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Aufstieg des Hirtentums in Eurasien

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. David Christian, Professor an der Macquarie University in Australien, beschreibt in diesem Beitrag die frühen Formen des Hirtentums, die vor etwa 6 000 Jahren in den eurasischen Steppen aufkamen.

Aufstieg des Hirtentums in Eurasien

Nomaden in der Wüste Gobi
Nomaden in der Wüste Gobi
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Im 19. Jahrhundert glaubten viele Anthropologen, dass Hirtengesellschaften, die auf der Domestizierung von Tieren zur Ernährung und für andere Zwecke beruhten, sich vor solchen landwirtschaftlichen Gesellschaften entwickelten, die vor allem auf Ackerbau basierten. Die archäologische Forschung im 20. Jahrhundert beweist jedoch, dass sich das Hirtentum später entwickelte als der Ackerbau und aus den Neuerungen bei der landwirtschaftlichen Nutzung von Haustieren abgeleitet wurde. Die Domestizierung verschiedener Tierarten durch die frühen Bauern und die effiziente Nutzung des Viehbestands waren zwei Grundvoraussetzungen für das Hirtentum. Zwischen 9000 und 6000 v. Chr. hatten Bauern in Mesopotamien, Anatolien und möglicherweise auch andernorts in Eurasien bereits Ziegen, Schafe und Rinder domestiziert. Diese frühen landwirtschaftlichen Gemeinschaften nutzten ihren Tierbestand jedoch nicht effizient. Zwar schützten und fütterten die Bauern ihre Tiere ein Leben lang, doch verwendeten die Bauern die Tiere nur einmal nach deren Schlachtung, um Fleisch und Felle zu erhalten. Die Bauern behandelten ihre Tiere im Grunde genommen wie mobile Lager für Fleisch und Felle.

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Die aufkommenden wirksameren Methoden zur Nutzung von Viehbeständen ermöglichten den Gemeinschaften, hauptsächlich von den Erzeugnissen ihrer Herden zu leben; dies führte zur Entwicklung des Hirtentums. Eine derart verbesserte Nutzung der Viehbestände findet man im 5. Jahrtausend v. Chr. in einer Ära, die der englische Historiker und Archäologe Andrew Sherrat als „Revolution der Sekundärprodukte” bezeichnet. In dieser Phase bedeutsamen Wandels ermöglichten es neue Techniken, die Sekundärprodukte der lebenden Haustiere zu nutzen: Haare, Milch, Blut und Zugkraft der Tiere. Dies bedeutete, dass jedes Tier während seiner Lebenszeit mehrere Rohstoffe hervorbrachte, wodurch sich die Produktivität des Viehhütens erhöhte. Diese gesteigerte Produktivität erlaubte es letztendlich den bäuerlichen Gemeinschaften, hauptsächlich von ihrem Viehbestand zu leben. Dadurch wurde wiederum die Besiedlung unfruchtbaren Weidelandes möglich, das sich kaum für Ackerbau, aber durchaus als Weidegebiet eignete.

Die Milch von Haustieren wurde wahrscheinlich seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. genutzt, Schafswolle wurde mit Sicherheit seit dem 3. Jahrtausend v. Chr., höchstwahrscheinlich aber noch früher, als Rohstoff verwendet. Landwirtschaftliche Gemeinschaften begannen, die Zugkraft ihrer domestizierten Tiere, wie Pferde und Kamele, zu nutzen, die sie zuvor nur wegen ihres Fleisches gejagt hatten. Die frühesten Belege für das Reiten auf Pferden finden sich für das Jahr 4000 v. Chr. Sie stammen aus der östlichen, ukrainischen Seite der Dereivka am Fluß Dnjepr, einer Gruppe zusammengehöriger Orte, die Archäologen als Sredny-Stog-Kultur bekannt ist. In der Dereivka fanden Archäologen die Überreste zahlreicher Pferde, die offensichtlich domestiziert waren. Weitere frühe Belege für das Reiten auf Pferden aus der gleichen Zeit stammen aus Baotai im nördlichen Kasachstan. Um das 3. Jahrtausend v. Chr. wurden auch Kamele im südlichen Zentralasien domestiziert. Frühe Bilder zeigen, dass diese hauptsächlich zum Ziehen von Karren eingesetzt wurden.

