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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Edward J. Davies II, Professor an der University of Utah in Salt Lake City, untersucht in diesem Beitrag die Veränderungen hinsichtlich Kriegsführung und Weltpolitik nach dem Einzug industrieller Technologien in die Entwicklung und Produktion von Waffen.
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Im Herbst 1854 trafen auf der Krim britische und französische Truppen auf russische Infanterie. Bewaffnet mit neuen Gewehren mit gezogenem Lauf, fügten die Eindringlinge den Russen, die mit veralteten Büchsen in der traditionellen Schlachtordnung der napoleonischen Zeit kämpften, verheerende Verluste zu. Zehn Jahre später befahl Präsident Abraham Lincoln in den Vereinigten Staaten 25 000 Soldaten der an den Ufern des Potomac stationierten Armee, bei ihrem Hilfseinsatz für die bedrohten Truppen im Norden in der Nähe Chattanoogas (Tennessee) Züge zu benutzen. Währenddessen informierte Lincoln General Ulysses S. Grant, der sich Tausende von Meilen entfernt auf dem Kampfschauplatz aufhielt, über seine Pläne zum Durchbrechen der Linien der konföderierten Armee bei Chattanooga. Zur Übermittlung dieser Nachrichten benutzte Lincoln den Telegraphen. Diese auf den ersten Blick unzusammenhängenden Ereignisse läuteten den Beginn eines technologischen Wandels in der Kriegsführung ein, durch den Armeen, Nationalstaaten und letztendlich die Welt neu gestaltet werden sollten.
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Die Industrialisierung brachte eine im 19. Jahrhundert beginnende irreversible Veränderung der Kriegsführung in Europa und der westlichen Welt. Waffen, Transport- und Kommunikationsmittel wurden neu entwickelt, als industrielle Technologien die Feuerkraft und Vielfalt der Waffen verbesserten und die Kapazitäten für die Beförderung von Menschen, Kriegsmaterial und Informationen vergrößerten und beschleunigten. Europäer und Amerikaner setzten diese Technologien ein, um ihre Massenarmeen zu bemannen und zu organisieren, wobei sie keine Berufssoldaten rekrutierten, sondern auf normale Bürger zurückgriffen. Mehr als je zuvor waren nun ganze Nationen in Kriege verwickelt. Die Europäer benutzten diese militärischen Technologien, um außerhalb ihrer Grenzen in Afrika und Asien durch Eroberungszüge den Großteil der dort lebenden Völker zu unterwerfen. Fortschritte der westlichen Medizin ermöglichten es ihnen, das härteste Klima zu überleben und sich gegen die Krankheiten in den besetzten Regionen zu schützen, wodurch sich ihre Präsenz auf unbestimmte Dauer verlängerte. Und dennoch stießen die Europäer auf beiden Kontinenten auf entschlossenen Widerstand, und manches Mal konnten die betreffenden Widerstandsbewegungen auch auf industriell gefertigte Waffen zurückgreifen. Der Preis, der für Krieg und Imperialismus in Menschenleben und Material gezahlt werden musste, war hoch.
Die technologischen Innovationen der Industrialisierung schufen ab dem 19. Jahrhundert neue Schlachtfelder und Armeen. Die entscheidenden Veränderungen traten schon früh auf, nämlich im Bereich des Transports und der Kommunikation. Eisenbahnen gab es zuerst in Großbritannien, bald aber auch auf dem ganzen Kontinent und jenseits des Ozeans in Nordamerika. Die militärischen Befehlshaber erkannten die Möglichkeiten des „Eisernen Pferdes”, mit dem Menschen und Material über große Entfernungen in relativ kurzer Zeit bewegt werden konnten. Plötzlich erstreckten sich Kriege, die bislang auf einige Dutzend Kilometer begrenzt gewesen waren, über Hunderte, ja Tausende von Kilometern.
Daneben wurden die großen Entfernungen zwischen den Kampfschauplätzen auch durch den Telegraphen überbrückt. Der von dem Amerikaner Samuel Morse erfundene Telegraph versetzte die Befehlshaber in die Lage, Informationen nahezu in Sekundenschnelle über ebenso weite Entfernungen zu verschicken, wie sie die Eisenbahn überwand. Auf diese Weise konnten die Kommandeure mit ihren verstreuten Truppen in täglichem Kontakt bleiben. Für die Planung und Ausführung militärischer Operationen stellte Entfernung allmählich kein Hindernis mehr dar.
