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Die globalen Auswirkungen des 1. Weltkrieges

Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Edward J. Davies II, Professor an der University of Utah in Salt Lake City, erläutert in diesem Beitrag die tief greifenden politischen Veränderungen, die durch den 1. Weltkrieg ausgelöst wurden.

Die globalen Auswirkungen des 1. Weltkrieges

Lenin bei einer Kundgebung 1917
Lenin bei einer Kundgebung 1917
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Der 1. Weltkrieg (1914-1918), eine der katastrophalsten kriegerischen Auseinandersetzungen in der Geschichte, war ein Konflikt riesigen Ausmaßes, der in Europa begann und in den nach und nach 32 Nationen verwickelt wurden. Der Krieg entbrannte zwischen zwei großen militärischen Bündnissen: auf der einen Seite die Alliierten, zu denen Frankreich, Russland, Großbritannien und schließlich auch die Vereinigten Staaten zählten, auf der anderen Seite die Mittelmächte mit Deutschland, Österreich-Ungarn und später auch dem Osmanischen Reich. Am Ende des Weltkrieges waren fast zehn Millionen Soldaten gefallen und 21 Millionen verwundet worden.

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Zudem wurden, von den europäischen Mächten gänzlich unvorhersehbar, durch den Weltkrieg Revolutionen und Unruhen beschleunigt. Die Machtergreifung der Bolschewisten in Russland 1917 war lediglich ein Vorgeschmack auf die Umstürze und Unruhen, die letztendlich auch Berlin und Peking erreichten. Am Ende des Krieges war Wladimir Lenin zu einer weltweit von vielen gefürchteten, von anderen verehrten Persönlichkeit geworden. Zum gleichen Zeitpunkt schaltete sich US-Präsident Woodrow Wilson mit seinen Vierzehn Punkten in den Streit ein, einem Katalog von Kriegszielen, die Frieden schaffen und sichern sollten. Wilsons neuartige Konzepte, wie das Selbstbestimmungsrecht und der Völkerbund, standen im scharfen Gegensatz zu Lenins revolutionären Appellen an die ausgebeuteten Völker und seiner Verteidigung von Gewalt als Mittel zur Erlangung von Gleichheit und Gerechtigkeit. Die gegensätzlichen Ideen dieser beiden Denker inspirierten weltweit viele Menschen in den Kolonien und verstärkten ihren Kampf um Unabhängigkeit und Autonomie. Allerdings brachten der Zerfall der Großreiche, die den Verlierern aufgezwungenen Reparationszahlungen und die von den Siegermächten neu bestimmten Grenzen Europas bei Kriegsende vielen Menschen Verbitterung.

Krieg, Arbeitskraft und koloniale Bevölkerung

Der 1. Weltkrieg begann zwar in Europa, aber schon zu Beginn reichte sein Einfluss weit über die kontinentalen Grenzen hinaus. Menschen vieler Völker in Afrika, Indien und Asien erlebten den Krieg als Rekruten oder Arbeiter in europäischen Armeen. Zudem wurden die Kriegsaktivitäten der kämpfenden Nationen in erheblicher Weise und mit unterschiedlichsten Mitteln von diesen Regionen unterstützt.

Während der Krieg andauerte, wuchs bei den europäischen Mächten der Bedarf an Soldaten und Arbeitskräften, was sie veranlasste, ihr Interesse auf die Bevölkerung der Kolonien zu richten. Die kolonialen Befehlshaber sicherten ihre Unterstützung in der Annahme zu, dass demonstrative Loyalität zu dem sie regierenden Staat in Zeiten großer Gefahr später zu größerer Autonomie der Kolonie, zu einer Lockerung der Rassentrennung und möglicherweise sogar zu einer unabhängigen Regierung führen könnte. Mit Sicherheit ließen sich zumindest die Befehlshaber der britischen Kolonien Afrikas und Britisch-Indiens bei ihrer Unterstützung der Kriegsaktivitäten von diesen Motiven leiten. In großer Zahl traten Freiwillige als Soldaten und Arbeiter den bereits existierenden kolonialen Regimentern Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands bei.

