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Die Tang-Dynastie und die chinesischen Jahrhunderte

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Craig Lockard von der University of Wisconsin in Green Bay stellt in seinem Beitrag den Einfluss Chinas über den gesamten asiatischen Raum unter der mächtigen Tang-Dynastie dar. Seiner Ansicht nach hatte China zu dieser Zeit den Rang einer Supermacht inne, den nur sehr wenige andere Nationen je erreicht haben.

Die Tang-Dynastie und die chinesischen Jahrhunderte

Tonkamel aus der Tang-Dynastie
Tonkamel aus der Tang-Dynastie
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Zu jeder Zeit existierten ein oder zwei Länder, die aufgrund ihres Einflusses in den Bereichen Militär, Wirtschaft, Politik und Kultur als Supermächte bezeichnet werden können. Selbst in lange zurückliegenden Epochen gab es bereits Supermächte. So schufen das alte Perserreich und die Eroberungen von Alexander dem Großen die Voraussetzungen für die Gründung Roms, die Maurja-Dynastie in Indien und die Han-Dynastie in China. Diese Mächte beherrschten jeweils den westlichen, südlichen und östlichen Teil Eurasiens. In den darauf folgenden Jahrhunderten nahmen die Araber, Mongolen, Portugiesen, Spanier und Niederländer nacheinander bedeutende Stellungen in einer sich öffnenden Welt ein. Ihnen folgten die Briten im 18. und 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert waren die Vereinigten Staaten von Amerika die beherrschende Nation. Die Jahrzehnte nach 1945 wurden manchmal „das amerikanische Jahrhundert” genannt, da Einfluss und Macht der USA weltweit sehr bedeutend waren. Es ist schwierig, über den eigenen Kontinent hinaus seine Machtposition zu behaupten, da andere Gesellschaften immer aufholen und eine eigene Macht bilden. Es wird sich zeigen, ob die Vereinigten Staaten von Amerika im Hinblick auf die zeitliche Beständigkeit mit Chinas Stellung als Supermacht, deren Beginn ungefähr in der Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. liegt, mithalten können.

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In der Zeit von 300 bis 1000 n. Chr. fand in ganz Eurasien ein lebhafter Austausch und Handel statt, wobei einige Zivilisationen besonders großen Einfluss ausübten. Das Guptareich in Indien, Byzanz und die islamischen Kalifate des Mittleren Ostens galten als mächtige Häuser. Einige führende Historiker bezeichnen die Jahre von ungefähr 600 bis 1500 als das Chinesische Jahrtausend, wobei China die größte, stärkste und bevölkerungsreichste Gesellschaft in Eurasien darstellte. Der Erfolg Chinas begann unter der bedeutenden Tang-Dynastie (618-907) und sollte sich als die längste Zeitspanne einer Herrschaftsgewalt in der gesamten Weltgeschichte erweisen. Von vielen Historikern wird die Tang-Dynastie in der Tat als die glänzendste Ära in der langen Geschichte Chinas gesehen.

In den Jahren der Machtausübung durch die Tang-Dynastie bildete sich ein Herrschaftsmodell für China heraus, das über die Song- und Ming-Dynastien hinweg bis zu den Anfängen der Neuzeit bestehen blieb. Die Herrschaft der Tang prägte viele Bereiche des Lebens in China, darunter auch Literatur und Kunst. Aus diesem Grund wurde China zur Zeit der Tang von zahlreichen anderen Völkern bewundert und nachgeahmt. Unter der Tang-Dynastie übte China einen sehr großen Einfluss auf Ostasien aus und trieb gleichzeitig intensiven Handel mit verschiedenen Völkern in ganz Eurasien. Mehr als 100 Jahre lang erstreckte sich das Reich der Tang bis weit nach Zentralasien hinein, und viele Elemente der chinesischen Kultur verbreiteten sich bis nach Korea und Japan. Der Buddhismus erlebte eine Blütezeit, wodurch China in eine große religiöse Gemeinschaft eingebunden wurde. Unter der Tang-Dynastie war China ein tolerantes Forum für Menschen und Gedankengut aus verschiedenen Kulturen.

