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Der Große Krieg

Das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ist geprägt vom 1. Weltkrieg, der „Urkatastrophe unseres Jahrhunderts” wie George F. Kennan sagte. Die Vorgeschichte, den Verlauf und die Folgen des „Großen Krieges”, wie er auch genannt wurde, wird von dem Historiker Imanuel Geiss, pensionierter Professor an der Universität Bremen und Mitglied des Encarta-Beratergremiums, in dem folgenden Aufsatz im Überblick dargestellt.

Der Große Krieg

Schon vor seinem Ausbruch dachten die politisch Verantwortlichen an einen heraufziehenden Großkrieg, in dem gleichzeitig alle Großmächte der Zeit gegeneinander kämpfen würden – die ursprünglichen fünf Mächte der Europäischen Pentarchie (Frankreich, England, Rußland gegen Deutschland und Österreich-Ungarn), dazu das Osmanische Reich und Italien, die beide seit dem Pariser Kongreß 1856 ins Konzert der Europäischen Mächte aufgenommen waren. Noch vor 1900 traten die beiden neuen außereuropäischen Großmächte, Japan und die USA, hinzu. Da schon die europäischen fünf (oder sieben) Großmächte zusammen fast die gesamte Welt beherrschten, ist der Ausdruck „Weltkrieg” durchaus berechtigt: Nichts blieb nach ihm so, wie es vorher gewesen war.

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Den Weltkrieg erwarteten Eingeweihte über zwei große Konfliktherde – den Zerfall des Osmanischen Reiches oder den der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, eingeleitet durch den Tod des 1914 schon 84 Jahre alten Kaisers Franz Joseph. Der Erste Weltkrieg wäre also ausgebrochen als osmanischer oder habsburgischer Erbfolgekrieg. In Wirklichkeit begann er über einen scheinbar sekundären Konfliktherd, der inzwischen wieder in aller Munde ist – Bosnien-Herzegowina. Es lag im Vorfelde sowohl des vom Zerfall bedrohten Osmanischen Reiches wie Österreich-Ungarns, dazu des kleinen, aber dynamischen Serbiens, das mit Bosnien-Herzegowina beide dynastische Großreiche von der Agonie in den Exitus treiben wollte, um sie beide zu beerben.

Nachdem sich die Gegenkoalition gegen den von Deutschland beherrschten Dreibund mit der Entente Cordiale (England-Frankreich) 1904 und der anglo-russischen Verständigung über Afghanistan und Tibet 1907 zur Triple Entente vervollständigt hatte, bereiteten die beiden Balkankriege 1912/13 den Balkan als das berühmte „Pulverfaß Europas” auf: Die verbündeten kleineren Balkanstaaten, alle Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches (Serbien, Montenegro, Bulgarien, Griechenland), verdrängten die Türken aus Europa, fielen dann aber, verstärkt durch Rumänien, über Bulgarien her. Der große Zankapfel war vor allem Makedonien, das sich zuletzt Serbien, Bulgarien und Griechenland teilten, ferner das nördliche Albanien (als Zugang zur Adria für Serbien). Mit Massakern und „ethnischen Säuberungen” setzten die Balkanvölker neue Präzedenzfälle, auf die sich im Ersten Weltkrieg die Alldeutschen beriefen, um „völkische Flurbereinigungen” in eroberten und zu annektierenden Gebieten in Ost wie West zu begründen.

Im Rüstungswettlauf zu Lande wie zu Wasser rüsteten sich die Großmächte schon auf den Großen Krieg. Ihre Kriegspläne sahen Offensive jeweils gegen den Hauptfeind vor, die aber alle scheiterten, früher oder später. Nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914, ausgeführt von jungen bosnischen Serben, aber vorbereitet und geplant vom serbischen militärischen Geheimdienst, setzte die Julikrise 1914 die Automatik der Bündnisse und Mobilmachungen in Gang. Die Eskalationskette, wie es seit dem amerikanischen Vietnamkrieg 1965 heißt, setzte jedoch Deutschland in Gang, da es Österreich-Ungarn zum Lokalkrieg gegen Serbien förmlich drängte, damit den Kontinentalkrieg (Deutschland und Österreich-Ungarn gegen Rußland und Frankreich) in Kauf nahm und nichts Konstruktives dafür tat, daß England nicht in den Krieg eintrat, wodurch sich am 4. August schon der „Welt”krieg vollendete. In ihm standen zunächst die Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, gefolgt von der Türkei 1914 und Bulgarien 1915) gegen die Alliierten und Assoziierten Mächte.

Der deutsche Schlieffenplan sah eine Abfolge von Blitzoffensiven gegen Deutschlands Hauptgegner auf dem Kontinent vor – erst war Frankreich in sechs Wochen durch Verletzung der Neutralität Hollands und Belgiens und Umfassung von Paris vom Westen her niederzuwerfen, anschließend in derselben Zeit Rußland in Kongreß-Polen. Bis Weihnachten 1914 sollte der Krieg zu Ende sein. Die Deutschen besiegten zwar nach einander die beiden in Ostpreußen eingedrungenen russischen Armeen, aber zeitlich zwischen den Erfolgen scheiterte die deutsche Westoffensive an der Marne, u. a. an überdehnten deutschen Nachschub- und Frontlinien und mangelnder Koordinierung durch die OHL unter dem jüngeren Moltke. Das „Wunder an der Marne” leitete zum Stellungskrieg an der Westfront über, während die Ostfront mehr in Bewegung blieb.