Frankreich rekrutierte z. B. 70 000 Algerier und 170 000 Westafrikaner für seine europäische Armee. Die Briten setzten 1915 im südlichen Irak bei einem Angriff, der letztlich fehlschlug, sowie zur Verstärkung ihrer Armee in Nordfrankreich indische Truppen ein. De facto dienten weltweit fast eine Million Inder als Soldaten und Arbeiter. Darüber hinaus rekrutierten die Briten 100 000 Chinesen, um die logistischen Engpässe ihrer in Nordeuropa stationierten Armeen zu überwinden. Zusätzlich lieferten Hunderttausende Träger und Arbeiter aus Westafrika, Ägypten und Indien unschätzbare Dienste für die Krieg führenden Nationen.

Subversive und kriegstreiberische Aktivitäten in den Kolonien

Außerhalb der Kriegsschauplätze verwendeten die Kriegsnationen andere Mittel, um den Feind zu schwächen. So schürten sie z. B. mit unterschiedlichen Mitteln Unruhen, Rebellionen und Nationalismus unter der kolonialen Bevölkerung ihrer Feinde. Diese Strategie zielte auf eine Schwächung ihrer Gegner ab, die gezwungen waren, Teile ihrer militärischen Einsatzkräfte zur Niederschlagung ziviler und militärischer Aufstände vor allem in Vorderasien abzuziehen. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel derartiger subversiver Aktivitäten ist die von dem britischen Agenten T. E. Lawrence in Arabien gegen das Osmanische Reich initiierte Revolte. Der entstehende arabische Nationalismus wurde von der britischen Regierung mit dem – niemals eingehaltenen – Versprechen der arabischen Unabhängigkeit geschürt.

Großbritannien war auch an einem starken Zionismus interessiert, weil diese Bewegung potentiell Unruhe in Vorderasien stiften konnte. Während des 1. Weltkrieges hatten sich idealistische polnische und russische Juden zu einer engen Gemeinschaft zusammengeschlossen, die zu allen jüdischen Gemeinden, ungeachtet ihrer Nationalität, Sprache oder regionalen Gebräuche, Kontakte aufnahm. Diese Gruppe erreichte schließlich, dass sich Großbritannien bereit erklärte, nach Kriegsende die Bildung eines jüdischen Staates zu unterstützen. Diese in der Balfour-Deklaration festgelegte Absicht stand im Widerspruch zu früheren Versprechen gegenüber den arabischen Nationalisten und führte später zu gewalttätigen und blutigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Gemeinschaften.

Auch die Deutschen und Türken entwickelten subversive Strategien. Sie hofften, aus den wachsenden islamistischen Strömungen in der britischen Kronkolonie Indien Vorteile ziehen zu können. Im Bundesstaat Punjab existierte bereits früher eine Untergrundorganisation, die Ghadr (Aufstand). In Berlin, einem Sammelplatz für indische Dissidenten im Exil, hielten sich Anführer auf, welche die wachsenden Spannungen für ihre Zwecke nutzen wollten. Letztendlich scheiterten diese Bemühungen jedoch an der großen Entfernung zwischen Europa und Indien und der Schwierigkeit, die potentiellen Rebellen gegen den erbitterten britischen Widerstand zu koordinieren. In Nord- und Westafrika waren die Deutschen und Türken mit ihrer Förderung des islamischen Widerstands erfolgreicher, denn selbst nach dem Krieg hörte der Kampf gegen die koloniale Vorherrschaft nicht auf.

Der 1. Weltkrieg und die bolschewistische Machtergreifung in Russland

Unvorhergesehene Ereignisse im russischen Zarenreich erwiesen sich als ebenso dramatisch und erfolgreich wie die subversiven Aktivitäten der Krieg führenden Nationen. 1917 erschütterte die Russische Revolution die ganze Welt und schuf eine dauerhafte Herausforderung für die Westmächte. Staaten wie China, in denen gegen die imperialistische Herrschaft gekämpft wurde, schöpften aus der Revolution neue Hoffnung. Nur drei Jahrzehnte nach der Revolution lebte ein Drittel der Weltbevölkerung unter einem kommunistischen Regime.

