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Johann Georg Friedrich Pabst: Tahiti

In den von 1783-1790 entstandenen Entdeckungen des fünften Welttheils oder Reisen um die Welt gibt der Pädagoge und Schriftsteller Johann Georg Friedrich Pabst die Eindrücke von den Südseereisen Byrons, Cooks u. a. wieder. Einem beliebten Stilmittel seiner Zeit folgend, sind die Schilderungen in eine Unterhaltung zwischen Vater und Kindern eingebettet.

Tahiti

Vater. Diß ist nun das Volk, dessen Natur, wie die Natur der zwei oder dreiiährigen Kinder, aus einer so wunderbaren, angenehmen und reizvollen Composition von Unwissenheit und Neugierde, Sorglosigkeit und Aufmerksamkeit, Liebe und Selbstheit, Nachgiebigkeit und Eigensinn, Schlauheit und Einfalt, bestehet; diß das Volk, das so viel offne Unbefangenheit, der Seele so viel zarte Beweglichkeit aller Sinne, so viel lautere Reinheit der Naturtriebe, so viel Wahrheit und Innigkeit der Begierden, Zuneigungen und Bewegungen, in Lust und Schmerz, Freude und Betrübniß, Liebe und Haß besizet; diß das Volk, das mit so viel Disposition beglückt ist, alles Uebels, sogleich wie es nicht mehr gegenwärtig gefühlt wird, aller Beleidigungen im Moment, wie sie aufhören, wieder zu vergessen; mit so viel Aufgelegtheit sich zu freuen, zu geniesen, zu leben, nichts böses zu wollen, nichts böses zu ahnden und der Zukunft nicht sorgend zu gedenken. Wie so ganz in der Stellung neugieriger Kinder, schoben diese unbekümmerten Leute im ersten Taumel der Bewunderung, die Kleider von den Brüsten der Europäer, um sich recht sinnlich zu überzeugen, daß diß eben solche Menschen wie sie wären! Wie erstaunt betasteten sie ihre weiße Haut, die so vortreflich aber leider! nicht nach Tahitischer Mode punctirt war; denn auch sie fanden, wie so viele, noch im Stande der Kindheit lebende Völker, das vorzüglich schön, was bei ihnen alte Volkssitte war [...] Gastfreundschaft üben sie im höchsten Grade aus, bestreuen dem Gaste den Ort, wo er sich niederlassen soll, mit Blättern, reichen ihm Erfrischung, und nöthigen ihn oft sogar, beim fortgehen etwas mitzunehmen. Ihre Art zu bitten, könte Barbaren bewegen. Wenn sie merkten, daß die Europäer recht freundlich aussahen, oder sie wohl gar anlächelten, so baten sie in dem sanftesten Tone: Tayo, poe! Freund! ein Coralchen! – [...] Ihre Freundschaft ist eben so zärtlich als dauerhaft; sie nehmen mit den grösten Bewegungen des Herzens Abschied und erkundigen sich sorgfältig ums Wiedersehen! Sie nennen sich nach den Namen ihrer Vertrauten, so schwer sie ihnen auch auszusprechen werden, sammeln ihnen die besten Früchte zur Labung und fragen oft nach dem Befinden und Wohlergehen der Abwesenden. Diß thun sie alles mit einem Ausdruck, der gewöhnlich nur Herzens-Angelegenheiten zu begleiten pflegt.

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Gottfried. Sicher haben sie auch ihre Fehler.

Vater. Fehler, zu deren Entstehung und Unterhaltung ihr mildes Klima, ihre Regierungsverfassung, ihr ganz sorgloses Leben und ihr Hang zu vielen und die Wollust reizenden Spielen, das meiste beiträgt. Man klagt sie des Leichtsinns, der Nachläßigkeit im Arbeiten, der Dieberei und die Reichen noch insbesondere, der Unmäsigkeit an. Ihre schlechteste Seite bleibt wohl ihr Hang zur Wollust; in allen übrigen Puncten liesen sie sich leichter entschuldigen. Da ich schon weiß, daß ihr lieber die guten als schlechten Seiten der Menschen ansehet; so will ich dißmal nicht länger hierbei weilen.

Friz. Hat sie denn noch niemand vertheidiget?

Vater. Ja wohl! Forster, der ihnen tief ins Herz blickte, hat aus der Fülle seines edlen Herzens, alles angewandt, sie in ihrem, guten Rufe in Europa zu erhalten; und es ist ihm gelungen. