Quellentext aus Encarta Erscheint in:
Die lange Geschichte der Pest

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Christopher King, Herausgeber des Magazins ScienceWatch, beschreibt in diesem Beitrag Auswirkungen der Pest und zeichnet nach, wie Wissenschaftler die Ursachen dieser verheerenden Krankheit allmählich erkannt haben.

Die lange Geschichte der Pest

Opfer der Beulenpest
Opfer der Beulenpest
Erweitern

Die Untersuchung der Häufigkeit und Ausbreitung von Krankheiten in großen Bevölkerungsgruppen nennt man Epidemiologie. Um eine Krankheit beherrschen zu können, ist es wichtig, ihre Wurzeln sowie die Art der Ausbreitung der Krankheit zu kennen. Moderne Epidemiologen versuchen beispielsweise, Herkunft und Ausbreitung des HI-Virus (Human Immunodeficiency Virus) zu erforschen, das AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) verursacht. Sie hoffen, diese tödliche Krankheit eines Tages in den Griff zu bekommen und möglicherweise sogar heilen zu können. Das Wesen einer Krankheit zu verstehen, ist jedoch selbst mit den neuesten Mitteln von Mikrobiologie und Molekulargenetik eine schwierige Aufgabe. Umso schwieriger muss es vor 100 Jahren gewesen sein, als das medizinische Wissen gerade erst die Phase des Aberglaubens hinter sich gelassen hatte!

Auch bei Encarta

Eine solche todbringende Krankheit war die Pest, die in der Geschichte immer wieder gewütet hat. Im Mittelalter (um das 5. Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert) wurde das Wort Pest unterschiedslos zur Bezeichnung aller epidemieartig auftretenden Krankheiten verwendet. Heute meint dieser Begriff eine schwere ansteckende Krankheit bei Menschen und Nagetieren, die von einem Bakterium hervorgerufen wird. Wir wissen heute, dass die Beulenpest, die bekannteste Pestart, durch den Biss eines parasitären Insekts übertragen wird. Eine andere Form, die Lungenpest, wird meist durch Tröpfcheninfektion über den Mund oder die Nase bereits angesteckter Personen übertragen. Die Pestsepsis, wieder eine andere Form, kann durch direkten Kontakt mit infizierten Händen übertragen werden. Aber in der Mitte des 14. Jahrhunderts, als die später „schwarzer Tod” genannte Krankheit ein Drittel der europäischen Bevölkerung ausrottete, wussten Ärzte und Wissenschaftler nichts über die Ursachen der Krankheit und kannten daher auch kein Heilverfahren.

Augenzeugenberichte von der Pest

Unfähig, die Schwere des Leidens zu erklären oder zu begreifen, konnten manche Beobachter nur die von der Krankheit angerichtete Verwüstung beschreiben. Augenzeugenberichte von der Pest reichen bis in das Jahr 541 zurück, als in der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul), die Pest ausbrach. Procopius, Historiker am Hof Kaiser Justinians I., beschrieb eine Seuche, in deren Verlauf die gesamte Menschheit an den Rand der Vernichtung gekommen sei. Laut Procopius’ Berichten war das erste Krankheitssymptom plötzliches Fieber. Für kurze Zeit habe es kein weiteres Anzeichen einer Entzündung oder einer Veränderung der Hautfarbe gegeben. Aber in manchen Fällen noch am selben Tag, in anderen Fällen am nächsten Tag oder wenige Tage später hätten sich, so Procopius, beulenartige Schwellungen entwickelt: in der Leistengegend (unterhalb des Unterleibes), unter den Achselhöhlen und gelegentlich hinter den Ohren. Außerdem habe sich an verschiedenen Punkten an den Oberschenkeln eine große Schwellung oder Beule gebildet.