Als das russische Zarenreich, das seit langem mit Frankreich verbündet war, 1914 in den Krieg eintrat, war es auf die hohen Kosten einer modernen, industrialisierten Kriegsführung schlecht vorbereitet. Die Folge waren katastrophale Verluste und unerträgliches Elend für Millionen von Russen, die in den kaiserlichen Armeen kämpften. Russland hatte außerdem während des Krieges umfangreiche innerstaatliche Migrationen zu bewältigen, weil Millionen von Flüchtlingen die Kriegsgebiete verließen und Bürger in großer Zahl ihre Heimat aufgaben, um in der Kriegsindustrie und in Kriegsdienststellen Arbeit zu suchen. Diese große Völkerwanderung, die ebenso viele Menschen betraf wie zum Militärdienst eingezogen waren, erschütterten zutiefst eine Gesellschaft, die schon unter enormem innenpolitischem Druck stand und für ihre wirtschaftliche Ineffizienz berüchtigt war. Bald wurden in den Städten die Nahrungsmittel rationiert, und die Inflation schwächte die Kaufkraft der Bauern. Arbeiter und Bauern lasteten die sich verschlechternden Zustände der Regierung an. 1917 hatten Zar Nikolaus und sein monarchistisches Regime das Vertrauen des russischen Volkes verloren. Die Monarchie wurde mit so genannten demokratischen Mitteln abgeschafft und durch eine provisorische Regierung ersetzt.

Zu diesem Zeitpunkt kehrte ein bolschewistischer Revolutionär namens Wladimir Lenin aus dem Exil nach Petrograd zurück. Er wurde von den deutschen Politikern unterstützt, die hofften, dass Lenin in dem von internen Schwierigkeiten zerrissenen Land für zusätzliche Unruhe sorgen würde. Schon bald warfen Lenin und seine bolschewistischen Anhänger der provisorischen Regierung vor, dass sie Russland weiterhin an diesem teuren und unbarmherzigen Krieg teilnehmen ließ. Im Herbst 1917 stürzten Lenin und seine Anhänger die provisorische Regierung, die die Unterstützung der russischen Bevölkerung verloren hatte. Nachdem die Bolschewisten die Macht übernommen hatten, setzten sie ihr Versprechen, Russland aus dem Krieg zu ziehen, in die Tat um. Im Dezember 1917 unterzeichneten sie den Frieden von Brest-Litowsk und beendeten Russlands Teilnahme am Krieg.

Wilson gegen Lenin

Lenins Durchsetzung des russischen Kriegsaustritts war ein direkter Affront gegen die Botschaft des US-Präsidenten Wilson. Schon bald nach Beginn des Krieges hatte Wilson seine Kräfte daran gesetzt, über den Verhandlungsweg einen gerechten Frieden für alle Krieg führenden Nationen zu erwirken. In Wilsons Vierzehn Punkten, einem Katalog von Kriegszielen, welche die Beilegung territorialer Streitigkeiten sowie Strategien zur Vermeidung künftiger Kriege beinhalteten, standen seine Konzepte des Selbstbestimmungsrechts und der Schaffung eines Völkerbundes an zentraler Stelle. Dieser Völkerbund, ein internationaler Zusammenschluss ähnlich den Vereinten Nationen, wurde letztendlich durch diese ersetzt. Wilson glaubte, mit seinen Vorschlägen die internationalen Beziehungen zu revolutionieren und eine Alternative zur traditionellen europäischen Diplomatie bieten zu können, die auf dem Gleichgewicht der Kräfte aufbaute. Wilson sah sich weiteren Herausforderungen gegenüber, als einige seiner wichtigsten Punkte von europäischen Nationen abgelehnt wurden. Im April 1917 erklärten die Vereinigten Staaten den Mittelmächten den Krieg, wobei Wilson mit dem Sieg gleichzeitig auch die antidemokratischen Kräfte auslöschen wollte.

Lenin attackierte sowohl Wilsons Zukunftsvision als auch die europäische Auffassung von Diplomatie. Für ihn war der Imperialismus ein Gift, das die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt bedrohte. Lenin argumentierte, Krieg sei eine natürliche Folge des Imperialismus kapitalistischer Länder und deren Ausbeutung kolonialer Völker. Für Lenin war Wilson ein integraler Bestandteil der kapitalistischen Welt. Zwar versuchten beide Männer den Weg für eine neue Weltordnung zu ebnen, jedoch verfolgten sie dieses Ziel auf völlig unterschiedliche Weise.