Die Macht der Tang in Asien

Im 8. und 9. Jahrhundert erstreckte sich eine Vielzahl kleiner und großer Reiche vom Atlantik bis zum Pazifik. China stellte das größte dieser Reiche dar; die einzige vergleichbare Gesellschaft zu jener Zeit wurde von den Arabern regiert. Die Tang-Dynastie erlangte die Kontrolle über Völker, die geographisch weit entfernt von China lagen, und schuf dadurch ein Reich, das in Bezug auf die Größe mit dem der mächtigen Han-Dynastie verglichen werden kann, die 500 Jahre früher herrschte. Korea und Japan erkannten die Führungsrolle der Chinesen in diesem Teil der Welt an und trugen zur Festigung der Macht der Tang-Dynastie bei. Durch ehrgeizige Feldzüge gerieten auch Zentralasien, die Mongolei, die Mandschurei, Tibet und Teile von Sibirien unter chinesische Herrschaftsgewalt.

Gleichzeitig existierten in ganz Asien, sogar bis nach Persien und Afghanistan, einige Satellitenstaaten, die die Führungsrolle Chinas anerkannten. Aus dieser großräumigen Anerkennung erwuchsen intensive Handelsbeziehungen zwischen der islamischen und der chinesischen Gesellschaft. So schloss der mächtige islamische Kalif Harun ar-Rashid einen Vertrag mit dem Tang-Reich. Dieser Vertrag diente als Beispiel für die diplomatische Gewalt Chinas im westlichen Asien. Daneben übte die Tang-Dynastie auch beträchtliche Macht über die Länder in Ost-, Südost- und Zentralasien aus und wurde von vielen Völkern für ihr Herrschaftssystem bewundert.

Ganz ähnlich wie die wohlhabenden USA im 20. Jahrhundert die Weltwirtschaft ankurbelten, nahmen auch Reichtum und Macht der Tang-Dynastie solche Ausmaße an, dass sie zur Aktivierung des Handels in großen Teilen Zentralasiens beitrugen. Unter der Tang-Dynastie öffnete sich China der Welt. Die Militärgarnisonen der Tang beschützten die Handelsrouten entlang der Seidenstraße in Zentralasien. So wurde der Austausch von Gütern, Gedankengut und Personen zwischen China und dem westlichen Asien gefördert. Über dieses weitläufige Netzwerk kamen chinesische Erzeugnisse, wie z. B. Seide und Porzellan, nach Europa. Das Tang-Porzellan, das in Ägypten und der Türkei gefunden wurde, war im Mittleren Osten besonders begehrt. Ein florierender Seehandel verband China mit Indien, Persien und verschiedenen Ländern Südostasiens. Unter der Tang-Dynastie bildeten Händler aus ganz Asien zeitlich begrenzte oder ständige Gemeinschaften in den Städten Chinas. So z. B. waren zur Zeit der Tang-Dynastie zwei Drittel der 200 000 Einwohner der großen Hafenstadt Canton (das heutige Guangzhou) im Süden Chinas Immigranten, darunter viele Araber und Perser.

Auch die Chinesen profitierten von diesem multikulturellen Austausch. Zu den neuen Produkten auf dem chinesischen Markt gehörte Tee aus Südostasien, der sich schnell zu einem sehr populären Getränk entwickelte. Häufig wurden Botschafter aus Regionen wie Burma (heute Myanmar), Java (Indonesien) und Nepal mit Geschenken an den Hof der Tang entsandt. Daneben brachte die Wiederbelebung der Kontakte zu den Völkern in Indien und dem Mittleren Osten eine Blütezeit der Künste und der Kreativität mit sich. Von allen ursprünglich chinesischen Dynastien in der Geschichte Chinas war die Tang-Dynastie die weltoffenste.

Das goldene Zeitalter der Tang-Dynastie: Meilensteine einer Supermacht

Zu jener Zeit erreichte die Tang-Dynastie dank verschiedener Faktoren den Status einer Supermacht. Zu diesen Faktoren gehörten eine effiziente zentralistische Regierung, ein starkes Wirtschaftswachstum, religiöse Toleranz und eine Führungsrolle in der damaligen Technologie. Die hohe Bevölkerungszahl Chinas brachte eine hochentwickelte städtische Zivilisation hervor, die für ganz Eurasien einen Anziehungspunkt darstellte. Die Regierung des Reiches war auf eine effiziente Verwaltung der großen Gebiete zugeschnitten und verfügte über ausgebildete Mitarbeiter. Die produktive Wirtschaft Chinas stellte eine gesunde Einkommensbasis dar. Durch eine Vielzahl von Religionen wurde die Blüte von Geisteswissenschaft und Kultur gefördert. Unter der Tang-Dynastie zählten Naturwissenschaften und Technik, insbesondere die Waffentechnik, zu den am höchsten entwickelten der Welt.

