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Der evangelische Theologe Ernst Troeltsch lehrte seit 1915 in Berlin und war politisch wie publizistisch sehr aktiv. In einer Rede zum 1. Weltkrieg versuchte er, die Kriegsereignisse im Licht der Propaganda der Kriegsgegner zu kommentieren, die er als „Kulturkrieg” definierte. Er sprach am 1. Juli 1915 in der vollbesetzten Berliner Singakademie im Rahmen einer Vortragsreihe des „Vereins für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern” und der „Zentralstelle für Volkswohlfahrt (Abteilung für freies Volksbildungswesen)”. Erklärtes Ziel der Veranstaltungsreihe war es, „das Vertrauen” und den „Willen” der Bevölkerung „zum Durchhalten ... trotz der schweren Opfer” zu sichern und zu festigen.
Hochansehnliche Versammlung!
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Deutsche Frauen und deutsche Männer!
Wir schreiben heute wieder den 1. Juli und gedenken dabei mehr noch als sonst des Juli vor dem Jahre, jenes Monats, der der spannungsreichste und erregteste gewesen ist, den wir allesamt je erlebt haben und der uns das ganze Jahr hindurch in der Seele und den Knochen gelegen hat, wir mochten jeden Monat schreiben, wie er immer heißen mochte. Der Herbst 1914, der Winter 1915 und dann wieder Frühling und Sommer sind an uns vorbeigegangen, wir haben es kaum beachtet. Wir haben bei Hitze und Kälte, bei Trockenheit und Nässe unserer Brüder im Felde gedacht, aber für uns selber mit der Natur nicht empfunden und mit ihr nicht gewechselt. Es war im Grunde immer Juli 1914 und die riesenhafte Entwicklung der Folgen, die in ihm lagen.
Aber wenn uns diese Zeit fast zeitlos dünkte, so haben wir doch aufs innigste mit ihr gelebt und sie immer aufs neue mit unsern Gedanken zu durchdringen gesucht. So angesehen, war jede Woche und jeder Monat etwas Neues, und wir haben uns selber mit der wechselnden Lage und Einsicht fortwährend gewandelt. Die Kriegsschriften und Zeitungen vom August mit ihrer fieberhaften Erregung und ihren politischen Kombinationen sehen uns heute bereits vielfach wie etwas Fremdes an. An diesem fortwährenden Wechsel bis heute vergegenwärtigen wir uns unsere innere Geschichte. Die militärische Sorge ist ruhiger geworden; in grenzenloser Dankbarkeit gegen unsere feldgrauen Brüder und unsere Heerführer fühlen wir uns mit jedem Tage mehr gesichert gegen jede ernsthafte Beeinträchtigung unserer politischen Existenz, ja unsere Hoffnungen steigen bis zum Gedanken einer festeren, stärkeren und gesicherteren staatlichen Entwicklung. Unsicher tasten wir uns freilich auch heute noch in dem Zusammenhang der politisch-diplomatischen Lage zurecht, da wir hier naturgemäß noch viel mehr als auf dem militärischen Gebiete der Kenntnis der eigentlichen Vorgänge entbehren; aber auch hier hat sich mit unsern Erfolgen, der Stellungnahme Italiens und der dadurch erfolgten Abkühlung des Balkans die Sachlage etwas mehr geklärt; wir glauben zunächst wenigstens eine mitteleuropäisch-orientalische Kombination vor unsern Augen sich anbahnen zu sehen, während freilich unsere zukünftige Stellung zwischen West- und Ostmächten heute noch ganz unklar ist und unklar sein muß. Vor allem aber richtete sich unsere Aufmerksamkeit mehr und mehr auf den geistigen Krieg, den Kulturkrieg, den unsere Gegner in der ganzen Welt, bei sich, bei den Neutralen, ja bei den Kolonialen gegen uns schüren und hetzen. Wir sahen in ihm immer deutlicher das System und die weltpolitische Wirkung, die Vorbereitung und die Schlagworte, die Mache und die Konsequenz. Wir lernten in ihm eines der ernstesten und gefährlichsten Kriegsmittel kennen, dessen Gefährlichkeit darin besteht, daß es unabhängig von den militärischen Entscheidungen fortgeht und deren politische Wirkungen aufzuheben trachtet, daß es überhaupt dem Krieg der Waffen, der Diplomatie, der wirtschaftlichen Gütervernichtung, der Aushungerung noch ein ganz besonderes, dauerhaftes geistig-seelisches Gift beimischt. Dieses Gift verpestet alle Brunnen der öffentlichen Meinung und kann durch Erfolge der Waffen nicht auch seinerseits beseitigt werden, sondern ist bestimmt, sie zu überdauern als der Same neuen Hasses und neuen Krieges. Eben deshalb hat der Kulturkrieg sich vielmehr umgekehrt gesteigert in dem Maße, als unsere Waffen sich unüberwindlich zeigten und als die Gefahr nichtmehr bloß uns, sondern vor allem den Feinden selber drohte. Auch ist er erst nach und nach uns deutlicher geworden, seit wir die Literatur der Feinde kennen lernten und damit in seinen Sinn und Geist eindringen konnten.
Diesem Kulturkrieg gegenüber haben wir nur erst langsam Verständnis und Stellung gefunden. Er hat uns – auf die Allgemeinheit gesehen – zunächst überrascht und befremdet. Hier haben wir am meisten geschwankt, am langsamsten Verständnis gewonnen, am meisten gelernt, und noch heute wird man sagen dürfen, daß sein Wesen und seine Bedeutung vielfach nicht voll erkannt ist.
Deutsche Reden in schwerer Zeit. Berlin 1915, 3. Bd., S. 209-211.
Erscheint in:
Troeltsch, Ernst; Erster Weltkrieg; Deutsche Geschichte
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