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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Karen Jolly von der University of Hawaii vertritt in diesem Beitrag die Auffassung, dass viele der gesellschaftlichen und politischen Muster und Einrichtungen in Europa aus der dynamischen und lebhaften Kultur des Mittelalters hervorgegangen sind.
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| Kreuzritterburg Krak des Chevaliers |
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Wenn vom europäischen Hochmittelalter, das etwa von 1050 bis 1300 gedauert hat, die Rede ist, denken viele an Ritter in glänzenden Rüstungen, an prachtvolle Schlösser und an herrliche Kathedralen. Und häufig denkt man bei dem Wort mittelalterlich zu Unrecht an eine kulturelle Pause zwischen der griechischen bzw. römischen Antike und der Renaissance. Das Hochmittelalter war aber eine dynamische Zeit, die die europäische Identität und Entwicklung geprägt hat, teilweise auch angeregt durch die Wechselwirkungen zwischen Europa und anderen Kulturen in Eurasien und im Mittelmeerraum. Viele der gesellschaftlich-politischen Strukturen und Institutionen, die später mit der europäischen Geschichte in Verbindung gebracht wurden, bildeten sich im Hochmittelalter heraus. Auf den Britischen Inseln, in Frankreich, Deutschland, Italien, Osteuropa, auf der Iberischen Halbinsel und in Skandinavien entwickelten sich klare politische Grenzen und kulturelle Identitäten. Zwischen 1000 und 1300 trug eine Kettenreaktion von Entwicklungen in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und im politischen Leben zu neuen Tendenzen in der Religion, in der Wissenschaft, in der Literatur und in anderen Geisteswissenschaften bei – Tendenzen, die die europäische Kultur bis auf den heutigen Tag geprägt haben.
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Gebietsausweitungen, Neuerungen in der Landwirtschaft und die Entwicklung der Städte sowie des Handels brachten dem mittelalterlichen Europa einen schnellen wirtschaftlichen Wandel. Veränderungen in der Verfügbarkeit und im Konsum materieller Güter und Änderungen in der Bevölkerungsverteilung führten zu einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Beziehungen und des politischen Aufbaus. Dadurch entstanden neue, unabhängigere Gesellschaftsklassen, die miteinander konkurrierten und zusammen ein Gleichgewicht ausbildeten, so dass keine Gruppe eine absolute Vormachtstellung erringen konnte.
Die Grenzen europäischer Staaten im Mittelmeerraum, in Osteuropa und auf der Iberischen Halbinsel weiteten sich aus. Oft nahmen kriegerische Gruppen, wie z. B. die von den Wikingern abstammenden Normannen in Frankreich, die nach Sizilien gingen, solche Gebietserweiterungen vor. Eine andere Gruppe waren die Ritter des Deutschen Ordens, die deutsche Bauern nach Osten in slawisches Gebiet brachten. Die Kreuzfahrer, Ritter aus ganz Europa, folgten der Aufforderung Papst Urbans II., der im Jahr 1095 zur Befreiung des Heiligen Landes von den islamischen Türken aufrief. Bei der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch die Christen im 11. Jahrhundert (Reconquista) sorgten die nordspanischen Königreiche Aragonien, Kastilien und León für die Ausbreitung des Christentums nach Süden. Dabei wurde das Gebiet des früheren muslimischen Kalifats Córdoba mit seiner multikulturellen Bevölkerung aus Muslimen, Juden und Christen erobert.