Moderne Supermächte sind urbane Gesellschaften mit dynamischen Metropolen und einer kulturellen Vielfalt. Zur Zeit der Tang war China die Zivilisation mit dem höchsten Urbanisierungsgrad und zahlreichen Städten, die größer waren als viele heutige Städte in Europa oder Indien. Die Residenz der Tang-Dynastie bildete die glanzvolle Stadt Chang’an (heute Xi’an), in der zwei Millionen Einwohner lebten. Von dieser kosmopolitischen Stadt aus, damals die größte der Welt, wurde eine Bevölkerung von annähernd 60 Millionen Menschen regiert. Dies entsprach etwa der Einwohnerzahl aller europäischen und islamischen Länder zusammen und etwa einem Viertel der damaligen Weltbevölkerung. Die Stadt Chang’an stellt ein Meisterwerk der Stadtplanung dar, nicht zuletzt wegen ihrer in exakter Gitterform angelegten Straßen. In den breiten Durchgangsstraßen drängten sich Besucher, darunter Araber, Perser, Juden, Japaner, Koreaner, Vietnamesen, Türken, Inder und Tibeter. In Chang’an arbeiteten viele ausländische Handwerker und Künstler aus so weit entfernten Ländern wie Indien und Afghanistan. Fremde kamen als Händler oder Soldaten der Tang-Armeen in die Stadt. Diese Vermischung der Kulturen brachte verschiedene Probleme mit sich, da sich einige Traditionalisten über den starken ausländischen Einfluss beklagten, der die chinesische Kultur bedrohe.

Ein Schlüssel für den Erfolg der USA im 20. Jahrhundert war eine effiziente Staatsführung. Unter der Tang-Dynastie erreichte die zentralistische Regierungsform ihre vollendete Form. Die Chinesen sahen ihr Reich zu Recht als das Reich der Mitte an, als die Gesellschaft im Mittelpunkt der Welt. An der Spitze dieses Reiches stand die Kaiserfamilie, die die universelle Macht für sich in Anspruch nahm. Unter dem Regiment des Kaisers befanden sich viele Regierungsbehörden. Für die Verwaltung dieses großen, facettenreichen Staates war eine reibungslos funktionierende Bürokratie notwendig. Die Beamten für diesen Verwaltungsapparat der Tang-Dynastie stammten hauptsächlich aus den Adelsfamilien des Landes. Zudem wurden einzelne Mitarbeiter aufgrund ihrer Leistung bei den Prüfungen der staatlichen Dienste ausgewählt. Aufnahmevorraussetzung in den Staatsdienst waren die Kenntnis der klassischen konfuzianischen Lehre sowie das Verfassen eines Aufsatzes. Durch dieses System wurde gewährleistet, dass die Staatsbeamten alle der konfuzianischen Ideologie folgten, die Ethik und Loyalität in den Mittelpunkt stellte. Die einheitliche Staatsverwaltung des Tang-Reiches verlieh der chinesischen Gesellschaft ein Maß an Zusammenhalt und Niveau, um das sie von anderen Staaten oft beneidet wurde.

Supermächte sind häufig Zentren des Wirtschaftswachstums. Dies galt ebenfalls für China unter der Tang-Dynastie. Um die ständig wachsende Bevölkerung ernähren zu können, mussten die Chinesen höhere landwirtschaftliche Erträge erzielen. Aus diesem Grund entwickelte sich die chinesische Gesellschaft zur Zeit der Tang zu einer der stärksten Agrarnationen der Welt. Die verbesserte Nahrungsmittelversorgung und schnellere Transportmöglichkeiten führten zu einer Intensivierung des Handels sowie zum Anstieg der Bevölkerungszahl, vor allem in den Städten. Unter der Tang-Dynastie entstanden in China die ersten Handwerker- und Händlergilden sowie das erste Papiergeld der Welt. Daneben brachten die chinesischen Händler häufig Luxusgüter aus Südostasien ins Land.

