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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Gregory G. Guzman, Professor an der Bradley University in Peoria (Illinois), vertritt in diesem Beitrag die Auffassung, dass die gemeinhin als Barbaren bezeichneten Steppennomaden Innerasiens durch die Wiederbelebung der von ihnen eroberten Gesellschaften und durch ihren Beitrag zum kulturellen Austausch die Entwicklung der Menschheit positiv beeinflusst haben.
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Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. sagte der römische Historiker Ammianus Marcellinus über die einfallenden Barbaren, sie seien Tiere auf zwei Beinen und an ihren Pferden, deren Fleisch sie äßen und deren Milch sie tränken, wie festgekettet. Sie nähmen nie einen Pflug in die Hand und hätten keine Häuser. Der gotische Geschichtswissenschaftler Jordanes aus dem 6. Jahrhundert sah in den Hunnen unreine Geister, die kaum Menschen zu nennen seien und eine Sprache hätten, die nur entfernt an die menschliche Sprache erinnere. Im 13. Jahrhundert sagte Thomas von Spalato über die Mongolen, sie nähmen keine Rücksicht auf Frauen, hätten kein Mitleid mit den Jungen und kein Erbarmen mit den Alten. Sie seien ein niederträchtiges, menschenmordendes Volk, keine Menschen, sondern Teufel. Wie wilde Tiere dürsteten sie nach Menschenblut.
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Schriftlichen Berichten der meisten frühen Zivilisationen zufolge fielen diese Barbaren wiederholt in die auf der Landwirtschaft basierenden Dorfgemeinschaften Europas, des Mittleren Ostens, Indiens und Chinas ein. In diesen Quellen werden die nomadischen Barbaren mit Zerstörung, Gemetzel und dem Bösen gleichgesetzt. Dagegen werden die sesshaften Völker als Kräfte der Stabilität, des Fortschritts und der Rechtschaffenheit dargestellt. Diese frühen Dokumente sind der Anfang der Gegenüberstellung „wir gegen sie”, der Anfang der Praxis, „die anderen” zu verurteilen, weil sie anders sind. Der Begriff Barbar ist abfällig und sollte diese Außenseiter als minderwertig und weniger menschlich charakterisieren.
Es sei daran erinnert, dass die meisten dieser frühen Quellen einseitige Berichte sind, die von Menschen aus Agrargesellschaften verfasst wurden. Die wenigsten Barbaren konnten lesen und schreiben. Deshalb spiegeln praktisch alle schriftlichen Aufzeichnungen die Sicht der Menschen aus den agrarischen, auf der Landwirtschaft basierenden Gemeinwesen wider, die immer wieder von den Barbaren angegriffen wurden. Die sesshaften Völker hielten nur die negativen Aspekte der Praktiken der Nomaden fest. Solche schreckenserfüllten und unverkennbar einseitigen Beschreibungen stammen nicht von wehrlosen Völkern, sondern von Bürgern der damals fortgeschrittensten und mächtigsten Staaten Europas, des Mittleren Ostens, Indiens und Chinas. Trotz des hohen Entwicklungsstands und der Stärke dieser Zivilisationszentren konnten diese von den Barbaren wiederholt geplündert werden.
Diese negativen Beschreibungen werfen verschiedene wichtige Fragen auf, die sich die meisten Historiker des Altertums und des Mittelalters nicht gestellt haben, nämlich: Wer genau waren diese so genannten Barbaren? Weshalb und wie konnten sie die reichsten und fortgeschrittensten Zivilisationen immer wieder überwinden? Und warum wurden die Barbaren so heftig verdammt, wenn sie als die eigentlich Schwächeren die dichter bevölkerten zivilisierten Staaten besiegt haben? Bei der Beantwortung dieser Fragen drängt sich der Gedanke auf, dass es vielleicht ein Fehler ist, die Barbaren nur mit Mord und Totschlag, Chaos und dem Bösen in Verbindung zu bringen. In der Tat kann man durchaus sagen, dass sie eine konstruktive Rolle in der frühen geschichtlichen Entwicklung gespielt haben.
