Quellentext aus Encarta Erscheint in:
Die Gesundheitsfürsorge im postkolonialen Afrika

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Oliver Osborne, Professor an der University of Washington in Seattle, erläutert in diesem Beitrag, dass postkoloniale Herrschaft und Unruhen in Afrika die vielfältigen Gesundheitsfürsorgesysteme nicht verringerten und dass deren Integration erforderlich ist.

Gesundheitsfürsorge im postkolonialen Afrika

Kwanzaa
Kwanzaa
Erweitern

Von 1885 bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der afrikanische Kontinent durch die Kolonialherrschaft geprägt. Erst 1990 errang Namibia als letzte der ehemaligen Kolonien seine Unabhängigkeit. In den Jahren der intensiven und fast ausschließlich europäischen Herrschaft unterlagen Kulturen, Regierungen, Industrie, Religion und Medizin auf dem gesamten Kontinent starken westlichen Einflüssen. Seit dem Abzug der Westmächte ist erst eine relativ kurze Zeit vergangen. Sie hinterließen einen Kontinent mit künstlich geschaffenen Staaten und fremdländischen Regierungsformen, die nach wie vor von den fernen Wirtschaftsmächten dominiert wurden. Zwar ist Afrika die Wiege menschlichen Lebens. Aber leider haben auch viele Krankheiten dort ihren Ursprung. Uralte Krankheiten und moderne Gesundheitsprobleme, die mit AIDS, Hungersnöten, unzureichender Hygiene und sozialer Unruhe zusammenhängen, breiten sich gleichermaßen unkontrolliert aus und beschäftigen Gesundheitsfürsorgeorganisationen und Regierungen. Es wird Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte dauern, bis die afrikanischen Völker, Nationen, Regierungen, Wirtschafts- und Ökosysteme neue Lebensweisen etabliert haben, die diesen Aufgaben gerecht werden. Diese Anstrengungen erfordern die Zusammenarbeit und Mitwirkung traditioneller afrikanischer, islamischer, spiritueller und westlicher Medizin im Rahmen der Gesundheitsfürsorge.

Auch bei Encarta

Afrika ist ein riesiger Kontinent mit über 50 Staaten, mehr als 3 000 ethnischen Gruppen, die über 1 000 Sprachen sprechen, und verschiedensten Ökosystemen. Das menschliche Leben und die Kultur wie auch zahlreiche religiöse und philosophische Glaubensrichtungen haben in Afrika ihren Ursprung und kamen hier zu ihrer Blüte – ebenso wie einige Krankheiten. Afrikanische Händler, Kaufleute, Forscher und Reisende durchstreiften nicht nur den eigenen Kontinent, um Gedanken und materielle Güter auszutauschen. Daher entwickelten die afrikanischen Völker verschiedene Gesundheitsfürsorgesysteme, die vor allem von der traditionellen, spirituellen und islamischen sowie von der westlichen Schulmedizin beeinflusst wurden.

Das Charakteristische an diesen Fürsorgesystemen ist, dass jedes aus vielen Elementen besteht, die zu einem Netzwerk verknüpft sind. Diese Elemente umfassen beispielsweise medizinisches Wissen, Fachärzte, Praxen und die entsprechenden Instrumente und Einrichtungen. Jedes System dient zur Versorgung seiner Patienten, wobei jedes System in das lokale soziale, politische und wirtschaftliche Umfeld eingebunden ist. Alle Systeme bieten außerdem die Möglichkeit zur Ausbildung neuer Ärzte. Viele Afrikaner nehmen die Hilfe zweier oder mehrerer dieser Systeme gleichzeitig in Anspruch. Ihre Wahl wird dabei von verschiedenen Kriterien beeinflusst, wie etwa der Überlegung, welche Art von Hilfe sie ihrer Meinung nach benötigen, wieviel Geld zur Verfügung steht und welche dieser Systeme für sie verfügbar sind. Dieser praktische Aspekt wie auch die zunehmende Bedeutung, die der Rolle der Regierungen auf dem medizinischen Sektor zukommt, bestimmen die Stufe der Zusammenarbeit dieser Systeme im 21. Jahrhundert.

Traditionelle Gesundheitssysteme

Für die Menschen Westeuropas verkörpert das Wort traditionell die Bedeutung des Dauerhaften und Unveränderlichen. Die traditionellen Systeme der afrikanischen Ethnien hingegen verändern sich ständig, stehen zueinander in Konkurrenz, üben selbst Einfluss aus und nehmen Einflüsse von außen auf, die auf bemerkenswerte Weise integriert werden.