Die Landrodung sowie neue Techniken in der Landwirtschaft führten zu einer größeren Nahrungsmittelproduktion, einem Anwachsen der Bevölkerung und größerer wirtschaftlicher Freiheit. Durch neue landwirtschaftliche Geräte, wie etwa den schweren Pflug und neue Hilfsmittel für den Einsatz von Zugtieren, konnten die Bauern die fruchtbaren, schweren Böden in Nordeuropa mit weniger Arbeitsaufwand bewirtschaften. Die Dreifelderwirtschaft trat an die Stelle der Zweifelderfruchtfolge. Dadurch konnten die Bauern statt der Hälfte jeweils zwei Drittel ihres Landes bestellen, während ein Drittel brach lag und Nährstoffe bilden konnte. Im 12. Jahrhundert trugen auch Energie erzeugende Maschinen zur Steigerung der Produktivität bei. Hierzu gehören die Windmühle und die Wassermühle, die zum Mahlen von Getreide eingesetzt wurden. Aufgrund dieser Veränderungen begannen die Europäer, sich besser zu ernähren: Sie lebten länger, und die Bevölkerung wuchs an. Durch eine gesündere Ernährung mit eisenhaltigen Hülsenfrüchten verlängerte sich die Lebenserwartung von Frauen; auch starben weniger Frauen bei der Geburt. Zwischen 1000 und 1350 verdoppelte sich die Bevölkerung Europas beinahe. In manchen Gegenden verdreifachte sie sich sogar. Mehr Nahrungsmittel und eine größere Bevölkerung bedeutete, dass mehr Menschen ihre Kräfte auf die Ausübung der neuen Handwerke und auf den Handel konzentrieren konnten anstatt auf die Nahrungsmittelproduktion.
Diese Produktivitätszunahme zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert führte zur Urbanisierung, zum Anwachsen von Marktflecken und Städten. Die Städter kauften Lebensmittel und Rohstoffe aus ländlichen Gebieten und verkauften Handwerksprodukte ortsansässiger Handwerker und aus anderen Regionen importierte Artikel. Die Städte und die Städter wurden vom grundbesitzenden Adel unabhängig und konnten aufgrund der ihnen von den Königen verliehenen Stadtrechte ihre Angelegenheiten eigenständig regeln. Münzen wurden ein bequemes Tauschmittel; es entstand eine umfassende Geldwirtschaft mit Bank-, Investitions- und Geldverleihtätigkeiten. Europäische Kaufleute und Investoren bildeten untereinander konkurrierende Handelsnetze. Die Kaufleute der älteren italienischen Stadtstaaten wie etwa Genua, Venedig und Pisa tauschten Luxusgüter aus dem Osten und aus nordafrikanischen Häfen gegen Rohstoffe aus Europa. Im 12. und 13. Jahrhundert schloss sich eine Gruppe norddeutscher Städte zur Hanse zusammen. Diese beherrschte die Handelswege entlang der Ostsee, der Nordsee und der großen Flüsse, auf denen Rohstoffe wie etwa Bauholz, Felle und Metalle transportiert wurden. So verband die Hanse Deutschland, England, die Niederlande, Skandinavien und die osteuropäischen Länder. Auch wenn die meisten Europäer immer noch in ländlichen Gebieten lebten, bestimmten zunehmend die Städte das Bild.
Die wirtschaftlichen Veränderungen durch die Zunahme des Handels und die Entstehung von Städten schufen in der mittelalterlichen Gesellschaft neue Spannungen. Diese betrafen alle Gesellschaftsschichten, Geschlechter, Volksgruppen und Religionen. Die Wechselbeziehung zwischen ländlichen und städtischen Schichten führte zur Entstehung neuer politischer Organisationen und neuer Gesetze, die einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Gesellschaftsschichten schaffen sollten.