Insgesamt ermöglichte die Nutzung der Sekundärprodukte zum ersten Mal in der Geschichte, durch Haustiere einen Großteil der Nahrung, Bekleidung, Behausung und Zugkraft zu gewinnen, die für das Überleben ganzer Bevölkerungsgruppen erforderlich waren. Dies ermöglichte wiederum den Gemeinschaften, sich in unfruchtbaren Steppen Eurasiens anzusiedeln, in denen sie diese Verfahren benutzten, um eine Lebensweise zu entwickeln, die wir heute als Hirtentum bezeichnen.

Im Großen und Ganzen haben Historiker die Welt der Wanderhirten vernachlässigt, romantisiert oder verteufelt. Dabei gibt es zwei Hauptgründe für die unpräzisen Einschätzungen. Die Hirten selbst erstellten kaum Schriftstücke. Daher stammen die schriftlichen Nachweise über diese Völker hauptsächlich von deren Feinden in ackerbaulichen Gemeinschaften. Andererseits waren die Hirtenvölker klein, und insbesondere in den letzten Jahrhunderten scheint ihr Einfluss auf die Weltgeschichte geringer zu sein als der ackerbaulicher Zivilisationen. Es wird jedoch deutlich, dass wir die eurasische Geschichte nicht verstehen können, ohne die Beiträge der zahlreichen Hirtengemeinschaften zu erforschen. Eine Untersuchung der Entwicklung des Hirtentums in der frühen Geschichte der Menschheit zeigt, wie die Geschichte Eurasiens von Wanderhirten mit ihren Haustieren geprägt wurde.

Die Entwicklung und Ausbreitung des frühen Hirtentums

Die Hirten der Sredny-Stog-Gemeinschaften waren wahrscheinlich sesshaft. Dereivka selbst war eine Dorfgemeinschaft mit einer Fläche von circa 2 000 Quadratmetern. Die rechteckigen Holzhäuser befanden sich innerhalb eines Schutzzaunes. Die Flächen ließen sich jedoch nur schwer ackerbaulich nutzen, so dass die Menschen immer mehr von der Viehzucht abhängig wurden. Folglich vergrößerten sich die Herden, und man begann, die Tiere auf größeren Flächen weiden zu lassen. Andere frühe Hirten standen wahrscheinlich vor einer vergleichbaren Situation. Schließlich begannen zunächst einzelne Hirten und später ganze Gemeinschaften, mit ihren Herden umherzuziehen. Die Khvalynsk-Kultur im 3. Jahrtausend v. Chr. bestand östlich der Sredny-Stog-Orte; im Gegensatz zur Sredny-Stog-Kultur ist die Khvalynsk-Kultur besonders durch ihre Grabhügel oder kurgany bekannt. Da kaum Siedlungen gefunden wurden, liegt die Vermutung nahe, dass die Khvalynsk-Kultur hauptsächlich aus Wanderhirten bestand.

Diese Hirten unterhielten Handelsbeziehungen mit anderen Gemeinschaften aus Ackerbauern oder Hirten oder führten gegen diese Kriege. Die selbst in den frühesten Grabhügeln gefundenen Waffen lassen vermuten, dass Wanderhirten bisweilen andere Gemeinschaften überfielen. Die in vielen Grabstätten gefundenen Wagenräder belegen, dass um das 3. Jahrtausend v. Chr. einige Hirten ihre Haustiere als Zugtiere einsetzten, um Waren und möglicherweise ihre zeltartigen Behausungen zu transportieren. In Anbetracht aller Umstände scheint es zumindest ab 3000 v. Chr. in den Steppen der östlichen Ukraine, im südlichen Russland und im nördlichen Kasachstan viele nicht sesshafte Hirten gegeben zu haben. Die Übereinstimmungen zwischen diesen Gemeinschaften, die trotz der großen von ihnen besiedelten Flächen erkennbar sind, zeigen, dass die Hirten viel umherzogen und häufig miteinander in Kontakt traten.