Letztendlich schuf die Industrie auch eine Reihe neuer Waffen. Fabriken in Europa und den Vereinigten Staaten präsentierten ein neues Angebot an Produkten, von den Gewehren mit gezogenem Lauf der fünfziger und sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts bis zu den Hinterladern und Maschinengewehren der achtziger Jahre. Neuerungen und Verbesserungen steigerten die Effektivität dieser Waffen. Zum Beispiel erhöhte das rauchlose Schwarzpulver die Geschwindigkeit der Kugel im Lauf und verbesserte generell die ballistischen Eigenschaften. Die aufkommende Stahlindustrie der sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts produzierte größere Waffen für die Artillerie, die sich durch erhöhte Effektivität und Dauerhaftigkeit auszeichneten. Handwerkliche Betriebe entwickelten stärkere, funktionellere Läufe, vereinfachten den Ladevorgang und erfanden hochexplosive Geschosse. In den neunziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts sorgte der Einbau eines Mechanismus zur Unterdrückung des Rückstoßes dafür, dass unabhängig von der Größe der Waffe häufiger gefeuert werden konnte. Durch diese und andere Innovationen wurden die Schlachtfelder zu weitaus gefährlicheren Schauplätzen, weil sich die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit Tausende von Soldaten zu töten oder zu verwunden, dramatisch erhöht hatte.
Die Nachfrage nach diesen neuen Waffen war hoch, konnte aber von den neuen Waffenproduzenten bewältigt werden. Durch die Unterstützung zahlreicher Wissenschaftler und Ingenieure gelang es Betrieben wie Krupp in Deutschland, Carnegie Stahl in den Vereinigten Staaten sowie einer Vielzahl anderer Großbetriebe, die neuen oder verbesserten Waffen in großer Menge und stets fristgerecht zu liefern. Am Ende des 19. Jahrhunderts galten die Größe und Flexibilität der Industrie eines Landes als sicherer Indikator für seine militärische Schlagkraft.
Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) war einer der ersten Kriege des industriellen Zeitalters. Sowohl die Nordstaaten als auch die Südstaaten hatten große Armeen zu versorgen – oft über Tausende von Kilometern Entfernung. Beide benötigten die modernen Formen des Transports und der Kommunikation, um ihre Truppen zu befehligen. Die Nordstaaten hatten, im Gegensatz zu der auf dem Baumwollanbau basierenden Wirtschaft der Südstaaten, große Industrien im Rücken, die das Kriegsmaterial für die zahlenmäßig starken Armeen produzierten, die 1864 auf eine Million Soldaten angewachsen waren.
Der Befehlshaber der Armee der Unionisten, Ulysses S. Grant, erkannte, dass der Krieg nur zu gewinnen war, wenn er einerseits die Kampfmoral der Gegner brach und andererseits dafür sorgte, dass der Süden seine wirtschaftliche Basis für den Unterhalt der im Norden stationierten Truppen verlor. Zu diesem Zweck wollte er die Südstaatenarmeen im Osten in erbarmungslosen Kämpfen dezimieren, wobei er darauf spekulierte, dass ihn seine eigenen Reserven im Norden nicht im Stich lassen würden. Um den Widerstand der Südstaaten endgültig niederzuschlagen, führte Unionisten-General William Sherman seine Truppen in einem groß angelegten Feldzug nach Georgia und South Carolina, um die Wirtschaft zu zerstören und die Bevölkerung zu unterwerfen. Tatsächlich trugen dieser und ähnliche Feldzüge dazu bei, dieses Ziel zu erreichen. Grant hatte durch die Verwendung moderner Kriegsmittel, einschließlich der Eisenbahn und des Telegraphen, den Sieg errungen.
