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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Kenneth Pomeranz, Professor an der University of California in Irvine erläutert in diesem Beitrag die These, dass die Dichte der Weltbevölkerung über viele Jahrhunderte zwar schwankte, aber nur geringfügig anstieg. Seit den fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts erlebte die Welt jedoch drei Revolutionen der Bevölkerungsentwicklung, welche die Umwelt, die menschliche Gesundheit und die Wirtschaft nachhaltig beeinflussten.
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Die Bevölkerungsdichte – die Anzahl der Einwohner auf einer vorgegebenen Fläche – prägt unsere Welt: angefangen von den wirtschaftlichen Möglichkeiten über Umweltveränderungen bis hin zur Lebensqualität im Alltag. Das Erkennen langfristiger Trends ist für Vorhersagen von entscheidender Bedeutung, die für eine intelligente Planung der Wirtschaft, der Umwelt und der Gesundheitsvorsorge erforderlich sind. Außerdem ist zu beachten, dass unterschiedliche Gesellschaften, die vergleichbaren langfristigen Änderungen der Bevölkerungsstruktur unterlagen, dennoch große Unterschiede in ihrer Entwicklung aufweisen können. Übereinstimmungen hinsichtlich kultureller Präferenzen, wirtschaftlicher Anreize und der Regierungspolitik führen zwar zu bestimmten Änderungen der Bevölkerungsdichte, diese folgen jedoch nicht einer allgemein gültigen Regel.
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Bei der Erforschung der Bevölkerungsstruktur betrachten Demographen und Soziologen Geburten- und Sterberaten sowie die durchschnittliche Lebenserwartung. Darüber hinaus untersuchen sie, ob die Einwohner Geburtstermine, die Anzahl ihrer Kinder oder gar deren Geschlecht planen. Eine Bewertung der Bevölkerungsentwicklung der letzten 2 000 Jahre sowie der Kulturen und Glaubensrichtungen lässt Muster erkennen, die uns Einblicke in das mögliche zukünftige Bevölkerungswachstum erlauben.
Während eines Großteiles der Geschichte entwickelte sich die Weltbevölkerung zyklisch ohne erkennbare langfristige Trends. Einer Schätzung zufolge lag das Wachstum bis etwa 1500 im Durchschnitt bei 0,0002 Prozent pro Jahr. Von 10000 bis 4000 v. Chr., als etwa 20 Millionen Menschen auf der Erde lebten, bedeutete dies eine Zunahme von ungefähr 4 000 Menschen pro Jahr. In den nächsten 4 000 Jahren wuchs die Weltbevölkerung etwas schneller bis auf 200 Millionen im 1. Jahrhundert n. Chr. Bei dieser Zahl stagnierte sie etwa 600 Jahre lang. In den nächsten 650 Jahren stieg sie um insgesamt 75 Prozent, das entspricht einer jährlichen Zuwachsrate von unter 0,1 Prozent. Interessanterweise lassen Ruinen altertümlicher Städte und deren Umgebung vermuten, dass die Bevölkerungszahlen einiger Städte zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. ebenso hoch waren wie im Jahr 1500.
1250 konzentrierte sich die Weltbevölkerung im Wesentlichen auf einige wenige Regionen, in denen sesshafte Menschen Ackerbau betrieben und sich die ersten Städte entwickelten. Etwa 75 Prozent aller Menschen lebten auf 6 bis 7 Prozent der Landfläche der Erde – dies entspricht einem Mittelwert von 25 Menschen pro Quadratkilometer (etwa mit Europa 1650 oder dem heutigen Texas vergleichbar). Die restlichen 93 Prozent der Landfläche der Erde waren unbewohnt oder wurden von Nomadenvölkern genutzt, die sich über weite Flächen verteilten (im Mittel 0,6 Menschen pro Quadratkilometer). Ein Großteil des frühen Bevölkerungswachstums entstand dadurch, dass sich Nomaden dem Ackerbau und dem Leben in Städten zuwandten. Die weitgehende Stagnation bei der Entwicklung landwirtschaftlicher Techniken ließ nur einen geringen Anstieg der Anzahl an Einwohnern zu, die in einer bestimmten Region überleben konnten.
