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Die historischen Essays in Encarta Enzyklopädie geben Kenntnisse und Einschätzungen führender Historiker wieder. Lisa Jardine von der University of London untersucht in diesem Beitrag die Blütezeit der Künste und der Wissenschaft in Europa in jener Epoche, die wir heute als Renaissance bezeichnen, und zwar hinsichtlich eines drastisch veränderten Konsumverhaltens. Sie ist der Meinung, dass der unternehmerische Geist dieser Epoche von ebenso großer Bedeutung war wie die Bewunderung Europas für die römische und griechische Klassik.
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Der Begriff Renaissance bedeutet Wiedergeburt oder Neuanfang. Er bezeichnet hauptsächlich jene europäische Epoche, in der es zu einer erstaunlichen Blüte des künstlerischen und intellektuellen Lebens kam, eine Epoche, die wir schlicht die Renaissance nennen. Die Renaissance begann bereits im 14. Jahrhundert in Italien und breitete sich allmählich über Deutschland, Frankreich, England, Spanien, die Niederlande und Polen bis nach Russland aus. Die herkömmliche Auffassung besteht darin, dass die Gelehrten und Künstler, die an jener Wiederbelebung beteiligt waren, den kulturellen Errungenschaften der großen antiken Zivilisationen Roms und Griechenlands nacheiferten. In allen Bereichen der Kunst nahm sich die neue Generation die überlieferten Fragmente des klassischen Erbes zum Vorbild: literarische Werke, philosophische und wissenschaftliche Aufsätze, erhaltene Gemälde an Wänden oder auf Vasen, Statuen und Gebäuden. Die Künstler und Intellektuellen der Renaissance glaubten, dass ihre Bemühungen zu einer Humanisierung in Europa führen würden, ganz im Sinne der von ihnen so verstandenen humanen Zivilisationen Griechenlands und Roms. Dies ist einer der Gründe, weshalb Latein- und Griechischlehrer, die diese wiederbelebte klassische Moral unterrichteten, „Humanisten” genannt wurden.
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Die grundlegende Voraussetzung für diese ästhetischen und konzeptionellen Veränderungen war jedoch die Entwicklung und Verbreitung des internationalen Handels zu Land und zu Wasser. Diesem Handel ist es zu verdanken, dass neue, blühende Märkte für Luxusartikel entstanden. Händler und Bankiers brachten diese neuen Ideen und Märkte nach Übersee, Asien und in die Neue Welt nach Amerika. Durch ihr Streben nach Reichtum und neuen Geschäftsmöglichkeiten trugen sie zur Bildung einer Gesellschaft bei, die sich Innovationen und Unternehmungen in allen Bereichen des Lebens stets mehr öffnete, eine Gesellschaft, in der die neuen Produkte, Künste und Erkenntnisse rasch nach ihrem Erscheinen willige Abnehmer fanden. Familien wie die Medici in Florenz, die ihren Reichtum den neuen Wirtschaftszweigen verdankten, wurden selbst zu Prestigekäufern unbekannter, exotischer Waren. Die Familie der Medici gestaltete den europäischen Kunst- und Literaturgeschmack maßgeblich, zunächst in der Rolle als Kaufleute und Bankiers, dann als Käufer. Überraschenderweise war die europäische Renaissance vor allem auf Neuerungen zurückzuführen, die nicht zwangsläufig in Anlehnung an die Antike entstanden.
Der englische Philosoph und Wissenschaftler Sir Francis Bacon aus dem 16. Jahrhundert war der Ansicht, dass drei technologische Errungenschaften das Gesicht der Welt verändert hätten, indem sie diesem neuen Zeitalter der Kunst und des Wissens den Weg bereiteten: der Buchdruck, das Schießpulver und der Magnet.
Um 1450 erschienen die ersten gedruckten Bücher in Deutschland, und schon bald entstanden weitere wichtige Zentren der Druckkunst in Paris, Venedig, Basel und Antwerpen. Der Einfluss der Druckkunst auf das europäische Denken war sehr schnell zu spüren. Nur 60 Jahre nach Erfindung der Drucktechnik veröffentlichten Verleger in ganz Europa literarische und philosophische Werke der griechischen und römischen Klassik sowie die Bibel und eine ganze Reihe mundartlicher Schriften – von Balladenblättern bis zu Schriften unterschiedlichsten Inhalts und Romanen. Oft erreichten die jeweiligen Ausgaben eine Auflage von weit über 1 000 Exemplaren. In kurzer Zeit erfreuten sich Bücher in den europäischen Mundarten und Regionalsprachen einer breit gefächerten Leserschaft, die eifrig nach Neuerscheinungen Ausschau hielt. Buchhändler, deren Vertriebsnetze von London bis Moskau reichten, arbeiteten hart an der Vermarktung dieser Bücher. Seit dem frühen 16. Jahrhundert entwickelte sich die jährlich stattfindende Frankfurter Buchmesse zu einer festen Institution, auf der die neuen Bücher dem Markt und einem lesehungrigen Publikum präsentiert wurden. Im Sommer 1533 schrieb der humanistische Gelehrte Erasmus von Rotterdam an einen Freund und entschuldigte sich dafür, dass er nicht in der Lage sei, ihm ein Exemplar seines kürzlich veröffentlichten Buches zu senden. Erasmus schrieb: „Das Buch wurde im Frühling auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Ich hätte dir mit diesem Kurier ein Exemplar geschickt, aber ich habe nicht ein einziges übrig. Der Verleger sagt, dass in Frankfurt die gesamte Auflage innerhalb von drei Stunden ausverkauft war.”
Kaufleute und Seefahrer nahmen auf ihren Reisen Bücher mit nach Nord- und Südamerika, vorbei am afrikanischen Kap der Guten Hoffnung bis nach Indien und darüber hinaus. Händler und Gewerbetreibende mussten für die Ausübung ihrer Geschäfte lesen und schreiben können. Im Gegensatz dazu bestand für den Adel diese Notwendigkeit nicht. Auf diese Weise verbreiteten die in neuer Kursivschrift und Magerdruck gedruckten Bücher die revolutionären Ideen über die ganze Welt und bildeten einen wichtigen Faktor für die Entwicklung neuer intellektueller Strömungen wie dem Humanismus, der philosophischen Auseinandersetzung mit den überlieferten Werken der Antike. Gedruckte Bücher eröffneten die Schätze der griechischen und römischen Kultur einer neuen Generation. Mit der Verbreitung von Büchern konnten sich kulturelle Eigenheiten schneller und weiter ausbreiten, als es zuvor möglich gewesen wäre.
Der Buchdruck unterstützte auch die als Reformation bekannte religiöse Gegenbewegung. Martin Luther, ordentlicher Professor an der Universität zu Wittenberg, brachte seine unorthodoxen, radikalen Thesen über ein reformiertes Christentum auf billigen, gedruckten Flugblättern heraus, die mit satirischen Holzschnitten versehen waren. Diese Schriften fanden unter den Lesern der entstandenen Massenmärkte eine weite Verbreitung. Sie belebten die Phantasie des gebildeten Publikums und untergruben damit die Macht der katholischen Kirche. 1520 verweilte der deutsche Künstler Albrecht Dürer in Köln, wo er eine gerade veröffentlichte Schrift Luthers sowie die Gegenschrift der katholischen Kirche mit dem Titel Die Verurteilung Luthers erstand. Dank der Druckkunst konnte sich Dürer direkt in die Debatte jener internationalen Kirchenkrise einbringen. Wie viele Bürgerinnen und Bürger, die sich der lutherischen Lehre anschlossen, war er in der Lage, sich aufgrund des gedruckten Für und Wider eine eigene Meinung zu bilden.
Während die Druckkunst das Wesen der intellektuellen Debatte veränderte, führte das Schießpulver zu einer Revolution der Kriegsführung. Am Ende des 15. Jahrhunderts entschieden neuartige Kanonen und Gewehre darüber, wer auf den Schlachtfeldern die Oberhand behielt. Mit diesen „Riesengeschützen”, wie man die überdimensionalen Kanonen nannte, gelang sogar die Eroberung der stärksten befestigten Städte. Der osmanische Sultan Mohammed II. (1432-1481) erstürmte mit seinen Truppen die als uneinnehmbar geltenden dreifachen Festungsmauern Konstantinopels (des heutigen Istanbuls), weil ihm, im Gegensatz zu seinen europäischen Nachbarn, aufgrund seines Reichtums die neuesten ungarischen Kanonen zur Verfügung standen. Im Jahr 1453 hatte Mohammed diesen strategisch wichtigen Standort, das Tor zwischen Ost und West, erobert. Die Kapitulation Konstantinopels kennzeichnete den Beginn einer Epoche der Konfrontation und Rivalität zwischen dem muslimischen Imperium in Asien und Afrika und dem katholischen Reich der Habsburger in Europa. 30 Jahre später mussten die Muslime im südlichen Spanien den stärkeren Geschützen der spanischen Könige weichen.
