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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Ian Campbell, Professor an der University of Canterbury (Neuseeland), erörtert in diesem Beitrag eines der größten Geheimnisse der Archäologie und Anthropologie: die Besiedlung einer der abgelegensten Regionen der Erde durch die Polynesier. Der Autor schildert, wie Wissenschaftler Mittel und Wege fanden, dieses Mysterium zu entschlüsseln, und beschreibt eine der größten Völkerwanderungen in der Menschheitsgeschichte.
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Befände sich ein Betrachter in einem Satelliten auf einer Umlaufbahn über der Mitte des Pazifischen Ozeans, so würde sein Blick nach unten eine Hemisphäre erfassen, die beinahe ausschließlich aus Wasser besteht. Die Kontinentalränder Amerikas und Asiens bildeten den spärlichen Rand dieser Halbkugel, und die im Ozean verstreut liegenden Inseln erschienen wie winzige, unendlich weit voneinander entfernte Pünktchen. Die Inseln in der östlichen Hälfte des Ozeans sind die isoliertesten bewohnten Orte auf dem ganzen Planeten, aber sie wurden alle von Menschen entdeckt und besiedelt, die weder Metall noch Kleidung besaßen, keine Schrift beherrschten und keinerlei fortschrittliche Navigationsinstrumente kannten. Seit jeher heißen diese Menschen Polynesier, ein Name, der von zwei Wörtern der griechischen Antike abgeleitet wurde, die „viele Inseln” bedeuten.
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Die Existenz dieses so verstreut lebenden Volkes gab bereits den frühen europäischen Entdeckern des Pazifischen Ozeans Rätsel auf. Die Ähnlichkeiten der Sprachen, Kulturen und Körpergestalten dieser Insulaner zeigten deutlich, dass sie ein und demselben Volk angehörten. Weit weniger schlüssig war die Frage, woher und vor allem wie sie hierher gekommen waren. Einige der Polynesier (besonders die Tahitianer, Hawaiianer und Tonganer) waren erfahrene und fähige Seeleute mit seetüchtigen Schiffen von beachtlicher Größe, die auf zwei Rümpfen lagen. Manche dieser Schiffe waren mehr als 30 Meter lang. Die Navigationskunst jedoch, die für eine Besiedlung von Inseln, die Hunderte, in manchen Fällen sogar Tausende Kilometer von einander entfernt liegen, erforderlich gewesen wäre, schien auch über die maritimen Kenntnisse dieser Menschen weit hinauszugehen. Da die Seefahrer weder über Karten noch über Navigationsinstrumente verfügten, nahmen die europäischen Entdecker zunächst an, dass die Inseln zufällig besiedelt wurden: durch Fischer, die Schiffbruch erlitten hatten oder – Wind und Wellen hilflos ausgeliefert – vom Sturm angetrieben worden waren.
In den tropischen Breiten verlaufen die vorherrschenden Winde und Strömungen des Pazifischen Ozeans von Ost nach West. Diese geographischen Fakten scheinen auf ein Ursprungsland irgendwo an der Pazifikküste Südamerikas hinzudeuten. Andererseits enthalten die polynesischen Sprachen viele Wörter, die auf eine Verwandtschaft mit den südostasiatischen, insbesondere den malaiischen Sprachen schließen lassen: Zwar sind Wortstämme oder Bedeutungen nicht identisch, aber doch häufig sehr ähnlich. Die Geographie stand also im Widerspruch zur Ethnologie. Das Volk musste offensichtlich aus dem im Westen gelegenen Asien kommen. Dafür hätte es sich aber entgegen den vorherrschenden Winden und Strömungen bewegen müssen. Ein westlicher Ursprung hätte folglich eine größere Navigationskunst vorausgesetzt, als man sich vorstellen konnte.