Um 1250 begann sich die Weltbevölkerung zu verringern, da neue Epidemien ausbrachen und unkluge Ackerbauverfahren den Boden vielerorts unfruchtbar werden ließen. Gleichzeitig bedeutete die enorme Ausdehnung des von Nomaden beherrschten mongolischen Reiches, dass sich das durch Ackerbau und Stadtbewohner geprägte Gebiet nicht weiter ausdehnte. Die Weltbevölkerung stieg bis 1450 nicht mehr an, um dann ein rapides Wachstum zu erfahren.
Um 1450 stiegen die Bevölkerungszahlen in Ostasien, Europa und wahrscheinlich Indien schnell an. Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass auch in anderen dicht besiedelten Regionen, wie Ägypten, die Bevölkerung zunahm. Die Gesamtweltbevölkerung erreichte schnell neue Höchstwerte, und die Einwohnerzahl sank nie wieder unter die Werte vor 1450. Ende des 17. Jahrhunderts ging sie zwar leicht zurück, aber um 1700 lag die Bevölkerungszahl weltweit bei mindestens 600 Millionen Menschen.
Für diesen massiven Wandel gibt es zahlreiche Theorien. Nach dem Zerfall des mongolischen Reiches und dem darauf folgenden Jahrhundert der Instabilität kamen in verschiedenen Regionen stärkere Regierungen an die Macht. Diese Regierungen profitierten vom verstärkten Ackerbau, der mehr Steuergelder und mehr Menschen und somit auch mehr Soldaten bedeutete. Folglich förderten sie den Ackerbau und die Besiedlung der Grenzregionen. Der Ackerbau erlebte zwar keine bahnbrechenden Neuerungen, aber aufgrund der zunehmenden Fähigkeit zu lesen und zu schreiben und der Verbreitung des Buchdruckes erlernten mehr Menschen die bewährten Verfahren. Die Medizin blieb eher ineffizient, aber zunehmende Bildung und der Buchdruck förderten – besonders in China, Japan und Korea – die Ausbreitung grundlegender Prinzipien der Kinderpflege und der Geburtsvorbereitung.
Mitte des 18. Jahrhunderts hatten China, Japan und Westeuropa neue Rekordwerte bei den Einwohnerzahlen erreicht, und die Bevölkerungszahl stieg schneller als je zuvor. Danach erlebten diese Regionen nur noch kurze Phasen, in denen die Zahlen geringfügig zurückgingen. Im 19. Jahrhundert zog der Rest der Welt gleich und ließ die Bevölkerungszahl in bisher unbekannte Höhen emporschnellen. Die Gesamtweltbevölkerung erreichte 1800 etwa 950 Millionen, 1900 etwa 1,65 Milliarden und überschritt 1999 die Sechsmilliardengrenze. Die Wachstumsrate betrug im 18. Jahrhundert vielleicht 0,3 Prozent, im 19. Jahrhundert 0,5 bis 0,6 Prozent, und im 20. Jahrhundert erreichte sie außerordentliche 1,5 Prozent. Einige Länder erlebten Wachstumsraten von mehr als 3 Prozent pro Jahr, so dass sich ihre Einwohnerzahl in etwa 23 Jahren verdoppelte.
Mehr Menschen benötigen mehr Nahrungsmittel. In weiten Teilen der Welt stieg der maximale Ertrag pro Hektar nicht wesentlich, bis um 1900 chemische Düngemittel und Pestizide erfunden wurden. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Ackerbauflächen jedoch in Amerika, Russland, Australien und Südostasien erheblich erweitert. Außerdem verbreiteten sich bewährte Ackerbauverfahren immer mehr.
Änderungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen verstärkten darüber hinaus vielerorts das Bevölkerungswachstum. Bis zum 18. Jahrhundert erschwerten viele Gesellschaften ihren Mitgliedern so lange die Heirat und das Gründen einer Familie, bis das Paar tatsächlich eine Familie unterhalten konnte. Dies bedeutete in der Regel, dass Nachfahren zunächst den Hof ihrer Eltern erben mussten. Ab dem 18. Jahrhundert verdienten sich jedoch besonders in Europa und Ostasien immer mehr Menschen ihren Lebensunterhalt, indem sie ihre Dienste anderen anboten und nicht mehr warteten, bis sie ihr eigenes Land, Werkzeuge und Läden erbten. Folglich bekamen sie früher Kinder und dadurch auch mehr Kinder.
Gleichzeitig mit dem Anstieg der Geburtenraten fielen die Sterberaten. Die sinkenden Sterberaten lassen sich jedoch vor 1900 weniger auf neue medizinische Erkenntnisse zurückführen als auf die stärkere Verbreitung des vorhandenen Wissens, Verbesserungen bei der Müllentsorgung, die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und andere Maßnahmen zur allgemeinen Gesundheitsfürsorge. Im 20. Jahrhundert sanken die Sterberaten derart schnell, dass die Einwohnerzahlen sogar in vielen Regionen, in denen die Geburtenraten drastisch fielen, weiterhin zunahmen.
Während die Bevölkerungszahlen nach 1450 emporschnellten, geschah auch innerhalb der Familien Entscheidendes. Im 17. Jahrhundert, teilweise auch schon früher, begannen viele Menschen, die Anzahl, die Geburtstermine und bisweilen sogar das Geschlecht ihrer Kinder zu planen. Es lassen sich jedoch aufgrund der persönlichen Natur von Entscheidungen, welche die eigene Fortpflanzung betreffen, kaum direkte Belege dafür finden. Es ist bekannt, dass einige Menschen versuchten, die Größe ihrer Familie mit illegalen Mitteln – von der Abtreibung bis zum Kindermord – zu kontrollieren, die man selbstverständlich nicht schriftlich festhielt. In Anbetracht dieses begrenzten Wissens beruhen unsere Erkenntnisse über die Geburtenkontrolle hauptsächlich auf dem Werk des ersten Bevölkerungswissenschaftlers Thomas Malthus.
Malthus war der Ansicht, dass die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs bei verheirateten Paaren nur durch biologische Triebe begründet war, die weder durch die Gesellschaft noch die Kultur beeinflusst wurden. Obwohl die Menschen seit Jahrhunderten versuchten, Verhütungsmethoden zu entwickeln, die ihnen Geschlechtsverkehr ohne Zeugung von Kindern ermöglichten, war man allgemein der Ansicht, es gäbe kein wirksames Verhütungsmittel, bis im 20. Jahrhundert Kondome aus vulkanisiertem Gummi erfunden wurden. Folglich dachten Demographen bis zum 20. Jahrhundert, die einzige Methode, die Geburtenraten zu senken, bestehe darin, die Menschen – entsprechend dem so genannten preventive check von Malthus – an der Heirat zu hindern. Zu den Maßnahmen, die eine Eheschließung verhindern sollten, zählten wirtschaftliche Voraussetzungen: So wurden Paare gezwungen, zunächst eine bestimmte Summe Geldes für die Heirat zu sparen. Eine andere Methode waren religiös und kulturell begründete Praktiken, die bestimmten Gruppen die Heirat verboten.
Für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert fanden Demographen in der Region außerhalb Europas und Japans kaum Belege für vorbeugende Maßnahmen. Daher ging man davon aus, dass sich die Bevölkerungszahlen hier, wie Malthus es bezeichnete, durch positive checks – Katastrophen wie Kriege, Epidemien und Hungersnöte – selbst geregelt hatten. Heute wissen wir jedoch, dass manche Gesellschaften eigene Wege verfolgten, um ein gewisses Maß an Empfängnisverhütung zu ermöglichen.
