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Galileo Galilei: Natur und Heilige Schrift

In einem Brief an Cristina di Lorena, der Großherzogin der Toskana, beschrieb Galileo Galilei seine Auffassung über das Verhältnis der Bibel zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaften. Ein Schreiben mit ähnlichem Inhalt (1610) führte zur ersten Auseinandersetzung Galileis mit der Kirche.

Galileo Galilei: Natur und Heilige Schrift

Da die Heilige Schrift und die Natur ihren Ursprung gleichermaßen im göttlichen Wort haben – diese ist diktiert vom Heiligen Geist, jene führt die Befehle Gottes höchst aufmerksam aus –, und da es ferner die Art der Schrift ist, daß sie – um mit dem allgemeinen Verständnis übereinzustimmen – viele Dinge sagt, die offenbar von der absoluten Wahrheit abweichen (insofern man die Schrift wörtlich versteht), und da die Natur zudem unerbittlich und unwandelbar ist, die Grenzen der ihr auferlegten Gesetze niemals überschreitet und sich nicht darum bekümmert, ob ihre verborgenen Gründe und Wirkungsarten dem Verständnis des Menschen zugänglich sind oder nicht: darum scheint es, daß keine der Naturerscheinungen – seien sie uns durch sinnliche Wahrnehmung enthüllt oder durch die nötigen Experimente bestätigt – in irgendeinen Zweifel gezogen oder bestritten werden kann, weil einige Stellen in der Heiligen Schrift – wörtlich genommen – damit nicht einiggehen. Und es scheint ferner, daß nicht alles, was in der Schrift gesagt ist, der gleichen Genauigkeit verpflichtet ist wie jede Naturerscheinung es ist, und daß Gott sich in nicht kleinerem Maße in den Naturerscheinungen offenbart als in den heiligen Worten der Schrift. Dies möglicherweise meine Tertullian, als er sagte: „Wir behaupten, daß Gott zunächst aus der Natur zu erkennen, dann aus der Lehre wiederzuerkennen sei; aus der Natur durch seine Taten, aus der Lehre durch seine Aussagen.”

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Le opere di Galileo Galilei, Vol. V. Florenz 1895, S. 316-317. Übersetzt von M. Müller.

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Galilei, Galileo; Abendlän­dische Philosophie; Wissenschaft; Millennium: 17. Jahrhundert; Inquisition

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