Kriegsende und Revolution

1918 schlugen die Wellen der russischen Revolution auf Europa über, das sich bereits in Aufruhr befand. In Deutschland hatte man das Vertrauen in die Führung verloren, weil diese unfähig war, die britische Blockade zu durchbrechen oder einen entscheidenden Sieg im Westen zu erringen, was zu Meutereien im Militär und Aufständen im ganzen Land führte. Die massiven Befehlsverweigerungen begannen in der Hochseeflotte und gipfelten in der Befehlsverweigerung deutscher Seeleute im Kieler Hafen, sich auf einer letzten Todesfahrt für die Ehre des Zweiten Reiches zu opfern. Die Meutereien griffen bald auch auf die höheren Offiziersränge der Flotte über, die ein Ende des Krieges verlangten. Die alte Staatsführung hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und wurde kurz darauf von einer provisorischen Regierung abgelöst.

Seeleute, gefolgt von Soldaten und Arbeitern, begannen Sowjets zu bilden, Arbeiterräte nach dem Vorbild der russischen Bolschewisten. Diese Sowjets forderten die alte Ordnung in Deutschland heraus. 1919 versuchten die Spartakisten, die sich inzwischen in der Kommunistischen Partei neu formiert hatten, einen schlecht vorbereiteten Sturz der neuen provisorischen Regierung. In der Hoffnung, die Revolution über ganz Europa verbreiten zu können, leisteten die russischen Bolschewisten ihren deutschen kommunistischen Kameraden direkte und indirekte Hilfe. Zu Lenins Bestürzung wurde die Revolution schon im Ansatz von militärischen und paramilitärischen Kräften erstickt. Weitere Revolutionsversuche erschütterten Österreich, Ungarn und Bulgarien und offenbarten die Zustimmung, die Lenins Appelle bei den kriegsmüden Menschen fanden. Alle Versuche scheiterten jedoch.

Trotz dieser Fehlschläge in Europa breitete sich der Einfluss der Sowjetrevolution auch außerhalb Europas aus. In Kuba bildeten die Arbeiter der Tabakplantagen ihre eigenen Sowjets, und in Australien waren es irisch-katholische Schafhirten. Zudem wurde eine bolschewistische Partei im monarchistischen Spanien gegründet. Sogar in den Vereinigten Staaten, der Hochburg des Kapitalismus, verschrieben sich finnische Arbeiter im Norden des Mittleren Westens dem Kommunismus und blieben jahrelang treue Anhänger Lenins. Der Krieg und die Revolution waren im Begriff, die Welt zu verändern.

Der Einfluss des Krieges in Ostasien

Der Krieg weitete sich auf dramatische und verhängnisvolle Weise nach Ostasien aus. Die Japaner, die sich den Alliierten anschlossen, indem sie Deutschland den Krieg erklärten, nutzten rücksichtslos die Kriegssituation. Sie zogen aus der großen Entfernung zwischen Europa und Asien ihren Vorteil und eroberten die von den Deutschen besetzte Halbinsel Shandong südöstlich von Peking bei einem Blitzangriff. Anschließend brachten die Japaner die wichtigste Eisenbahnstrecke der Halbinsel unter ihre Kontrolle und bauten ihre Position mit neuen Fabriken und anderen Industriezweigen aus. Das Interesse des japanischen Militärs zielte auch auf die Mandschurei und die Mongolei, weil sie dort den japanischen Einfluss verstärken wollten.

Im Anschluss an ihre Aktionen auf der Halbinsel Shandong stellte die japanische der chinesischen Regierung ein Ultimatum, in dem sie wirtschaftliche und territoriale Ansprüche geltend machte. Der 21-Punkte-Katalog, wie das Ultimatum genannt wurde, war ein schwerwiegender Angriff auf die chinesische Souveränität und stärkte die Position der Japaner auf dem Kontinent erheblich. Das Abkommen räumte den Japanern die Kontrolle über Gebiete und Fabriken sowie über entscheidende wirtschaftliche und politische Vermögenswerte ein. Der 25. Mai 1915, an dem sich China diesen Forderungen unterwarf, wurde zum Tag der Nationalen Schande erklärt, an den alljährlich in Aufmärschen erinnert wurde.