Die gemeinhin als Barbaren bezeichneten Völker waren Steppennomaden aus Innerasien, einer der rauesten und unwirtlichsten Regionen der Welt. Die klimatischen Verhältnisse im Inneren der ausgedehnten eurasischen Landmasse reichen von extrem heiß bis extrem kalt, und ihre Oberfläche besteht hauptsächlich aus Eis, Steppe, Wald, Wüste und Gebirge. Diese Landstriche waren großenteils klimatisch zu extrem, zu karg und zu trocken für die Landwirtschaft. Deshalb kam eine sesshafte Lebensweise wie in den Küstenzivilisationen nicht in Frage. Die Menschen, die im Kernstück des Kontinents lebten, mussten hart sein. Nur so konnten sie eine so lebensfeindliche Umgebung aushalten, in der sie ständig gegen die Natur und gegen andere Menschen kämpfen mussten, um zu überleben.
Der Notwendigkeit gehorchend, lebte der bei weitem größte Teil der Menschen Innerasiens in der Grassteppe. Sie waren Nomaden, die auf der Suche nach Nahrung und Weidegründen umherzogen. Für diese Barbaren eignete sich die Weidewirtschaft am besten für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse. Das Grasland der Steppe war ideal, um große Tierherden weiden zu lassen. Bald drehte sich die ganze Lebensweise dieser Nomaden um ihre Tiere. Sie wurden Hirten und Tierzüchter. Zunächst wurde die Weidewirtschaft mit dem traditionellen Jagen und Sammeln kombiniert. Dies stellte die beste Möglichkeit dar, in der Steppe zu überleben. Die Barbaren lehnten harte körperliche Arbeit ab, wie sie zum Alltag der Bauern in den küstennahen Regionen gehörte. Für die Barbaren war dies unter der Würde unabhängiger Jäger, Hirten und Krieger.
Die Saat für die ständig wiederkehrenden Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Lebensweisen war bald gelegt. Jede Seite betrachtete die andere als minderwertig und mit kaum wünschenswerten Eigenschaften ausgestattet. Die Barbaren wurden als ungebildete Wilde angesehen, die nicht schreiben konnten und über keine technischen Mittel verfügten, als Untermenschen, die sich wie die Tiere verhielten, mit denen sie lebten. Die Bauern aus den küstennahen Regionen wiederum wurden von den Barbaren als unterwürfige Sklaven angesehen, die ihre Freiheit gegen Sicherheit eingetauscht hatten.
Die Barbaren aus der Steppe waren friedliebend, bis zu dem Zeitpunkt, als das Pferd ihre Lebensweise von Grund auf änderte. Die nomadische Weidewirtschaft wurde um 1000 v. Chr. im Wesentlichen zu einer Pferdekultur. Zunächst wurden kleine Pferde gehalten, die nur als Nahrungs- und Milchquelle dienten. Das Halten größerer Pferde führte schließlich zur Reitkunst. Durch das Reiten wurde das Hüten verstreuter Herden weniger zeitaufwendig und weniger mühsam. Außerdem konnten nun größere Herden gehalten werden, und die Hirten konnten sich mit ihren Herden in einem größeren Umkreis bewegen. Ganze Stämme konnten nun Tausende von Kilometern zurücklegen. Durch das Pferd verkürzten sich die riesigen Weideflächen der Steppe auf ein überschaubares Maß. Die Steppennomaden bewegten sich im Frühjahr und Herbst von den Winter- zu den Sommerweiden und umgekehrt. Die Nomaden gewöhnten sich daran, ständig in Bewegung zu sein. Im Sattel aßen sie, wickelten sie Geschäfte ab, verhandelten sie, schliefen sie und verrichteten sie ihre Notdurft. Diese Gewohnheiten führten in der Literatur und Kunst des Mittleren Osten zur Entstehung des Zentaurmotivs. Denn die zivilisierten Menschen neigten dazu, Pferd und Reiter als untrennbare Einheit zu sehen.