Der letzte der drei von Bacon aufgeführten Meilensteine der Technologie, der magnetische Kompass, gestattete es europäischen Navigatoren, ihre Position auf der Karte ohne die Hilfe von Landmarkierungen zu bestimmen. Auf offener See war dies von entscheidender Bedeutung. Mit Hilfe des Kompasses konnten die seefahrenden Händler und Abenteurer den Schutz der europäischen Küste verlassen, den wendigen feindlichen Schiffen der mächtigen osmanischen Seeflotte ausweichen und ihren Kurs über den Atlantischen Ozean in Richtung Amerika nehmen. Ohne den Kompass hätten die Portugiesen es nicht gewagt, die gefährliche Reise nach Süden entlang der afrikanischen Küste, vorbei am Kap der Guten Hoffnung, nach Indien, zu den Gewürzinseln und letztlich bis nach Japan und China im Osten zu unternehmen. Oft fanden die neuen Technologien eine kombinierte Anwendung. Unter den vielen Druckerzeugnissen des 16. Jahrhunderts war auch eine Reihe von Büchern, die Kapitänen helfen sollten, das unberechenbare Verhalten der Kompassnadeln in Äquatornähe bei der Überfahrt von der einen in die andere Hemisphäre zu verstehen. In den gefährlichen Gewässern, die die Kapfahrer durchqueren mussten, war es absolut lebensnotwendig, den Kurs halten zu können.
Die zunehmende Ausweitung des europäischen Handels führte zu einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach exotischen Waren aller Art und aus allen Teilen der damaligen Welt. Mitte bis Ende des 15. Jahrhunderts erweiterte sich durch die Fortschritte in der Navigation und im Schiffsbau der europäische Horizont. Mit großer Energie erforschte man neue Länder und investierte in die sich eröffnenden Geschäftsmöglichkeiten. Ein Ergebnis dieser hoffnungsvollen Reisen war die weltweite Einrichtung von Handelsposten und neuen Häfen, in denen Schiffe auf ihren langen Fahrten frische Vorräte laden konnten. Portugiesische Unternehmer finanzierten eine ganze Reihe von Forschungsreisen, die von Lissabon aus in südlicher Richtung entlang der afrikanischen Westküste nach weiteren Zugängen zu den legendären zentralafrikanischen Goldvorräten suchen sollten. Auf diesen Reisen wurden die Azoren, Madeira und die Kanarischen Inseln entdeckt. Ende des 15. Jahrhunderts hatten die Seefahrer Sierra Leone und die Küste von Guinea erreicht.
Viele der neuen Waren kamen jedoch aus der näheren Umgebung Europas oder zum Teil aus Europa selbst. Nach der muslimischen Eroberung Konstantinopels 1453 holte Mohammed II. Scharen von geschickten Handwerkern in die Stadt und machte sie zum weltweit wichtigsten Zentrum in der Herstellung von Luxusartikeln. Als Ferdinand und Isabella von Spanien 1492 erst die Juden und dann die Muslime aus Südspanien vertrieben, zogen heimatlose Handwerker mit ihren asiatischen oder – wie sie damals genannt wurden – „orientalischen” Waren (Lederarbeiten, Buchbinderei, illuminierten Manuskripten, Juwelen- und Korallenschmuck) in tolerantere Regionen im Norden Europas. Antwerpen und Amsterdam wurden so neben Brüssel und Brügge zu führenden Produktionsstätten und Umschlagplätzen für Handwerk und Gewerbe. Währenddessen breitete sich der osmanische Einfluss von Konstantinopel bis ins südliche Europa aus. Um 1530 erstreckte sich das Osmanische Reich Süleimans des Prächtigen von Bagdad in Südwestasien bis zu den Mauern Wiens in Österreich. Und durch die Vergrößerung seines Reiches sorgte Süleiman dafür, dass sich mit den kundigen Handwerkern in seinem Gefolge die europäische Produktion von Luxusartikeln weiter entwickelte.