Procopius schrieb, einige Opfer seien ins Koma gefallen, während andere von heftigen Wahnvorstellungen gepeinigt worden seien, in denen Fremde versucht hätten, sie zu töten. Manche Opfer hätten davon abgehalten werden müssen, aus dem Haus zu stürzen und sich zu ertränken oder aus großer Höhe zu springen. In den Fällen, in denen weder ein Koma noch Wahnvorstellungen aufgetreten seien, sei die Schwellung brandig geworden; der Kranke habe die Schmerzen nicht länger ertragen können und sei gestorben. Der Tod sei in manchen Fällen sofort eingetreten, in anderen erst nach einigen Tagen. Diese so genannte justinianische Pest (nach dem byzantinischen Kaiser Justinian) wütete bis zum Frühjahr 542 in Konstantinopel. Ihr fielen 200 000 Menschen zum Opfer, das waren 40 Prozent der Bevölkerung der Stadt.

800 Jahre später suchte der schwarze Tod Europa heim. 1347 erreichte die Seuche Italien. Der italienische Dichter Giovanni Boccaccio beschreibt in seinem Klassiker Il Decamerone Pestfälle in Florenz. Demnach habe sich bei Ausbruch der Krankheit sowohl bei Männern als auch bei Frauen eine Schwellung in der Leiste oder in den Achselhöhlen gebildet, die bisweilen die Größe eines Apfels oder eines Eies erreicht habe. Manche dieser Schwellungen seien größer gewesen, andere kleiner, und alle seien gewöhnlich als Beulen bezeichnet worden. Von ihren Ausgangspunkten hätten sich die Beulen rasch ausgebreitet und seien dann am ganzen Körper aufgetreten. Später habe sich die Krankheit in schwarzen oder grellfarbenen Flecken an den Armen, an den Oberschenkeln und am ganzen Körper geäußert. Die Historiker schätzen heute, dass zwischen Frühjahr und Sommer 1348 etwa ein Drittel der 80 000 Einwohner von Florenz starb.

Eindrucksvolle Schilderungen haben wir auch über die große Londoner Pestepidemie, die 1665 ausbrach. Eine solche Darstellung findet sich u. a. in dem Buch A Journal of the Plague Year (1722), in dem der englische Schriftsteller Daniel Defoe das Unglück rekonstruierte. Defoe beschreibt die Geschwindigkeit und Grausamkeit, mit der die Krankheit zuschlug, anhand der Geschichte einer jungen Frau, die krank wird und an Erbrechen sowie starken Kopfschmerzen leidet. Als die Mutter den Körper ihrer Tochter mit einer Kerze in der Hand untersucht, bestätigen sich ihre Befürchtungen: An der Innenseite der Oberschenkel entdeckt sie die verhängnisvollen Krankheitsmerkmale. Die Mutter verliert die Fassung, lässt die Kerze fallen und stößt einen entsetzten Schrei aus. Die junge Frau ist nicht mehr zu retten. Gangräne, abgestorbene Gewebe, haben sich bereits über ihren ganzen Körper verbreitet, und sie stirbt innerhalb von zwei Stunden. An einer anderen Stelle des Buches schildert Defoe eine Stadt, deren Bewohner schwer von der Pest gepeinigt werden: Die Pestbeulen hätten heftige Schmerzen verursacht, die für manche Kranke unerträglich gewesen seien. Die Betroffenen seien rasend geworden, und Wahnsinn hätte sich ihrer bemächtigt. Oft hätten sie sich aus dem Fenster gestürzt oder sich erschossen. Mütter hätten im Wahn die eigenen Kinder umgebracht.

Frühe Theorien über die Ursachen der Pest und ihre Behandlung

Unglück und Schrecken der Pestepidemien wurden durch die Unwissenheit noch schlimmer. Niemand hatte eine Vorstellung von der Ursache der Krankheit oder ihren Übertragungswegen. Als der schwarze Tod wütete, behauptete ein Arzt, schon der Blick eines Sterbenden genüge, um die verhängnisvolle Krankheit zu übertragen. Viele glaubten zu Recht, dass die Übertragung durch den Atem erfolgen könnte. Bis zu gesicherten medizinischen Erkenntnissen über die Pest sollte es aber noch Jahrhunderte dauern. Der Erreger der Pest sowie dessen Übertragung auf Menschen durch infizierte Nagetiere und Flöhe wurde erst in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts erkannt und erforscht. Im Mittelalter sahen die meisten Menschen in der Pest eine Strafe Gottes für die Sünden der Menschheit. Ärzte und Gelehrte versuchten, die Herkunft der Krankheit mit allen möglichen Theorien zu erklären und Maßnahmen zu ihrer Behandlung oder Vorbeugung zu empfehlen.