Und es gab noch ein weiteres Rätsel: Die polynesischen Inseln grenzen nicht an Asien. Die dichter an Asien liegenden Archipele (Inselgruppen) werden von einer anderen Volksgruppe besiedelt, welche die Europäer Melanesier („schwarze Insulaner”) nennen. Vielleicht wanderten die Polynesier ostwärts, gefolgt von den Melanesiern, die dann auf den näher am Festland gelegenen Inseln blieben. Aber auch das wird durch die Ethnographie widerlegt. Das Volk der Melanesier besteht aus Tausenden unterschiedlicher Gruppen, die ungefähr 1 300 verschiedene Sprachen sprechen (etwa ein Viertel aller weltweit existierenden Sprachen) und eine außergewöhnliche Vielfalt an Kulturen aufweisen. Sie haben für gewöhnlich eine wesentlich dunklere Haut als die Menschen in Ost- oder Südostasien oder anderen Gebieten Ozeaniens. Außerdem unterscheiden sich die melanesischen Kulturen untereinander so stark, dass die Besiedlung der Inseln über einen extrem langen Zeitraum erfolgt sein müsste. Die polynesischen Inseln hingegen weisen, obwohl sie sehr weit voneinander entfernt liegen, erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Folglich kann man davon ausgehen, dass die Verbreitung der Polynesier erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit erfolgte, wodurch sich keine Abweichungen innerhalb der Kulturen herausbilden konnten. Daraus ergab sich die Frage, wie diese erst jüngst aus Asien abgewanderten Menschen Inseln überwinden konnten, die Tausende Kilometer voneinander entfernt lagen und bereits besiedelt waren – in einigen Fällen von aggressiven, kriegerischen Völkern –, ohne von diesen Völkern eingenommen oder getötet zu werden. Außerdem fand niemand eine Erklärung dafür, wie sie die Winde und Strömungen überwinden konnten.
Eine der möglichen Theorien besagt, dass die Polynesier durch oder um Melanesien herum zogen. Sie bewegten sich schnell und hoch organisiert, entweder in Form einer Flotte oder als relativ geschlossene Welle. Von dieser Annahme gehen Theoretiker aus, die sich mehr von romantischen als von wissenschaftlich fundierten Vorstellungen leiten lassen. Eine andere und wahrscheinlichere Theorie geht von einer alternativen Route aus, die durch ein drittes Inselgebiet nördlich des Äquators und nördlich Melanesiens geführt haben soll, durch Mikronesien (die „kleinen Inseln”). Einerseits weisen die Einwohner Mikronesiens etliche kulturelle und physische Gemeinsamkeiten mit den Polynesiern auf, andererseits kennen die Polynesier aber bedeutende Nutzpflanzen, Haustiere und bestimmte kulturelle Gegenstände, die eindeutig aus Melanesien stammen. Wären die Polynesier durch Mikronesien gezogen, hätten sie unmöglich von diesen melanesischen Praktiken Kenntnis erlangen können. Daher kann die Theorie der melanesischen Wanderroute nicht ohne weiteres außer Acht gelassen werden.
An diesem Punkt stagnierten die Erklärungen hinsichtlich des Ursprungs der Polynesier mehr als ein Jahrhundert. Das Problem schien unlösbar, weil allen glaubwürdigen Theorien ebenso logische Beweise für das Gegenteil gegenüberstanden. Die Untersuchungsmethode basierte auf ethnographischen Erkenntnissen, d. h., man sammelte kulturelle Fakten von unterschiedlichen Orten und verglich diese mit Daten anderer Fundstätten. Je mehr und je größere Ähnlichkeiten auftraten, umso größer war die Wahrscheinlichkeit eines gemeinsamen Ursprungs und einer gemeinsamen Geschichte. Obwohl diese Methode auch weiterhin die Theorie einer asiatischen Abstammung der Polynesier untermauerte, brachte sie dennoch keine neuen Erkenntnisse in Bezug auf die Frage nach der melanesischen Blockade oder den verwirrenden botanischen Beweisen. Außerdem fand sie keine Erklärung dafür, wie diese Menschen so große Meeresflächen entgegen den vorherrschenden Winden und Strömungen ohne moderne Navigationstechnik überqueren konnten.