Insgesamt siegten sich die Deutschen an der numerisch zuletzt doch entscheidenden Übermacht der Alliierten zu Tode. Dennoch verfolgte die Reichsführung expansive Kriegsziele weiter, die durch direkte Annexionen und indirekte Herrschaft über Vasallenstaaten Deutschlands Vormacht auf dem europäischen Festland sichern sollten. Verzweifelte Befreiungsschläge zur See gegen England scheiterten ebenfalls, zunächst in der Skagerrakschlacht 1916, dann mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg 1917: Rein numerisch waren die Verluste der britischen Flotte an Schiffen und Mannschaften in der Skagerrakschlacht zwar höher als die deutschen, sogar im Verhältnis 2:1, aber die deutsche Hochseeflotte mußte die Seeschlacht zweimal abbrechen, um sich vor der sonst drohenden Vernichtung zu retten. Daraufhin eröffnete Deutschland, wie schon einmal 1915, wieder den uneingeschränkten U-Bootkrieg am 1. Februar 1917. Aber er zog vor allem die USA in den Krieg, die letzte neutrale Großmacht. Mit ihrer quantitativen wie qualitativen Überlegenheit gaben die USA den Ausschlag gegen die verbündeten Mittelmächte, vor allem mit 2 Millionen gutgenährten und ausgerüsteten Mann Soldaten an der Westfront ab Sommer 1918.

Inzwischen war das zaristische Rußland in der Februarrevolution 1917 unter der Kriegslast zusammengebrochen. Das Nachfolgechaos trieben die Bolschewiki unter Lenin, finanziert und politisch gestützt vom kaiserlichen Deutschland, bewußt weiter bis zum Sieg der Oktoberrevolution mit einem schon klassischen Militärstaatsstreich, organisiert von Leo Trotzki. Rein äußerlich begünstigte das Ausscheiden des revolutionären Rußlands aus dem Krieg das Deutsche Reich militärisch, aber politisch breitete sich vom Osten revolutionäre Kriegsmüdigkeit auch in Deutschland aus. Nach der Kapitulation der Verbündeten im September und Oktober 1918 (Bulgarien, Osmanisches Reich, Österreich-Ungarn), hing im Osten eine weit überdehnte deutsche Front in der Luft, während die Alliierten im Westen die deutschen Armeen fast schon zur Reichsgrenze zurückgedrängt hatten. Mit der Kapitulation und Auflösung Österreich-Ungarns erhielten die Alliierten freien Durchmarsch nach Bayern und Sachsen.

Der angebliche „Dolchstoß” im Rücken des „im Felde unbesiegten deutschen Heeres” war reiner Mythos, ohne irgendwelche sachliche Substanz: Die deutsche Novemberrevolution 1918 war normale Reaktion eines kriegsmüden erschöpften Volkes. Die militärische Niederlage wirkte doppelt traumatisch, weil sie im Gegensatz zu ausgreifenden deutschen Kriegszielen kam und völlig unbegreiflich erschien, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Sturz der Monarchien, die Flucht Kaiser Wilhelms II. und die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 als Zusammenbruch nach innen waren als Reaktion auf eine schwere Niederlage nach außen die allernormalste Sache der Weltgeschichte. Dazu braucht man keinen „Dolchstoß” böser „Novemberverbrecher” (Sozialdemokraten, Juden, Pazifisten, Kommunisten), wie später die NS-Propaganda behauptete.

Die traumatische Wirkung der Niederlage in Deutschland verstärkte sich noch durch den Friedensvertrag von Versailles: Die Deutschen hatten sich einen milden Frieden erhofft. Tatsächlich waren die Bedingungen für Deutschland ein Kompromiß zwischen weitergehenden Teilungsplänen schon 1919 und illusionären Erwartungen der Deutschen. Die relative Zurückhaltung der Alliierten erklärt sich aus der Existenz Sowjetrußlands, das sich im Russischen Bürgerkrieg und gegen die westlichen Interventionskriege behauptete: Zu schwere Friedensbedingungen könnten die Deutschen in eine kommunistische Verzweiflungsrevolution treiben, um im Bündnis mit Sowjetrußland Versailles wieder zu zerreißen. Die nationalrevolutionäre Türkei unter Kemal Atatürk exerzierte 1920-22 diese Möglichkeit erstmals mit dem Frieden von Sèvres durch, der u. a. die Autonomie für Armenier und Kurden vorsah. Dazu erhielt die Türkei finanzielle und materielle Hilfe der jungen Sowjetunion. 1939 lief das verdeckte Bündnis zwischen Hitler und Stalin bei Eröffnung des Zweiten Weltkrieges genau auf dieselbe Möglichkeit hinaus.

