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Jacob Grimm hielt die Gedächtnisrede auf seinen Bruder Wilhelm, der am 16. Dezember 1859 gestorben war, am 5. Juli 1860 in der Berliner Akademie der Wissenschaften. Sein Hinweis auf seines Bruders „sonstige Lebensbegegnisse”, die dieser „anderswo erzählt” habe, beziehen sich auf dessen Autobiographie, die er für die Grundlage zu einer hessischen Gelehrten-Schriftsteller- und Künstlergeschichte von 1806-1830 (Marburg 1831) geschrieben hatte.
Ich soll hier vom Bruder reden, den nun schon ein halbes Jahr lang meine Augen nicht mehr erblicken, der doch nachts im Traum, ohne alle Ahnung seines Abscheidens, immer noch neben mir ist. Ihm zum Andenken niedergelegt sei denn ein Gebund Erinnerungen, die sich aber, wie man in diesem Kreise erwarten wird, fast nur auf seine wissenschaftliche Tätigkeit erstrecken. Seine sonstigen Lebensbegegnisse hat er selbst schon einmal anderswo erzählt.
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Unter Sippen und Blutsverwandten dauert ja die lebendigste, vollste Kunde, und ihnen stehen von Natur geheime Zugänge offen, die sich den anderen schließen. Nicht allein leibliche Eigenheiten und Züge haben sich einzelnen Gliedern eines Geschlechts eingeprägt und zucken in wunderbarer Mischung nach, sondern dasselbe tut auch die geistige Besonderheit, daß man oft darüber staunt; da hält ein Kind den Kopf oder dreht die Achsel genau, wie es Vater oder Großvater getan hatte, und aus seiner Kehle erschallen bestimmte Laute mit derselben Modulation, die jenen geläufig war; die leisesten Anlagen, Fähigkeiten und Eindrücke der Seele, warum sollten nicht auch sie sich wiederholen? Menschlicher Freiheit geschieht dadurch kein Eintrag, denn neben solchen Einstimmungen und Ähnlichkeiten entfaltet sich zugleich auch die entschiedenste Selbständigkeit jedes einzelnen, weder dem Leib noch dem Geiste nach sind sich je, solange die Welt besteht, Menschen vollkommen einander gleich gewesen, nur neben, mitten der die Regel bildenden menschlichen Individualität brechen strichweise wie aus dem Hintergrund jene Ausnahmen vor, die das Band unserer Abstammung nicht verleugnen und ihm Rechnung tragen.
Mir erscheint nun, daß dieser edle, die Menschheit festigende und bestätigende Hintergrund seine größte Kraft hat zwischen Geschwistern, stärker sogar als zwischen Eltern und Kindern. Geschlechter haben sich zu Stämmen, Stämme zu Völkern erhoben nicht sowohl dadurch, daß auf den Vater Söhne und Enkel in unabsehbarer Reihe folgten, als dadurch, daß Brüder und Bruderskinder auf der Seite fest zu dem Stamm hielten. Nicht die Deszendenten, erst die Kollateralen sind es, die einen Stamm gründen, nicht auf Sohnschaft sowohl als auf Brüderschaft beruht ein Volk in seiner Breite. Ich laufe Gefahr, mich in eine politische Anwendung zu verlieren, und will lieber den einfachen Grund angeben, warum Brüder sich besser verstehen und erkennen als Vater und Sohn. Eltern und Kinder leben nur ein halbes Leben miteinander, Geschwister ein ganzes. Der Sohn hat seines Vaters Kindheit und Jugend nie gesehen, der Vater nicht mehr seinen Sohn als reifen Mann und Greis erlebt. Eltern und Kinder sind sich also nicht volle Zeitgenossen, das Leben der Eltern sinkt vorn in die Vergangenheit, das der Kinder steht hinten in die Zukunft; aber Geschwister, wenn ihr Lebensfaden nicht zu früh abgeschnitten wurde, haben zusammen als Kinder gespielt, gehandelt als Männer und nebeneinander gesessen bis ins Alter. Niemand weiß folglich besseren Bescheid zu geben als vom Bruder der Bruder, und diesem natürlichen Verhalt hinzu tritt noch ein sittlicher. Der Vater, vom Sohne redend, wird sich seiner Gewalt über ihn stets bewußt bleiben, der Sohn, Zeugnis vom Vater ablegend, der gewohnten Ehrfurcht nie vergessen. Geschwister aber stehen untereinander, ihrer wechselseitigen Liebe zum Trotz, frei und unabhängig, so daß ihr Urteil kein Blatt vor den Mund nimmt.
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Deutsche Literaturkritik im 19. Jahrhundert. Von Heine bis Mehring. Herausgegeben von Hans Mayer. Frankfurt am Main 1976, S. 643f.
Erscheint in:
Grimms Märchen; Grimm, Jacob Ludwig Karl und Wilhelm Karl
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