Die Heilmethoden der Einheimischen Afrikas beruhen auf uraltem philosophischem und religiösem Glauben. Die traditionelle afrikanische Medizin hat ihre Wurzeln in der Kultur, der Familie und der Gemeinschaft. Einheimische Kräuter und Pflanzen spielen eine entscheidende Rolle. Außerdem spiegeln sich die sozialen Gewohnheiten der Menschen wider, die den Afrikanern eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Krankheiten (die Behandlung der ganzen Person, d. h. des Körpers einschließlich des Geistes) ermöglichen. Ihr Interesse am körperlichen Wohlbefinden ist untrennbar mit ihren sozialen, philosophischen und spirituellen Traditionen oder ihrem Verständnis der Ursachen für Alltagsprobleme verbunden. Krankheit gilt als eine Art Missgeschick, dessen Wurzel in einer Vielzahl physischer, geistiger und sozialer Probleme zu finden ist.

Die Fürsorge in der Familie

In erster Linie sorgt die afrikanische Großfamilie traditionell für die Gesundheit ihrer Mitglieder. Eines der Hauptprinzipien der Blutsverwandtschaft (der Grundstruktur der afrikanischen Gesellschaft) ist der Respekt vor dem Alter. Die Älteren sind weitestgehend für den Erhalt der guten Beziehungen zwischen den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft, zu ihren Ahnen, zur spirituellen Welt und zu ihrem Gott bzw. ihren Göttern verantwortlich. Folglich stehen sie auch für den Erhalt der Gesundheit und das Wohl ihrer jüngeren Familienmitglieder in der Verantwortung. Wenn jemand krank wird, erzählen die Familienmitglieder dies sofort den Älteren und bitten sie um Rat. In dem sich ständig erweiternden Kreis der Familie, Gemeinschaft oder Sippe sind gewöhnlich immer Angehörige zu finden, die den einheimischen Heilern oder einem anderen Heilberuf angehören. Auf Empfehlung der Älteren können aber auch die Dienste eines Arztes in Anspruch genommen werden, der nicht zur Familie oder Gemeinschaft gehört bzw. nicht in der betreffenden Region ansässig ist.

Methoden einheimischer Heiler

Die meisten Afrikaner glauben an die traditionelle Medizin und verlassen sich in Bezug auf die Linderung physischer Krankheit wie auch auf ihr physiologisches und psychologisches Wohlbefinden auf die einheimischen Heiler. Zu ihnen gehören Ärzte, Kräutersammler, Wahrsager, die Priester der Einheimischen, Seher, Geburtshelfer, Chirurgen, Mitglieder des Königshauses, Regenmacher usw. Auf informelle Weise wie auch in formellem Unterricht lernen diese „Medizinmänner” den Heilwert und die Verwendung unzähliger Wurzeln, Blätter, Rinden, Blüten, Dornen und Mineralien kennen. Sie studieren die verschiedensten Substanzen, die aus Wirbeltieren, Insekten und deren Überresten gewonnen werden können, sowie andere Materialien, die dann für die Behandlung von Patienten eingesetzt werden. Heiler machen sich auch Tabus zu nutze (Banne oder Verbote) und heilen Krankheiten mit Massagen, Beschwörungen (dem rituellen Aufsagen von Zauberformeln), Bauchreden und Abführmitteln (Mitteln zur Reinigung und Entschlackung des Körpers). Ihr Erfolg stützt sich auf das Verständnis der persönlichen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebensbedingungen der Menschen, Familien und Institutionen innerhalb ihrer Gemeinschaft.

Wie die Allgemeinärzte der westlichen Schulmedizin diagnostizieren auch die einheimischen Kräutersammler in erster Linie Krankheiten und legen aufgrund ihrer Diagnose medikamentöse oder andere geeignete Behandlungen fest. Wahrsager und Priester suchen nach den spirituellen und weltlichen Ursachen physischer und psychischer Krankheiten, mentaler Probleme und mangelnder sozialer Beziehungen. Sie sagen ihren Patienten die Zukunft voraus, beraten und beruhigen sie. Zusammen mit den Regenmachern und Mitgliedern des Königshauses trösten und schützen sie gegen das Böse und führen die ganze Gemeinschaft.