Schon die Kriegshandlungen der Japaner erniedrigten China, aber der Frieden steigerte die Unruhe im Land noch mehr. Die Chinesen hatten gehofft, dass ihre Dienste in Europa den benachteiligenden Abkommen, die ihnen die Europäer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgezwungen hatten, ein Ende setzen würden. Allerdings erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Im Gegenteil, die Delegierten auf der Versailler Friedenskonferenz in Paris mussten erfahren, dass es unter den Alliierten eine geheime Übereinkunft gab, die es den Japanern erlauben sollte, ihre Truppen auf der Halbinsel Shandong stationiert zu lassen. Diese Nachricht führte 1919 zum Aufstand des Vierten Mai, einer Serie von landesweiten Protesten gegen die japanische Präsenz auf chinesischem Boden. Gleichzeitig entstand unter chinesischen Intellektuellen und Studenten eine politische Haltung, in der radikale und antijapanische Gesinnungen verschmolzen. Lenins Vorwurf, imperialistische Mächte hätten die Ausbeutung des Volkes außerhalb ihrer Landesgrenzen verlegt, fand bei chinesischen Intellektuellen und Studenten großen Widerhall. Schließlich hatten diese am eigenen Leib die imperialistische Ausbeutung in ihrem Heimatland erfahren und erlebten sie nun erneut unter der japanischen Besetzung der Halbinsel Shandong. Die bolschewistische Herausforderung der russischen Imperialisten legte den chinesischen Radikalen die Revolution als Mittel zur Abschaffung der bestehenden sozialen Ordnung nahe.

Hatten die Chinesen zuvor nur die Wahl zwischen den östlichen Doktrinen des Konfuzianismus und dem westlichen Imperialismus, so boten ihnen Marxismus und Revolution nun eine dritte Alternative. In den von chinesischen Radikalen gegründeten Debattierklubs trafen sich junge Leute wie Mao Tse-tung und diskutierten über die Misere Chinas. Für viele Intellektuelle und Studenten stand fest, dass die kapitalistische Ausbeutung Teil eines größeren Problems war, das sich in der japanischen Präsenz im Norden Chinas widerspiegelte. Viele Mitglieder dieser Klubs waren überzeugte Teilnehmer oder Anführer bei den Protesten des Vierten Mai.

Auch Chinesen, die von Arbeitseinsätzen in Europa zurückkehrten, trugen zu den Diskussionen bei. Im Gegensatz zu den meisten Chinesen, die nie über die Landesgrenzen hinaus kommen sollten, hatten sie sich eine Weltanschauung angeeignet, die nur wenige teilten. Viele dieser jungen Chinesen hatten während ihres Aufenthaltes in Europa lesen und schreiben gelernt und von den Konzepten Wilsons gehört, vor allem von seiner Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht. Sie folgerten daraus, dass dieses Ideal, wenn alle Nationen sich ihm verpflichten würden, zur wahren Unabhängigkeit Chinas und Befreiung von den imperialistischen Eindringlingen führen würde. Die Kriegsveteranen schlossen sich den radikalen Studenten und Intellektuellen in ihrem Protest gegen die andauernde japanische Präsenz in China an. Unter der Führung der Studenten wurde das Land von einer Protestwelle überrollt. Händler schlossen ihre Geschäfte, während Tausende von Arbeitern in den Streik traten und sich einem generellen Boykott japanischer Produkte anschlossen.

Es zeigte sich, dass die Bewegung des Vierten Mai mehr als nur eine Reihe von Protesten gegen ein bestimmtes Ereignis war. Sie markierte einen Wendepunkt in der Entstehung des chinesischen Nationalismus und sicherte China seinen rechtmäßigen Platz in der neuen Weltordnung. In ganz China breiteten sich neue Kleidermoden, mundartliche Literatur und ein allgemeiner Ruf nach neuen Werten aus. Eine ganze Reihe neu gegründeter Zeitschriften ermöglichte es den Intellektuellen, die Vorzüge des Marxismus, Liberalismus, Sozialismus und anderer neuer Philosophien zu diskutieren. Über allem jedoch stand der Ruf der Bewegung nach einer Wiedervereinigung aller Teile des Landes, das sowohl die inneren Schwierigkeiten überwinden als sich von der Ausbeutung durch andere befreien sollte.