Militärische Handlungen waren ein fester Bestandteil des Nomadenlebens. Krieg war nichts anderes als Kavallerietätigkeit von Hirten, die für die Dauer der Auseinandersetzung als Soldaten fungierten. Die militärischen Aktivitäten unterschieden sich nur wenig von dem normalen Leben der Nomaden. Dennoch waren breit angelegte Bündnisse unter den unabhängigen Nomaden schwer zu organisieren und noch schwerer zusammenzuhalten. Solche vorübergehenden Bündnisse, die „Horden” genannt wurden, waren schnell sehr mächtig. Aber genauso schnell fielen diese Bündnisse auch wieder auseinander.
Die barbarischen Nomaden erwiesen sich als harte, kühne Krieger. Mit ihren Pferden waren sie sowohl den schwer gepanzerten als auch den leicht gepanzerten Fußsoldaten der zivilisierten Gemeinwesen an Geschwindigkeit und Beweglichkeit überlegen. Sie lernten, ihre Pferde mit den Knien zu steuern. Denn die Arme mussten sie für Pfeil und Bogen, ihre wichtigste Angriffswaffe, frei haben. Um 1000 v. Chr. war der kurze Bogen bei allen Steppenvölkern allgemein in Gebrauch. Er war für den Reiter bequem zu handhaben, und die Pfeile konnten bis auf 275 Meter Entfernung treffen. Als geschickte Steppenjäger waren alle Barbaren ausgezeichnete Bogenschützen. Die meisten Barbaren veranstalteten jeden Herbst große Jagden. Dadurch beschafften sie sich zusätzliches Fleisch für den Winter. Gleichzeitig war es eine gute Übung für ihre groß angelegten militärischen Unternehmungen.
Die Infanterieeinheiten der städtischen Zentren mussten durch die gegnerischen Pfeile, die von allen Seiten auf sie niederhagelten, anfangs oft starke Verluste hinnehmen und hatten danach keine taktischen Mittel mehr, einen Kavallerieangriff der Barbaren abzuwehren. Jeder Nomade mit einem Pferd und einem Bogen war potentiell ein wilder und zäher Kämpfer. Dagegen war nur ein kleiner Teil der zivilisierten Menschen für den Krieg ausgerüstet und ausgebildet. Da die Pferde sehr schnell waren, erübrigte sich ein kostspieliger, schwerer Metallpanzer. Die Kavallerietaktik verschaffte den Barbaren anfangs einen militärischen Vorteil. So wurden die frühen Schlachten meist auch von den berittenen Kriegern gewonnen. Die beste Verteidigung gegen die Kavallerie der Barbaren war ein unüberwindliches Hindernis, z. B. ein Wall oder eine Mauer. Um die Städte herum und an Grenzen wurden bald Erd-, Holz- und Steinwälle gebaut (etwa die Chinesische Mauer). Vielleicht ist etwas Wahres an der Behauptung, im Westen sei Rom gefallen, weil China im Osten eine Mauer gebaut hatte.
Wenn die Steppennomaden militärisch die Oberhand gewonnen hatten, begannen sie regelmäßig, die Zivilisationen der küstennahen Regionen anzugreifen und zu erobern. Aufgrund ihrer unverkennbaren Stärke eroberten sie die Macht und wurden die neuen militärischen und politischen Herren. Ihr Führungsstil war energisch, denn nur fähige Führer mit entsprechender Ausstrahlung konnten die unabhängigen Nomaden zu einer schlagkräftigen Horde zusammenfassen. Diese Führer konnten sich der Treue ihrer Gefolgsleute sicher sein.