Spezialisten

Es gibt eine Reihe bedeutender Heiler, die sich auf die Behandlung mentaler Krankheiten spezialisiert haben. Einige von ihnen errichteten Hospitäler, in denen sie die Patienten für einen längeren Zeitraum aufnehmen und behandeln. Ihre Therapien umfassen Wahrsagung, Kräutermedizin, physische Einschränkungen, Arbeitstherapie sowie Einzel-, Familien- und Gruppentherapie.

Über die Ursprünge und Aktivitäten afrikanischer Chirurgen ist bisher nur wenig bekannt. Die wenigen Aufzeichnungen, die in der Literatur der früh- und postkolonialen Zeit existieren, machen lediglich deutlich, dass sich die Praktiken der einheimischen Chirurgen von denen der westlichen Schulmedizin jener Zeit unterscheiden. Sie berichten darüber, dass Chirurgen Knochen richteten, grauen Star entfernten, Flüssigkeiten drainierten, Physiotherapie und Schröpfverfahren anwendeten, Hirnoperationen vornahmen und die Haut der Patienten aufritzten, um Arzneimittel zu implantieren.

Spirituelle Heilmethoden

Der frühe Glauben der Juden und Christen wurde um ältere Traditionen und Mythen der Menschen aus Afrika und aller Welt bereichert. Die Jünger Christi verbreiteten ihre Lehre und zugleich auch den afrikanischen Glauben über Nordafrika bis in den Osten und Süden des Kontinents. Um 1500 lehrten europäische Händler und spätere Missionare ihr religiöses Weltbild auf dem gesamten Kontinent. Es entstanden unabhängige afrikanische Kirchen, die auch weiterhin an der Heilung durch Predigten und Gebete, durch Sprechchöre, Bibellesungen, Gesänge, Tänze, Trance und Konsultationen festhielten. Ein Ergebnis dieser spirituellen Heiltradition war das Gesundbeten. Dabei verwendet man Kräuterarzneien und -seifen zum Reinigen des Körpers, schleimlösende Mittel zur Linderung erhöhten Blutandrangs im Brustkasten, Brechmittel zum Befreien des Magens von giftigen Substanzen, Abführmittel zur Reinigung des Verdauungssystems und Stärkungsmittel zur Kräftigung des Körpers.

Im Gegensatz zu den einheimischen Heilern durchlaufen Gebetsheiler keine Ausbildungszeit. Ihre Heilmethoden basieren auf ihrer Überzeugung, übernatürliche Kräfte zu empfangen und diese in Form von Wahrsagungen weitergeben zu können. Obwohl Gebetsheiler durchaus Gruppentherapien (Tänze und Trance) anwenden, liegt der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf der individuellen Beziehung zu Gott.

Islamische Heilmethoden

Die Grundlagen der islamischen Medizin stammen aus der Zeit des Altertums. Sie reflektieren spirituelle, zwischenmenschliche und soziale Belange, die in einem engen Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand des Menschen stehen. Dieses Wissen, das in Afrika, Persien, Indien, Syrien und den Gebieten der Beduinen entstand, wurde im Lauf der Zeit mit den Anschauungen der römischen und griechischen Philosophie verknüpft. Ungefähr im 2. Jahrhundert n. Chr. verfasste der griechische Philosoph Galen seine Abhandlung Über die Aufgaben der Körperteile des Menschen, in der er diese Vorstellungen vertrat.

Islamische Gelehrte schufen einen Kodex juristischer und medizinischer Schriften, die Erläuterungen zur prophetischen Heiltradition Mohammeds enthielten. Bis 800 n. Chr. erlebte die islamische Medizin in Nordafrika eine Blütezeit und wurde an den großen Universitäten des Mittleren Ostens, im islamischen Teil Iberias und in Timbuktu gelehrt.

Die islamische Medizin bestand aus zwei grundlegenden Bereichen: einer wissenschaftlichen Tradition, die eine gute bzw. schlechte körperliche Verfassung als Beurteilungsgrundlage hatte, und einer prophetischen Tradition spiritueller Heilung. Mit dem Verlust der Macht in zahlreichen eroberten Gebieten des Islam begann um 1100 n. Chr. der allmähliche Verfall der wissenschaftlichen Tradition. Die Lehrzentren und Forschungen der Gelehrten wurden aufgegeben.