Mit dem Wachstum der Städte brachten neue Gesellschaftsklassen wie etwa Kaufleute und Handwerker die überkommenen gesellschaftlichen Muster der mittelalterlichen Gesellschaft aus dem Gleichgewicht. In der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung wirkten in der ländlichen Gemeinschaft drei Stände zusammen: der Kriegeradel (die Ritter), die Bauern (die arbeitende Bevölkerung) und der Klerus (die Geistlichen). Diese Gemeinschaft war hierarchisch organisiert und ähnlich wie eine Familie aufgebaut. Dabei herrschte der Adlige wie ein Vater über seinen Haushalt und die Dorfbewohner. Für Städter, die ihren Lebensunterhalt durch Handwerks- oder Handelstätigkeit verdienten, galten diese Verpflichtungen und familienartigen Bande der Landbewohner nicht. Deshalb schufen sie durch die Zünfte neue gesellschaftliche Beziehungen. Die Kaufmannszünfte schützten durch die Regelung des Handels mit nicht Ortsansässigen und durch die Unterstützung, die sie ihren Mitgliedern boten, die Interessen der Stadt. Die Handwerkszünfte der Gerber, Metzger und Weber richteten Lohn- und Preiskontrollen ein und setzten Regeln für die Ausbildung und für die Mitgliedschaft in der Zunft fest. Für einige religiöse Autoren schienen die städtischen Freiheiten die überkommene hierarchische Gesellschaftsordnung zu untergraben. Andere meinten, Kaufleute seien weltlich und materialistisch, weil sie nicht selbst arbeiteten, sondern beim Kauf und Verkauf von Waren eher von der Arbeit anderer profitierten. Entgegen dieser Auffassung gaben die Zünfte auch etwas von ihrem Reichtum ab: Sie spendeten Almosen für die Armen und bauten Kirchen zum sichtbaren Zeugnis der Frömmigkeit ihrer Mitglieder.
Die Rolle der Frau im patriarchalischen Europa des Hochmittelalters zeigt die neue und größere Vielschichtigkeit der Gesellschaftsklassen. Die Rolle der Frau definierte sich für gewöhnlich in Bezug auf den Mann. Zu heiraten und Kinder zur Welt zu bringen waren die wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Funktionen der Frau. Trotzdem waren Frauen überall in der Gesellschaft aktiv und einflussreich. Adlige Frauen und Frauen aus Königshäusern übten Macht am Hofe aus und standen komplexen Haushaltungen vor. Ein Beispiel hierfür ist Blanka von Kastilien in ihrer Zeit als Regentin anstelle ihres Sohnes, König Ludwig IX. von Frankreich. Städterinnen betrieben Brauereien und Webereien und bildeten für kurze Zeit auch eigene Zünfte. Bäuerinnen übernahmen schwere manuelle Arbeiten, stellten Nahrungsmittel her und versorgten ihren Haushalt. Manche Frauen gingen von zu Hause weg, um Dienstmädchen auf einem Gutshof oder in der Stadt zu werden, wenngleich sie dort nicht viele Rechte hatten. Religiöse Frauen tauschten das weltliche Leben (Heirat und Familie) gegen ein spirituelles und geistiges Leben im Kloster. Frauen konnten zwar nicht Priester werden; als Visionärinnen, geistige Ratgeberinnen und Verfasserinnen von theologischen bzw. mystischen Schriften aber nahmen sie sehr wohl Einfluss auf die Gesellschaft. Eine solche Frau war die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179), die sich oft zu den religiösen, politischen und gesellschaftlichen Fragen ihrer Zeit äußerte.
Sowohl in der ländlichen Hierarchie als auch in der städtischen Ordnung des Mittelalters hatte jeder einen festen Platz und kannte diesen auch. Die Identität eines Menschen war untrennbar mit seiner Herkunft, seiner Klassenzugehörigkeit und seinem Glauben verbunden. Die Nichtbeachtung dieser Grenzen bedrohte die Gesellschaftsordnung. Als Reaktion auf die Bedrohung nichtchristlicher Personen wie etwa Juden, Muslime, Zigeuner und religiöse Ketzer wurden diese Gruppen durch diskriminierende Gesetze an den Rand der Gesellschaft verbannt. Der Antisemitismus oder Judenhass brachte Christen manchmal dazu, Juden als „Mörder Christi” umzubringen – so etwa, als die Kreuzfahrer 1096 durch Deutschland zogen. Aber trotz der Diskriminierung und Angst, durch die die Geschäfte und gesellschaftlichen Kontakte der Juden oft eingeschränkt waren, verfügten jüdische Gemeinschaften durch die Familie, die Synagoge und die Kontakte mit Juden innerhalb und außerhalb Europas über einen starken inneren Zusammenhalt. Die Juden spielten durch ihren Einfluss auf die mittelalterliche Wissenschaft sogar eine wesentliche Rolle in der mittelalterlichen Gesellschaft.
