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Nach der Rückkehr von seiner großen Reise, die er 1501/02 im Dienste der portugiesischen Krone durchgeführt hatte, berichtete Amerigo Vespucci seinem Handelspartner Lorenzo Pietro Medici in einem Brief von dieser Expedition. Vespucci hatte die Küste Brasiliens erforscht und war mehrfach Einheimischen begegnet, deren Aussehen und Lebensweise er hier schildert.
Es sind sanfte, umgängliche Leute; alle, Männer und Frauen, gehen nackt und bedecken ihren Körper an keiner Stelle, und so gehen sie bis zum Tode. Sie sind groß, vierschrötig gebaut und gut proportioniert. Ihre Hautfarbe ist rötlich, und ich glaube, daß es daher kommt, weil sie nackt gehen und sich der Sonne aussetzen. Ihr Haar ist üppig und von schwarzer Farbe. Sie sind beim Gehen gewandt und haben einen raschen Blick. Sie haben in ihrer Gesichtsbildung einen freien, hübschen Ausdruck, den sie allerdings selbst zerstören, indem sie die Nasenlöcher und Lippen, die Nase und Ohren durchbohren. (...)
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Sie kennen keine Stoffe, weder aus Wolle oder Flachs noch aus Baumwolle, weil sie es einfach nicht brauchen. Sie haben auch kein privates Eigentum, denn alles gehört der Gemeinschaft. Sie leben miteinander ohne König oder Herrscher. Jeder Mann ist sein eigener Herr und besitzt so viele Weiber wie er will. Sie haben keine Tempel und keine Gesetze, sie verehren nicht einmal Götzen. Was soll ich sonst noch sagen! Sie leben ganz nach den Gesetzen der Natur, sie neigen mehr zum Epikuräertum als zum Stoizismus. Sie treiben keinen Handel untereinander und sie führen Krieg ohne Ordnung und ohne Kunst. Die Alten lassen die Jungen tun, was sie wollen, und sie feuern sie zu Kämpfen an, bei denen sie sich gegenseitig mit großer Grausamkeit umbringen. Sie schlachten ihre Gefangenen ab, und die Sieger verspeisen die Besiegten; denn Menschenfleisch ist bei ihnen eine ganz gewöhnliche Nahrung. (...)
Sie waren erstaunt, daß wir unsere Feinde nicht aufessen und ihr Fleisch als Nahrungsmittel schätzen; denn es sei, wie sie sagten, sehr gut. Ihre Waffen sind Bogen und Pfeile, und wenn sie in den Kampf ziehen, dann schützen sie sich nirgends an ihrem Körper; darin sind sie wie die Tiere. Wir versuchten alle unsere Überredungskünste, um sie von ihren üblen Sitten abzubringen, und sie versprachen es uns auch.
Sie leben hundertfünfzig Jahre und sind selten krank. Wenn sie von einer Krankheit befallen werden, heilen sie sich mit den Wurzeln verschiedener Kräuter. Das sind die bemerkenswertesten Dinge, die ich von ihnen weiß.
Das Klima in diesem Land ist gemäßigt und gut. Wir konnten aus ihren Erzählungen erkennen, daß es dort nie Pestilenz und Seuchen gibt, die von schlechtem Klima verursacht werden. Wenn sie nicht gewaltsamen Todes sterben, dann leben sie sehr lange. Ich glaube, das kommt daher, daß immer ein Südwind weht, wobei der Südwind für sie das bedeutet wie für uns der Nordwind. Sie sind erfahrene Fischer, und das Meer ist voll von allen Fischarten. Sie sind keine Jäger. Ich glaube, das hängt damit zusammen, weil es hier zu viele Arten wilder Tiere gibt, vor allem Löwen und Bären, zahllose Schlangen und andere schreckliche Geschöpfe und ungestalte Tiere, wohl auch deshalb, weil es ungeheure Wälder und Bäume von riesiger Größe gibt. Die Eingeborenen haben nicht den Mut, nackt und schutzlos solchen Gefahren entgegenzutreten.
Das Land ist sehr fruchtbar, besitzt zahlreiche Hügel, Berge, Täler und große Flüsse und wird von vielen erfrischenden Quellen bewässert. Es ist bedeckt mit weiten, dichten Wäldern, die fast undurchdringlich und voll von allen Arten wilder Tiere sind. Große Bäume wachsen, ohne daß man sich um sie kümmert. Sie tragen viele wohlschmeckende und für den menschlichen Körper nahrhafte Früchte. Diese sind ganz anders als in unserem Land. Es gibt unzählige verschiedene Arten von Früchten und Kräutern, aus denen sie Brot und andere ausgezeichnete Nahrung machen. Sie haben auch viele Samen, die ganz anders sind als bei uns. Kein Metall außer Gold wurde jedoch gefunden. Darin hat das Land Überfluß, wenn wir auch bei dieser unserer ersten Fahrt keines mitgebracht haben. Die Eingeborenen versicherten uns jedoch, daß unter der Erde eine ungeheure Menge lagere.
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Die Neue Welt. Chroniken Lateinamerikas von Kolumbus bis zu den Unabhängigkeitskriegen. Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Emir Rodríguez Monegal. Frankfurt am Main 1982, S. 84-88.
Erscheint in:
Vespucci, Amerigo; Amerika; Brasilien; Südamerika
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