In Europa benutzte Preußen in jener Epoche dieselben Mittel, um vor dem Hintergrund des preußisch-österreichischen Dualismus die Kontrolle über die deutschen Kleinstaaten zu behaupten. Seit Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts hatte Preußen entlang seiner ungeschützten Grenzen ein strategisches Netz von Eisenbahnen gebaut, mit dessen Hilfe Truppen in kürzester Zeit zur jeweiligen Gefahrenzone transportiert werden konnten. Zudem besaß Preußen einen kompetenten Generalstab, dessen Offiziere in Kriegswissenschaft und Kriegsgeschichte ausgebildet waren. Sie alle zeichneten sich durch überdurchschnittliche organisatorische Fähigkeiten aus, vor allem im Bereich der Planung und Durchführung von Feldzügen. Unter der Führung des brillanten Helmuth von Moltke entwickelte der Generalstab eine professionelle und innovative Kompetenz, die in Europa ihresgleichen suchte.
Moltke erkannte die Anforderungen der Kriegsführung im industriellen Zeitalter und dezentralisierte die Kommandostruktur. Damit gab er den Offizieren die Möglichkeit, auf unterschiedliche Situationen flexibler reagieren zu können. Im Bereich der Taktik erfand er die Kompanie und den Zug, Manövereinheiten, die auf dem von Schnellfeuerwaffen dominierten Schlachtfeld effizienter einzusetzen waren. Moltke glaubte, dass die Unteroffiziere in diesen kleineren Formationen dafür sorgen würden, dass jede verfügbare Waffe eingesetzt wurde, um so letztlich die Schlagkraft der Armee zu maximieren. Mit der neuen Hauptwaffe der Infanterie, dem Dreyse-Gewehr, einem Hinterlader mit Schlagbolzen, konnten sich die preußischen Soldaten schneller über das Schlachtfeld bewegen, während sie gleichzeitig viel häufiger als mit den alten Gewehren zum Schuss kamen. Aus strategischen Überlegungen drängte Moltke den Staat immer wieder, in den Ausbau des Eisenbahn- und Telegraphennetzes zu investieren, weil diese die für einen Sieg unerlässliche Schnelligkeit und Mobilität ermöglichten.
Darüber hinaus führte Preußen die allgemeine Wehrpflicht ein. Dies förderte patriotische Gefühle, die als die Verteidigung der Heimat gegen feindliche Kräfte formuliert wurden. Die allgemeine Wehrpflicht, einschließlich einer vorgeschriebenen Zeit in der Reserve, bedeutete zudem, dass Preußen die Kräfte seiner Bevölkerung jederzeit optimal zur Verfügung standen. Die Garantie der Verfügbarkeit seiner Veteranen erreichte der Staat durch einen dreijährigen Pflichtdienst in der regulären Armee, vier Jahre Dienst in der Reserve und schließlich noch fünf Jahre Landwehr. Kein anderer europäischer Staat konnte ein vergleichbares Potential an Soldaten unter seiner männlichen Bevölkerung aufbieten.
Die militärischen Erzfeinde Preußens, die Österreicher, führten Kriege noch immer im Stil ihrer Großväter. Die taktischen Mittel waren Flügelmanöver, Überraschungsangriffe und Verfolgungen durch die Kavallerie. Strategisch gesehen verließen sie sich auf starre Kommandostrukturen und die Uneinnehmbarkeit ihrer Festungen. Die Österreicher hatten weder einen Generalstab eingerichtet, noch hatten sie geeignete Pläne zur Musterung ihrer Soldaten entwickelt. Man braucht kaum noch zu erwähnen, dass bei den Schlachten um die Herrschaft über die deutschen Kleinstaaten Preußen die entscheidenden Trümpfe in der Hand hatte.
Zunächst war die Welt angesichts der triumphalen preußischen Siege gegen das starke Österreich und – zehn Jahre danach – auch gegen Frankreich wie betäubt. Bald aber tat man es den Siegern nach. Armeen, deren Militärakademien, Taktiken und Strategien bislang dem Stil der Franzosen gefolgt waren, orientierten sich nun am preußischen Vorbild. Bis hin zu den Uniformen kopierte die westliche Welt das preußische Modell. Die Schriften des deutschen Kriegsphilosophen Carl von Clausewitz, von denen auch Moltke erheblich profitiert hatte, wurden von den Militärs verschlungen. Die Kriegsführung hatte eine neue Richtung eingeschlagen und basierte auf Wehrpflicht, Stahl und Technologie.