Trotz der rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung stabilisierten sich im Hochmittelalter die politischen Grenzen in Europa, und auf dem ganzen Kontinent entwickelten sich zentralistische Regierungen. Aufbauend auf der wirtschaftlichen Stärke der Städte und des Handels, entwickelten die einzelnen Herrscher kompetente Verwaltungen, die ihre Ländereien verwalteten, wie aus der zunehmenden Verwendung schriftlicher juristischer Dokumente zu ersehen ist. Die Macht dieser neuen Herrscher aber war durch den Druck konkurrierender gesellschaftlicher Gruppen und politischer Organisationen (z. B. Adel, Stadtbürger und Kirche) begrenzt.
Im 11. bis 13. Jahrhundert entwickelten die wachsenden Gemeinwesen stabile politische Identitäten. Normalerweise waren sie einem zentralen Herrscher unterstellt. Im England der Plantagenets, im Frankreich der Kapetinger und im Deutschland des Heiligen Römischen Reiches weitete sich die Macht des Königs aus. Inzwischen entwickelten sich auf der Iberischen Halbinsel mit den Königreichen von Kastilien und León sowie dem Königreich Portugal neue christliche Monarchien. In Skandinavien entstanden die Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden und in Osteuropa das magyarische Königreich Ungarn, die Piast-Dynastie in Polen und das Kiewer Reich in Russland. Die slawischen Völker Osteuropas wurden sowohl von Westeuropa als auch vom Byzantinischen Reich beeinflusst. So trat beispielsweise die slawische Bevölkerung Russlands unter der von Skandinaviern im 10. Jahrhundert gegründeten Kiewer Dynastie zum griechisch-orthodoxen Glauben über. Es entwickelte sich eine starke slawisch-christliche Kultur, die sogar die Eroberung durch die Mongolen im 13. Jahrhundert überdauerte.
Mittelalterliche Herrscher hatten keine uneingeschränkte Macht. Ihre Aufgabe lag eher in der Entwicklung langfristiger Beziehungen zum Adel, zu den Städten und zur Kirche. Auch wenn die Könige ihre Macht zentralisierten, legten neue Vertretungskörperschaften, wie etwa das englische Parlament und die französischen Generalstände, die Grundlagen für das Regieren mit Zustimmung des Volkes. So schuf Heinrich I. von England, der von 1100 bis 1135 regierte, im Exchequer (dem Schatzamt) ein wirksames System zur Kontrolle der Regierung. Das Exchequer verwaltete die Einnahmen und Ausgaben des Staats. Heinrich II., der von 1154 bis 1189 regierende Enkel Heinrichs I., trug zur Entwicklung des englischen Gewohnheitsrechts bei, das im ganzen Königreich galt. Der von 1199 bis 1216 regierende König Johann wurde von seinen Baronen gezwungen, 1215 die Magna Charta zu unterzeichnen, was ein erster Schritt zur konstitutionellen Monarchie in England war.
Häufige Konflikte zwischen diesen konkurrierenden Machtgruppen gaben Anlass zu neuen politischen Theorien und neuen Gesetzen. So stritten sich im 11. Jahrhundert während des Investiturstreits Päpste und weltliche Herrscher darum, wer die Bischöfe einsetzen dürfe. Während europäische Kirchenführer eine systematischere Kontrolle über ihre Kirchen entwickelten, versuchten Reformer, die örtlichen Kirchen der Kontrolle durch weltliche Adlige und Könige zu entziehen. Die europäischen Könige waren gewohnt, Erzbischöfe und Bischöfe ihrer Wahl einzusetzen. Denn diese Männer, die normalerweise aus Adelsfamilien stammten, nahmen ihr Amt im Sinne des jeweiligen Königs wahr. Als Gregor VII., der von 1073 bis 1085 Papst war, der Ernennung eines Bischofs durch den deutschen Kaiser Heinrich IV. widersprach, löste er damit eine lange Auseinandersetzung über das Verhältnis von Kirche und Staat aus. Spätere Päpste wie der energische Innozenz III., der von 1198 bis 1216 Papst war, wendeten die gleichen bürokratischen Mechanismen wie weltliche Herrscher an und entwickelten juristische Theorien, die die Kirche vom weltlichen Einfluss befreien sollten. Auch wenn dies letztendlich scheiterte, trugen die von beiden Seiten vorgebrachten Argumente dazu bei, die Grenzen politischer Macht für die Kirche und für die weltliche Regierung festzulegen.