Um 2000 v. Chr. finden sich auch im Osten des nordöstlichen Kasachstan und in der westlichen Mongolei Gemeinschaften von Wanderhirten. Stätten der frühesten bedeutenden Hirtenkultur in dieser Region, der Afanasevo-Kultur, reichen von der Mongolei bis ins südliche Sibirien und ins südliche Uralgebiet. Bei einigen Afanasevo-Fundstätten handelt es sich um Dörfer, aber die meisten sind Grabhügel. Dies legt den Schluss nahe, dass diese Gemeinschaften die meiste Zeit damit verbrachten, von Weidegebiet zu Weidegebiet zu ziehen. Die menschlichen und kulturellen Überreste der in Afanasevo-Grabhügeln beigesetzten Menschen lassen vermuten, dass diese aus westlicheren Gebieten einwanderten. Folglich sind die Funde ein Hinweis dafür, dass sich das Hirtentum zwischen 4000 und 2000 v. Chr. in östlicher Richtung über die Steppen ausbreitete. Da die frühen Hirten nur langsam mit ihren Schaf-, Ziegen- und Pferdeherden ostwärts zogen, brachten sie auch die indoeuropäischen Sprachen der frühen Hirtengemeinschaften mit. Daher wurden um 2000 v. Chr. die indoeuropäischen Sprachen wahrscheinlich überall in den Steppen vom Schwarzen Meer bis zur westlichen Mongolei und bis nach Sinkiang gesprochen.

Hirten im 2. Jahrtausend v. Chr.

Im 2. Jahrtausend v. Chr. breitete sich das Hirtentum noch weiter nach Osten aus. Entlang der Nordgrenzen von China begannen sesshafte Gemeinschaften, die Verfahren der Hirten in den nahe gelegenen Steppen zu übernehmen. Die Okunevo-Kultur, die in der westlichen Mongolei und im südlichen Sibirien auf die Afanasevo-Kultur folgte, war mit Sicherheit durch Hirten geprägt, doch die zugehörigen Völker scheinen aus östlicheren Gebieten zu stammen. Dies war der Beginn eines tief greifenden und kaum ergründeten Wandels des Wanderverhaltens. Von 4000 v. Chr. bis immerhin 1000 v. Chr. breiteten sich die Völker, Kulturen und Verfahren hauptsächlich von Westen nach Osten über die Steppen aus. In den späteren Jahrtausenden kehrte sich die Ausbreitungsrichtung jedoch um. In den letzten beiden Jahrtausenden brachten Völker aus dem Osten türkische und mongolische Sprachen mit; von da an dominierten diese Sprachen in den Steppen von Eurasien.

Eine zweite bemerkenswerte Entwicklung im 2. Jahrtausend v. Chr. war das Aufkommen sesshafterer Formen des Hirtentums in den Bronze-Kulturen der Steppe, die vom Schwarzen Meer bis zu den Grenzen der Mongolei und Sinkiangs reichten. In den Steppen Zentralasiens, der südlichen Ukraine und Russlands entstanden viele kleine Dörfer. Diese Dörfer waren von sesshaften Hirten bewohnt, denen große Rinderherden gehörten, die für die eher nomadischen Formen des Hirtentums weniger geeignet waren. Klimatische Änderungen, die Ackerbau in Steppen ermöglichten, könnten ebenfalls der Grund für diesen Wandel zu sesshafteren Formen des Hirtentums sein. Einwanderer von zentralasiatischen Bronze-Kulturen der Steppe drangen wahrscheinlich in der Mitte des 2. Jahrtausends in das nördliche Indien vor. Sie brachten ihr Vieh, ihre indoeuropäischen Sprachen und religiösen Traditionen mit. Im 2. Jahrtausend v. Chr. wanderten bronzezeitliche Hirten der Steppe möglicherweise auch in Nordchina und Mesopotamien ein.