Mit Hilfe der neuen Kriegsmittel konnte die westliche Welt über die Grenzen des jeweiligen Staates hinaus in Länder reichen, die ehemals unter asiatischer oder afrikanischer Herrschaft gestanden hatten. Dabei war die in der Kriegsführung eingesetzte neuartige industrielle Technologie ein entscheidender Faktor für den Erfolg. Für die Europäer spielten die dramatischen Neuerungen in der Medizin eine ebenso große Rolle. Seit Jahrhunderten waren Krankheiten ein Haupthinderungsgrund für die dauerhafte Ansiedlung von Europäern in Asien oder Afrika gewesen. Regelmäßig starben bei den westlichen Streitkräften unzählige Soldaten an Malaria, Gelbfieber, Typhus, Cholera und anderen Krankheiten.
Medizinische Erkenntnisse, z. B. das Verständnis der Ursachen bakterieller Infektionen, trugen dazu bei, das Überleben von Europäern in den Tropen zu sichern. Entdeckungen wie die Bekämpfung von Anopheles-Mücken zur Malaria-Prophylaxe breiteten sich über ein internationales medizinisches Netzwerk rasch aus. Gegen Malaria, eine der gefährlichsten aller Infektionskrankheiten, hatten westliche Reisende seit dem 17. Jahrhundert Chinin als wirksames Gegenmittel eingesetzt, dessen Anwendung im 19. Jahrhundert perfektioniert wurde. Gegen Ende des Jahrhunderts war allgemein bekannt, wie man Wasser zu reinigen hatte, wie mit Fäkalien umgegangen werden musste und wie man lebensgefährliche Bakterien abtöten konnte. Dadurch verloren die Tropen viel von ihrer abschreckenden Wirkung. Keine Armee ging mehr an den Folgen von Krankheiten zugrunde.
Sobald die Europäer wussten, dass die Tropen ihnen nichts anhaben konnten, drangen sie mit Dampfschiffen auf den Flüssen ins Innere vor. Diese Dampfschiffe, die erst aus Eisen, später aus Stahl gefertigt wurden, waren in den feuchten Tropen hölzernen Schiffen weit überlegen, da Letztere unweigerlich verfaulten. Dank der Ausrüstung mit stählernen Kanonen und hochexplosiver Munition waren sie zudem auch weitaus schlagkräftiger als ihre Vorgänger. Neue industrielle Produkte, wie z. B. Munition mit Messingummantelung, wurden speziell für die effiziente Lagerung in diesen Stahlschiffen entwickelt und zeichneten sich durch optimale Haltbarkeit aus.
Es waren diese Fortschritte, welche die Expansion der Europäer in den Tropen erst möglich machten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten in fast allen Teilen Afrikas und großen Teilen Asiens die Europäer die Macht inne. Jedoch war ihnen die Eroberung trotz ihres großen technologischen Vorsprungs alles andere als leicht gemacht worden. Die Afrikaner leisteten gegen jede Bedrohung ihrer Unabhängigkeit erbitterten Widerstand. Häufig stützte sich dieser Widerstand auf Waffen und Strategien der Europäer.
Die Briten führten gegen die Ashanti an der afrikanischen Goldküste 20 Jahre Krieg, bevor sie sie 1896 schließlich unterwarfen. Die Ashanti waren während der Epoche des Sklavenhandels Partner der Europäer gewesen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sie ein mächtiges Reich aufgebaut, besaßen europäische Waffen (wenn auch schwächere) und waren auch anderweitig in der Lage, sich gegen die Briten zur Wehr zu setzen. Nachdem die Briten 1860 gescheitert waren, kehrten sie 1873 zurück. Unter der Führung von Lord Wolseley entwickelte sich der Feldzug gegen die Ashanti zu einem Musterbeispiel an militärischer Planung und Verwaltung. Zur Vereinfachung der Logistik beschränkte er die Streitkräfte auf ein paar Tausend und ließ Straßen für die Nachschublieferungen an seine Truppen bauen. Entlang dieser Strecken richtete er bemannte Posten ein, die zum einen seinen Männern Hilfestellungen geben sollten und zum anderen die Präsenz der Briten im Land verkörperten. Zusätzlich sorgte Wolseley für eine ausreichende Zahl an Lasttieren, welche die Streitkräfte mit Dosennahrung, Chinin und Trinkwasser versorgten, alles Maßnahmen, um die Gesundheit der Soldaten zu garantieren. Als Wolseley schließlich auf die Ashanti traf, war er im Besitz von Hinterladern der Marke Snider, Kanonen, die sieben Pfund schwere Geschosse abschießen konnten, und amerikanischen Gatling-Maschinengewehren. Die schlechter ausgerüsteten Ashanti hatten nur vergleichsweise schwache europäische Gewehre zur Verfügung. Jedoch war Wolseleys Sieg nur ein kurzfristiger Erfolg, denn es dauerte weitere 20 Jahre, bis die mächtigen Ashanti kapitulierten.