Ab dem 16. Jahrhundert waren die Abnehmer dieser Waren in Europa bereit, große Summen für das Privileg zu zahlen, seltene und ungewöhnliche Artikel und Objekte aus den fernen Ländern Asiens und Amerikas zu besitzen und für jeden sichtbar zu präsentieren. Manchmal wurden potentielle Käufer um große finanzielle Vorschüsse gebeten, um Expeditionen in Gebiete zu unterstützen, die noch nicht von Vertretern der mächtigen Handelsnationen Spanien, Portugal und den Niederlanden besetzt waren. In den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts finanzierte beispielsweise eine Gruppe von Kaufleuten aus Bristol, England, eine Reihe von Versuchen, die „Insel Brasilien” zu finden. Als Christoph Kolumbus 1492 auf der Suche nach Ostindien nach Westen segelte, geschah dies im Wesentlichen aus kommerziellen Gründen. Die Erfolge der Portugiesen, denen die Reise nach Osten vorbei am Kap der Guten Hoffnung gelungen war, machten es wirtschaftlich notwendig, eine ebenso geeignete, alternative Route zu finden, die sich dem Einfluss der Osmanen entzog, welche den Landweg von Indien nach Europa kontrollierten. Kolumbus stach mit dem Vorhaben in See, diese Route für Spanien zu finden.
Die Kunst des Buchdrucks, der Kompass und das Schießpulver waren technologische Neuerungen, deren Ursprünge zwar aus Asien stammten, die aber in Europa übernommen und weiterentwickelt wurden. Diese Innovationen waren nur ein Teil des regen Austausches von Technologien und Luxusartikeln zwischen Asien und Europa. Neue Medikamente, Gewürze, Seide, Kunstobjekte und unbekannte exotische Pflanzen waren allerdings im 15. Jahrhundert nur für sehr reiche, meist adelige Käufer erschwinglich. Im 16. Jahrhundert konnten sich diese Waren jedoch auch Kaufleute leisten, die durch den Handel mit genau diesen Gütern wohlhabend geworden waren.
Der leichtere Zugang zu den fremdländischen Importartikeln führte zu einem Konkurrenzverhalten zwischen den alten und neuen Reichen, das später Prestigekauf genannt wurde. Fürsten, Adelige sowie wohlhabende Bankiers und Kaufleute versuchten, einander in der Präsentation kunstvoll gearbeiteter und exotischer Gegenstände zu übertreffen. Von aufwendig illustrierten Büchern bis zu Gemälden, von Gewehren bis zu Juwelen – alles wurde zum Sammelobjekt. Um seinen Reichtum und sein Ansehen offen zur Schau zu tragen, sammelte (und vor allem zeigte) man teure moderne Kunstgegenstände orientalischer Machart, wie z. B. Wandteppiche, verzierte Rüstungen, Brokat- und Damaststoffe, sowie Rassepferde. Häufig wurde der geschätzte Besitz auch auf den Porträts der Reichen und Berühmten abgebildet.
Der Wunsch, exotische Gegenstände zu besitzen, wirkte sich nicht nur auf die Haushalte reicher Europäer aus. Um die Nachfrage befriedigen zu können, wurden geschickte ausländische Handwerker nach Europa geholt, damit die Luxusartikel in größerer Nähe zum heimischen Markt produziert werden konnten. Seidenweber, Kupferschmiede, Ziegelmacher, Töpfer, Pferdezüchter und Goldschmiede, die Edelsteine, Korallen, Silber und Gold verarbeiteten, eröffneten ihre Geschäfte in europäischen Städten und veränderten so die ethnische Zusammensetzung der dortigen Gemeinschaften. Die Europäer entwickelten auch eine Vorliebe für exotische Gewürze aus fernen Ländern wie z. B. Pfeffer und Muskatnuss. Sie erfanden neue soziale Treffpunkte, beispielsweise die Kaffeehäuser, in denen man die neumodischen und teuren Getränke Kaffee, Tee und Trinkschokolade zu sich nahm. In späterer Zeit wurden Kaffeehäuser manchmal zum Zentrum politischer Protestbewegungen.