Das 1. Jahrtausend v. Chr.: die skythische Ära

Mit dem Beginn der Eisenzeit um 1000 v. Chr. wandten sich viele Hirten in den eurasischen Steppen wieder weniger sesshaften und kriegerischeren Formen des Hirtentums zu. Diese Zeit war durch das klassische Hirtentum der Skythen geprägt, die an den Ufern des Schwarzen Meeres lebten. Die Skythen wurden vom griechischen Historiker Herodot beschrieben. Im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen die Hirten im eurasischen Binnenland, Komposit-Bogen zu fertigen, welche die Skythen zu todbringenden Kriegern machten. Im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. verbreiteten sich Bräuche und Arbeitsweisen über die Steppen, so dass sich ein überraschend homogenes Reiterhirtentum in Eurasien entwickelte, das Herodot in seinen Werken lebhaft beschrieb. Die Überreste dieser Wirtschaftsform finden sich auch in den erstaunlichen Eisgrabstätten von Pazyryk an der nordöstlichen Grenze der Mongolei. Zu den wesentlichen Merkmalen der Reiterhirten des 1. Jahrtausends v. Chr. gehören ein eigener künstlerischer Stil, der sich durch lebendige, graziöse und kunstvolle Tierbilder auszeichnet, der Gebrauch von Waffen aus Eisen, wie z. B. Schwertern, und die Entwicklung komplexer Rüstungen für Pferde. Die Beschreibungen dieser Gemeinschaften durch Herodot am westlichen Rand der Steppen und durch den Han-Historiker Ssu-ma Ch’ien am östlichen Rand schufen Stereotypen des Hirtenlebens, die sich teilweise bis heute gehalten haben.

Lebensstile früher Hirtengemeinschaften

Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen der Hirtengemeinschaften aus der Zeit vor dem 1. Jahrtausend v. Chr. Die Kenntnisse des frühen eurasischen Hirtentums stammen aus der Archäologie. Archäologische Funde lassen sich jedoch häufig nur schwer interpretieren. Folglich müssen zum Verständnis der frühen Hirten und ihrer Lebensweise die archäologischen Funde sorgfältig mit Kenntnissen über die Lebensweise moderner Hirten verglichen werden.

Die frühen Hirten lebten von domestizierten Tieren, und viele Hirten führten ein ausgesprochenes Nomadenleben. Das Vorhandensein von Dörfern zeigt jedoch, dass nicht alle frühen Hirten zur Nahrungssuche umherwanderten. In moderner Zeit benötigen die meisten Hirten auch einige ackerbauliche Erzeugnisse. Wenn sie sich diese nicht durch Tauschhandel gegen Erzeugnisse ihres eigenen Viehbestands beschaffen können, widmen sie sich auch dem Ackerbau. Daher betrieben höchstwahrscheinlich auch die frühen Hirten Ackerbau. Möglicherweise blieben einige Mitglieder einer Gruppe in den Zufluchtsorten für den Winter zurück und bauten Nutzpflanzen an, während die anderen im Frühjahr und Sommer in den Steppen umherwanderten. Bisweilen war jedoch, wie in vielen bronzezeitlichen Siedlungen der Steppe, ein Großteil der Gemeinschaft sesshaft, und nur einige Hirten führten die Herden zum Weiden. Im Gegensatz dazu gab es aber durchaus auch Zeiten, in denen ganze Gemeinschaften auf Wanderschaft waren, wobei diese bisweilen ihr traditionelles Weideland zurückließen und große Entfernungen überwanden.

Unsere Kenntnisse moderner Hirtengesellschaften lassen den Schluss zu, dass diese frühen Massenwanderungen durch ökologische Katastrophen oder militärische Niederlagen verursacht wurden. Darüber hinaus liegt nahe, dass diese Wanderungen häufig zu groß angelegten Überfällen und Kriegshandlungen führten, da die Hirten versuchten, neue Weideländer oder neue Herden von schwächeren Nachbarn zu erobern. Die ersten ansatzweisen Belege für derartige Wanderungsbewegungen stammen aus dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr. Auch beweisen Funde, dass einige Hirten sich über die benachbarten landwirtschaftlich genutzten Gebiete von Mesopotamien, Zentralasien, des indischen Subkontinents und Chinas verbreiteten. Einige dieser Wanderungen mögen zwar friedlich verlaufen sein, aber andere waren wahrscheinlich ebenso gewalttätig wie die Hirteninvasionen in historischen Zeiten, wie z. B. diejenigen der Mongolen unter Dschingis Khan im 13. Jahrhundert n. Chr.