Das erste Jahrhundert nach einer Eroberung war gewöhnlich eine Zeit energischer Führung und wirtschaftlichen Wohlstands. Denn die nomadischen Tugenden vermischten sich mit den Errungenschaften der eroberten Zivilisation. Die neue königliche Familie entstand aus Gründen der Legitimität oft durch Einheirat des Siegers in die vorher herrschende Dynastie. So begann ein Zeitabschnitt mit erfolgreichen Herrschern, die für energische Führung, Aufschwung der Landwirtschaft und für Frieden sorgten. Die Krone einer solchen Mischung der besten Eigenschaften der Barbaren mit dem Besten, das die Zivilisation zu bieten hatte, wurde normalerweise in den ersten drei Generationen nach der Eroberung erreicht, mit der Herrschaft des Enkels des Eroberers als Höhepunkt dieser Entwicklung. Beispiele aus der Geschichte sind Oktar, Rua und Attila bei den Hunnen, Karl Martell, Pippin und Karl der Große bei den Franken und die fünf Großkhane der Mongolen: Dschingis, seine Söhne Ogadai und Gûyûk und seine Enkel Mangu und Kublai.
Dieser frühen Periode einer erneuerten und tatkräftigen Herrschaft folgte gewöhnlich ein langsamer Verfall. Die Tatkraft und Befähigung der Könige ließ nach, und die Herrscher verweichlichten geistig und körperlich. Es fehlte ihnen an Selbstdisziplin und ausreichender körperlicher Betätigung, und so gaben sie sich der Völlerei hin, aßen und tranken übermäßig, umgaben sich mit Harems und mit Beratern, die ihnen nach dem Munde redeten. Sobald die für die erfolgreiche Eroberung erforderliche straffe Einheit nicht mehr nötig war, trat die innere Uneinigkeit zutage. Es kamen Rivalitäten zwischen den Herrschern und verschiedenen Gruppen ihrer Gefolgsleute auf: ihrem Militär, ihrer Verwaltung, ihren Harems, ihren besiegten Untertanen und ihren alten Unterstützern aus dem Nomadentum. Die Steppenkrieger des Herrschers fingen an, sich mehr ihrer Familie und ihren neuen Ländereien verpflichtet zu fühlen als ihrem Führer, der jetzt schwach, angegriffen und verweichlicht war. Diese inneren Rivalitäten schwächten die Zentralregierung und führten oft zu Gewalt und Bürgerkriegen. Somit war der zivilisierte Staat reif für die nächste Serie von Einfällen und Eroberungen durch die nächste Gruppe vereinter, entschlossener und gut geführter Barbaren, die am Ende dieses Prozesses der Belebung stagnierender Zivilisationen schließlich wieder assimiliert wurden und in der von ihnen eroberten Zivilisation aufgingen.
Im Gegensatz zu dem negativen Bild in den frühen schriftlichen Quellen hatten die Steppenbewohner eine vielschichtige Hirten- und Nomadengesellschaft entwickelt. Diese entschlossenen berittenen Krieger nutzten ihre militärische Überlegenheit, um die Zivilisationszentren anzugreifen. Auch wenn die Barbaren manchmal schwere Zerstörungen anrichteten, sollten und müssen sie als dynamisches und belebendes Element in der Menschheitsgeschichte angesehen werden. Viele sesshafte Völker waren in ihrer Blütezeit, als sie reich und mächtig waren, nur noch auf Erhaltung des Bestehenden bedacht und hatten sich an einen bequemen Trott gewöhnt. Sie gingen an neue Probleme und Fragen auf althergebrachte Weise heran und verloren so die für ein gesundes Weiterwachsen notwendige Tatkraft und Flexibilität.