In ihrem Kampf gegen die Europäer befanden sich afrikanische Völker wie die Ashanti aufgrund kultureller Eigenarten, die ihre technischen und organisatorischen Fähigkeiten beeinträchtigten, häufig im Nachteil. Die kulturellen Gesetze und Prinzipien, die bei den Ashanti die Grundlage der Gesellschaftsordnung bildeten, unterschieden sich sehr von denen der Europäer. Diese Gesetze spiegelten sich auch in der Armee der Ashanti wider. Zum Beispiel ließen die Anführer ihre Truppen auf dem Schlachtfeld eine bogenförmige Schlachtordnung bilden, in der jeder regionale Anführer in Abhängigkeit von seiner hierarchischen Beziehung zum Oberbefehlshaber einen festen Platz einnahm. Um hier eine wie auch immer geartete Änderung durchzusetzen, hätte es geradezu einer Kulturrevolution innerhalb der Gesellschaft als Ganzem bedurft. Die Ashanti-Krieger waren gewohnt, während kleinerer Überfälle Sklaven zu erbeuten oder mächtige Feinde durch Blitzangriffe zu überfallen. Wenn sich ein benachbarter Feind ergab, wurde sein Gebiet dem Ashanti-Reich einverleibt, eine Sitte, die in ganz Westafrika die Regel war. Die Ashanti hatten sich niemals einen Krieg von derartiger Länge, Tragweite und Brutalität vorgestellt, wie ihn die Europäer im Streben nach dauerhafter Herrschaft entfachten.
In manchen Fällen versuchten die Bedrängten, es den Europäern in ihrem Kampfstil gleich zu tun. Ab 1880 übernahm der Afrikaner Samory Touré die militärische Führung in der senegalesischen Niger-Region Westafrikas und leitete 18 Jahre den Widerstand gegen die französischen Besatzer. Er hatte erkannt, welche Vorteile die Europäer nutzten und versuchte stets, diese Vorteile zu kompensieren. Schon früh hatte Samory Touré europäische Gewehre angeschafft und erwarb damit die unangefochtene Führungsposition unter seinen potentiellen Konkurrenten, den Häuptlingen dieser Region. Immer zur Stelle, wenn sich eine Gelegenheit bot, kaufte er Mitte der achtziger Jahre französische Chassepots-Gewehre und in den neunziger Jahren solche der französischen Marke Gras sowie deutsche Repetiergewehre der Marke Mauser. 1898 umfasste sein Arsenal circa 4 000 Repetiergewehre. Er unternahm sogar den Versuch, eine eigene Waffenindustrie aufzubauen, aber die Region hatte für die Herstellung von Waffen, wie sie aus den industriellen Zentren Europas kamen, nicht die nötigen Rohstoffe. Letztendlich war die Übermacht der Franzosen zu groß. Samory Touré wurde gefangen genommen und verbrachte seine letzten Tage in Gabun, einer weiteren französischen Kolonie.
