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Das altehrwürdige Buch, spätestens seit Gutenbergs Erfindung das wichtigste „Transportmittel” von Wissen, hat durch moderne Medien (Fernsehen, Rundfunk, Multimedia, Internet usw.) Konkurrenz in seiner Bedeutung und Funktion erhalten. Ernst Fischer, Professor am Institut für Buchwissenschaft an der Johann-Gutenberg-Universität Mainz und Mitglied des Encarta-Beratergremiums, diskutiert in seinem Beitrag die aktuelle, durch Online-Kommunikation entstandene Situation:
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Die Schlagworte haben uns eingeholt: Vor unseren Augen vollzieht sich ein Umbruch in den Kommunikationsverhältnissen, der zu Recht als Medienrevolution bezeichnet wird. Überschreiten wir damit die Schwelle zu einem neuen Zeitalter? Werden Utopien Wirklichkeit? Erleben wir im Zeichen des Internet gerade jenen Vorgang, den Teilhard de Chardin vor fünfzig Jahren visionär als das Zusammenwachsen unseres Planeten zu einem Organismus vorausgesehen hat? Die Nervenbahnen der vielen zehntausend Einzelnetze und Millionen von Computern verbindenden Kabel transportieren jede im Netz verfügbare Information an jeden Punkt der Erde; sie schaffen damit die technische Voraussetzung für die Herausbildung jenes planetarischen Bewußtseins, jener „Vernunftsphäre”, die Teilhard optimistisch als Vorstufe einer totalen Humanisierung der Gattung Mensch betrachtet hat. Ob die Entwicklung wirklich einem so positiven Endziel zustrebt oder ob nicht durch sie auch große Konflikte heraufbeschworen werden, läßt sich heute nicht absehen. Soviel aber ist gewiß, daß mit der Online-Kommunikation eine neue Schlüsseltechnologie entstanden ist, die in den Wissenschaften, aber auch in wirtschaftlichen und politischen, in sozialen und kulturellen Bereichen, in unserer gesamten Lebenswelt zu großen Veränderungen führen wird.
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Auch bei Encarta |
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Das Auftreten neuer Medien ist regelmäßig begleitet von Befürchtungen, die vertrauten Formen der Informationsvermittlung würden nunmehr verdrängt werden. Besonders das Medium Buch wird immer wieder als gefährdet betrachtet, obwohl es sich bisher gegen Film, Rundfunk, Fernsehen und andere neu hinzugetretene Medien nicht nur behauptet hat, sondern nach Zahl der produzierten Titel und auch nach Umsatzziffern stetig zugenommen hat. Wenig deutet darauf hin, daß dies mit dem Auftreten des Internet anders kommen wird. Fast immer endet eine solche Konkurrenzsituation in einem Neben- und Miteinander der alten und der neuen Medien. Zwar bedeutet Medienkonkurrenz immer auch einen Verdrängungswettbewerb unter den für den Mediengebrauch zur Verfügung stehenden Geld- und Zeitbudgets. Dennoch hat gerade das Buch vom Auftreten zusätzlicher Medien in aller Regel nur profitiert. Das Geheimnis dieses Dauererfolgs? Es liegt nicht allein in seinen praktischen Vorzügen, vielmehr gilt: Neue Medien intensivieren gesellschaftliche Kommunikation, ein Mechanismus, der dem Buchmarkt mit seiner exorbitant hohen Anzahl lieferbarer Artikel und jährlicher Neuerscheinungen naturgemäß zugute kommt. Unter diesem Gesichtspunkt kann sich das Internet als ein Glücksfall für das Buch erweisen.
