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Adolph Freiherr Knigges Klage über den Verfall der von ihm idealisierten vorbürgerlichen Lebensform des „ganzen Hauses” markiert einen historischen Umbruch in der deutschen Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts. Die bürgerliche Gesellschaft und mit ihr die bürgerliche Kleinfamilie werden zum allgemeinen Leitbild. Nachfolgend ein Auszug aus dem 7. Abschnitt (Über die Verhältnisse zwischen Herrn und Diener) des 2. Teils Über den Umgang mit Menschen von 1788.
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Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen alle Anmut, alle Würde genommen. Hausvaters Rechte und Hausvaters Freuden sind größtenteils verschwunden; die Gesinde werden nicht als Teile der Familien angesehen, sondern als Mietlinge betrachtet, die wir nach Gefallen abschaffen, sowie auch sie uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichre Bezahlung zu finden glauben, und außer den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, haben wir kein Recht auf sie, leben nicht unter ihnen, sehen sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie nun aus ihren gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung zieht daher eine Grenzlinie zwischen dem Interesse beider Teile; der Herr sucht den Mietling recht wohlfeil zu bekommen, er müsse denn aus Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; was im Alter aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um womöglich einen Notpfennig zurückzulegen. Welchen Einfluß dies auf Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertraun und gegenseitige Zuneigung haben müsse, das ist leicht einzusehn. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich mit ihren Gesinden umgehen; aber wo findet man in jetzigen Zeiten noch solche, die als Väter und Lehrer derer, die ihnen dienen, sich’s zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, zu ermuntern, an ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten und für ihr künftiges Schicksal besorgt zu sein? Es ist wahr, daß die wenigsten von denen, die bei Privatleuten in Dienste treten, so wohl erzogen sind, daß sie den Wert einer solchen Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, die Gesinde selbst zu erziehn, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach Verhältnis ihres Verdienstes und unsers Vermögens, zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer solchen Unternehmung; seit mehreren Jahren folge ich diesem Plane. Vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen sind, fangen an sich zu fühlen und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran schuld, und nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andre Art von Erziehung als für ihre Lage taugt, und dadurch machen wir sie grade unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch immer als Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Kreaturen von der Natur eingeprägt; sie glauben sich einem Joche zu entziehn, wenn sie von uns gehen, glauben unsrer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst raten und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem Herrn und einem Hausvater erfahren und lebhafte, echte Begriffe von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht immer besser aus als das gewöhnte auch noch so Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten tun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu sein scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äußern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für andre zu pflanzen, dahingegen Früchte zu ziehn, die man selbst genießt, ein sehr gemeines Verdienst ist.
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Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen. Eingeleitet von Max Rychner. Bremen 1964, S. 249-251.
Erscheint in:
Knigge, Adolph Franz Friedrich Freiherr von; Ganzes Haus; Patriarchat
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