In einem Fall mussten Europäer allerdings eingestehen, dass es ihnen weder gelang, einen nennenswerten Waffenvorteil geltend zu machen, noch den Feind zu überwältigen. In den späten neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts widerstand das äthiopische Reich einem Eroberungsversuch durch die Italiener. Ähnlich wie Samory Touré hatten die Äthiopier den Vorteil industriell gefertigter Waffen erkannt und sich die neuesten Gewehre zur Ausstattung ihrer Armeen besorgt. Sie erwarben Hotchkiss-Maschinengewehre, die von dem österreichischen Baron Adolf von Odkolek entwickelt worden waren und erstmals 1897 in der amerikanischen Marine zum Einsatz kamen. Und sie gingen noch einen Schritt weiter, indem sie ihre traditionelle Schlachtordnung, die Phalanx, aufgaben, in der sich, wie bei den Ashanti, ihre soziale Ordnung widerspiegelte. An ihrer Stelle führten sie eine lockere Aufstellung ein, die auf die Preußen zurückging und den Möglichkeiten der neuen Waffen entgegenkam.
Als die Italiener 1896 ihren Eroberungsfeldzug begannen, hatten sie es mit einer äthiopischen Armee zu tun, die in europäischer Kriegsführung ausgebildet war und hervorragend mit europäischen Waffen umzugehen wusste. Zudem hatten die Äthiopier britische Ausbilder eingestellt, welche die Soldaten für den Krieg drillten. Damit nicht genug: Die Äthiopier erhielten auch noch 100 000 Gewehre und zwei Tonnen Munition vom französischen Gouverneur Somalias, der einen italienischen Sieg befürchtete. Trotz alledem hatte der logistische Apparat der Äthiopier nicht den Standard europäischer Armeen, und so kam die äthiopische Armee in Nachschubschwierigkeiten, als die italienischen Generäle unter dem Druck ihrer Vorgesetzten in Rom einen frühzeitigen Angriff starteten. Diese Entscheidung erwies sich für die Italiener jedoch als fatal, denn den äthiopischen Truppen glückte es dank fähiger Führung und guter Ausrüstung, die italienische Armee zu besiegen.
Ähnlich unerwarteter Widerstand begegnete den Europäern in Südostasien und im Fernen Osten. In China musste die britische Marine 1859 an der Mündung des Peiho ihre Niederlage eingestehen, nachdem chinesische Artillerie im Schutz großer Befestigungsanlagen den britischen Kriegsschiffen schwere Schäden zugefügt hatte. Den Chinesen war es 1857 auch gelungen, eine Landung der Briten bei Taku zu verhindern, als diese versuchten, die Provinz Kanton an der Südküste Chinas in ihre Gewalt zu bringen. In Vietnam sahen sich die Franzosen mit hartnäckigem Widerstand konfrontiert. Zur Unterdrückung der oppositionellen Kräfte mussten die Franzosen eine große Streitmacht mobilisieren und zwischen 1882 und 1896 viele Mittel in den Erhalt ihrer Herrscherposition investieren.
Die wahrscheinlich mächtigsten Gegner, die sich den imperialistischen Streitkräften je entgegenstellten, waren die Buren in Südafrika, Nachfahren der frühen holländischen Siedler. Nachdem sie in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts von den Briten aus ihrer ursprünglichen, im 16. Jahrhundert gegründeten Kolonie vertrieben worden waren, hatten sie zwei unabhängige Republiken gebildet: Transvaal und den Oranje-Freistaat. Die reichen Bodenschätze dieser Regionen – vor allem die Goldvorkommen – waren der Grund für den Versuch der Briten, die Republiken zu annektieren. Die Buren, die dies voraussahen, führten 1899 einen Überraschungsangriff gegen die britischen Stellungen durch. Sie benutzten rauchloses Schwarzpulver, Gewehre mit Schlagbolzen und Maschinengewehre und kämpften in kleinen, beweglichen Einheiten.
Die schnellen Siege der Buren veranlassten die Briten, aus anderen Teilen des Reiches Nachschub zu ordern und neue Strategien und Taktiken zu entwickeln. Nachdem sie zunächst besiegt worden waren, bildeten die Buren Guerilla-Armeen, die für einen langen Widerstandskampf gerüstet waren. Die Briten reagierten darauf mit neuartigen Techniken. Unter der Führung Lord Kitcheners bauten sie im Feindesland Blockhütten, um die Kommunikations- und Nachschublinien zu sichern. Kitchener, einer der führenden Köpfe des britischen Militärs, trieb die Buren, vor allem Frauen und Kinder, in Lagern zusammen, wo sie als Geiseln gegen die aufständischen Männer benutzt wurden. Tausende starben aufgrund der katastrophalen Zustände, unter denen die Briten sie gefangen hielten. Dies und die steigenden Kosten des Sieges führten in Großbritannien zu erbitterten Protesten. Dennoch zahlte sich die Strategie aus, und die Burenrepubliken wurden der britischen Kolonie in Südafrika einverleibt.