Einer Theorie zufolge hatte die Pest astrologische Ursachen: Eine ungewöhnliche Anordnung der Planeten Saturn, Jupiter und Mars habe zu einer Verunreinigung der Atmosphäre geführt. Andere Theorien machten Erdbeben und ähnliche Naturkatastrophen für die Freisetzung schlechter Luft aus dem Erdinneren verantwortlich. Diese Vorstellung von verunreinigter, schlechter Luft – dem Pesthauch – spielte bei vielen Theorien über die Ursachen der Pest eine wichtige Rolle. Viele vorbeugende Maßnahmen beruhten deshalb auch auf der Bekämpfung oder Reinigung verseuchter Luft. So wurden beispielsweise Wacholderholz und Asche verbrannt, um wohlriechende Düfte zu erzeugen. Die Fußböden wurden mit Rosenwasser und Essig abgewaschen. Zu den Essenzen, die zur Abwehr der Pest empfohlen wurden, gehörten Myrrhe, Safran und Pfeffer. Außerdem sollten Zwiebeln, Knoblauch und Lauch verwendet werden. Defoes Bemerkungen in seinem Buch A Journal of the Plague Year ist zu entnehmen, dass man in den sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts in Sachen Pestvorsorge noch keine wesentlichen Fortschritte gegenüber der mittelalterlichen Pestwelle drei Jahrhunderte zuvor gemacht hatte. Defoe schreibt von Männern, die Knoblauch im Mund hielten, und von einer Frau, die sich Essig in die Nase träufelte. Auch Quacksalber jeder Art priesen auf Plakaten ihre Waren an und versprachen, sie verfügten über Antipestpillen und andere Gegengifte.

Unwissenheit schafft Angst

Die Epidemiologen von heute glauben, dass es sich beim schwarzen Tod sehr wahrscheinlich um Lungenpest gehandelt hat, bei der die Krankheit durch Niesen oder Husten übertragen und die Lunge infiziert wird. Den Menschen im Mittelalter war zwar nicht klar, auf welchem Weg sich die Krankheit ausbreitete. Dass sie ansteckend war, war ihnen jedoch erschreckend deutlich bewusst. Augenzeugenberichte belegen diese Theorie: Bald hätten die Menschen einander so sehr gehasst, dass ein Vater seinen an der Pest erkrankten Sohn nicht gepflegt hätte, schrieb ein Mönch in seiner Schilderung des Pestverlaufs in Messina (Sizilien). Wenn es der Vater trotzdem gewagt hätte, sich seinem Sohn zu nähern, wäre er sofort angesteckt worden und innerhalb von drei Tagen gestorben, so der Mönch. Ein Historiker aus dem 8. Jahrhundert, der eine frühere Pestepidemie in Italien beschreibt, berichtet von einer ähnlichen Auflösung der Familienbande vor dem Hintergrund der um sich greifenden Pest: Söhne seien geflohen und hätten die Leichen ihrer Eltern unbestattet zurückgelassen. Eltern hätten ihre Pflicht vergessen und ihre Kinder im Stich gelassen. Ein anderer Augenzeuge des schwarzen Todes schrieb, der Vater habe sein Kind verlassen, die Frau den Ehemann, ein Bruder den anderen. Niemand habe die Toten begraben wollen – weder für Geld noch aus Nächstenliebe. Die Menschen seien zu Hunderten gestorben, Tag und Nacht. Die Toten seien in Massengräber geworfen und mit Erde zugeschüttet worden. Sobald diese Gräber voll gewesen seien, seien neue Gräber ausgehoben worden. Und Agnolo di Tura habe seine fünf Kinder eigenhändig begraben.