Insgesamt verlor Deutschland in Versailles nur Grenzgebiete mit überwiegend nicht-deutscher Bevölkerung, teilweise sogar nach Volksabstimmungen. Der Verlust der Kolonien war buchstäblich peripher, aber der Verlust der Flotte, das Verbot moderner schwerer Waffen und die Beschränkung auf ein 100 000-Mann-Berufsheer schmerzten tief, erst recht Art. 231 des Versailler Friedensvertrages, der die alleinige Verantwortung Deutschlands am Kriegsausbruch 1914 festlegte, als juristische Grundlage für die Forderung von Reparationen, die zunächst nach oben noch unbegrenzt waren und erst bis 1932 begrenzt und immer weiter reduziert wurden.

Weitere Pariser Vorortsverträge regelten die Friedensbedingungen mit Österreich (St.  Germain), Ungarn (Trianon), Bulgarien (Neuilly) und dem damals formal noch bestehenden Osmanischen Reich (Sèvres, 1920). Am härtesten getroffen war Ungarn, das rund zwei Drittel seines Territoriums (einschließlich Nebenländer) und die Hälfte seiner ungarischen Bevölkerung an Nachfolgestaaten im Norden (ČSR), Osten (Rumänien), Süden (Jugoslawien) und Westen (westliches Burgenland an Österreich) verlor. Das Anschlußverbot für Österreich sollte verhindern, daß nach der deutschen Niederlage das Reich in der Mitte Europas doch wieder als neuer Riese entstehen würde.

Insgesamt standen die Sieger auf der Pariser Friedenskonferenz vor einer unlösbaren Aufgabe: Der Globalkonflikt des Ersten Weltkrieges hatte zu viele regionale Konfliktherde aufgesogen, die nach dem offiziellen Ende des Weltkrieges teils weiterliefen (z. B. griechisch-türkischer, anglo-irischer), teils hatte der Weltkrieg neue Konflikte freigesetzt, vor allem um das wiedererstandene Polen. Der Krieg der drei Teilungsmächte untereinander hatte Polen Freiraum zur nationalen Wiedergeburt gegeben. Aber da es selbstverständlich seine alten Grenzen von 1772 forderte, geriet es in Konflikt mit dem neuen nationalen Selbstbestimmungsrecht der Völker und, abgesehen von Rumänien, mit allen seinen Nachbarn. Zur Definition seiner neuen Grenzen führte es Anschlußkriege gegen Deutschland im Westen und Norden, Litauen im Nordosten, Sowjetrußland im Osten, die ČSR im Südwesten (um das Herzogtum Teschen, das geteilt wurde).

Nach dem Zerfall der alten dynastischen Großreiche (Rußland, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich) und dem Sturz des deutschen Kaiserreiches war die Parole vom Selbstbestimmungsrecht der Völker kein Allheilmittel, weil die Nachfolgestaaten ihrerseits meist ebenfalls heterogen waren und sich keine klare Grenzlinie nach dem „ethnischen” Prinzip der nationalen Selbstbestimmung ziehen ließ, ohne neue Minderheiten zu schaffen, die ihrerseits unter Zwang zur Assimilation von der jeweiligen Titularnation gerieten. Außerdem wiederholte sich die ältere Erfahrung, daß jede Großmacht, der nach einer schweren Niederlage eine ihr ungünstige Friedensordnung auferlegt wurde, ihre Revision suchte, in Wirklichkeit ihre Zerstörung.

Die großen Verlierer des Ersten Weltkrieges waren Rußland (1917) und Deutschland (1918). Sie suchten den Aufstieg mit totalitären Systemen in entgegengesetzten ideologischen Richtungen – Rußland schon 1917, Deutschland erst nach der Zwischenphase der Weimarer Republik 1933. Hinzu kamen Italien und Japan, die formal zu den Siegermächten gehörten, sich aber für ihre Kriegsanstrengungen nicht genügend belohnt fühlten. Ihnen standen die Sieger gegenüber, von denen Frankreich am meisten gelitten hatte und am meisten geschwächt war, deshalb auf dem Kontinent ein Maximum an militärischer Sicherheit gegen das immer noch starke Deutschland forderte.

So trug die Friedensordnung von Versailles, wie es so oft, aber zu Recht, heißt, schon den Keim für künftige Kriege in sich, vor allem den Zweiten Weltkrieg über die Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen (Danzig, Polnischer Korridor), aber auch den Nahostkonflikt und den Jugoslawienkrieg seit 1991. Die Friedensmacher von Versailles scheiterten weniger an Unfähigkeit oder schlechtem Willen, sondern eher an dem Chaos, das der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte, aber auch an gegensätzlichen Machtinteressen, die nach den üblichen Mechanismen traditioneller Machtpolitik nicht unter einen Hut zu bringen waren, auch nicht durch den ehrgeizigsten Versuch, den Völkerbund in Genf.

Imanuel Geiss: Der Große Krieg. Originalbeitrag für Encarta.

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Deutsche Geschichte; Erster Weltkrieg; Deutsches Kaiserreich; Österreich

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