Von allen nichtwestlichen Nationen adaptierten nur die Japaner die westlichen industriellen Strategien mit Erfolg. In den späten sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gaben die Japaner ihr traditionelles Feudalsystem auf und wandten sich geschlossen der Industrialisierung und anderen Aspekten des modernen Lebens zu. Im Zuge dieses Wandels sandten sie Abordnungen nach Europa und in die Vereinigten Staaten, um die dortigen Institutionen und militärischen Systeme zu studieren. Was sie an Erkenntnissen mitbrachten, formten sie um und integrierten es in die japanische Kultur. So wurde aus der von Samurai-Kriegern verteidigten Gesellschaft der fünfziger Jahre in den neunziger Jahren ein Japan mit einer modernen Armee, einem Generalstab, allgemeiner Wehrpflicht und einem Reservistensystem nach preußischem Muster. Um für all diese Neuerungen ein dauerhaftes Fundament zu schaffen, trieben die Japaner die Industrialisierung rücksichtslos voran. Und um die Jahrhundertwende hatte sich eine moderne Wirtschaft etabliert. Japan besaß eines der besten Marinekorps der Welt, schickte eine in Asien konkurrenzlose Armee zu Felde und begann, durch Inselannexionen ein Imperium aufzubauen. 1904 lag Japan mit Russland wegen der Kontrolle der koreanischen Halbinsel im Krieg. Russen und westliche Beobachter waren von der Überlegenheit der japanischen Streitkräfte zu Land und zu Wasser gleichermaßen schockiert. Japan hatte eine wichtige Position auf dem asiatischen Kontinent errungen. Die Karten waren, so schien es, neu gemischt.
Die hohe Zahl gefallener Soldaten und die enormen Kosten und der Materialaufwand des Russisch-Japanischen Krieges schienen die Ereignisse des 1. Weltkrieges zehn Jahre später auf traurige Weise vorwegzunehmen. In den zwei Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg bauten die europäischen Mächte – angespornt durch Massenproduktion und ständige Innovation – riesige Kriegsschiffe sowie immer schlagkräftigere Waffen und bereiteten sich auf einen Ernstfall vor, von dem nur wenige glaubten, dass er von langer Dauer sein würde. Die Technologie, die nach 1850 den Aufschwung gebracht hatte, erwies sich jedoch angesichts der großen Zerstörungen des 1. Weltkrieges als viel zu effektiv. Die immensen Kosten des 1. Weltkrieges – vor allem aber der Verlust nahezu einer ganzen Generation junger Männer – zwangen viele Europäer darüber nachzudenken, wohin die Industrialisierung sie gebracht hatte. Der Fortschritt des vorangegangenen Jahrhunderts fand in einer erschütternden Katastrophe seinen Höhepunkt. Die Industrialisierung hatte das Leben der Menschen verändert. Und jetzt bestimmte sie auch das Sterben von Millionen.
Zum Autor: Edward J. Davies II ist außerordentlicher Professor für Geschichte an der University of Utah. Er verfasste u. a. The Anthracite Aristocracy: Leadership and Social Change in the Hard Coal Regions of Northeastern Pennsylvania (Die Kohlearistrokratie: Führung und sozialer Wandel in Steinkohlegebieten des nordöstlichen Pennsylvanias).
Erscheint in:
Erster Weltkrieg; Kriegsmarine; Gewehr; Infanterie; Artillerie; Deutscher Krieg; Krimkrieg; Logistik; Burenkrieg; Maschinengewehr; Waffen; Russisch-Japanischer Krieg; Grant, Ulysses Simpson; Italienisch-Äthiopischer Krieg; Rüstungsindustrie; Schlacht von Chattanooga; Krieg; Amerikanischer Bürgerkrieg; Preußen; Ashanti; Moltke, Helmuth Graf von
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