Die meisten Hirtenvölker bestanden aus kleinen Gemeinschaften von Wanderhirten, deren Mitglieder keine Reichtümer anhäuften. Dies lässt sich anhand grundlegender ökologischer Prinzipien erläutern. Hirten sind hinsichtlich Nahrung, Bekleidung und Behausung hauptsächlich von tierischen Erzeugnissen abhängig. Menschen und Tiere ernähren sich von Pflanzen oder Tieren: Jede Stufe der Nahrungskette beinhaltet jedoch erheblich weniger Energie als die vorhergehende, denn es geht eine große Menge der in den Nahrungsmitteln gespeicherten Sonnenenergie beim Durchlaufen der Nahrungskette verloren. Dies bedeutet, dass Fleischesser im Vergleich zu Pflanzenessern mehr Landfläche benötigen, um ihren Energiebedarf zu decken. Das Nomadentum war der effizienteste Weg zur Ausbeutung großer Weidegebiete. Die Ansammlung vieler Güter war jedoch in Anbetracht der ständigen Wanderschaft, die das Leben der Wanderhirten prägte, kaum möglich. Daher sammelten Hirten normalerweise weniger Güter als Bauern, oder sie bevorzugten tragbare Luxusgüter wie Seidenstoffe oder Schmuck. Das Fehlen großer Lager mit Wohlstandsgütern veranlasste Geschichtsschreiber aus ackerbaulichen Gesellschaften, die Hirten fälschlicherweise als zurückgeblieben und verarmt zu beschreiben.

In Hirtengesellschaften waren die Aufgaben normalerweise geschlechterspezifisch verteilt. Frauen kümmerten sich um die Herstellung und Pflege der Zelte und waren sozusagen für den Haushalt zuständig. Außerdem fertigten sie bemerkenswert schöne Teppiche und Wandbehänge, die in den meisten Hirtengesellschaften von Eurasien anzutreffen sind. Die Frauen übernahmen aber häufig auch traditionell männliche Aufgaben, einschließlich der Kriegsführung. Herodots Legenden von weiblichen Kriegerinnen oder „Amazonen” bezogen sich wahrscheinlich auf Hirten, die nördlich des Schwarzen Meeres lebten. Darüber hinaus gibt es viele Beispiele für Frauen, die eine überaus einflussreiche politische Rolle spielten. In der Regel lagen jedoch die Politik, die Kriegsführung und die Pflege der großen Viehbestände in der Verantwortung der Männer.

Das Hirtenleben ist in mancherlei Hinsicht gefährlicher und kampfbetonter als das Leben der Ackerbauern. Die Herden können sich zwar schnell vermehren, aber sie können ebenso schnell durch Diebstahl, Krankheiten oder plötzliche klimatische Verschlechterungen, die das Weideland beeinträchtigen, dahinschwinden. Beim Verlust ihrer Herden blieb den Hirten oftmals keine andere Wahl, als sich den Viehbestand anderer Hirten anzueignen – dies ist eine Ursache dafür, dass Überfälle in jeder Ära des eurasischen Hirtentums zur Tagesordnung zählten. Tatsächlich begünstigten manche Fähigkeiten der eurasischen Hirten das Kriegshandwerk: Dazu gehörte das Reiten auf Pferden, das Zähmen von Großtieren, das Jagen mit Pfeil und Bogen und die Fähigkeit, sich auf weiten Landflächen orientieren zu können. Überfälle waren Gelegenheiten, diese Fertigkeiten weiter zu verfeinern. Häufig scheint ein Überfall in einem Teil der Steppe Auswirkungen auf ein größeres Gebiet gehabt zu haben. Krankheiten oder Kriege in einer Region konnten z. B. zu Überfällen in anderen Regionen führen, die wiederum große Kriege und Wanderungsbewegungen veranlassten. Kurz vor 100 v. Chr. beschreibt der han-chinesische Historiker Ssu-ma Ch’ien die Verbindung zwischen Hirtentum und Kriegsführung bei den Hsiung-nu-Hirten, die im Norden Chinas lebten:

Die kleinen Jungen lernen zunächst, auf Schafen zu reiten und Vögel und Ratten mit Pfeil und Bogen zu erlegen. Mit zunehmendem Alter schießen sie Füchse und Hasen, die der Ernährung dienen. Folglich können alle jungen Männer mit Pfeil und Bogen umgehen und in Kriegszeiten in der bewaffneten Reiterei dienen. In Friedenszeiten hüten sie ihre Herden und leben von der Jagd, aber in Krisenzeiten ergreifen sie die Waffen und rücken zu Raub und Plünderung aus.