Es blieben zwei Hauptgruppen von Anwendern der prophetischen islamischen Heilkunst in Afrika – Heilige und Gelehrte. Die Heiligen, verehrt wegen ihrer spirituellen Kräfte, respektiert wegen ihrer Frömmigkeit und als Gesandte des Propheten angesehen, heilten durch Gebet. Bei ihren Methoden standen Reinlichkeit und Säuberung, Exorzismus und die Durchführung von weiteren Heilungszeremonien im Mittelpunkt. Einige beschäftigten sich mit dem Ausbrennen (zum Entfernen von Gewebe und zum Verschließen einer Wunde), Aderlass (Entnahme von Blut als therapeutischer Maßnahme) und der Skarifikation (Einritzen kleiner Schnitte in die Haut wie beim Impfen). Die Gelehrten bemühten sich ebenso wie die traditionellen afrikanischen Wahrsager um eine Erklärung des spirituellen und übernatürlichen Unbekannten, um so Heiraten, Geburten, Krankheit, Arbeit, Liebe, Ausbildung und zukünftige Ereignisse beeinflussen zu können. Auch Kräutersammler, Hebammen und Knocheneinrichter trugen ihr Wissen zur islamischen Medizin bei.

Heute engagieren sich in Afrika vor allem die muslimischen Nationen des Nordens, die muslimischen Regionen der südlichen Sahara und die kleinen muslimischen Gemeinschaften im Osten und Süden des Kontinents für islamische Medizin. Die islamischen Praktiken standen schon immer im Widerstreit mit dem afrikanischen Glauben der Einheimischen, den sie gleichzeitig aber auch übernahmen und ihrerseits beeinflussten. Mit der verstärkten neuen Energie des Islam haben sich muslimische, im Westen ausgebildete Ärzte in den vergangenen Jahrzehnten bemüht, eine internationale Zusammenarbeit ins Leben zu rufen, um Fortschritte der Medizin in die islamische wissenschaftliche medizinische Tradition einzubringen. Außerdem streben sie aufgrund ihrer moralischen Auswirkungen nach der Verbreitung der islamischen Anschauungen über medizinische Praktiken.

Die westliche Schulmedizin

Die westliche Schulmedizin hat ihre Wurzeln in der wissenschaftlichen Tradition des Lernens, die auf die großen islamischen Universitäten zurückgeht und in Europa weiterentwickelt wurde. In den Jahren nach 1500 brachten Forscher, Händler und Missionare die noch in ihren Anfängen befindliche westliche Medizin nach Westafrika. Heutzutage ist diese Tradition auf einzigartige Weise mit den nationalen Regierungen, internationalen staatlichen Organisationen und dem Kapitalismus verbunden. Sie geht von der Erkenntnis aus, dass physische Phänomene wie Bakterien, Viren und Funktionsstörungen oder die Mutation von Genen die Ursachen von Krankheiten sind. Diagnose und Behandlung konzentrieren sich auf den individuellen Patienten, unabhängig von der Familie, der sozialen, kulturellen und geistigen Gemeinschaft. Die Wurzeln der Schulmedizin liegen in den biologischen bzw. physiologischen Erkenntnissen. Sie korrigiert körperliche Fehlfunktionen mit Hilfe chemischer, mechanischer und elektronischer Behandlungen, die speziell auf eine exakt definierte Krankheitsursache ausgerichtet sind. Im Ergebnis dieser Methode entstand eine ganze Reihe von Spezialgebieten, von denen ein jedes eine ebenso spezialisierte Ausrüstung erfordert.

Die westliche Schulmedizin war ein bedeutender Bestandteil des europäischen Imperialismus in Afrika. Ihre anfängliche Zielsetzung war es – finanziert durch die Besteuerung der Afrikaner – tropischen Krankheiten, unter denen die europäischen Missionare, Kaufleute oder Verwaltungsangestellten in den Kolonien litten, vorzubeugen bzw. diese zu heilen.

Die Entwicklung der Infrastruktur

Nachdem die Afrikaner die Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten errungen hatten, wurden die politischen Institutionen und Regierungssysteme der Europäer beibehalten. Daher wurde auch die westliche Schulmedizin zur Grundlage des offiziellen Gesundheitsfürsorgesystems der neuen afrikanischen Nationalregierungen.