Im Mittelalter bestand die Behandlung der Pest oft darin, die Adern eines Pestopfers zu öffnen und Blut abzulassen, um die Infektion herauszulassen. Bei einem anderen Heilverfahren versuchte man, die geschwollenen Beulen zu öffnen und sie durch Ausbrennen zu sterilisieren. Später verwendeten Ärzte verschiedene Substanzen, um das Gift herauszuziehen, z. B. die Wurzeln von weißen Lilien oder ein Pflaster aus Gummibaumharz. Und wiederum scheinen sich die Methoden aus der Zeit Defoes kaum von den mittelalterlichen Verfahren unterschieden zu haben. So schreibt Defoe, bei manchen Kranken hätten sich die Schwellungen verhärtet, und mit Hilfe von Zugpflastern habe man versucht, diese aufzubrechen. Wenn das nichts genutzt habe, habe man die Schwellungen in fürchterlicher Weise aufgeschnitten und aufgeritzt. Solche Maßnahmen bereiteten den Patienten oft mehr Schmerzen als die Krankheit selbst, wie ein Beobachter feststellte. Aber laut Defoe wurde der Patient im Allgemeinen wieder gesund, wenn die Schwellungen aufbrachen und ausflossen.

Erfolge bei der Erforschung der Pest

Zwar dauerte es Jahrhunderte, doch schließlich konnte die Medizin die Krankheit besiegen. 1894 brach in der chinesischen Provinz Yunnan eine Pestepidemie aus. Der 31 Jahre alte Schweizer Pathologe Alexander Yersin, der viel Zeit in Indochina verbracht hatte, kam in der Hoffnung nach Hongkong, den Pesterreger bestimmen zu können. Innerhalb von sieben Wochen gelang es ihm, das Bakterium zu isolieren und zu beschreiben. Es sei ihm logisch erschienen, zunächst im Blut von Patienten und in den Beulen nach einer Mikrobe zu suchen, schrieb er in einem Brief: Die Beulen enthielten immer Unmengen kurzer Bazillen. Manchmal schienen die Bazillen von einer Kapsel umgeben zu sein. Man könne sie in großer Zahl in den Beulen und Lymphknoten der Kranken finden. Yersin hatte die Mikrobe gefunden, welche die Pest hervorrief. Diese Mikrobe wurde nach ihm benannt: Yersinia pestis. Ungefähr zur gleichen Zeit entdeckte auch der japanische Wissenschaftler Shibasaburo Kitasato den Krankheitserreger. Er gilt deshalb als Mitentdecker des Pesterregers.

Vier Jahre nach Yersins Entdeckung war aber immer noch nicht bekannt, wie sich die Pestinfektion ausbreitete. Einige Wissenschaftler glaubten, dass mit Pestbakterien verseuchter Staub aus dem Kot infizierter Menschen und Nagetiere dafür verantwortlich sein könnte. Dieser Theorie zufolge nahmen die Opfer die Bakterien durch Einatmen des Staubes auf. Oder die Bakterien gelangten durch eine Wunde in der Haut in den Körper. Schließlich konnte der französische Wissenschaftler Paul-Louis Simond bei einem Pestausbruch in Indien 1898 das Geheimnis lüften. Simond, der früheren Theorien skeptisch gegenüberstand, stellte fest, die Untersuchung zahlreicher Pestopfer hätte gezeigt, dass alle eine kleine Hautpustel aufwiesen, die mit Pestbazillen gefüllt war. Simond vermutete zutreffend, dass die Opfer an dieser Stelle von einem mit Pest infizierten Floh (Xenopsylla cheopis oder Nosopsylla fasciatus) gebissen worden waren. Normalerweise greifen diese Flöhe nur Ratten und andere Nagetiere an. Unter bestimmten Umständen jedoch befallen sie auch Menschen. Wie man heute weiß, wird durch den Biss eines mit den Yersinia-pestis-Bazillen infizierten Flohes die Infektion vom Floh auf den Menschen übertragen.