Religiöse Toleranz ist ein weiteres Merkmal von Supermächten. So tolerierte auch China unter der Tang-Dynastie neue Glaubensformen. In der Vergangenheit hatten sich in China verschiedene charakteristische Philosophien entwickelt, beispielsweise der Konfuzianismus und der Taoismus. Später verbreitete sich auch der Mahayana-Buddhismus, der China den Buddhisten in Zentral- und Südasien näherbrachte. Einige chinesische buddhistische Pilger reisten nach Indien; außerdem trugen die Chinesen zur Verbreitung des Mahayana-Buddhismus in Zentralasien bei und verdrängten dadurch ältere Formen des Buddhismus. Unter der Herrschaft der Tang existierten diese drei grundsätzlich verschiedenen Glaubensformen – Konfuzianismus, Taoismus und Mahayana-Buddhismus – nebeneinander und verschmolzen sogar bis zu einem gewissen Grad, was zur Entstehung einer neuen chinesischen Denkweise führte, die die kommenden Jahrhunderte prägen sollte. Der Buddhismus verlor zwar etwas an Bedeutung, blieb jedoch immer ein Teil der Volkskunst, Literatur und Religion.

Über die Seidenstraße gelangten andere, neue Religionen nach China. Dazu gehören beispielsweise der Nestorianismus, der im Westen als häretisch verfolgt wurde, sowie das Judentum, das durch jüdische Händler ins Land kam, die sich in verschiedenen Städten niederließen. Zu weiteren neuen Glaubensformen zählten der persische Zoroastrismus, der Manichäismus, eine Mischung aus Christentum und Zoroastrismus, sowie der Islam, der sich vor allem im Nordwesten Chinas durchsetzte. Viele Tang-Kaiser vertraten eine ökumenische Auffassung und tolerierten diese Religionen.

Ein weiteres Kennzeichen einer modernen Supermacht besteht im Allgemeinen in einer lebendigen Kulturszene, die über die eigenen Grenzen hinausgeht. Die Kultur der Tang, vor allem die Bereiche Literatur und Kunst, nahmen Einfluss auf Regionen, die weit entfernt von China lagen. Die Tang-Ära gilt als unbestrittene Blütezeit der chinesischen Dichtung, und Dichter wie Li Bo und Du Fu erfreuen sich in Ostasien auch heute noch großer Beliebtheit. Außerdem ist festzustellen, dass ein Großteil der berühmtesten Künstler Chinas, darunter Maler, Kalligraphen und Bildhauer, unter der Tang-Dynastie lebte und arbeitete. Diese Dynastie wurde auch für die herausragenden Werke aus Lack, die luxuriösen Brokatstoffe und reich verzierten Möbel sowie Musikinstrumente bekannt, die unter ihrer Herrschaft entstanden.

Unter der Tang-Dynastie führte China die Welt in das Reich von Wissenschaft und Technik. In dieser Zeit wurden zahlreiche bedeutende wissenschaftliche und technologische Errungenschaften, vor allem in Astronomie und Mathematik, entwickelt. Die Tang-Astronomen studierten Sonnenflecken und maßen das Sonnenjahr durch exakte Berechnungen (365 Tage). Bereits Jahrhunderte, bevor Europäer dieses Weltbild akzeptierten, sprachen die Wissenschaftler der Tang-Dynastie von der Erde als einer Kugel, die sich um die Sonne dreht. Die Chinesen waren die ersten Menschen, die das Phänomen der Sonnenfinsternis analysierten, aufzeichneten und voraussagten. Die chinesischen Techniker verbesserten das Schießpulver, das auf der Basis der Feuerwerkskörper entwickelt worden war. Außerdem verfügten die Streitkräfte der Tang-Dynastie bereits über einfache Kanonen und sogar Leuchtraketen.

Normalerweise exportieren Supermächte auch ihre technologischen Errungenschaften. Viele chinesische Erfindungen, wie z. B. das Druckerhandwerk, kamen über den Land- oder Seeweg nach Westeurasien. Das Papier war zwar schon Jahrhunderte zuvor in China erfunden worden, unter der Tang-Dynastie jedoch bildete sich die Drucktechnik mit Holzblöcken heraus. Dieser technische Durchbruch ermöglichte die Massenproduktion von buddhistischen Schriften und Texten für die Aufnahmeprüfungen in den Staatsdienst. Wissenschaftler stellten umfangreiche Enzyklopädien zusammen: So trugen sie ihr gesamtes Wissen an einem Ort zusammen und bewahrten die Weisheiten der Vergangenheit für den Nutzen nachfolgender Generationen. Durch die Druckerkunst wurde in den Städten die Vermittlung von Wissen in geschriebener Form gefördert. Um 900 florierte auch im muslimischen Spanien und in Bagdad der Handel mit Seide und Papier, das nach chinesischer Art hergestellt wurde. Die in China entwickelte Drucktechnik trug in späteren Zeiten zur Veränderung der europäischen Zivilisationen bei.