Der norwegische Wissenschaftler Thor Heyerdahl unternahm einen der ersten Versuche, dieses Rätsel zu lösen. Er belebte die Theorie des südamerikanischen Ursprungs wieder. Wie andere Anthropologen legte auch Heyerdahl sowohl ethnographische als auch botanische Beweise zugrunde. Er spürte im Osten Polynesiens Legenden auf, die von einer Einwanderung aus östlicher Richtung erzählten. Und er stellte fest, dass die wichtigste Nahrungspflanze, die Batate (kumara oder kumala), zweifelsfrei aus Peru stammte, wo sie mit einem verwandten Wort (cumar) bezeichnet wird. Auch andere botanische Funde unterstützten die Möglichkeit einer Verbindung zu Amerika. Außerdem berichteten die Aufzeichnungen früher spanischer Kolonisten in Peru von Ländern im Westen und von Reisen in diese Länder auf großen Flößen aus Balsabaumstämmen. Die gewaltigen Statuen und steinernen Plattformen der Osterinsel westlich von Chile weisen eine verblüffende Ähnlichkeit mit südamerikanischen Stilrichtungen auf. Obwohl Heyerdahl in Bezug auf die Steinarbeiten widerlegt worden ist, stützen seine anderen Beweise nach wie vor die Theorie, dass im Altertum eine Verbindung zwischen Polynesien und Südamerika existierte. Dass Wind und Strömungen diese Reisen auch ohne Navigationsinstrumente ermöglichten, bestätigte er mit seiner berühmten Expedition, als er 1947 mit der Kon Tiki, einem Balsafloß, von Peru in Südamerika nach Polynesien segelte.
Trotzdem musste Heyerdahl eine Erklärung für die sprachlichen Ähnlichkeiten mit Südostasien und für die anderen kulturellen oder botanischen Beweise finden, die auf einen asiatischen Ursprung hinweisen. Er ging davon aus, dass diese Gegenstände in einem riesigen Kreislauf nach Polynesien gelangten. Beginnend in Südostasien – und wiederum mit den vorherrschenden Winden und Strömungen –, bewegte sich diese Völkerwanderungswelle an Japan vorbei über den nördlichen Pazifik nach Alaska und weiter entlang der nordamerikanischen Küste bis zum heutigen British Columbia, südwestwärts nach Hawaii und von dort auf die übrigen polynesischen Inseln. Folglich seien die Polynesier, so folgerte er, eine gemischte Bevölkerung asiatischen und südamerikanischen Ursprungs. Diese Theorie erklärte auch die auffälligen Parallelen zwischen den Kulturen Polynesiens und British Columbias. Heyerdahl begründete damit außerdem viele der ansonsten unerklärlichen kulturellen Anomalien. Aber die Theorie der nördlichen Pazifikroute stützte sich auf eine nur schwache Argumentation.
Heyerdahls Ideen fanden in der breiten Öffentlichkeit mehr Anerkennung als in wissenschaftlichen Fachkreisen. Sein grundlegender Beweis für eine Verbindung nach Südamerika war jedoch unbestreitbar. 1955 vertiefte Heyerdahl seine Untersuchungen und begann mit ernsthaften archäologischen Ausgrabungen auf der Osterinsel. Andere Experten hatten dies als nicht lohnend abgetan. Durch die Ausgrabungen gab er seine Migrationstheorie auf, da diese eine durchgängige polynesische Kultur in der gesamten Geschichte der Osterinsel bestätigten. Wenn es Auswanderungswellen von Asien und Südamerika auf die Insel gegeben hätte, dann hätten sich im Lauf der Geschichte mit fast absoluter Sicherheit unterschiedliche kulturelle Traditionen entwickelt. Und dennoch ist das Vorhandensein der Batate auf der Osterinsel und in ganz Polynesien als Beweis dafür anzusehen, dass entweder Polynesier zu früheren Zeiten Südamerika erreichten und von dort diese und andere Pflanzen mit zurückbrachten, oder dass die ursprünglichen Bewohner Südamerikas nach Polynesien gelangten. Niemand weiß, was wirklich geschah. Fest steht nur, dass es sich hierbei um eine außergewöhnliche Navigations- und Kolonisationsleistung handelt.
Mittlerweile begann ein weiterer Wissenschaftler mit Ausgrabungen, durch deren Ergebnis Heyerdahls Theorie verworfen wurde. Kenneth P. Emory vom Bishop Museum in Honolulu auf Hawaii unternahm 1950 im Rahmen des Unterrichtsprogramms der University of Hawaii Ausgrabungen, bei denen Studenten archäologische Techniken erlernen sollten. Völlig unerwartet entdeckte er eine Reihe von Werkzeugen, die älter als tausend Jahre sein mussten. Festgestellte Ähnlichkeiten mit Werkzeugen anderer Fundstätten deuteten auf historische Beziehungen zwischen verschiedenen Orten hin. Emory studierte auch die verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen den verschiedenen polynesischen Sprachen. Dank der neuen Beweise, die er in einem revolutionären Artikel unter dem Titel Die Ursprünge der Hawaiianer 1959 veröffentlichte, stellte er das hartnäckige „Polynesische Problem” auf den Kopf.
