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Roald Amundsen: Eroberung des Südpols

Roald Amundsens Bericht schildert den Höhepunkt seiner Expedition in die Antarktis – das Erreichen des Südpols und das Hissen der norwegischen Flagge am 14. Dezember 1911, in der damaligen Annahme, dass der Tag der Ankunft der 15. Dezember sei. Sein Buch Die Eroberung des Südpols. Die norwegische Südpolfahrt mit dem Fram 1910–1912 erschien bereits im selben Jahr in deutscher Übersetzung von Pauline Klaiber.

Roald Amundsen: Eroberung des Südpols

Am Morgen des 15. Dezember begrüßte uns ein herrliches Wetter, ein Wetter wie geschaffen zur Ankunft am Pol. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, wir nahmen unser Frühstück an dem Tag etwas hurtiger ein als an den vorhergehenden und kamen auch etwas hurtiger aus dem Zelt heraus, obgleich ich behaupten darf, daß dies alles auch sonst mit aller wünschenswerten Geschwindigkeit vor sich ging. Wir ordneten uns nun wie gewöhnlich: der Vorläufer, Hanssen, Wisting, Bjaaland und der andere Vorläufer. Um die Mittagszeit hatten wir nach dem Besteck 89° 53' s. Br. erreicht und machten uns dann bereit, den Rest in ununterbrochener Fahrt vollends zurückzulegen (...)

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Um 3 Uhr nachmittags ertönte ein gleichzeitiges „Halt”! von allen Schlittenlenkern. Sie hatten ihre Meßräder fleißig untersucht und nun standen alle auf der ausgerechneten Entfernung – auf unserm Pol nach dem Besteck.

Das Ziel war erreicht und die Reise zu Ende!

Ich kann nicht sagen – obgleich ich weiß, daß es eine viel großartigere Wirkung hätte – daß ich da vor dem Ziel meines Lebens stand. Dies wäre doch etwas zu sehr übertrieben. Ich will lieber aufrichtig sein und gerade heraus erklären, daß wohl noch nie ein Mensch in so völligem Gegensatz zu dem Ziel seines Lebens stand wie ich bei dieser Gelegenheit. Die Gegend um den Nordpol – ach, ja zum Kuckuck – der Nordpol selbst hatte es mir von Kindesbeinen an angetan und nun befand ich mich am Südpol! Kann man sich etwas Entgegengesetzteres denken?

So waren wir also unserer Berechnung nach jetzt am Pol. Selbstverständlich wußte jeder von uns wohl, daß wir nicht gerade auf dem Polpunkt standen – das wäre bei der Zeit und den Instrumenten, die wir zur Verfügung hatten, unmöglich festzustellen gewesen. Aber wir waren ihm so nahe, daß die paar Kilometer, die uns möglicherweise noch davon trennten, keine Bedeutung haben konnte. Unsere Absicht war, diesen Lagerplatz mit einem Halbmesser von 18,5 km einzukreisen, und wenn dies geschehen wäre, von der vollendeten Arbeit höchst befriedigt zu sein.

Nachdem wir haltgemacht hatten, traten wir zusammen und beglückwünschten uns gegenseitig. Wir hatten allen Grund, uns für das, was geleistet worden war, gegenseitig zu achten, und ich glaube gerade dieses Gefühl drückte sich in den kräftigen und festen Händedrücken, die gewechselt wurden, aus.

Nach dieser ersten Handlung schritten wir zur zweiten, der größten und feierlichsten der ganzen Fahrt – dem Aufpflanzen unserer Flagge.

Liebe und Stolz leuchtete aus den fünf Augenpaaren, die die Flagge betrachteten, als sie sich bei der frischen Brise entfaltete und über dem Pol flatterte. Ich hatte bestimmt, daß das Aufpflanzen selbst – das historische Ereignis – gleichmäßig von uns allen vorgenommen werden sollte. Nicht einem allein, nein allen denen kam es zu, die ihr Leben in den Kampf mit eingesetzt und durch dick und dünn zusammengestanden hatten. Dies war die einzige Weise, auf die ich hier an dieser einsamen verlassenen Stelle meinen Kameraden meine Dankbarkeit beweisen konnte. Ich fühlte auch, sie faßten es in dem Geist auf, in dem es ihnen geboten wurde. Fünf rauhe, vom Frost mitgenommene Fäuste griffen nach der Stange, hoben die wehende Fahne auf und pflanzten sie auf – als die einzige und erste auf dem geographischen Südpol.

Roald Amundsen: Die Eroberung des Südpols 1910–1912. Mit einem Vorwort von Fridtjof Nansen. Herausgegeben von Gernot Giertz. Tübingen 1980, S. 180-183.

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Südpol; Antarktis; Amundsen, Roald; Geographische Entdeckungen

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