Spannungen in der mittelalterlichen Gesellschaft und Politik führten zum Aufkommen neuer Vorstellungen etwa über Glauben und Vernunft, die zum Teil in den neuen Universitäten diskutiert wurden. Sie führten auch zur Entstehung neuer religiöser Orden und neuer Formen der Geistigkeit. Während der Auseinandersetzung zwischen der Amtskirche und zahlreichen „ketzerischen” Lehren kamen in der Volksreligion neue Ideen und Vorstellungen auf. Der Einfluss jüdischer und islamischer Wissenschaftler, die Entstehung einer gebildeten Schicht von Berufsgelehrten und die Zunahme der des Lesens mächtigen Menschen in den Städten trug auch zu diesem kulturellen und geistigen Entwicklungsprozess in Europa bei.
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in den wichtigsten europäischen Städten Universitäten, in denen die sieben Fächer Grammatik, Rhetorik, Logik, Astronomie, Geometrie, Arithmetik und Musik gelehrt wurden. Diese Ausbildung wurde zu einem wichtigen Karrieresprungbrett. Universitäten, an denen die höher angesehenen Disziplinen gelehrt wurden (Recht in Bologna, Medizin in Salerno und Theologie und Philosophie in Paris) wurden Zentren reger intellektueller Diskussionen. Die Scholastik, eine philosophische Strömung aus dem 12. Jahrhundert, entwickelte neue Systeme der Logik, die auf der Wiederentdeckung des Aristoteles in islamischen und jüdischen Quellen beruhten. Die Gelehrten diskutierten darüber, wie der Mensch die Wahrheit erkennen könne – ob man durch den Glauben oder durch Verstand und Wissenschaft bzw. durch eine Kombination von beidem zur Erkenntnis der Wahrheit gelange. Keiner dieser Gelehrten allerdings stellte die christliche Wahrheit der Bibel in Abrede. Einige, so auch Anselm von Canterbury, stellten den Glauben ausdrücklich über die Vernunft; andere hingegen, wie etwa Peter Abelard, verfuhren umgekehrt. Der große Dominikanerphilosoph des 13. Jahrhunderts, Thomas von Aquin, stellte eine bestechende Synthese zwischen Glauben und Vernunft her. Dagegen warf eine Gruppe von Philosophen, die Nominalisten, die Frage auf, ob sich die Wirklichkeit mit den Mitteln der Sprache überhaupt zutreffend beschreiben lasse. Diese Fragestellungen über die Natur des Wissens trugen zur wissenschaftlichen Forschung bei, wie sie sich in den experimentellen Theorien des englischen Wissenschaftlers und Philosophen Roger Bacon (1214-1294) zeigt.
Inzwischen suchten viele Menschen eine spirituellere, ganzheitlichere Erfahrung der Welt als die, die ihnen der Verstand oder die üblichen Kirchenrituale boten. Visionäre und Reformer gründeten neue Orden (z. B. die Zisterzienser, Franziskaner und Dominikaner). Der heilige Franz von Assisi lehnte den städtischen Materialismus seiner Eltern und seiner Kirche ab. Er gründete einen von der Kirche anerkannten Bettelorden – den Franziskanerorden für Männer und die Schwesterngemeinschaften der Klarissinnen für Frauen. Viele religiöse Denker des 13. Jahrhunderts waren von der frühchristlichen Philosophie des Neuplatonismus beeinflusst, einer Verbindung der Ideale Platos mit dem christlichen Mystizismus. Unter diesem Einfluss lehnten sie die eher vernunftmäßige Begründung der Religion durch die aristotelische Philosophie ab und glaubten, dass die göttliche Offenbarung am besten durch die Erfahrung verstanden werden könne. Der im Jahr 1153 verstorbene Zisterzienser Bernhard von Clairvaux befürchtete, dass die scholastische Logik Abelards das wahre spirituelle Verständnis abtöten werde. Später entwickelte der Franziskaner Bonaventura (1221-1274) eine mystische Philosophie, die die Christen zu der Kontemplation des idealen Reichs Gottes führen sollte.