Ebenso wie in Europa und Amerika sind auch für die westlich geprägte Medizin in Afrika ständig steigende finanzielle Mittel erforderlich. Die afrikanischen Regierungen verwenden einen bedeutenden Anteil ihrer nationalen Haushalte für die Schaffung und Aufrechterhaltung von Programmen im Bereich der Medizin, der Pflege, der öffentlichen Gesundheitsaufklärung, der Forschung sowie für Hospitäler und Kliniken.

Auch die internationale Gemeinschaft investiert große Geldsummen in medizinische Ausrüstungen und Versorgung, Arzneimittel oder andere, in diesem Zusammenhang benötigte Materialien. Außerdem erfordert die westlich geprägte Schulmedizin im Gegensatz zu anderen afrikanischen Gesundheitsfürsorgesystemen kontinuierliche Investitionen in das Transportwesen, in die Elektrizitäts- und Wasserversorgung sowie die Abwassersysteme.

Eine Reihe von externen Organisationen, die für die afrikanische Bevölkerung Dienstleistungen im Gesundheitssektor bereitstellen, unterstützt die Verbreitung der westlichen Medizin in den afrikanischen Ländern. Zu diesen Organisationen gehören medizinische Missionsgesellschaften, internationale Regierungsvertretungen wie die UN (United Nations: Vereinte Nationen) und die WHO (World Health Organization: Weltgesundheitsorganisation), staatliche Hilfsorganisationen aus dem Ausland, wie z. B. das Peace Corps, sowie zahlreiche nicht staatliche Organisationen, die zunehmende Bedeutung erlangen. In den vergangenen Jahrzehnten nahmen die Aktivitäten all dieser Organisationen in Bezug auf Gesundheits- und Sozialfürsorge zu. Dies gilt besonders für solche Regionen, die von Krieg und Naturkatastrophen betroffen waren.

Bemühungen zur Integration der Systeme

Die einheimischen spirituellen wie auch die islamischen Systeme haben gemeinsame Ursprünge in den Mythen und Praktiken der frühen afrikanischen und anderen Völker des Altertums. Im Laufe der Zeit verstreuten sich diese Glaubensrichtungen und Praktiken und wurden auch in anderen Teilen der Welt übernommen. Die Praktiken änderten sich, gelangten nach Afrika zurück, wo sie im Zuge der praktischen Anwendung weiterentwickelt wurden. Abgesehen von der individualistischen, teuren, weltlich geprägten, bürokratischen und letztendlich ausländischen Schulmedizin verkörpern die Gesundheitsfürsorgesysteme Afrikas eine ganzheitliche Behandlungsmethode. Diese dient zur Herstellung des psychischen und physischen Wohlbefindens, fördert die geistige und kulturelle Verwurzelung, das Interesse an sozialen Konsequenzen und das Vertrauen in einheimische Materialien. So ist es den afrikanischen Völkern möglich, ohne Probleme zwischen den Systemen zu wechseln.

Trotz unzähliger postkolonialer Errungenschaften gibt es in Afrika heute noch viele ernsthafte Probleme zu lösen, die tief greifende Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Immer wieder kommt es zur Bildung neuer Staaten mit politisch instabilen Regierungen, zur Errichtung von Militärdiktaturen, deren vorrangiges Interesse in der Beschaffung von Waffen besteht, und zur Abwanderung großer Bevölkerungsgruppen aufgrund von Krieg und Hungersnöten. Nach wie vor gehören religiöse Konflikte, Korruption, illegaler Handel mit veralteten und gefährlichen Arzneimitteln, eine mangelhafte medizinische Versorgung und internationale Hilfsorganisationen, die die nationalen Regierungen nicht respektieren, zur Tagesordnung. Die Menschen auf diesem Kontinent leiden unter Armut und haben mit AIDS, ökologischen Problemen und einer extrem schnellen Urbanisierung zu kämpfen. Derartige Schwierigkeiten beeinträchtigen die Funktion aller Gesundheitsfürsorgesysteme. Besonders betroffen davon ist aber die westliche Schulmedizin, die von einer hoch entwickelten und gut instand gehaltenen Infrastruktur abhängt. In Anbetracht dieser katastrophalen Zustände drängen führende Politiker im Gesundheitswesen auf eine verstärkte Kooperation und Einheitlichkeit der einzelnen Systeme.