Medizinische Handbücher und die Volkskunde Ost- und Südostasiens berichten z. B. von Mixturen, die der Verhütung dienen oder Fehlgeburten herbeiführen sollten. Einige dieser Methoden waren wahrscheinlich durchaus wirksam. Sie waren zwar nicht so effizient wie die Methoden im 20. Jahrhundert, wirkten sich aber dennoch auf die Bevölkerungszahlen aus. Obwohl wir die Mixturen in den meisten Fällen nicht mehr vollständig reproduzieren können, lassen sich einige Bestandteile erkennen, etwa bestimmte Chemikalien, die sich nach heutigem Wissensstand negativ auf eine Schwangerschaft auswirken. Einige dieser Drogen waren schwache Gifte, die eine Gefahr für die Frauen darstellten, die sie einnahmen. Andere Substanzen führten wahrscheinlich auch zu Missbildungen bei den Kindern.
Weltweit belegen viele Aufzeichnungen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert eindeutig, dass Geburtenraten manipuliert wurden. Bei einer Stichprobe aus China betrug z. B. die durchschnittliche Zeit zwischen Hochzeit und Geburt des ersten Kindes 36 Monate, während diese in Europa bei 18 Monaten lag. Dies ist ohne Eingriffe kaum denkbar, da bei 85 Prozent der sexuell aktiven Paare, die keine Verhütungsmittel verwenden, innerhalb von zwölf Monaten eine Schwangerschaft eintritt.
Darüber hinaus zeigen chinesische und japanische Studien längere Verzögerungen zwischen Heirat und Geburt des ersten Kindes in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Dies lässt sich nur durch Verhütung, geplante sexuelle Enthaltsamkeit oder Kindestötung erklären.
Menschliche Eingriffe in die Fortpflanzung lassen sich auch deutlich am Verhältnis zwischen geborenen Jungen und Mädchen erkennen. Wenn keine Maßnahmen zur Auswahl eines bestimmten Geschlechts unternommen werden, liegt die Anzahl der geborenen Jungen pro 100 geborenen Mädchen bei 105; dies wird als Geschlechterverhältnis von 105 bezeichnet. Eine für die Jahre 1792 bis 1840 in einer Region im nordöstlichen China durchgeführte Studie ergab, dass bei Familien mit einem Kind die Geschlechterverteilung bei 576 lag (d. h. fast sechs Jungen pro Mädchen). Dieses Verhältnis lässt vermuten, dass die Eltern willens waren, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen, wenn das erste Kind ein Sohn war. Diese Haltung wurde auch in die Praxis umgesetzt.
Letztendlich lassen sich einige erkennbare Muster nur dadurch erklären, dass manche Eltern neugeborene Mädchen vorsätzlich töteten, um eine Familie mit der gewünschten Größe und Geschlechterverteilung zu erhalten. Eine Studie, die eine Periode von mehr als 113 Jahren untersuchte, zeigte, dass Paare in einem japanischen Dorf, deren Kinder zumeist Jungen waren, in drei von fünf Fällen ein Mädchen als nächstes Kind bekamen. Demgegenüber bekamen Paare, die hauptsächlich Mädchen hatten, in zwei von drei Fällen als nächstes Kind einen Jungen. Bei Paaren, die keine Kinder mehr bekamen, obwohl die Mutter noch jung war (dies deutet auf bewusste Familienplanung hin), war das letzte Kind häufig ein Mädchen, wenn die zuvor geborenen Kinder hauptsächlich Jungen waren. In 83 Prozent der Fälle war das letzte Kind jedoch ein Junge, wenn die Kinder hauptsächlich Mädchen waren.
Diese Muster lassen vermuten, dass Familien, die sich nur noch ein weiteres Kind leisten konnten oder unbedingt noch einen Sohn wollten, trotz aller Gesetze gegen Kindermord viele Mädchen einfach töteten. In einigen Fällen geschah dies auch bei Jungen, wenn die Familien unbedingt ein Mädchen wollten. Wie auch immer: Die Menschen überließen die Familienplanung nicht mehr dem Schicksal. Die im 19. und 20. Jahrhundert erfundenen Methoden machten Eingriffe weniger schmerzvoll und erfolgreicher.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts trat eine dritte große Änderung der Bevölkerungsstruktur auf. Diese Änderung wird in der Regel als demographischer Wandel bezeichnet. In einigen Teilen der Welt begann das Grundmuster von relativ hohen Geburtenraten und ausgleichenden hohen Sterberaten zu niedrigen Geburten- und Sterberaten umzuschwenken, die heute in weiten Teilen der Welt charakteristisch sind.