Auch in der Volksreligion spiegelte sich dieser gesellschaftliche und religiöse Entwicklungsprozess wider. Die meisten Menschen im Europa des Mittelalters waren durch die Taufe unmittelbar nach der Geburt Christen geworden und nahmen ihr ganzes Leben lang an kirchlichen Ritualen teil. Sie taten Buße für ihre Sünden, gingen zur Messe und nahmen an Pilgerfahrten zu heiligen Stätten teil, an denen Reliquien von Heiligen beigesetzt waren. In den Städten begannen Laien, als Gegengewicht zum Materialismus ihres Stadtlebens eine intensive religiöse Erfahrung zu suchen. Viele zog es zu neuen religiösen Bewegungen, welche nicht alle die Zustimmung der Kirche fanden. Dies führte zu Konflikten zwischen den von der Amtskirche gelehrten und den als ketzerisch gebrandmarkten Glaubensauffassungen bzw. Praktiken, die von der Kirche als Irrlehren verdammt und als Gefahr für das Christentum angesehen wurden. Ebenso wie die religiösen Orden betonten auch die ketzerischen Glaubensgemeinschaften wie etwa die Katharer (auch als Albigenser bekannt) oder die Waldenser das spirituelle Leben. Sie kritisierten aber auch den Materialismus der Kirche und forderten deren Autorität heraus. So verurteilten die Katharer jede Form des materiellen Besitzes und sahen keine Notwendigkeit für Priester. Von den Kirchenführern wurden sie als Ketzer verdammt. Gleichzeitig führten weltliche Herrscher, die örtliche Aufstände unterdrücken wollten, einen militärischen Kreuzzug gegen die Katharer, um deren Hochburgen in Südfrankreich zu zerstören. Die Kirche, deren Lehre und Ordnung durch diese Gruppen bedroht war, bestimmte Prediger, etwa aus den Reihen der Franziskaner, die die „wahre” Lehre predigen sollten. Es wurden auch Inquisitoren eingesetzt, die Ketzer ausfindig machen und sie ihrer Strafe zuführen sollten.
Die Wachstumsprozesse in der städtischen Gesellschaft, die geistigen Neuerungen und die Spannung zwischen Spiritualität und Ordnung in der Kirche – dies alles trug zur Entwicklung neuer kreativer Stilrichtungen in Literatur, Malerei, Bildhauerei, Architektur und Musik bei. Der Handel und die auf dem Geldverkehr beruhende Wirtschaft in Europa förderten diese Kreativität, wie sich in der Übernahme ausländischer Stile und Materialien, in der Förderung der Kunst durch den Adel und in den Spenden von Handwerks- und Kaufmannszünften für den Bau gewaltiger Kirchen zeigte.