Der Einfluss der Tang-Dynastie in Korea und Japan

Lange Zeit vor und auch nach der Tang-Dynastie bildete China das kulturelle Herzstück Ostasiens und übte einen starken Einfluss auf seine Nachbarn aus, besonders auf Vietnam, Korea und Japan. Sowohl in Vietnam als auch in Korea stammte ein Großteil der höheren Zivilisation aus China, beispielsweise die Schriftsysteme, Philosophien und politische Institutionen. Die chinesische Kultur wurde an vorhandene lokale Bräuche angepasst, wobei die Vietnamesen wie auch die Koreaner sich jeweils eine eigene kulturelle Identität bewahrten. In Japan entstand sogar eine noch abweichendere Variante der ostasiatischen Zivilisation, wenngleich Japan sehr viele Elemente aus der chinesischen Kultur übernahm. Während der Tang-Dynastie erreichte der kulturelle Einfluss Chinas auf Korea und Japan allerdings seinen Höhepunkt.

Das Tang-Reich annektierte den koreanischen Staat Silla, der die chinesische Kultur und Institutionen praktisch vollständig übernahm. Der Buddhismus erlebte eine Blütezeit, und eine Reihe koreanischer Mönche reiste nach China. Das Staats- und Regierungssystem der Tang wurde zum Vorbild für andere Länder; der Konfuzianismus galt als politische Ideologie. Der Einfluss der Tang-Dynastie auf Korea äußerte sich in anderer Form. Die Koreaner passten die chinesische Schrift an ihre eigene Sprache an. Die Ursprünge von Kampfsportarten wie Karate und Taekwondo beruhen auf der chinesischen Lehre, wobei einige später in Japan eingeführt wurden. Auch nach dem 10. Jahrhundert setzte sich die bedeutende Rolle Chinas fort. In Korea wurden sogar ein ähnliches Prüfungssystem sowie konfuzianische Schulen eingerichtet. Dennoch erhielten bzw. entwickelten die Koreaner ihre eigenen sozialen Institutionen. Korea hat sich niemals auf die reine Nachahmung Chinas beschränkt.

Das chinesische Gedankengut und die aus China übernommenen Methoden trugen dazu bei, aus Japan eine dynamische, hoch entwickelte Gesellschaft zu machen. Unter der Tang-Dynastie entlehnten die Japaner über drei Jahrhunderte hinweg bewusst kulturelle Elemente aus China. Dadurch war Japan in der Lage, in der Weltgeschichte eine Rolle zu spielen. Unter Verwendung des chinesischen Schriftsystems begann Japan, seine eigene Geschichte zu dokumentieren. Schriftliche Dokumente wurden mehr und mehr im täglichen Leben vewendet. Auch die Übernahme des Buddhismus brachte ein reiches Erbe in Kunst und Architektur nach Japan. Die Umbrüche in Japan beschleunigten sich, als Prinz Naka no Oe im Jahr 645 die Taika-Reform (Große Veränderung) anordnete. Diese Reform war der Versuch, Japan in ein zentralistisches, bürokratisches Reich wie Tang-China umzuwandeln.

Die bewusste Übernahme der chinesischen Kultur durch Japan erreichte von 710 bis 794 ihren Höhepunkt. Diese Zeit ist als Nara-Periode bekannt. Sie wurde nach der ersten japanischen Hauptstadt benannt, die nach dem Vorbild der Stadt Chang’an erbaut wurde. Ländereien wurden verstaatlicht und, wie unter der Tang-Dynastie, an die Bauern verteilt. In der Realität jedoch haben die Praktiken, die in China zur Zeit der Tang so erfolgreich waren, in Japan nie wirklich funktioniert. Der japanische Kaiser konnte gar kein mächtiger Herrscher nach chinesischer Art werden, da der einflussreiche Adel die Kaiser dominierte, die Bürokratie kontrollierte und einen Großteil des Grundbesitzes unter sich aufgeteilt hatte.

Die Herrscher der Nara-Periode trugen aktiv zur Förderung der chinesischen Kultur bei. Die Japaner wurden dazu angehalten, ihre Häuser im chinesischen Stil zu erbauen und chinesische Kleidung zu tragen. Die Bräuche und Zeremonien am Kaiserhof, wie z. B. die Orchestermusik oder offizielle Tänze, die sogar in modernen Zeiten existierten, folgten zum großen Teil dem chinesischen Vorbild der Tang-Dynastie. Die chinesische Schrift gewann an Bedeutung und wurde an das gesprochene Japanisch angepasst. Die Lyrik der Tang-Zeit sowie Kalligraphie und Landschaftsmalerei erfreuten sich in Japan großer Beliebtheit. Auch philosophisches und religiöses Gedankengut aus China verbreitete sich in Japan. Die Japaner übernahmen den Konfuzianismus, passten jedoch dessen politische und ethische Aussagen an ihre eigene soziale Struktur an. Auf dieselbe Weise entlehnte und änderte Japan auch den Mahayana-Buddhismus. Gleichzeitig jedoch erhielten sich die Japaner den Shintoismus, ihre eigene Glaubensform, in welcher die Natur verehrt wurde.