Die Barbaren waren aktiv und tatkräftig. Oft zerstörten sie die alten und überholten Elemente einer Gesellschaft. Brauchbares und Bewahrenswertes wurden erhalten. Neue nomadische Gepflogenheiten und Neuerungen (z. B. Reiten, Bogenschießen, Hosen und Stiefel) verschmolzen mit den nützlichen Elementen aus der Lebensweise der sesshaften Völker. Diese Mischung ergab vernünftige Alternativen zu den überholten kulturellen Gepflogenheiten, die gescheitert waren und ihren Sinn verloren hatten. So dienten andauernde Begegnungen mit Barbaren der Erneuerung und dem Fortschritt, weil die zivilisierten Gemeinwesen wachsen und sich anpassen mussten, um zu überleben.
Die Hochkulturen Mesopotamiens und des alten Ägyptens sind wohlbekannte Beispiele für die dynamische Wiederbelebung durch immer ständig wiederholte Einwirkungen von Barbaren. Mesopotamien wird gewöhnlich als kraftvolle und fortschrittliche Hochkultur angesehen. Es erlebte oft Invasionen durch benachbarte Wüsten-, Berg- und Steppenvölker. Dieses Wechselspiel von Völkern führte zur Einführung neuer Ideen und Werte, zu Änderungen in der Bevölkerungszusammensetzung und in den Gewohnheiten und zu häufigen politischen und kulturellen Veränderungen. Diese ständige Aktivität brachte eine dynamische und sich verändernde Kultur hervor, weil Mesopotamien sich anpasste und wuchs, um zu überleben. Die gemischte Bevölkerung hatte im Rahmen der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die mit der Invasion der Barbaren einhergingen, mehr Raum für individuelle Freiheit und Initiative. Durch intelligentes Reagieren auf neue Bedürfnisse und Anforderungen erlebte Mesopotamien eine Blüte und wuchs und expandierte weiterhin.
Dagegen ist Ägypten ein Beispiel für eine nur auf die Erhaltung des Bestehenden bedachte, stagnierende Zivilisation. Seine Kultur war aufgrund seiner fast vollständigen Isolation in sich abgekapselt und entwickelte sich nicht mehr weiter. Das sonnige und trockene Klima konservierte alles, nichts ging verloren. Die frühe ägyptische Hochkultur wuchs mühselig und war sehr schwerfällig. Man könnte sagen, dass Ägypten an seinen eigenen alten und überholten Gewohnheiten erstickte. Regelmäßiger Kontakt mit Nomadenvölkern hätte die ägyptische Hochkultur vielleicht retten bzw. für neue Impulse sorgen können. Die einzigen nennenswerten nomadischen Eindringlinge in den frühen Jahrhunderten waren die Hyksos, die Ägypten vor 1500 v. Chr. für einige Zeit regierten. Ihrer Vertreibung folgte im Neuen Reich eine Zeit der Blüte und der Expansion. Dieser Gipfel der Macht Ägyptens kann als unmittelbares Ergebnis der Einwirkung und Belebung durch die Barbaren angesehen werden. Bei sesshaften Völkern wie den Ägyptern, die sich weigerten, von Barbaren gebrachte Fortschritte und Neuerungen aufzunehmen, war ein Niedergang und letztlich das Erlöschen ihrer Zivilisation wahrscheinlich.
In Europa regierte um 500 n. Chr. der Ostgotenkönig Theoderich Italien und einen großen Teil des früheren Weströmischen Reiches. Er ist einer der germanischen Könige, die versuchten, das Römische Reich zu beleben und weiterzuführen. Mit einem civilitas genannten Programm versuchte er, das römische Verwaltungssystem, die Wirtschaft und die Kultur mit germanischer Beharrlichkeit und Kraft wiederherzustellen. Theoderich betraute gebildete und erfahrene Römer mit Regierungsämtern und mit Ämtern in der Zivil- und Steuerverwaltung. Dagegen war das Militärwesen ausschließlich Goten vorbehalten, die in Friedenszeiten Ackerbau betrieben und so einen Beitrag zur Erneuerung der Landwirtschaft leisteten. Diese Verschmelzung germanischer Tatkraft mit alten römischen Tugenden wird gewöhnlich als letztes Aufflackern Roms vor seinem endgültigen Untergang betrachtet.
