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In diesem Essay aus dem Jahr 1914 unterstreicht der Publizist Max Prager den starken Einfluss des Marxismus auf die Zusammensetzung der deutschen Arbeiterbewegung. Seine These von der aufgrund eines Zwanges zur Solidarität notwendigen Annäherung von Angestellten und Arbeitern wurde durch den Verlauf der Geschichte widerlegt.
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Die Arbeiterschaft ist keineswegs die unpersönliche, einheitliche Masse, als die sie bei Betrachtung der trostlosen Monotonie der Arbeiterviertel unserer Großstädte dem oberflächlichen Betrachter erscheinen mag. Auch bei den Arbeitern gibt es eine unendlich reiche Skala von Gruppeninteressen und Lohnstufen, von Verschiedenheiten der rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Lage, welche die Organisationstätigkeit erschweren. Der Gelernte hebt sich scharf ab von dem Ungelernten, der höher Gelöhnte von dem schlechter Gelöhnten, und selbst in denjenigen Gewerkschaften, die sich schon seit 13 Jahren und mehr zu großen, die verschiedensten Berufe umfassenden Industrieverbänden zusammengeschlossen haben, lebt noch unendlich viel von dem traditionellen Standesdünkel der Zunftzeit. Der Setzer dünkt sich etwas Vornehmeres als der Einleger, der Konditor hält sich für die Elite der im Teig hantierenden Arbeiterschaft, dem Weißgerber gilt der Schuhmacher für unter seinem „Stande”, dem Bildhauer verbietet es sein „Künstlerstolz”, sich mit dem Drechsler zu gesellen, der Trambahner ist stolz auf seine blanken Knöpfe und will mit dem gewöhnlichen Transportarbeiter nicht verwechselt werden u.s.f. Allein eines Tages findet sich die Mehrzahl der Gelernten eines Berufes neben den Ungelernten oder Angelernten einer Maschine gegenüber, an der sie nur mehr Handlangerdienste zu verrichten haben, oder dieselbe Großbäckerei nimmt den Bäcker und den Konditor in sich auf, oder die Erfindung des Eisenbetons schweißt den Einschaler und den Betonmaurer zusammen, oder dieselbe Änderung des Modegeschmacks wirft den Bildhauer mitsamt dem Drechsler, derselbe Umschwung der Konjunktur den Weißgerber mitsamt dem Schuster auf das Pflaster, oder dasselbe Ausnahmegesetz, dieselbe von Klasseninstinkt beeinflußte Gerichts- oder Verwaltungspraxis erinnert die Lohnarbeiter aller Kategorien an ihre Zusammengehörigkeit. Indem er die Tendenzen der großkapitalistischen Entwicklung zwar nicht in allen Einzelheiten richtig, aber in einer die Denk- und Fühlungsart des deutschen Proletariats besonders ansprechenden Weise darstellte, hat der Marxismus teils direkt, teils durch die konservative Reaktion, die er hervorrief, ein gemeinsames Klassenbewußtsein und starke ethische Impulse zur Solidarität bei den deutschen Arbeitern ausgelöst. So hat er dazu beigetragen, Hemmungen zu beseitigen, die sonst der Zunftgeist der Entwicklung der für die Gesamtheit der Arbeiter geeignetsten gewerkschaftlichen Organisationsform entgegengesetzt hätte. Wenn die deutschen Arbeiter daher von vornherein auch einen namhaften Teil der Ungelernten in die gewerkschaftliche Organisation mit einbezogen und auf höhere Lohnstufen mit emporgehoben haben, so ist dies wenigstens zum Teil eine – wenn auch unbeabsichtigte – Wirkung des Marxismus. Diese Funktion des Marxismus wird besonders deutlich, wenn man die deutschen mit den englisch-amerikanischen Arbeiterverhältnissen vergleicht. Dort war die Gewerkschaftspolitik lange Zeit ein Privileg der gelernten Arbeiter. Sie war stark nach zünftlerischen Gesichtspunkten orientiert, und der Effekt war, daß zwischen Gelernten und Ungelernten eine Kluft entstand, die diejenige zwischen Angestellten und Arbeitern bei uns weit übertrifft. Die neuere wirtschaftliche und soziale Entwicklung hat indessen mit dieser exklusiven Gewerkschaftspolitik der englisch-amerikanischen Arbeiter aufzuräumen begonnen. Schon zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden die alten englischen Gewerkvereine von der sozialen Bewegung der Ungelernten mit fortgerissen und neuerdings macht sich deren Rückwirkung auf den „Geist” des alten Unionismus immer intensiver geltend.
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Der gleiche, tief in den Verhältnissen verankerte Zwang zur Solidarität der Arbeiter der verschiedensten Nationalität, der verschiedensten Berufe und Lohnstufen, der verschiedensten sozialen Herkunft und politischen Überzeugung schließlich zu dem gleichen gewerkschaftspolitischen Verhalten veranlaßt, wird ohne Zweifel im Laufe der Zeit auch die verschiedenen Angestelltengruppen zunächst einander und ihre Gesamtheit den organisierten Arbeitern näher bringen.
Max Prager: Gewerkschaftspolitik der Privatangestellten. In: Süddeutsche Monatshefte. Jahrgang 11, April 1914, S. 106f.
Erscheint in:
Gewerkschaften; Arbeiter; Proletariat; Arbeiterbewegung
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