Soviel ist klar: In der Betrachtung des Verhältnisses von Buch und Internet ist Kulturpessimismus ebensowenig angebracht wie naive Technikbegeisterung. Jedes Medium hat seine Stärken und Schwächen und muß sich in der Konkurrenzsituation unter Funktionsaspekten legitimieren und behaupten. Die Vorteile des Buches als eines optimalen Lesemediums sind oft beschworen worden; sie werden von einem neuen Medium wie dem Internet nicht aufgehoben, sondern sie treten vielmehr noch deutlicher hervor. Wie übrigens auch seine Nachteile: Für manche inzwischen vom Netz transportierte Information gilt, daß ihre Verbreitung als Druckwerk schon bisher keine gute Lösung gewesen ist, – vermutlich wird man in einigen Jahren es als absurd empfinden, in welchem Ausmaß man einmal Telefon- und Adreßbücher oder auch Kataloge in Printform produziert hat. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Zeitschriften oder aktuelle Fachinformation. Dort aber, wo sich die Alternative Druck oder elektronische Verbreitung stellt, wird der Druck eine neue Bedeutung gewinnen als eine Möglichkeit der Hervorhebung, der Auszeichnung von Information: Allein schon die Tatsache, daß ein Text im Zeitalter seiner elektronischen Verfügbarkeit in Buchform erscheint, wird ihm besondere Aufmerksamkeit sichern und dem Medium Buch eine schon verlorengeglaubte Aura zurückerobern.
In der Gegenüberstellung der Medien zeigen sich auch Vor- und Nachteile der Netzkommunikation. Die derzeit noch bestehenden technischen Probleme, etwa im Bereich der Datenübertragungsraten, sind lösbar, ernsthafter sind die in der Sache selbst liegenden Probleme. Elektronische Netzwerke versorgen uns jetzt schon mit einem kaum zu bewältigenden Maß an Daten. Abzusehen ist, daß die Überfülle der jederzeit an jedem Ort verfügbaren Information den Menschen vor schwierige Probleme stellen wird. Nicht die Beschaffung, sondern die Selektion von Information stellt die Herausforderung der Zukunft dar. Maßnahmen wie die Bündelung der Kommunikationsströme in Subnetzen für geschlossene Benutzergruppen oder „Personal Information Management”-Systeme werden hier nur bedingt Abhilfe schaffen können. Im Grunde verhält es sich ja so, daß Medien nur Zeichensätze übertragen; die Umwandlung in Information oder gar in verfügbares „Wissen” leistet erst das Gehirn des Rezipienten. Dieser Prozeß ist nicht beliebig beschleunigbar, ein Umstand, dem das Buch besser Rechnung trägt als das „schnelle Medium” Internet.
Elektronische Netzwerke sind außerdem ein flüchtiges Medium: Der User kann sicher sein, immer überwältigend viel an Information anzutreffen, aber niemals kann er sicher sein, die Informationsangebote unverändert wieder so anzutreffen, wie er sie schon einmal gesehen hat. Dieser Flüchtigkeit und der bloßen Virtualität der Kommunikationswelten ist der Mensch aufgrund seiner in prähistorischer Zeit erworbenen Grundausstattung nicht ohne weiteres gewachsen, er muß sich des Dauernden vergewissern, um sein Bewußtseinskontinuum von außen her zu stabilisieren. Die „Antiquiertheit des Menschen” (Günther Anders) angesichts des technologischen Fortschritts wird einmal mehr offenbar.
Schon sind aber Anpassungsleistungen zu beobachten, durch die sich die geistigen Prozesse selbst verändern. Hypertexte erfordern ein anderes Leseverhalten als der lineare Text des Buches, bei dem es Anfang und Ende und für den Leser jederzeit Gewißheit darüber gibt, an welchem Punkt des Mitteilungskontinuums er sich befindet. Wenn es zutrifft, daß elektronische Netzwerke die Struktur menschlichen Denkens zutreffender abbilden als das Buch, dann wäre in dieser strukturellen Affinität zum assoziativen Denken das Faszinosum des Internet begründet, das als ein „externes Gehirn” betrachtet werden kann. Netzkommunikation tritt uns ähnlich wie Lesen bereits als eine eigene Kulturtechnik entgegen. Das Flanieren in Cybercity fördert ein geistiges Nomadentum, erweitert unser Realitätsverständnis um eine neue mediale Dimension, – der Mensch bleibt aber auch hier das Maß aller Dinge.
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Gekürzte Fassung von Ernst Fischer: Buch und Internet – Medienkonkurrenz oder Medienverbund? Überlegungen und Thesen. In: Im Zentrum: Das Buch. 50 Jahre Buchwissenschaft in Mainz. Herausgegeben von Stephan Füssel. Mainz 1997 (Kleiner Druck der Gutenberg-Gesellschaft, 112).
Erscheint in:
Kommunikation; Buch; Medien
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