftler. Sie ließen viele arabische Übersetzungen klassischer Werke anfertigen, die dann später vor allem über Spanien ins mittelalterliche Europa gelangten.
Durch das religiöse Selbstbewusstsein der Omaijaden machten sich die muslimischen Araber die vorteilhaftesten Aspekte der vorangegangenen Kulturen zunutze. Von der Aneignung administrativer, technischer und wissenschaftlicher Instrumente profitierte ihr gesamtes Reich. Dies war eine der Grundlagen der sich entwickelnden islamischen Kultur.
Für viele Untertanen der Araber war es das erklärte Ziel, in die muslimische Gemeinschaft aufgenommen zu werden, um ebenfalls in den Genuss des Schutzes der privilegierten Gruppe zu kommen. Die Bürokraten unter der arabischen Herrschaft versprachen sich vom Übertritt zum Islam größere Machtbefugnisse. Sie erhofften sich von der Annahme der muslimischen Identität eine Verbesserung der Beziehungen zu ihren Vorgesetzten und mehr Sicherheit hinsichtlich ihrer Positionen. Geschäftsleute sahen den Vorteil in bevorzugten Bedingungen und Konzessionen, die man den Muslimen, die in zunehmendem Maße den Welthandel dominierten, gewöhnlich einräumte. Intellektuelle versprachen sich die Erlaubnis, ihre Ansichten und Ideen zu äußern, wenn sie dies in einer der islamischen Religion entsprechenden Weise täten. Berufssöldner konnten in der islamischen Armee dienen und hatten dabei die Vorteile im Auge, die die stets erfolgreichen arabischen Feldzüge krönten. Andere wiederum bekannten sich zum Islam, um von der Kopfsteuer (Jizyah), die die beschützten Völker an ihre muslimischen Oberherren entrichten mussten, befreit zu werden. Die Muslime betrachteten diese Abgabe als Schutzsteuer für Nichtmuslime, da diese keinen Dienst in der Armee leisten durften. Auch wenn manche der Nichtmuslime die Abgaben als diskriminierend empfanden, so war die Jizyah in den ersten fünf Jahren des Omaijaden-Kalifats doch bedeutend geringer, als die hohen Steuern, die die Byzantiner und Sassaniden verlangten. Deshalb ertrugen sie die meisten Untertanen des Kalifats auch mit Gelassenheit.
Diejenigen, die sich der islamischen Gesellschaft anschließen wollten, sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass diese noch immer den arabischen Gesetzen folgte. Eines der Hauptthemen des Korans ist die Gleichheit aller Gläubigen vor Gott, aber dennoch war die arabische Gesellschaft hierarchisch untergliedert. So erhielten z. B. die schon früher zum Islam übergetretenen Gläubigen und deren Nachkommen einen speziellen Status, und die Stämme aus Mekka rivalisierten mit denen aus Medina. Wenn einzelne Stämme abwanderten, um sich irgendwo im Reich niederzulassen, und dort die Macht übernahmen, kam es zu Spannungen zwischen den arabischen Gruppen in den verschiedenen geographischen Regionen. Während sich die Araber auch im Verhältnis zu Außenseitern als Muslime identifizieren konnten, blieben sie sich innerhalb der eigenen Reihen der streng getrennten Stammeszugehörigkeit, die die Grundlage ihrer Identität in der Gemeinschaft bildete, sehr wohl bewusst.
Laut Definition besaß jemand, der kein Araber war, auch keine arabische Stammesidentität. Ein Muslim zu werden, war ganz einfach. Man musste nur das Shahada aufsagen, das Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet”. Aber ein Mitglied der arabischen Gesellschaft zu werden, war etwas anderes. Ein Nichtaraber, der zum Islam konvertieren wollte, musste sich deshalb einen arabischen Schirmherrn suchen, der für ihn in dem jeweiligen Stamm bürgte.
Das Bürgschaftssystem, durch das Nichtaraber in die muslimische Gemeinschaft aufgenommen werden konnten, garantierte ihnen nicht jene völlige Gleichheit, die der Koran beschrieb. Den Platz, den die Schützlinge innerhalb der arabischen, nach Stämmen untergliederten Gesellschaft einnahmen, konnte ihnen nur ihr Schirmherr garantieren, von dem sie in dieser Hinsicht abhängig blieben. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts ließen viele der zum Islam Konvertierten eine deutliche Unzufriedenheit über diese Situation erkennen und suchten nach Wegen, für sich dieselben Rechte wie die Muslime durchzusetzen.
