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José Martí: Revolution auf Kuba (1894)

1894 beschrieb der Schriftsteller und Freiheitskämpfer José Martí in seiner Rede Der Geist der Revolution und die Aufgabe Cubas in Amerika die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung auf der bis zum Putsch Fidel Castros stets von den Vereinigten Staaten abhängigen Antilleninsel.

Revolution auf Kuba (1894)

Cuba und Puerto Rico werden die Schwelle zur Freiheit in einem ganz anderen Zustand überschreiten als die übrigen lateinamerikanischen Völker; in einer ganz anderen Epoche und mit viel höherer Verantwortung. Es ist notwendig, den Mut zur Größe zu haben und ihren Aufgaben gewachsen zu sein. Die Welt ist voller Mönche, die Columbus das Vermögen absprechen, neue Wege zu finden; die Welt läuft über von solchen Mönchen. Worauf es aber ankommt, ist, sich gerade nicht neben diese Mönche zu setzen, sondern mit Columbus an Bord zu gehen ... Man muß vorausschauen, man muß mit der Zeit gehen: der Ruhm fällt nicht denen zu, die zurückschauen, sondern jenen, die den Blick nach vorn richten. Es geht nicht nur darum, zwei Inseln – die Verlängerung Floridas –, deren Teile noch unvereint dahintreiben, ans Licht zu bringen: wir wollen sie auch retten; wir wollen ihnen helfen, und zwar so, daß die Übereinstimmung, die geschickt und mutig zwischen den verschiedenen sie heute konstituierenden Faktoren erzielt worden ist – Faktoren, die einander weniger entfremdet sind, als man es von den Haß- und Hungergesellschaften Europas her kennt –, angesichts der möglichen Gelüste eines mächtigen Nachbarn und eines unsicheren Gleichgewichts die Unabhängigkeit des glücklichen Archipels sichert. Die Natur hat diesen Archipel zum Knotenpunkt der Welt gemacht, und die Geschichte läßt ihn in eben dem Augenblick zur Freiheit erblühen, wo die Kontinente rund umher aufbrechen zu Begegnung und Umarmung. Als Zünglein an der Waage des amerikanischen Gleichgewichts könnten die Antillen inmitten der Versklavung ein reiner und schlichter Ponton sein und der eifersüchtigen und hochmütigen Welt, die sich schon bereithält, ihnen die Selbständigkeit zu verweigern, eine souveräne Republik entgegensetzen, ein reines und schlichtes Vorwerk des amerikanischen Rom – aber in Freiheit, denn sie sind ihrer würdig durch jene freie Ordnung der Rechtlichkeit und Arbeit, die sie erstreben. Sie werden für den Kontinent geradezu das Unterpfand des Gleichgewichts sein: das der noch bedrohten Unabhängigkeit Lateinamerikas und das der Ehre der großen Republik im Norden. Diese wird durch die Entwicklung ihres eigenen Territoriums, das leider schon ganz feudalisiert und in feindliche Bezirke geteilt ist, eine gewissere Größe gewinnen als durch die nichtswürdige Unterwerfung ihrer schwachen Nachbarn und den unmenschlichen Streit um die Weltherrschaft, den eine Annexion von ihrer Seite unter den Mächtigen des Universums entfesseln würde.

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Nicht mit leichter Hand, sondern gleichsam mit einem von Jahrhunderten belasteten Bewußtsein muß man das neue Leben der befreiten Antillen schaffen. Nur mit erhabener Furcht kann man diese große menschliche Verantwortung übernehmen. Entweder wird man des edlen Ziels wegen zu den Gipfeln gelangen, oder man wird – weil man es nicht erkannt hat – in die Abgründe stürzen. Wir wollen nicht nur zwei Inseln befreien: es ist eine Welt, die wir ins Gleichgewicht rücken. Welche Kleinlichkeit in allem übrigen: wie erbärmlich sind dies hinterwäldlerische Altweibergeschwätz, diese kleinen Nadelstiche, so würdig weiblicher Eitelkeit, und jene hohle Intrige, die dieses Werk von kontinentalen Ausmaßen vor der Masse als Demagogie und Speichelleckerei verleumden. Welche Kleinlichkeit angesichts der wirklichen Größe, die durch das Glück der Arbeitenden, das auf der Unabhängigkeit ihres Volkes beruht, Freundschaft zwischen verfeindeten Teilen eines Kontinents stiften kann; so wie sie auch durch die freie Existenz der blühenden Antillen den unnötigen Konflikt, der Amerika beherrscht, vermeiden kann. Wir werden die Gipfel erklimmen, und unsere Stufen werden die Abfälle des Lebens sein. Die Augen fest auf die Höhen gerichtet, werden wir mit gesundem Blut, unserm eigenen Blut, jenes Leben der Völker formen, in denen sich die stolze Kraft, der Haß gegen überholte Privilegien und ein äußerstes Maß an legitimen Ansprüchen treffen.

Die Verantwortung, die unser Ziel einschließt, wird dem cubanischen Volk den festen Boden bereiten, damit es die Freiheit ohne Haß an sich zu reißen und seine Begeisterung souverän zu zügeln vermag. Ein Fehler in Cuba ist ein Fehler in Amerika, ja ein Fehler für die heutige Menschheit. Wer sich heute in Cuba auflehnt, lehnt sich für die Ewigkeit auf. [...] Nach einer Aufgabe, die von solcher Tragweite und so ehrenvoll ist, muß man die Hand mit besonderer Bescheidenheit ausstrecken. Durchdrungen von dieser Bescheidenheit und voller Nächstenliebe und Gewißheit tritt die Cubanische Revolutionspartei in ihr drittes Lebensjahr. Sie tut es in der Überzeugung, daß die Unabhängigkeit Cubas und Puerto Ricos – abgesehen davon, daß sie das einzige Mittel ist, den Einwohnern dieser beiden Inseln das freien Menschen gebührende Wohlbefinden inmitten gerechter Arbeit zu gewährleisten – auch und vor allem die unumgängliche historische Bedingung ist für den Schutz der bedrohten Unabhängigkeit der freien Antillen, der bedrohten Unabhängigkeit des freien Amerika sowie das Ansehen der nordamerikanischen Republik. Schweigt, schwache Herzen, und ihr, mutige Herzen, voran! Hier ist eine Aufgabe, die großen Herzen vorbehalten ist.

José Martí: Der Geist der Revolution und die Aufgabe Cubas in Amerika. In: Kursbuch 18, Frankfurt a. M. 1969.

Erscheint in:

Kuba; Martí, José Julian; Spanisch-Amerikanischer Krieg

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