Das Wesen der Hirtengesellschaften änderte sich eindeutig in Kriegszeiten. In Friedenszeiten bewegten sich kleine Gruppen von Hirten, die aus drei oder vier, manchmal bis zu 20 Haushalten bestanden, entlang der traditionellen Wanderwege. Sie trafen sich nur zu bestimmten Zeiten im Jahr mit ihren engsten Verwandten, so dass jede Gruppe relativ unabhängig war. Während dieser Zeiten war die Autorität der Clanführer nur erforderlich, um kollektive Entscheidungen bezüglich allgemeiner Fragen wie der Nutzung eines bestimmten Wanderweges, zu treffen. In Krisenzeiten waren die Hirtengesellschaften jedoch durch eine stärkere Hierarchie gekennzeichnet. Jede Gruppe musste nach Verbündeten in der Region suchen. Lokale Führer unterwarfen sich regionalen Führern, so dass sich sehr schnell Führungshierarchien entwickelten, an deren Spitze mächtige regionale Führer standen, die häufig mehrere Tausend Anhänger regierten. Diese Führer konnten beträchtlichen Reichtum und bedeutende Macht auf sich vereinigen, wie einige Hirtengräber belegen, die aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stammen.

Bisweilen vergrößerten Führer ihren Reichtum und ihre Macht, indem sie landwirtschaftliche Regionen überfielen und die Beute mit ihren Gefolgsleuten teilten. Die Autorität der Herrscher in Hirtengesellschaften war jedoch nie so stabil wie diejenige der Herrscher in ackerbaulich geprägten Gesellschaften. Nach dem Ende militärischer Krisen löste sich ihre Gefolgschaft auf, und die Gefolgsleute kehrten zu ihrem Wanderleben zurück, das weit außerhalb der Kontrolle von Führern lag. Diese Verhaltensmuster erklären, warum in der Welt des Hirtentums Hierarchien der Macht und des Reichtums schneller erstarkten und verschwanden als in der ackerbaulich geprägten Welt. Obwohl sicherlich auch vor 1000 v. Chr. militärische Allianzen in der oben beschriebenen Weise in den Steppen zustande kamen, gab es bis in die späteren Jahrhunderte des 1. Jahrtausends v. Chr. keine dauerhaften Hirtenstaaten. Die ersten Hirtenstaaten profitierten größtenteils vom Reichtum der benachbarten ackerbaulichen Staaten. Einerseits trieben sie dazu Handel mit diesen Staaten, andererseits forderten sie unter Androhung zerstörerischer Überfälle von diesen Tribut.

Trotz der prekären politischen Organisation verknüpften die Hirtengesellschaften die verschiedenen Zivilisationen der eurasischen Landmassen zu einem einzigen Netzwerk, das sich über ganz Eurasien erstreckte. Wanderhirten beförderten ihre Ideen, Lebensweisen und Erzeugnisse schnell durch die Steppen und gaben sie dann an benachbarte Gemeinschaften hinter den Grenzen weiter. Neben Lebensweisen wie dem Hirtentum selbst, der Reitkunst und der Kriegsführung mit Kampfwagen verbreiteten die Hirten verschiedene künstlerische Stile sowie Religionen und Sprachen, aber auch Krankheiten in den großen landwirtschaftlichen Zivilisationen des Mittelmeeres, des Iran, des indischen Subkontinents und Chinas. So war lange vor der Errichtung der Seidenstraße, der Handelsstraße, die in den letzten Jahrhunderten v. Chr. die mediterranen Kulturen mit den asiatischen Kulturen verband, in Eurasien ein dynamisches Handelsnetzwerk entstanden. Mit der Ausbreitung des Hirtentums während des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr. verbreiteten sich auch Ideen, Verfahren und Lebensweisen über die Steppen.

Über den Autor: David Christian ist außerordentlicher Professor für Geschichte an der Macquarie University in Sydney (Australien). Er ist u. a. Autor von History of Russia, Central Asia and Mongolia from Prehistory to the Present: Inner Eurasia from Prehistory to the Mongol Empire.

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Landwirtschaft; Nomadismus

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