Aber es gab noch mehr unzufriedene Muslime. Zwischen den einzelnen arabischen Stämmen kam es über die regional verschiedene Aufteilung der politischen und wirtschaftlichen Macht zu Unstimmigkeiten. Viele Araber waren der Ansicht, dass die Omaijaden-Kalifen und deren Familien, die von Damaskus (im heutigen Syrien) aus regierten, der korrupten Lebensweise der verdrängten byzantinischen Statthalter nacheiferten. Man beschuldigte die Omaijaden des übermäßigen Alkoholgenusses, der Ausschweifung, der Vetternwirtschaft und anderer Laster. Der Konflikt zwischen dem ersten Omaijaden-Statthalter, Muawija, und dem vierten Kalifen, Ali, hatte im Jahr 661 indirekt die Ermordung Alis zur Folge. Muawijas Sohn Yazid entsandte die Armee, die Alis zweiten Sohn, Husain, und seine Anhänger bei Kerbela (Irak) im Jahr 680 tötete.
Die Streitfrage um die Rechtmäßigkeit vereinte die Muslime, die die verschiedensten Klagen gegen die Omaijaden hervorzubringen hatten. So war es für viele der Omaijaden-Gegner nur eine selbstverständliche Alternative, die Führung durch das Haus des Propheten bzw. die Schiiten zu unterstützen. In Khorasan – am äußersten Rand des Reiches im Iran, möglichst weit entfernt von der Reichweite der Kalifenmacht – gipfelte der weit verbreitete Widerstand gegen die Herrschaft von Damaskus in einem Aufstand, der 751 mit der erfolgreichen Entmachtung der Omaijaden endete. Der iranische General Abu Muslim übernahm die Führung der Bewegung im Namen Abbas, des Nachkommen eines Onkels des Propheten, von dem auch der Name der neuen Dynastie (Abbasiden) abgeleitet wurde.
Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts nahm die Zahl der nichtarabischen Bekehrten und deren Einfluss stetig zu. Als Muslime, die ihren anerkannten Platz innerhalb der islamischen Gesellschaft einnahmen, konnten diese den Zugang zur göttlichen Autorität, die der Koran verkörperte, Seite an Seite mit – und manchmal auch als Rivalen – ihren arabischen Schirmherren fordern. Dafür mussten sie Arabisch lernen, und so wurden sie die ersten Grammatiker der arabischen Sprache. Die Bekehrten übernahmen das Arabische als Hauptsprache der zunehmend ökumenischen islamischen Kultur und veränderten damit die Sprache selbst. Diejenigen, die sich Übersetzungen widmeten, beeinflussten die Sprachgestaltung in besonderem Maße. Dem Arabischen, ursprünglich eine Sprache der Nomadenvölker der Wüste, mangelte es an Vokabular, um dem neuen wissenschaftlichen und philosophischen Diskurs Ausdruck zu verleihen. Die vielen neuen Wörter und Termini, die die Übersetzer prägten, ließen das Arabische zur Sprache einer hoch entwickelten Zivilisation werden, mit der sich die komplexesten und differenziertesten Ideen beschreiben ließen.
Als immer mehr Nichtaraber sich als Mitglied der muslimischen Gemeinschaft identifizierten, kam es im Hinblick auf die Normen einer angemessenen Lebensweise und des Verhaltens zu Spannungen. Der Koran bezieht nur zu wenigen dieser juristischen und alltäglichen Fragen ausdrücklich Stellung. Obwohl viele Muslime der Meinung sind, dass der Koran, korrekt interpretiert, einen Leitfaden für alle Lebenslagen enthält, weichen die tatsächlichen Auslegungen oftmals davon ab. Solange alle oder die meisten Muslime zugleich auch Araber waren, berief man sich auf die arabischen Gesellschaftsbräuche, wenn der Koran keine anderen Anweisungen enthielt. Nichtaraber folgten aber oft anderen Normen, und so kam es immer stärker zu Konflikten. Die Berufung auf die allgemein anerkannte Autorität des Koran brachte nicht immer die gewünschte Lösung in strittigen Punkten. Die Muslime suchten im Vorbild des Propheten Mohammed eine zusätzliche Quelle der Autorität. Der Koran bestätigte diese Zuflucht durch die Aussage: „Im Propheten Gottes habt Ihr ein gutes Vorbild”. Wenn eine Partei im Laufe eines Disputs behaupten konnte, dass der Prophet selbst ein Beispiel für ein gewisses Verhalten oder eine bestimmte Position gegeben habe, so wurde dies von Muslimen als maßgeblich angesehen. Dieses Wissen konnte jedoch nur auf Anekdoten über den Propheten zurückgehen, die zunächst mündlich überliefert waren.