Die Auswirkungen des Krieges in Afrika

Die Auswirkungen des Krieges in Afrika waren enorm. Im Zuge des wachsenden Bedarfs an Soldaten verließen immer mehr Weiße ihre Arbeitsplätze, und Schwarzafrikaner besetzten in allen europäischen Kolonien die frei gewordenen Stellen in Verwaltung und Wirtschaft. Zudem erforderte die Kriegswirtschaft die Schaffung neuer Industrien. Dennoch brachte der Krieg für die afrikanischen Kolonien auch schwere wirtschaftliche Verluste. Es kam schließlich zu einer Verknappung der Konsumgüter, und in Kolonien wie dem portugiesischen Madagaskar und dem französischen Senegal gab es Inflation und schwere soziale Unruhen. Diese Erschütterungen breiteten sich sogar bis Südafrika aus, wo sich eine noch nie da gewesene Zahl von Gewerkschaften mit Mitgliedern beider Rassen formierte, die von der kolonialen Regierung wirtschaftliche Gleichberechtigung forderte.

Der ständige Strom von Gütern, die zu Kriegszwecken ausgeführt wurden, schwächte allmählich die inländischen Bevölkerungen. In manchen Teilen Ost- und Zentralafrikas brachen Hungersnöte aus, und bald rafften verschiedene Epidemien afrikanische Völker dahin. Katastrophal wirkte sich ein kurz vor Kriegsende aus Europa eingeschlepptes Grippevirus aus, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. In manchen Regionen starben mehr als 6 Prozent der Bevölkerung. Wenn Afrika militärisch gesehen auch nur ein Nebenschauplatz des Weltkrieges war, hatte es dennoch in vollem Umfang seine tödlichen Folgen mit zu tragen.

Wie viele Länder in Europa erlebte auch Afrika eine Serie von Revolten gegen die koloniale Herrschaft. Verantwortlich für diese Aufstände waren teilweise die Vierzehn Punkte Wilsons, einschließlich des Selbstbestimmungsrechtes. Auch ein Nachlassen der Angst vor dem Krieg bereitete den Unruhen den Boden. Auf dem ganzen Kontinent griffen aufständische Rebellen zu den Waffen, in Marokko gegen die Franzosen, in der Cyrenaika an der Nordküste gegen die Italiener, in der Zentralsahara gegen britische und französische Besatzungen und in Somalia gegen die deutsche Landesverwaltung. In den meisten Fällen wurden die Rebellen von den Europäern besiegt. Die imperialistischen Herrscher schlossen aus den Aufständen, dass ihre afrikanischen Kolonien große materielle Werte besitzen müssten und forderten weit größere Investitionen zugunsten der Infrastruktur und der Bevölkerung als bisher. Aufgrund dieser Sichtweise entwickelte sich eine neue, auf die Verwirklichung dieses Ziels ausgerichtete Politik.

Der Einfluss des Krieges auf Indien

Auch in Indien sorgte der Krieg für gravierende Änderungen auf der politischen Landkarte. Einerseits erlebte die Produktion durch den Krieg einen Aufschwung, und es entstanden neue Industrien. Rohstoffe und Produktionsgüter flossen in großen Mengen von Indien nach Großbritannien, um den Kriegsbedarf zu befriedigen. Auf Grund des großen Bedarfs an Metallen in Großbritannien erlebten Industrien wie die Eisen- und Stahlindustrie eine Blüte. Andererseits wurden in Indien wegen des enormen Bedarfs für das britische Militär kaum noch britische Konsumgüter verkauft. Folglich wandten sich die indischen Käufer an Japan und die Vereinigten Staaten, deren Exportraten nach Südasien um 400 Prozent anstiegen. Dieser Wandel hatte auf die Wirtschaft Indiens und auf seine Beziehung zu Großbritannien dramatische Auswirkungen.

Während des Krieges eskalierten auch die Forderungen nach einer eigenen indischen Regierung. Dies führte schließlich zur Schaffung einer Nationalversammlung mit dem Status einer Vizeregierung sowie zu Regionalversammlungen. In seiner Kampagne des gewaltfreien Widerstands verkündete Gandhi 1920 in allen Teilen des Landes die Einrichtung dieser Gremien. Zwar konnten die Versammlungen nur unter starken Beschränkungen operieren, doch allein ihre Anwesenheit zeigte, wie weit sich der Einfluss der indischen Nationalisten schon ausgebreitet hatte. Indische Soldaten und Arbeiter kehrten mit tiefem Misstrauen gegenüber ihren britischen Herrschern aus dem Krieg zurück. Dieses Misstrauen nahm weiter zu, als Großbritannien sich weigerte, das restriktive Gesetz zur Verteidigung des Reiches von 1916 aufzuheben, das während des Krieges die Meinungsfreiheit eingeschränkt hatte. Die zunächst ablehnende Haltung der Briten sowie das Massaker von Amritsar, bei dem im Punjab Aufständische niedergemetzelt wurden, die gegen die Festnahme von Nationalisten protestiert hatten, führten zu einer Welle der Entrüstung in der indischen Bevölkerung. Mit neu belebter Effizienz und unter energischer Führung setzte Indien seinen Kampf gegen die britische Herrschaft fort.