Heute hat die Wissenschaft ein klares Bild von der Beulenpest: Wenn die Bakterien in den menschlichen Körper eingedrungen sind, vermehren sie sich rasch. Alle zwei Stunden verdoppeln sie sich, während sie im Blut und in den Lymphgefäßen zirkulieren. Auch wenn das körpereigene Immunsystem einen Teil der Bakterien abtöten kann, überleben viele – selbst dann noch, wenn sie von Immunzellen eingeschlossen sind. In den Zellen vermehren sich die Bazillen weiter und erzeugen Nachkommen, die gegen Phagozytose resistent sind: Diese können also von den Immunzellen nicht aufgenommen und zerstört werden. Die Bakterien scheiden Toxine aus, giftige Stoffwechselprodukte, die zu entzündlichen Schädigungen in den Lymphknoten, in der Milz, in der Leber und in anderen Organen führen, Gewebe abtöten und innere Blutungen hervorrufen. Ohne Behandlung führt das gewaltige Bakterienwachstum zum Tod.

Erfreulicherweise hat das Wissen über die Pestbakterien letztlich zu den modernen Behandlungsmethoden geführt. Wenn eine Pesterkrankung sofort erkannt wird, kann sie behandelt und mit Antibiotika wie Streptomycin und Tetracyclin geheilt werden. Der erste Impfstoff gegen die Pest wurde 1896 entwickelt. Die Krankheit tritt heute meist in ländlichen Gegenden in Entwicklungsländern auf. Der letzte nennenswerte Vorfall war der Pestausbruch 1994 in Indien. Es kommt aber auch im Westen und Südwesten der Vereinigten Staaten vereinzelt zu Pestfällen, wenn Menschen mit infizierten Nagetieren in Kontakt kommen. 1995 wurde beispielsweise über sieben solcher Fälle berichtet.

Die Diskussion geht weiter

Die Wissenschaftler diskutieren noch immer einige Aspekte des schwarzen Todes, der großen Pestepidemie im 14. Jahrhundert. Selbst der Name gibt Anlass zu Spekulationen. Der Ausdruck schwarzer Tod bezieht sich auf die durch innere Blutungen und durch totes Gewebe verfärbte Haut von Pestopfern. Es existiert jedoch kein Beweis dafür, dass dieser Ausdruck im 14. Jahrhundert zur Zeit der großen Pestepidemie verwendet wurde. Tatsächlich wurde der Ausdruck schwarzer Tod erst mindestens zwei Jahrhunderte später zur Bezeichnung dieser Epidemie geprägt. Europäer des 14. Jahrhunderts bezeichneten die Epidemie eher als „das große Sterben”. Die genaue Herkunft des Ausdrucks schwarzer Tod bleibt im Dunkeln.

Ein Teil der Überlieferung einer Pestepidemie soll sich an einer Stelle erhalten haben, an der man es nicht vermuten würde: in einem Kinderreim. Von dem Reim Ring Around the Rosy wird manchmal behauptet, er gehe auf die Londoner Pest aus dem Jahr 1665 oder sogar auf die Pestepidemie im 14. Jahrhundert zurück. Tatsächlich scheinen in diesem Reim Pestsymptome und Behandlungsverfahren genannt zu werden: Ring around the rosy, pocket full of posies, ashes ashes, we all fall down. Einer verbreiteten Interpretation zufolge entspricht rosy ring (rosa Ring) den dunkelroten Flecken auf der Haut von Pestopfern. Die Flecken entstehen durch die von den Pestbakterien hervorgerufenen inneren Blutungen. Mit pocketful of posies (Tasche voller Blumensträuße) sind möglicherweise Kräuter und Gewürze gemeint, die zur Reinigung der Luft getragen wurden. Ashes wird manchmal als Variante von achoo (hatschi!) interpretiert, einem Niesgeräusch, das Beschwerden in den Atemwegen und das Verbreiten von Pestkeimen andeutet. Daneben wird ashes (Asche) aber auch als Asche von einem Feuer interpretiert, das angezündet wurde, um die Pest in Schach zu halten, oder gar als die Asche der verbrannten Pestopfer. We all fall down soll sich auf Menschen beziehen, die unter dem Leiden der Pest buchstäblich tot umfallen.