Viele kritisch eingestellte Menschen widmeten sich der Aufgabe, Geschichten über den Propheten zu sammeln. Sie bemühten sich darum, die Glaubwürdigkeit dieser Geschichten zu untermauern, indem sie die Biographien derjenigen, die sie weitergaben, prüften. Das Ergebnis dieser hartnäckigen Nachforschungen, die sich bis ins 9. Jahrhundert fortsetzten, war eine gewaltige Literatursammlung, der so genannte Hadith. Die meisten Muslime begannen den Hadith als zweithöchste autoritative Schrift neben dem Koran zu betrachten. Vermutlich spielte die zunehmende Internationalisierung des Islam eine Schlüsselrolle auch im Hinblick auf den Hadith, denn alle sechs Hadith-Sammlungen, die bei den Sunniten als autorisiert gelten, wurden in der iranischen Welt zusammengetragen. Einige Gelehrte vermuteten, dass das Bedürfnis nach einer allgemein akzeptierten autoritären Basis auf die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich sozialer Normen zwischen Arabern und nichtarabischen Bekehrten zurückzuführen sei. Das heißt, solange alle Muslime Araber waren, konnten die Belange, die nicht ausdrücklich in der göttlichen Offenbarung erörtert werden, unter Zuhilfenahme der arabischen Normen gelöst werden. Kam es hingegen zu Widersprüchen zwischen Arabern und Nichtarabern, konnten bei den streitenden Parteien also nicht dieselben Normen zugrunde gelegt werden, brauchte man eine zweite Autorität.
Unter den Abbasiden wurde die Hauptstadt des Reiches nach Mesopotamien an die Westgrenze der iranischen Welt verlegt. Von diesem Zeitpunkt an war der iranische Einfluss auf das weltliche und religiöse Leben von größter Bedeutung. Die neuen Kalifen besetzten die Mehrheit der wichtigen Ministerialämter mit Iranern – vor allem aus der Familie der Barmak oder der Barmeziden, früheren buddhistischen Priestern. Unter dem Einfluss ihrer iranischen Berater übernahmen die Abbasiden das Staatswesen der Sassaniden fast unverändert, einschließlich des Hofprotokolls, des Steuersystems in der Landwirtschaft (die einheimischen Grundbesitzer waren für die Eintreibung der Reichssteuern zuständig), des Sonnenkalenders und der Festivitäten anlässlich der Tagundnachtgleiche. Auch übernahmen sie die Ideologien und Symbolik der präislamischen Sassaniden-Kaiser, die auf dem absoluten Königtum basierten, in dem der Herrscher als der „Schatten Gottes auf Erden” angesehen wurde.
In der letzten Hälfte des 8. Jahrhunderts setzten sich die iranischen Faktoren, die zur Grundlage für die Entwicklung der islamischen Kultur wurden, in verstärktem Maße durch. 762 ließ der Kalif Mansur zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris in der Nähe der ehemaligen Sassaniden-Hauptstadt Ctesiphon eine neue kaiserliche Hauptstadt errichten, die er Bagdad nannte (Persisch: von Gott gegeben). Zusammen mit der Barmak-Familie erhielten auch andere Iraner hohe Verwaltungsposten unter den Abbasiden. Zu ihnen gehörte u. a. Ibn al-Muqaffa’, der durch seine Literaturübersetzungen aus dem Persischen ins Arabische berühmt wurde. Obgleich Arabisch nicht seine Muttersprache war, betrachtete Ibn al-Muqaffa’ seine Übersetzungen als ein Mittel, mit dem er die Überlegenheit der iranischen Kultur erklären konnte.