Eine solche Zusammenarbeit oder gegenseitige Mitwirkung der Systeme würde eine schnellere Ausbildung von Mitgliedern einheimischer Heilerfamilien zu Ärzten, Krankenschwestern, Pharmazeuten und Fachleuten für die Gesundheit der Bevölkerung ermöglichen, die ihre Kenntnisse dann wieder in ihre Familien einbringen. Eine intensivere Kooperation wird erzielt, wenn den einheimischen Heilern und Hebammen von Regierungsseite auf der Schulmedizin basierende Lernprogramme angeboten werden – in der Hoffnung, dass diese ihr Wissen als Lehrer im Gesundheitswesen oder im Rahmen von Programmen zur Krankheitsvorbeugung weitergeben. Die Regierungen fördern außerdem die Bildung lokaler und nationaler Verbände, die sich den traditionellen Heilverfahren widmen und auf eine selbstregulierende Lizenzvergabe ausgerichtet sind, um diese dann in staatlich finanzierten Gesundheitsprojekten einzusetzen. Vermutlich wird die extreme Instabilität vieler junger afrikanischer Nationen eine solche Zusammenarbeit beschleunigen.

Die vorhandenen afrikanischen Gesundheitsfürsorgesysteme entwickeln sich ständig weiter. Wie schon in der Vergangenheit sind die Ärzte eines jeden Systems bestrebt, neue Wege der Koexistenz mit den anderen zu beschreiten, ohne dabei ihre eigene Identität zu verlieren. Es wäre töricht, in Afrika die Systeme der fortschrittlichen kapitalistischen Staaten, deren Grundlage die Schulmedizin ist, nachahmen zu wollen. Selbst in diesen Ländern sind die steigenden Kosten der Gesundheitsfürsorge außer Kontrolle geraten. Die Folge sind die Suche nach möglichst günstigen Dienstleistungen in diesem Sektor, die Integration zahlreicher alternativer Systeme, die mit dem offiziellen System konkurrieren oder die Disziplinierung der aufbegehrenden internationalen Gesundheitsfürsorgeindustrie. In solcher Form sind es diese Systeme nicht wert, Nachahmung zu finden. Anstatt nach einem afrikanischen Gesundheitsfürsorgesystem zu streben, das von der Regierung und der westlichen Schulmedizin beeinflusst und kapitalistisch orientiert ist, wäre es sinnvoller, ein System zu schaffen, das verschiedene Optionen bietet.

Die traditionelle afrikanische Medizin, die spirituelle Heilung und auch die islamische Medizin sind mächtige Institutionen, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene. Afrika, Europa und Amerika betreiben einen intensiven Wissensaustausch auf diesem Gebiet. So, wie die wissenschaftliche Tradition islamischer Heilmethoden Eingang in die westliche Schulmedizin fand, suchen muslimische Ärzte heute in der ganzen Welt nach Wegen, die westliche Schulmedizin mit den islamischen Traditionen in Einklang zu bringen. In Afrika, Südamerika, der Karibik und in Nordamerika, wo viele Afrikaner oder Muslime leben, entwickeln sich diese Praktiken Seite an Seite mit denen der westlichen Schulmedizin, die auch weiterhin eine kapitalistische, von der Regierung beeinflusste Einrichtung bleibt. Und doch schafft gerade sie die Bedürfnisse, den Raum und die Möglichkeiten für die anderen Systeme, ihre Effektivität und Popularität als Gesundheitsfürsorge im Interesse des Patienten zu erhöhen. Zusammen werden alle diese Systeme, wie auch bereits in der Vergangenheit, die Zukunft der afrikanischen Gesundheitsfürsorge sein, nur effektiver und zunehmend komplexer. Und dieses Modell könnte ebenso die Zukunft der Gesundheitsfürsorge in westlichen Ländern sein.

Zum Autor: Oliver H. Osborne ist emeritierter Professor an der University of Washington (Seattle), wo er an der Fakultät für Krankenpfleger sowie im Fachbereich für Anthropologie tätig ist. 1968 erhielt er den Doktortitel in Anthropologie für seine Arbeit mit den Yoruba in Nigeria, von denen er für seine Dienste an der Gemeinschaft während eines blutigen Krieges mit der Häuptlingswürde geehrt wurde. Er war einer der Begründer der medizinischen Anthropologie, führte internationale Studien durch und war als Berater tätig.

Erscheint in:

Medizin; Gesundbeten; Gesundheitspolitik; Afrika; Medizinmann; AIDS

© 2008 Microsoft