Im 17. Jahrhundert lag selbst in der Oberschicht in relativ reichen Regionen, wie z. B. in England und im Huang-He-Delta in China, die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen bei 35 oder 40 Jahren. An den meisten anderen Orten, von denen Aufzeichnungen über die Lebenserwartung existieren, lag diese zwischen 25 und 33 Jahren. Jede Frau musste durchschnittlich sechs Kinder zur Welt bringen, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. In den heutigen entwickelten Ländern liegt die Lebenserwartung bei 75 Jahren, so dass für eine stabile Bevölkerungsdichte jede Frau durchschnittlich 2,1 Kinder bekommen müsste.
In den meisten Teilen der Erde hat sich der nachfolgend beschriebene demographische Wandel vollzogen, jedoch zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Raten. Zunächst sind die Sterberaten gefallen und die Geburtenraten konstant geblieben oder leicht gefallen. Dies führte zu einem enormen Anstieg der Bevölkerungszahl und der Zerstörung des alten Gleichgewichts zwischen hoher Anzahl an Geburten und hoher Anzahl an Sterbefällen. Letztendlich fielen die Geburtenraten weiter, wodurch sich ein neues Gleichgewicht zwischen einer niedrigen Geburtenrate und einer relativ stabilen Bevölkerungszahl mit hoher Lebenserwartung einstellte, deren Mitglieder lange lebten.
In Europa, für das es die meisten Belege gibt, begann die Sterberate gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu sinken. Insbesondere bei Kleinkindern und Kindern verringerte sich die Sterblichkeit drastisch, teilweise aufgrund der neu entwickelten Impfung gegen Pocken und teilweise aufgrund der verbesserten Geburtshilfe.
Der Lebensstandard und die Lebenserwartung der Erwachsenen erhöhten sich jedoch bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur unwesentlich. Nach dieser Zeit gab es Verbesserungen hinsichtlich sanitärer Einrichtungen, Nahrungsmittelversorgung und -lagerung, Unterkunft sowie der Beheizung von Wohnungen, die für eine bedeutende Änderung der Lebenserwartung sorgten. Die Lebenserwartung in Deutschland schnellte z. B. von gut 30 Jahren 1860 auf gut 60 Jahre 1930 empor. Zu dieser Zeit kannte man noch keine krankheitsbekämpfenden Antibiotika. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Geburtenraten in weiten Teilen Europas und Nordamerikas zu sinken und gingen im 20. Jahrhundert rapide zurück. Ohne Einwanderer wären in den meisten Industrieländern die Bevölkerungszahlen rückläufig gewesen.
Viele andere Industrieländer wie Japan, Taiwan, Korea und Australien verzeichneten einen vergleichbaren demographischen Wandel. In den meisten Fällen begann dieser Wandel später als in Westeuropa und Nordamerika, aber er fand schneller statt. Andernorts lässt sich die Entwicklung jedoch nicht so einfach erklären.
Nahezu überall auf der Welt sind die Sterberaten wesentlich niedriger als noch vor 50 oder 100 Jahren. In vielen Regionen liegen sie jedoch höher als die Sterblichkeit vor 100 Jahren in den reichen Ländern. In einigen Regionen – besonders in den Teilen Afrikas, in denen HIV-Infektionen weit verbreitet sind, und seit dem Niedergang der Sowjetunion auch in Russland, wo verschiedene Vorsorgenetzwerke zerfallen sind – steigen die Sterbeziffern wieder. Die HIV-Epidemie hat sich besonders stark in afrikanischen Städten ausgebreitet, wo Arbeit suchende Männer Geschlechtsverkehr mit Prostituierten haben, unter denen die Infektionsrate sehr hoch ist. In einigen Städten beträgt die Infektionsrate mehr als 25 Prozent, und Wanderarbeiter, die nach Hause zurückkehren, bringen die Krankheit auch in ländliche Gebiete. Die Fachleute sind sich nicht darüber einig, wie stark die Auswirkungen langfristig auf die Landbevölkerung sein werden. Bis jetzt haben die hohen Geburtenraten dafür gesorgt, dass die afrikanische Landbevölkerung trotz politischer, wirtschaftlicher und medizinischer Krisen stetig angestiegen ist.