Dieses Paradoxon trifft den Kern der iranischen Identität. Ibn al-Muqaffa’ war ein zum Islam Bekehrter, und innerhalb nur weniger Jahrhunderte würden fast alle Iraner Muslime werden. Und doch waren es die Araber – jenes unzivilisierte, unterlegene Volk, für das die Iraner sie seit Urzeiten hielten –, die ihnen den Islam brachten. Auch heute noch verstehen viele Iraner die arabische Zerstörung des Sassaniden-Reiches als die größte Tragödie in der langen Geschichte des Iran. Im 8. Jahrhundert sahen iranische Intellektuelle wie Ibn al-Muqaffa’ in den Übersetzungen aus dem Persischen ins Arabische eine Möglichkeit, die iranische Rechtmäßigkeit und ihr Prestige in der gesamten Welt des Islam zu etablieren. Diese Intellektuellen riefen mit der so genannten Shu’ubiyya eine literarische Bewegung ins Leben, durch die Werke wie Tausendundeine Nacht ins Arabische übersetzt wurden und sich ihren Platz in der islamischen Literatur eroberten. Die Shu’ubiyya-Bewegung stand symbolhaft für die vielen Wege, die Iraner und andere Nichtaraber einschlugen, um den Islam für sich selbst in Anspruch zu nehmen und ihre Geschichte in die islamische Kultur einzubringen.
Die Macht des iranischen Kulturerbes erwies sich als unerschütterlich. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte breitete sich die stark iranisch beeinflusste islamische Kultur aus und fasste auf dem asiatischen Kontinent in Indien und in Teilen Chinas Fuß. Im 11. Jahrhundert förderte Mahmud von Ghazni, ein damals erst kurze Zeit zuvor bekehrter Türke aus Zentralasien, der den Islam im Norden Indiens einführte, zur Legitimation seiner eigenen Herrschaft das Zustandekommen des großen iranischen Nationalepos, des Buches der Könige, das die präislamische persische Vergangenheit des Iran verherrlicht. Etwa zur gleichen Zeit könnte ein zentralasiatischer Übersetzer in seinem Vorwort zu einem bedeutenden Werk der nationalen Geschichte geschrieben haben: „In dieser Zeit möchten nur wenige Menschen ein Buch auf Arabisch lesen. Deshalb habe ich dieses Buch auf Anraten eines Freundes ins Persische übersetzt.”
In kaum mehr als einem Jahrhundert führten die frühen Spannungen zwischen Nichtarabern und ihren muslimischen Gegenspielern zur Entstehung der internationalen Religion des Islam. Als die Mongolen 1258 das Kalifat zerstörten, ließen sowohl die islamische Literatur wie auch die Malerei, Architektur und das Bildungswesen Grundzüge der iranischen Normen erkennen. Wenn man bedenkt, in welchem Umfang diese Einflüsse bereits früher zur Gestaltung des islamischen Verwaltungs- und Finanzwesens, der Rechtsprechung, der Theologie und Philosophie beitrugen, so wird deutlich, dass die iranische Kultur bei der Entwicklung des Islam eine überaus bedeutende Rolle spielte, die, wie ein Gelehrter es ausdrückte, keineswegs geringer war, als die der Hellinistischen Kultur bei der Entstehung des Christentums. In derselben Periode brachte aber auch der Westen des Reiches, Syrien, Ägypten, die Berber und Spanien, zahlreiche Elemente in den Islam ein. Ab dem 11. Jahrhundert bereicherten Türken, Inder und andere asiatische Völker die Dynamik der islamischen Kultur.
Heute bilden die Araber weniger als 15 Prozent der weltweit einen Milliarde Muslime. In Südasien leben mehr als doppelt so viele Muslime wie in den arabischen Ländern. Vom Senegal bis zu den Philippinen haben diejenigen, die zum Islam übergetreten sind, ihre eigenen kulturellen Traditionen aus der Heimat in die vielfältige Realität eingebracht, die die islamische Welt heute erkennen lässt. Und dieser Prozess der ständigen Einflussnahme, der durch die ersten Bekehrten vor mehr als 13 Jahrhunderten ausgelöst wurde, hält an.
Zum Autor: Richard C. Foltz ist der Autor von Religions of the Silk Road (Religionen der Seidenstraße) und zahlreicher anderer Publikationen. Er promovierte in Philosophie an der Harvard University.
Erscheint in:
Abbasiden; Islam; Omaijaden; Araber; Muslim; Mohammed; Persien
|