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August Strindberg: Nach Damaskus

Mit seinem Drama in drei Teilen Nach Damaskus (1898) begründete August Strindberg das so genannte Stationendrama, das nicht zuletzt auch das Drama des deutschen Expressionismus beeinflusste. Der hier zitierte Auszug aus der ersten Szene des ersten Aktes spielt bezeichnenderweise an einer Straßenecke und weist die Szenerie so als Durchgangsort für die typisierte Hauptfigur aus.

August Strindberg: Nach Damaskus

An der Straßenecke

Eine Straßenecke, mit einer Bank unter einem Baum. Man sieht das Seitenportal einer kleinen gotischen Kirche, ein Postamt und ein Café mit Tischen und Stühlen davor; Post und Café sind geschlossen.

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Man hört, näherkommend und sich wieder entfernend, die Klänge eines Trauermarschs.

Der Unbekannte steht am Rand des Trottoirs, unschlüssig, in welcher Richtung er gehen soll. Vom Turm einer Kirche schlägt es drei: vier höhere und drei tiefere Glockenschläge. Die Dame tritt auf, grüßt den Unbekannten, scheint weitergehen zu wollen, bleibt dann aber stehen.

Der Unbekannte. Da sind Sie ja! Ich wußte fast, daß Sie kommen.

Die Dame. Sie haben also nach mir gerufen; ja, ich habe es gespürt. – Aber warum stehen Sie hier an dieser Ecke?

Der Unbekannte. Keine Ahnung; irgendwo muß ich schließlich stehen, während ich warte.

Die Dame. Und worauf warten Sie?

Der Unbekannte. Wenn ich das sagen könnte. Vierzig Jahre habe ich auf irgend etwas gewartet; ich glaube, man nennt es das Glück, oder vielleicht ist es auch nur das Ende des Unglücks. – Da sind sie schon wieder, diese schrecklichen Töne; hören Sie sich das an! Gehen Sie nicht, bitte gehen Sie nicht; mir wird angst und bange, wenn Sie gehen.

Die Dame. Mein Herr und Freund! Wir sind uns gestern zum erstenmal begegnet und haben vier Stunden lang miteinander geredet; Sie haben mein Mitleid erregt, doch das gibt Ihnen kein Recht, meine Güte zu mißbrauchen.

Der Unbekannte. Nein, das ist wahr, das darf ich nicht. Aber ich flehe Sie an: lassen Sie mich nicht allein. Ich bin in einer fremden Stadt, habe nicht einen Freund, und die wenigen Menschen, die ich hier kenne, sind für mich eher Unbekannte, ja ich möchte sagen: Feinde.

Die Dame. Überall Feinde, überall allein. Warum sind Sie fortgegangen von Ihrer Frau und den Kindern?

Der Unbekannte. Wenn ich das wüßte; wenn ich überhaupt wüßte, wozu ich da bin, warum ich hier an dieser Ecke stehe, wohin ich gehen und was ich tun soll. – Glauben Sie, daß es Menschen gibt, die schon hier in diesem Leben verdammt sind?

Die Dame. Nein, das glaube ich nicht.

Der Unbekannte. Sehen Sie mich an!

Die Dame. Haben Sie denn in Ihrem ganzen Leben niemals irgendeine Freude gehabt?

Der Unbekannte. Nein; und wenn es so schien, war es nur eine Falle: um mich zu verleiten, mein elendes Dasein weiter zu ertragen. Wenn es je geschah, daß die goldene Frucht in meine Hand fiel, dann war sie vergiftet oder inwendig verfault.

Die Dame. Verzeihen Sie die Frage: was für eine Religion haben Sie?

Der Unbekannte. Diese: wenn es mir zu arg wird, gehe ich meiner Wege.

Die Dame. Wohin?

Der Unbekannte. Ins Nichts; und der Gedanke, daß ich den Tod in meiner Hand halte, gibt mir ein unerhörtes Machtgefühl.

Die Dame. O mein Gott – Sie spielen mit dem Tode?

Der Unbekannte. Ich habe, als Dichter, ja auch mit dem Leben gespielt. Obwohl ich von Natur schwermütig bin, war es mir nie möglich, irgend etwas wirklich ernst zu nehmen, nicht einmal meine eigenen schweren Sorgen, und es gibt Augenblicke, da ich bezweifle, daß das Leben mehr Wirklichkeit besitzt als meine Dichtung. (Man hört den Leichenzug, dessen Teilnehmer im Chor „De profundis” psalmodieren.) Da kommen sie schon wieder! Ich begreife nicht, weshalb diese Leute ausgerechnet hier rundum durch die Straßen marschieren müssen!

Die Dame. Ist es das, was Ihnen Angst macht?

Der Unbekannte. Nein, aber es irritiert mich; denn das ist ja wie verhext! – Nicht vor dem Tod fürchte ich mich, sondern vor dem Alleinsein: weil einem da jemand begegnet. Ich weiß nicht, ist es ein anderer, den ich wahrnehme, oder bin ich es selbst; jedenfalls ist man nicht allein, wenn man allein ist. Die Luft verdichtet sich, sie wird trächtig und bringt Wesen hervor, Lebewesen, die man nicht sieht, aber spürt.

Die Dame. Das haben Sie bemerkt?

Der Unbekannte. Ja, ich bemerke seit einiger Zeit alles; doch während ich früher nur Dinge und Begebenheiten sah, Formen und Farben, zeigen sich mir jetzt Gedanken und Bedeutungen. Das Leben, das für mich ein großer Nonsens war, hat einen Sinn bekommen, und ich erkenne eine Absicht, wo ich früher nur den Zufall sah. Daher kam mir auch bei unserer gestrigen Begegnung gleich die Idee, daß Sie meinen Weg kreuzen sollten: mir gesandt als rettender Engel – oder um mich zu vernichten.

Die Dame. Warum sollte ich Sie vernichten?

Der Unbekannte. Weil es vielleicht Ihre Aufgabe ist.

August Strindberg: Nach Damaskus. Drama in drei Teilen. Aus dem Schwedischen übertragen von Hans Egon Gerlach. Nachwort von Ruprecht Volz. Stuttgart 1979, S. 5-7.

Erscheint in:

Strindberg, August; Expressionis­mus (Literatur und Film); Stationendrama; Schwedische Literatur

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