Emory wies darauf hin, dass vermutlich die Differenzen zwischen den Melanesiern und Polynesiern die Gelehrten zu der irreführenden Annahme verleitet hätten, sie seien schon immer so verschieden gewesen. Stattdessen, so argumentierte er, seien die Polynesier selbst melanesischer Abstammung, also kein Volk, das durch oder um Melanesien herum gewandert sei. Nachdem sie den Zentralpazifik – Tonga, Samoa und Fidschi – erreicht hatten, wurden sie von den Inseln im Westen isoliert. In dieser Isolation entwickelten sich ihre Kultur und ihr körperliches Erscheinungsbild vollkommen eigenständig. Später spalteten sich verschiedene Gruppierungen ab und breiteten sich im östlichen Pazifikraum relativ schnell und erst vor vergleichsweise kurzer Zeit aus. Daher bewahrten sie auch ihre kulturellen Ähnlichkeiten, während sie gleichzeitig flächenmäßig die größte Verteilung erreichten, die je bei einer einzelnen Zivilisation in der Geschichte der Menschheit nachgewiesen wurde. Folglich wanderten die Polynesier nicht von irgendwoher als polynesisches Volk ein, sondern sie entwickelten sich erst nach ihrer Ankunft (ursprünglich aus Asien über Melanesien kommend) in Polynesien zu Polynesiern.
Vier Jahrzehnte intensiver Forschung untermauerten Emorys kühne und ungewöhnliche Idee. Man fand heraus, dass ein bestimmter Typ Keramik – die so genannte Lapita, die nach ihrer Fundstätte auf der melanesischen Insel Neukaledonien benannt wurde – von Neuguinea bis Tonga weit verbreitet war, und folglich die historischen Wurzeln der polynesischen Kultur auf den Inseln Melanesiens zu finden waren. Dies bestätigte aber zugleich die alte Theorie, die man so viele Jahre außer Acht gelassen hatte, dass nämlich die Vorfahren der Polynesier aus dem Osten oder Südosten Asiens kommend auf einer bereits besiedelten Inselgruppe im Westpazifik gelandet waren. Von dort aus verbreiteten sie sich schnell, wenn auch nur in geringer Zahl, auf die weit im Osten gelegenen Inseln wie Fidschi, Tonga und Samoa. Dort, wo ein enger Kontakt zur früheren papuanischen Bevölkerung entstand, mischten sie sich mit dieser, und es bildete sich ein Schmelztiegel der vielfältigsten Kulturen, wie man ihn heute in Melanesien findet.
Auch die Ähnlichkeiten in den einzelnen Sprachen unterstützten die Richtigkeit dieser Theorie. Die Sprachen vieler melanesischer Kulturen (besonders die der Küstengebiete) gehören zur austronesischen Sprachgruppe (Austronesien bedeutet „südliche Inseln”). Diese Sprachen sind mit den polynesischen verwandt, da sie sich alle aus der Sprache der Einwanderer entwickelten, welche die berühmten Keramiken schufen. Andere Melanesier sprechen verschiedene, wesentlich ältere Sprachen, die als nichtaustronesischen Sprachen zusammengefasst werden. Zwischen ihnen gibt es derart viele Differenzen, dass niemand genau sagen kann, ob sie alle einen gemeinsamen Ursprung haben. Zu den austronesischen Sprachen gehören nicht nur Hunderte von melanesischen und polynesischen Sprachen, sondern auch die Sprachen Mikronesiens, die meisten Sprachen des Malaiischen Archipels sowie etliche Sprachen auf dem südostasiatischen Festland bis hin zu den Sprachen des entfernten Madagaskars am westlichen Rand des Indischen Ozeans vor der Küste Afrikas.