Zwar haftet dem Reim immer noch der Ruf eines historischen Überbleibsels aus der Pestzeit an. Ethnologen jedoch sind darüber im Zweifel. Wie der Volkskundler Philip Hiscock sagte, existiert kein Beweis dafür, dass es den Reim Ring Around the Rosy vor den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegeben hat – einer Zeit, in der viele verschiedene Versionen des Reimes entstanden sind, die in keiner Weise auf die Pest schließen lassen. Skeptische Ethnologen behaupten, dass der Vers schlicht und einfach eine Nonsensbegleitung für ein Tanzspiel von Kindern in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sei. Die Skeptiker meinen, die Pestinterpretation sei nachträglich erfunden und von Generation zu Generation weitergegeben worden, weil sie so plausibel klinge.

Auch die wissenschaftlichen Aspekte der Pest werden noch immer diskutiert. Einige Wissenschaftler haben z. B. die Theorie aufgestellt, dass die Epidemie, die im 14. Jahrhundert in Europa wütete, vielleicht nicht ausschließlich auf die Beulenpest (zusammen mit den anderen Pestvarianten Lungenpest und Pestsepsis) zurückging. Möglicherweise seien zur selben Zeit auch noch andere Krankheiten wie etwa Ruhr und Pocken aufgetreten. Der Zoologe Graham Twigg untersuchte in seinem Buch The Black Death: A Biological Reappraisal (1985) die Ausbreitung des „schwarzen Todes”, Sterblichkeitsraten, Beschreibungen von Opfern sowie die Bedeutung ökologischer und klimatischer Faktoren für Ratten und Flöhe, die diese Krankheit in England verbreiteten. Aus seiner Sicht war der „schwarze Tod” eher der Milzbrand, eine andere tödlich verlaufende bakterielle Krankheit. Milzbrand kann sich über Sporen in der Luft in einem weiten Gebiet ausbreiten und mit rasender Geschwindigkeit Menschen infizieren und ihnen den Tod bringen. Der Milzbrand bringt Graham zufolge Krankheitssymptome hervor, die den in vielen historischen Berichten über die Pest genannten Symptomen gleichen. Dies ist zwar nur eine Theorie, sie zeigt aber die Schwierigkeiten, die auftreten, wenn man nach sechs Jahrhunderten epidemiologische Studien betreiben will.

Die Epidemiologie heute

Auch in der heutigen Zeit mangelt es den Epidemiologen nicht an Arbeit. Die Bemühungen, Herkunft und Übertragungswege von Krankheiten zu verstehen, gehen weiter. 1999 konnten Wissenschaftler beispielsweise die Herkunft des HI-Virus bis zu einer Schimpansenunterart in Äquatorialafrika zurückverfolgen. Andere neu auftretende Krankheiten verdienen ebenfalls Beachtung. Das Ebola-Virus ist ein berühmt-berüchtigtes Beispiel hierfür. Wissenschaftler behalten sehr genau etwaige Mutationen des Grippevirus im Auge, die eine neue Spanische Grippe auslösen könnten; als Spanische Grippe wurde die große Grippeepidemie 1918 in den Vereinigten Staaten bezeichnet. Dieser tödlichen Variante des Grippevirus fielen in jenem Jahr über eine halbe Million Amerikaner und über 20 Millionen Menschen weltweit zum Opfer. Von Infektionskrankheiten, die in der Vergangenheit bereits besiegt wurden, kann auch heute noch eine Bedrohung ausgehen, wenn diese wieder auftreten. So ist der Erreger der Tuberkulose, das Tuberkelbakterium, gegen Antibiotika resistent geworden. Heute treten Krankheiten nicht mehr in einem Klima der Panik und der medizinischen Unwissenheit wie bei der Pestepidemie im 14. Jahrhundert auf. Aber der Kampf der Menschheit gegen Krankheitserreger geht weiter. So ist es selbstverständlich, dass die Wissenschaft der Epidemiologie ständige Forschung und ununterbrochene Aufmerksamkeit erfordert.

Zum Autor: Christopher King ist Herausgeber von ScienceWatch, eines Informationsblattes des Institute for Scientific Information in Philadelphia (Pennsylvania/USA), das die Tendenzen und Leistungen in der Grundlagenforschung verfolgt.

Erscheint in:

Pest; Epidemiologie; Menschenfloh; Mittelalter

© 2008 Microsoft