Im mittelalterlichen Europa ging das Analphabetentum zurück – vor allem unter der städtischen Bevölkerung, die mehr Zeit zum Lesen hatte. Zwar waren immer noch die meisten Bücher in lateinischer Sprache geschrieben, die als die dominierende Sprache des Lernens galt. Aber es wurden immer mehr Bücher in Landessprachen wie Englisch, Französisch und Deutsch verfasst. Aus dieser einheimischen Literatur entwickelten sich neue Stile und Gattungen. An den Höfen führten Troubadoure ihre lyrischen Gedichte vor, in denen die unschuldige Liebe (Minne) zwischen Rittern und Edelfrauen besungen wurde. Epische Erzählungen von ritterlichem Heldenmut wie etwa Beowulf machten Ritterromanen Platz, die höfische Liebe und Ritterlichkeit verherrlichten. Ein Beispiel hierfür sind Artus-Erzählungen wie The Quest of the Holy Grail und Sir Gawain and the Green Knight. Die beliebten Tierfabeln betonten oft die Tugenden und die Schlauheit der einfachen Leute. Geoffrey Chaucers Canterbury Tales fanden bei allen Gesellschaftsschichten Anklang. Religiöse Bücher (Gebete, Hagiographien und Wundergeschichten) waren für fromme Leser – zunehmend Frauen – interessant. Diese Handschriften wurden von Kopisten mühsam mit der Feder oder Rohrfeder auf Pergament aus Tierhäuten geschrieben. Kostbare Handschriften waren mit Illustrationen in Gold und in leuchtenden Farben versehen – ganzseitigen Darstellungen von Christus und von Heiligen oder verschlungenen Ranken, Pflanzen und Fabeltieren, die die Ränder zierten.
Auch in Malerei und Bildhauerei, bei Metallarbeiten, in der Buntglastechnik und in der Architektur veränderten sich die Stile. Das gleiche gilt für die darstellende Kunst wie etwa die Musik und die Schauspielkunst. Gefördert von kirchlichen und weltlichen Gönnern und beeinflusst von der islamischen und byzantinischen Kultur, entwickelte sich im 11. und 12. Jahrhundert der romanische Stil. Typisch für die romanische Architektur waren massive, imposante Kathedralen mit Rundbögen und phantastischen Skulpturen. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden mit dem gotischen Stil technische Neuerungen eingeführt und der emotionale Ausdruck stärker betont. Dank der Spitzbögen, Gewölberippen und Strebepfeiler der gotischen Kathedralen wie etwa Notre Dame in Paris konnten die Ingenieure höhere und leichtere Wände bauen. Buntglasfenster tauchten den Innenraum in ein himmlisches Licht. An den Außenfassaden der gotischen Kathedralen stellten kleine, schlanke Statuen von Ruhe ausstrahlenden Heiligen ein idealisiertes Menschenbild dar. In der Gotik wurden nicht nur die Architektur, sondern auch die Musik und die Notenschrift komplexer. Die Melodien des einstimmigen gregorianischen Gesangs, der Instrumentaltanzstücke und der Troubadourballaden entwickelten sich zu einer komplexeren mehrstimmigen Musik, in der mehrere Sing- oder Instrumentalstimmen miteinander verwoben waren. Musik war im mittelalterlichen Leben ein wesentliches Mittel, Gefühle auszudrücken. Die musikalische Bandbreite reichte bei der weltlichen Musik von höfischer Lyrik und lebhafter Tanzmusik bis hin zu Trinkliedern in Schänken. Das Spektrum religiöser Musik umspannte gesungene Messen ebenso wie Mysterienspiele, in denen biblische Geschichten in Szene gesetzt wurden. Vieles von der Kunst aus jener Zeit genießt noch heute Bewunderung.
Das Mittelalter war durch eine Diversifizierung und ein Wachstum der Wirtschaft und Gesellschaft sowie durch die sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Spannungen und politischen und religiösen Konflikte gekennzeichnet. Diese Entwicklungen führten auch zu kreativen neuen Ansätzen im künstlerischen Ausdruck, in der Rechtstheorie und in der Philosophie. Die dynamische, lebendige Kultur, die aus der mittelalterlichen Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Religion, Wissenschaft und Kunst hervorging, brachte Europa auf die Weltbühne.
Zur Autorin: Karen Jolly ist außerordentliche Professorin für Geschichte an der University of Hawaii in Manoa. Sie ist Herausgeberin von Tradition and Diversity: European Christianity in a World Context to 1500 und Autorin von Popular Religion in Late Saxon England: Elf Charms in C.
Erscheint in:
Landwirtschaft; Christentum; Mittelalter; Europa; Zunft; Stadt
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