Im Jahr 800 wurde der Frankenkönig Karl der Große zum römischen Kaiser gekrönt. Dies war der Versuch eines Germanen, mehrere Jahrhunderte nach dem Untergang des Römischen Reiches die römische Kultur und Herrschaft wieder zum Leben zu erwecken. Dieser Versuch der Wiederbelebung der römischen Kultur – insbesondere der Literatur, der Kunst und der Gelehrsamkeit – im Rahmen der christlichen Einheit und der politischen und militärischen Sicherheit, die Karl der Große zu bieten hatte, ist als karolingische Renaissance in die Geschichte eingegangen.
Die Invasionen der Wikinger waren mit ein Grund für den Untergang der Dynastie der Karolinger. Die Eindringlinge aus dem Norden griffen typischerweise vom Meer her an. Ihre flachen langen Schiffe eigneten sich für Raubzüge in den Flusstälern im Binnenland ebenso wie für Plünderungen an der Küste. Im 10. Jahrhundert begannen sie, sich dauerhaft in den von ihnen überfallenen Gebieten in England und Nordfrankreich anzusiedeln. Nachdem sie den christlichen Glauben angenommen hatten, begannen sie mit der Gesellschaft Westeuropas zu verschmelzen und verlegten sich von der Seeräuberei auf den Handel. Das Einfließen organisatorischer Fähigkeiten der Wikinger zeigt sich darin, dass England und Nordfrankreich bald die tatkräftigsten und wirkungsvollsten Regierungen im westlichen Kulturbereich hatten. Mit ihren seefahrerischen Qualitäten trugen die Wikinger dazu bei, die nach innen orientierte, vom Meer abgewandte und landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft Nordeuropas zu verändern und den Schiffbau, die Seefahrt und den Handel Westeuropas wieder zu beleben. Viele Gelehrte sind auch der Auffassung, dass die seefahrerischen Fähigkeiten und Neuerungen der Wikinger sowie ihre Begeisterungsfähigkeit und Abenteuerlust mit die Grundlage für die spätere Expansion Europas gelegt haben. Die Wikinger brachten Europa ein neues Bewusstsein für die Welt des Meeres. Ihre Reisen über den Atlantik waren ein unmittelbarer Schritt in das spätere Zeitalter der Entdeckungen und letztendlich zur imperialistischen Kontrolle der Welt durch Westeuropa in der Neuzeit.
Man kann sagen, dass die Barbaren auch eine positive Rolle bei der Verbreitung der Zivilisation selbst gespielt haben. Die vier wichtigsten Zivilisationszentren Eurasiens waren durch die endlosen Weiten der innerasiatischen Landmasse getrennt. Ein Kontakt und Handelsaustausch war auf dem Landweg nur über die von Barbaren bewohnte Steppe möglich, die sich über 10 000 Kilometer quer durch Eurasien erstreckt, von Ungarn bis in die Mandschurei. In der Frühzeit gab es auf dem Seeweg nur wenig Kontakte zwischen den isolierten Zivilisationen, weil die Seereise länger und gefährlicher war als die Überlandverbindungen.
Deshalb waren die Steppenbewohner vor 1500 n. Chr. die Hauptverbindungsstelle, über welche die in einer Zivilisation herrschenden Vorstellungen und Gebräuche einer anderen Zivilisation zugänglich gemacht werden konnten. Die Barbaren trugen viel zur Verbreitung geistiger Errungenschaften bei. Das Schreiben entstand im Mittleren Osten, und diese Errungenschaft breitete sich ostwärts nach Indien und China aus, auch wenn sich die Formen und Schriftzeichen der indischen und der chinesischen Schrift von der Keilschrift Mesopotamiens unterschieden. Die Herstellung und Verwendung von Bronze und Streitwagen breitete sich ebenfalls vom Mittleren Osten nach Europa, Indien und China aus. Es ist schwer, diese Art des frühen kulturellen Austausches einigermaßen sicher zu belegen. Es gibt aber genügend Hinweise, die ihn glaubhaft und wahrscheinlich erscheinen lassen.