Komplexe Untersuchungen menschlicher Gene haben vor kurzem die linguistischen Beweise der polynesisch-melanesisch-asiatischen Verwandtschaft bestätigt. Auch die Mikronesier stammen von den ursprünglichen austronesischen Muttersprachlern ab. Die Archäologen haben mittlerweile ebenfalls umfangreiches Wissen zur Kultur der Polynesier, die als Lapita-Kultur bezeichnet wird, beigetragen und eine Chronologie der polynesischen Völkerwanderungen erstellt.
Als Erste erreichten die Papua aus Neuguinea vor circa 40 000 Jahren die Inselgruppe der Salomonen. Bis vor 4 000 Jahren blieb dies die Grenze der menschlichen Kolonisation in Ozeanien. Ungefähr zu dieser Zeit kamen Einwanderer aus Ost- oder Südostasien, welche die Keramikkunst verbreiteten und sich über austronesische Sprachen verständigten. Sie verfügten über seetüchtige Schiffe, die allen bisher bekannten weit überlegen waren. In nur wenigen hundert Jahren verbreiteten sie sich über die Küstengebiete Neuguineas, der Salomonen, Vanuatus und Neukaledoniens. Andere, die sich entweder von dieser Bewegung abspalteten oder direkt aus Asien kamen (oder eine Mischung aus beiden), gelangten auf die Inseln Mikronesiens und nördlich von Neuguinea. Vor ungefähr 3 500 Jahren überquerte das Lapita-Volk (so genannt wegen seiner Keramik) das weite Meer zwischen Vanuatu und Fidschi und siedelte sich in kleinen Gruppen auf Fidschi, Samoa und Tonga an. Etwa tausend Jahre oder ein wenig länger stagnierte die Migration, und die einzelnen Kolonien entwickelten ihre charakteristischen Kulturen. Dann begann aus unbekannten Gründen eine neue Auswanderungswelle, die bis hin zu den Inseln im Osten Polynesiens reichte. Die meisten Archäologen stimmen darin überein, dass die Hauptinseln innerhalb eines Zeitraums von nur wenigen hundert Jahren entdeckt und besiedelt wurden. Uneinig ist man sich jedoch über den Zeitpunkt, d. h., ob diese Wanderung in den letzten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends n. Chr. oder früher einsetzte. Die ersten datierbaren Zeugnisse fand man auf den Marquesas-Inseln. Sie weisen auf eine Besiedlung um 300 v. Chr. hin, aber auch diese Datierung ist umstritten.
Eine der ersten Inseln, die im Osten Polynesiens besiedelt wurden, war die Osterinsel. Dann folgte Hawaii, aber auch hier ist der Zeitpunkt nicht eindeutig nachweisbar. Hawaii ist mindestens seit 1 000 Jahren besiedelt, möglicherweise aber auch schon seit 2 000 Jahren. Ähnliche Zweifel gibt es in Bezug auf Neuseeland im äußersten Süden Polynesiens. Sicher ist, dass Polynesier im 13. Jahrhundert n. Chr. auf Neuseeland lebten. Es gibt aber auch Stimmen, die diese Besiedlung bereits auf das 9. Jahrhundert n. Chr. zurückdatieren, und manche Archäologen gehen sogar von einer noch früheren Epoche aus. Eindeutige Beweise gibt es dafür jedoch nicht. Ob nun zu dieser oder einer anderen Zeit – fest steht, dass innerhalb des Gebiets, das heute das polynesische Dreieck genannt wird, jede Insel besiedelt war. Als dann die Europäer kamen, waren allerdings einige der kleineren, isolierteren und oftmals sehr trockenen Inseln bereits unbewohnt.
Inzwischen ist man der Antwort auf die Frage, wie die Austronesier in ihre so weit entfernte Inselheimat gelangten, wieder ein Stück näher gekommen. Die romantischen Ideen über abenteuerliche Entdeckungsreisen mussten Mitte des 20. Jahrhunderts der unbarmherzigen Logik des Neuseeländers Andrew Sharp weichen. Er behauptete aufgrund einer umfangreichen Sammlung ethnographischer Beweise, dass die Besiedlung Polynesiens auf zufällige Verdriftungen zurückzuführen sei, und zitierte zahlreiche Fälle, in denen Menschen auf Inseln gestrandet sind, hoffnungslos verirrt und weit von ihrer Heimat entfernt. Er wies außerdem nach, dass die wichtigsten Nutzpflanzen und Haustiere nicht auf allen Inseln zu finden sind. Folglich sei die Migration unbeabsichtigt gewesen. Obwohl er später seine Theorie änderte, beharrte er weiterhin auf der minimalistischen Auslegung der Navigationsfähigkeiten von Menschen, die weder schreiben noch lesen, weder Karten erstellen noch Metallwerkzeuge anfertigen konnten.