Die Friedenskonferenz von Versailles

Das offizielle Ende des Krieges wurde 1919 mit der Friedenskonferenz von Versailles besiegelt. Die dort unterzeichneten Verträge betrafen nicht nur Europa, sondern Millionen von Menschen außerhalb der europäischen Grenzen. Die Deutschen stimmten einem Waffenstillstand in der Annahme zu, dass die Vierzehn Punkte von Wilson die Basis für die Friedensverhandlungen bilden würden. Die neue deutsche Regierung hoffte, dass Wilsons Vorschläge auf die Friedenskonditionen einen mildernden Einfluss haben würden. Wilson konnte jedoch nicht verhindern, dass sich Frankreich mit seinen Wünschen bezüglich Gebietsabtretungen, Reparationszahlungen und einem alles in allem geknebelten Deutschland durchsetzte. Deutschland musste dauerhaft oder zeitweise Gebiete sowohl an Frankreich als auch an neu geschaffene Staaten wie Polen und die Tschechoslowakei abtreten. Außerdem löste der Vertrag das österreich-ungarische Kaiserreich auf. Darüber hinaus musste Deutschland die Kriegsschuld auf sich nehmen, eine Erniedrigung, unter der viele Deutsche noch in den zwanziger und dreißiger Jahren litten.

Schließlich kam es zur Bildung einer Reihe neuer Staaten in Osteuropa. Viele von ihnen, wie Polen und die baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland, dienten nicht nur als Barriere gegen die Bolschewisten, sondern sollten zudem die Forderungen nach Unabhängigkeit vieler ethnischer Minderheiten der alten Kaiserreiche befriedigen. Die alliierten Siegermächte lösten auch das Osmanische Reich auf, das sich einst von Nordafrika bis Persien erstreckt hatte. Der Völkerbund wies Palästina, den Irak, Jordanien und Syrien unter die Mandate der Franzosen und Briten, die auf diese Weise die Gebiete kontrollierten. Das Mandat machte Großbritannien und Frankreich zu so genannten aufgeklärten Wächtern der vorderasiatischen Gebiete. Die Europäer verschrieben sich offiziell der Sorge um die Interessen der Völker, ein edles Vorhaben, das zu Recht von vielen arabischen Nationalisten angezweifelt wurde. Nur Saudi-Arabien blieb als einzige Nation unabhängig und frei von europäischen Machtansprüchen.

Auch wenn der Vertrag von Versailles den Frieden brachte, wurden die Menschen mit ihm keineswegs glücklich. Die Deutschen verließen den Friedenstisch mit erbitterten Gefühlen und warteten auf ihren Tag der Rache. Die Russen waren nicht einmal zu den Verhandlungen eingeladen worden und standen als Einzelkämpfer außerhalb des internationalen Systems. Jenseits der Grenzen Europas schwelten in den Jahrzehnten nach dem Weltkrieg die nationalistischen Bestrebungen und der tief wurzelnde Widerstand gegen die imperialistische Herrschaft weiter. Und die Menschen in den europäischen Kolonien stellten sich vor dem Hintergrund der Visionen von Wilson und Lenin eine ganz andere Welt vor als ihre imperialistischen Herrscher.

Zum Autor: Edward J. Davies II ist außerordentlicher Professor für Geschichte an der University of Utah. Er verfasste unter anderem The Anthracite Aristocracy: Leadership and Social Change in the Hard Coal Regions of Northeastern Pennsylvania (Die Kohlearistokratie: Führung und soziale Änderungen im Steinkohlegebiet im Nordosten Pennsylvanias).

Erscheint in:

Erster Weltkrieg; Russische Revolution (1917); Afrika; Japan; Lenin, Wladimir Iljitsch; Wilson, Thomas Woodrow; Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland; Deutsche Geschichte

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