Aus spätmittelalterlicher Zeit gibt es noch mehr überzeugende Beispiele für den kulturellen Austausch durch die Wanderung von Barbaren entlang der innerasiatischen Steppe. Der große mongolische Frieden machte im 13. und 14. Jahrhundert den Weg für gegenseitigen kulturellen Austausch frei. Chinesische Erfindungen wie das Schießpulver und die Druckkunst gelangten in dieser Zeit in den Mittleren Osten und nach Europa. Schriftliche Aufzeichnungen belegen, dass chinesische Artilleriekämpfer die mongolischen Armeen in den Mittleren Osten begleiteten. Päpstliche Gesandte reisten in den vierziger und fünfziger Jahren des 13. Jahrhunderts zu den Großkhanen nach Karakorum. In den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts brachte Marco Polo dem mongolischen Khan in Persien eine Prinzessin vom Hof des Kublai Khan als Braut mit. Ein Uigure mit Namen Rabban Sauma war das asiatische Gegenstück Marco Polos: Er reiste in den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts westwärts in den Mittleren Osten und von dort aus weiter nach Westeuropa. Er war Botschafter des persischen Khans beim Papst und beim englischen und französischen König. Der Franziskanermönch Johannes von Monte Corvino war bis zu seinem Tod 1328 der erste christliche Erzbischof von Peking. Dieser kulturelle und technische Austausch endete mit dem Zusammenbruch der mongolischen Khanate in Persien und China Mitte des 14. Jahrhunderts. Somit war die Herrschaft der Mongolen die letzte Periode gegenseitigen kulturellen Austausches vor der Neuzeit.
Es gibt genügend Beweise, die belegen, dass die barbarischen Nomaden eine aktive und positive Rolle in der Geschichte gespielt haben. Die barbarischen Eindringlinge sorgten für die Wiederbelebung sich nicht mehr weiterentwickelnder und verfallender Zivilisationen. In gewissem Umfang trugen die Barbaren zum kulturellen Austausch zwischen aufkommenden antiken und mittelalterlichen Zivilisationen bei. Die herkömmliche Darstellung von Barbaren als wilden Plünderern und unmenschlichen Zerstörern ist irreführend. Leider wird ihnen diese Rolle aber meist zugeschrieben, wenn Historiker bei ihrer Untersuchung der Vergangenheit allzu sehr auf sesshafte Völker und ihre geschriebenen Dokumente fixiert sind. Die meisten Gelehrten übernehmen Vorurteile und Bewertungen aus schriftlichen Quellen und verurteilen alle Barbaren, ohne ihren tatsächlichen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit objektiv zu beurteilen. Nur bei objektiver Betrachtung der Barbaren können Historiker deren wirklichen Beitrag verstehen. Dabei sollte man von einseitigen Sichtweisen wie: „Wir sind die Guten und Überlegenen – sie sind die Bösen und Minderwertigen” Abstand nehmen. Nur durch sorgfältige Beurteilung der ständigen Wechselwirkungen zwischen den beiden unterschiedlichen Lebensweisen wird man ein vollständiges und verlässliches Bild der frühen Entwicklung der Menschheit und der Entwicklung in der antiken und mittelalterlichen Geschichte Eurasiens erhalten.
Zum Autor: Gregory G. Guzman ist Professor für Geschichte an der Bradley University in Peoria (Illinois). Er ist Herausgeber von Monumenta Latina Rerum Mongolorum, einer Sammlung lateinischer Quellen über die Mongolen im 13. und 14. Jahrhundert.
Erscheint in:
Dschingis Khan; Barbaren; Nomadismus; Wikinger
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