In vielen armen Ländern sind die Geburtenraten weiterhin hoch, weil die Eltern glauben, dass sie nur mit einer großen Kinderschar sicherstellen können, dass eines der Kinder bis zum Erwachsenenalter überlebt. In diesen weniger industrialisierten Gebieten erfordern nur wenige Arbeitsplätze eine formale Schulausbildung, so dass die Kinder schon in jungen Jahren zum Familieneinkommen beitragen können. Als Ironie der Geschichte tragen die hohen Geburtenraten jedoch wahrscheinlich dazu bei, dass diese Länder auch künftig in ständiger Armut leben werden.
Mit zunehmendem Wohlstand sinken die Geburtenraten. Die Urbanisierung hat dieselben Auswirkungen, da es für Großfamilien, die in die Stadt ziehen, wesentlich kostspieliger ist, genügend Wohnraum zu mieten. Außerdem können die einzelnen Familienmitglieder durch den gesellschaftlichen Wandel, der mit der Urbanisierung eingeleitet wurde, erst zu einem späteren Zeitpunkt zum Familieneinkommen beitragen: Dieser Wandel erfordert mehr Arbeitsplätze, für die zumindest eine grundlegende Bildung notwendig ist. Die Bildung der Frauen ist ein dritter bedeutender Faktor für die Geburtenraten. Gebildeten Frauen bieten sich eher persönliche Chancen, die einer frühen Heirat und der Planung von Nachwuchs im Wege stehen. Außerdem wissen sie, wo sie Hilfe zur Empfängnisverhütung finden und können diese auch anwenden. Einige Länder, besonders China, haben durch wirtschaftliche Anreize und erheblichen Druck selbst in der eher armen Landbevölkerung die Geburtenraten gesenkt.
Mit dem Rückgang der Sterberaten, der in den letzten 100 Jahren in vielen Regionen zu beobachten ist, erlebte die Weltbevölkerung ein schnelleres Wachstum als je zuvor. In den entwickelten Ländern sind außerdem die Geburtenraten allmählich gefallen, da die bewusste Familienplanung eine immer größere Rolle spielt. Daher sind viele Fachleute der Ansicht, dass sich die Weltbevölkerung kurz vor Erreichen des 22. Jahrhunderts stabilisieren wird; sie wird bis dahin jedoch voraussichtlich noch um mindestens zwei Milliarden Menschen ansteigen.
Da es zahlreiche arme und nicht industrialisierte Regionen gibt, in denen Geburten- und Sterberaten weiterhin hoch sind, streiten Fachleute, bei welcher Größe sich die Weltbevölkerung stabilisieren wird. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 8,5 und 20 Milliarden. In Anbetracht dieser großen Diskrepanz herrscht auch Uneinigkeit darüber, welche Auswirkungen die Kombination aus der noch größeren Bevölkerungszahl und dem enormen wirtschaftlichen Ungleichgewicht auf die Weltgesundheit, die Umwelt und die Lebensqualität haben wird.
Eines jedoch dürfte sicher sein: Wie in den letzten Jahrtausenden wird die Bevölkerungsdichte maßgebend sein für die wirtschaftliche Entwicklung, für das Alltagsleben und für unsere Umwelt.
Über den Autor: Kenneth Pomeranz ist außerordentlicher Professor für Geschichte an der University of California in Irvine. Er ist u. a. Autor von Growing Off the Land: Economy, Ecology und The Making of a Hinterland: State, Society and Economy in Inland North China, 1853-1937.
Erscheint in:
Geburtshilfe; Landwirtschaft; Medizin; Bevölkerungspolitik; Lebensmittelversorgung der Weltbevölkerung; Empfängnisverhütung; Bevölkerungskontrolle; Grüne Revolution; Malthus, Thomas Robert; Bevölkerung
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