Die direkte Übernahme der chinesischen Kultur durch Japan ging ab dem Jahr 794 deutlich zurück, als die japanische Hauptstadt von Nara nach Heian-kyo (heute Kyoto) verlagert wurde. Nach einigen Jahrzehnten war Japan langsam wieder in eine relativ isolierte Position zurückgekehrt. Erst im 9. Jahrhundert begannen die Japaner wieder bewusst, chinesische Elemente anzunehmen und anzupassen. Dabei versuchten sie jedoch, diese vollständig japanisch zu machen, nach dem Motto „die Lehre Chinas, der Geist Japans”. In jener Zeit erlebte die japanische Kultur eine Blütezeit, die von einem starken buddhistischen Einfluss geprägt war. Selbst während der langen Feudalherrschaft in Japan waren Aspekte aus der Tang-Dynastie in Religion, Literatur und Kunst Japans zu finden.

Niedergang und Erbe der Tang-Dynastie

Unter der Tang-Dynastie war China wirklich das Reich der Mitte. Welcher Maßstab auch angelegt wurde – China zur Zeit der Tang übertraf in jeder Hinsicht das übrige Eurasien. Der Erhalt von großen Reichen ist jedoch immer mit hohen Kosten verbunden, und auch Supermächte haben nicht ewig Bestand. Die Herrschaftszeit von Kaiser Xuanzong (Hsüan-tsung) zwischen 712 und 756 wird im Allgemeinen als Zenith der Größe und der weltweiten Vormachtstellung der Tang-Dynastie betrachtet. Nach der militärischen Niederlage der Tang gegen die Araber am Fluss Talas in der Nähe von Samarkand (im heutigen Usbekistan) im Jahr 751 begann der Niedergang der Tang-Dynastie. Diese Niederlage brachte die chinesische Expansion zum Stillstand und führte zu einem schrittweisen Rückzug sowie zur Rebellion eines Gouverneurs, der den Kaiser im Jahr 755 stürzte. Der Islam füllte einen Teil des Machtvakuums, das durch den Niedergang des Tang-Reiches entstanden war, und wurde zur beherrschenden Religion in Zentralasien. Der allmähliche Verlust des zentralasiatischen Reiches hatte schließlich den Zusammenbruch der Tang zur Folge. Aufständische Banden plünderten Chang’an, und China war für mehrere Jahrzehnte zersplittert. Auf die Tang-Dynastie folgte die Song-Dynastie, die zwar viele Erfolge verzeichnete, jedoch weniger weltweiten und regionalen Einfluss wie das Tang-Reich ausübte. Diese beiden Dynastien gelten als Glanzpunkte des Goldenen Zeitalters Chinas. Die Ming-Dynastie, die von 1368 bis 1644 dauerte, festigte die regionale Machtstellung Chinas nach dem Vorbild der Tang.

Die Zeit von 618 bis 907 kann in der Tat als chinesische Jahrhunderte bezeichnet werden, da die Tang-Dynastie in jener Zeit ein starkes Fundament für ein großes Reich schuf. Während dieser Jahrhunderte erreichte China eine Ära von unerreichter politischer, sozialer und kultureller Stabilität sowie wirtschaftlichen Wohlstand. Vom 7. bis ins 15. Jahrhundert entwickelte sich das Land weiter und wurde die reichste, am besten organisierte und bevölkerungsstärkste Zivilisation der Welt. China blieb eine Supermacht, bis die industrielle Revolution in Europa die Voraussetzungen für den Westen schuf, seine Führungsrolle von weltweiter Bedeutung anzutreten.

Zum Autor: Craig Lockard ist Professor für Geschichte in der Abteilung für Sozialen Wandel und Entwicklung an der University of Wisconsin, Green Bay. Er ist der Autor von „Dance of Life”: Popular Music and Politics in Modern Southeast Asia.

Erscheint in:

Korea; Konfuzianismus; Tang-Dynastie; Japan; China

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