Sharps Ansichten waren unter Geographen und Anthropologen allgemein anerkannt, bis ein anderer Neuseeländer, David Lewis, sie in Frage stellte. Lewis prüfte auf einer Fahrt, die er 1965 von Tahiti nach Neuseeland unternahm, die polynesischen Legenden von Seereisen und ihre Hinweise auf Sterne, Jahreszeiten und Bedingungen des Ozeans. Schließlich widmete er sich umfassenden Forschungen auf dem Gebiet der traditionellen polynesischen Navigation. Er vertiefte sich in Aufzeichnungen und untersuchte mündliche Überlieferungen, die sich mit den Seefahrtspraktiken des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigten. Außerdem suchte – und fand – er Männer in Polynesien, Melanesien und Mikronesien, die ungeachtet aller modernen Technik noch die altertümlichen Navigationsmethoden beherrschten.
Als Ergebnis dieser Untersuchungen gelangte er zu der Überzeugung, dass die Polynesier des Altertums tatsächlich in der Lage waren, Entdeckungsreisen zu unternehmen, in ihre Heimat zurückzukehren und dann das entdeckte Land auch wieder fanden, um es zu besiedeln. Wenn sie sich verirrt hatten oder im Sturm von ihrem Kurs abgetrieben worden waren, konnte ein geschickter Navigator trotzdem seine Position feststellen und den Weg nach Hause oder zu einer anderen bekannten Insel finden.
Diese Entdeckungen lüfteten eines der letzten Geheimnisse hinsichtlich der Herkunft der Polynesier. Die Initiative des amerikanischen Anthropologen Ben Finney hatte eine Wiederbelebung der Kanuseefahrt zur Folge, die weitere Beweise zur Untermauerung dieser Theorie erbrachte. Die Reise mit seinem Kanu Hokule’a von Hawaii nach Tahiti 1976 fand in mehreren Inselstaaten des Pazifiks Nachahmung. Die vielen erfolgreichen Expeditionen, bei denen man traditionelle Boote und die überlieferte Navigationskunde verwendete, lieferten einen soliden Beweis dafür, dass die frühen polynesischen Kulturen sehr wohl in der Lage waren, Entfernungen von Hunderten oder Tausenden von Kilometern zu überwinden.
Die Lösung des „Polynesischen Problems” ist also viel einfacher und einleuchtender, als die meisten Gelehrten vermutet hätten. Bis hinsichtlich der Frage, wie die Polynesier eine derartige Kolonisation vollbringen konnten, auch das letzte Rätsel gelöst und der letzte Beweis erbracht sein wird, werden noch Jahrzehnte intensiver Forschungen der verschiedensten Wissenschaftszweige vergehen. Die individuelle Annäherung brachte die Gelehrten eine Zeit lang von der korrekten Antwort ab. Und noch immer warten einige Probleme auf ihre Lösung. Die botanischen Erkenntnisse zeugen von uralten direkten menschlichen Kontakten zwischen Südamerika und Polynesien. Wer aber dafür verantwortlich war, wann und warum, wird wahrscheinlich niemals ganz eindeutig geklärt werden können. Aber schließlich zeigte die Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftlern verschiedener Bereiche, wie die meisten Teile dieses Mosaiks zusammenpassen.
Zum Autor: Ian Campbell ist Professor für Geschichte an der University of Canterbury in Neuseeland. Er ist der Autor von A History of the Pacific Islands (Die Geschichte der Pazifischen Inseln) und von zahlreichen anderen Publikationen.
Erscheint in:
Salomonen; Tuvalu; Marshallinseln; Föderierte Staaten von Mikronesien; Migration; Amerikanisch-Samoa; Vanuatu; Palau; Heyerdahl, Thor; Neukaledonien; Hawaii; Samoa; Neuseeland; Mikronesien; Polynesien; Kontiki-Theorie; Melanesien; Marquesas-Inseln; Tonga; Kiribati; Nauru; Fidschi; Osterinsel; Ozeanien
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