Wer mit diesen allseits begehrten neuen Produkten handelte, gelangte zu unermesslichem Reichtum. Im 14. Jahrhundert waren die Medici in Florenz Bankiers und Kaufleute. Weil sie den Welthandel mit Luxusgütern (Edelsteinen, Brokaten und Gewürzen) dominierten, genossen sie schon bald eine herausragende gesellschaftliche Stellung. Die Kontrolle über den internationalen Markt und ihre erfolgreiche Außenpolitik verdankten sie einem weltweiten Kommunikationssystem (Eilboten besorgten Tausende von Briefen) sowie einem ausgeklügelten Netz von Informanten: In fast allen Häfen der Welt hatten die Medici Spione, die über die lokalen Preise Bericht erstatteten und zukünftige Verkaufsschlager prognostizierten. Die Medici regierten die Republik Florenz und kontrollierten auf noch nie da gewesene Weise die italienischen Teilstaaten und später auch Europa, indem sie den Herrschenden und Fürsten große Summen Geldes liehen. Einige Mitglieder der Medici wurden sogar Päpste. Diese Familie festigte ihr dauerhaftes Ansehen in hohem Maße dadurch, dass sie einen Großteil ihrer Gewinne in Dinge umsetzten, die zu Statussymbolen wurden: Paläste, Gemälde der berühmtesten Maler und eine hervorragende Bibliothek mit seltenen Manuskripten. Ihr Reichtum ermöglichte es ihnen, in adelige Familien einzuheiraten, und im 16. Jahrhundert wusste eigentlich niemand mehr, dass sie ursprünglich Kaufleute gewesen waren.
Im Norden unterstützten die ebenso erfolgreichen Bankiers- und Kaufmannsfamilien der Fugger und Welser die imperialistischen Bestrebungen der Habsburger mit finanziellen Mitteln. Jakob Fugger lieh dem späteren Kaiser Maximilian I. beträchtliche Summen zur Finanzierung von Kriegen, mit denen die habsburgischen Gebiete abgesichert werden sollten. Im Gegenzug dafür verlieh Maximilian den Fuggern die exklusiven Schürfrechte für die ertragreichen Kupfer- und Silberminen in Tirol. Die Fugger erhöhten die Produktivität der Minen und vergrößerten so ihren Reichtum. Als Maximilian 1493 die Herrschaft im römisch-deutschen Reich übernahm, benötigte er noch mehr Geld und handelte mit den Fuggern eine Erhöhung seines Kredites aus. Diese Vereinbarung sicherte den Fuggern die Schürfrechte für die habsburgischen Minen in Ungarn. Nun hatten sie ein fast vollständiges Monopol auf die europäischen Silberminen in Händen und konnten den Silberpreis auf dem offenen Markt nahezu ungehindert kontrollieren.
Alle Ausgaben der Habsburger mussten von den Fuggern, die ihnen das Geld liehen, abgesegnet werden, und auf diese Weise beeinflussten die Bankiers auch den europäischen Markt in erheblichem Maße. Sie finanzierten Auftragswerke wie die prächtige Wandteppichserie Los Honores von Pieter Coecke van Aelst, die an die Krönung Karls V. zum römisch-deutschen König erinnert. Die Bank der Fugger gab sämtliche Vorschüsse zum Entwurf und zur Ausführung der Teppiche und bezahlte sowohl die Arbeitsstunden als auch das Material. Als die Wandteppiche vollendet waren, traten die Fugger als Vermittler auf und verkauften sie an Karl. Der Kaiser bezahlte die Fugger mit seinem üblichen Zahlungsversprechen. Die Welser finanzierten eine gleichermaßen prachtvolle Reihe von zwölf Wandteppichen, auf denen Karls Eroberung von Tunis im Jahr 1535 verewigt ist. Die Teppiche wurden in Brüssel hergestellt und 1554 vollendet. Diese Serie wurde zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt, als Karls Sohn, Philipp II. von Spanien, Maria I. Tudor, die Königin von England, heiratete. Die Hochzeit, die in London im Juli 1554 stattfand, war eine großartige Inszenierung von Reichtum, politischer Bündnispolitik und Macht.
Im 17. Jahrhundert bot der Markt durch die Geschäftstüchtigkeit der Unternehmer eine unüberschaubare Menge und Vielfalt von Waren, die jeder, der genügend Geld besaß, kaufen konnte. Unabhängig vom sozialen und wirtschaftlichen Streben nach dem Besitz schöner und außergewöhnlicher Artikel regte die Suche nach dem Exotischen auch die intellektuelle Neugier an. Das Interesse an der Natur wuchs, und viele Menschen begannen nach den ihr zugrunde liegenden Gesetzen zu fragen. Die Zunahme von Wissen und Erkenntnissen vor allem in den Naturwissenschaften führte letztlich zu der Epoche, die wir heute die wissenschaftliche Revolution nennen. Intellektuelle Weiterentwicklungen fanden daher im Kontext der von der Renaissance eingeläuteten Revolution des Konsumverhaltens statt.
Sir Francis Bacon, einer der frühesten Pioniere der modernen Wissenschaft, wurde von diesem erweiterten Horizont inspiriert. In seinen Notizbüchern, in denen er wissenschaftliche Daten festhielt, findet man Abhandlungen über die anregenden Wirkungen von türkischem Kaffee, indischer Betelnuss und Tabak. Sein besonderes Interesse galt unbekannten Pharmazeutika, wie z. B. den zermahlenen Panzern des „Spanische Fliege” genannten Käfers, heilendem Lehm von Lemnos sowie Zimtrinde und Opiaten. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde eine Vielzahl von Pflanzen aus Nord- und Südamerika, Afrika und Asien in den botanischen Gärten Europas gezüchtet. Die aus diesen Pflanzen hergestellten Medikamente erzielten auf dem Markt als Mittel gegen so unterschiedliche Krankheiten wie Gicht und Epilepsie einen hohen Preis. Die Moxibustion (das Verbrennen des Beifußkrautes auf der Haut) und die Akupunktur fanden aus Asien ihren Weg in die Behandlungsräume europäischer Ärzte, die häufig weit gereist waren, um deren Anwendung zu studieren.
Fortschritte in der Astronomie und der Mathematik hingen eng mit der steigenden Komplexität in der Navigation zusammen, die sich mit dem Welthandel, der Suche nach neuen Schätzen und Gütern und den militärischen Eroberungsreisen entwickelt hatten. In England wies Sir Jonas Moore, der Leiter des Ordnance Office – dieses Amt entsprach etwa dem heutigen Verteidigungsministerium –, Gelder aus dem Militäretat zum Bau des Königlichen Observatoriums in Greenwich an, das 1675 eröffnet wurde. Englische Astronomen wetteiferten mit ihren Kollegen am Königlichen Observatorium in Paris um die modernste technologische Ausstattung ihrer jeweiligen Schiffe, was in Seeschlachten den entscheidenden Vorteil bedeutete. Die außergewöhnlichen mathematischen Beiträge Sir Isaac Newtons zur Astronomie standen im engen Zusammenhang mit den Untersuchungen seines jüngeren Kollegen Edmund Halley, der als Kapitän zur See, militärischer Ratgeber und Unternehmer tätig war.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte das europäische Interesse an Kunst, Wissenschaft und Kultur derart zugenommen, dass es praktisch die ganze Welt umfasste. Die Renaissance leitete die Epoche der Aufklärung ein. In dem vorherrschenden Klima territorialer Expansionen, Entdeckungen und wissenschaftlicher Fortschritte behielten die imperialistischen Mächte Europas ihren geschäftlichen Scharfsinn und unternehmerischen Geist. Die Renaissance hatte mit dem Versuch begonnen, es den Errungenschaften der alten Griechen und Römer gleich zu tun. Aber dank seines globalen Geistes der Innovation und der unternehmerischen Herausforderung überflügelte Europa seine klassischen Vorfahren um ein Vielfaches.
Zur Autorin: Lisa Jardine ist Professorin für Renaissancestudien am Queen Mary and Westfield College der University of London. Sie schrieb neben einer Vielzahl weiterer Werke u. a. Worldly Goods: A New History of the Renaissance (Weltliche Güter: Die neue Geschichte der Renaissance).
Erscheint in:
Medici; Renaissance; Fugger; Habsburger
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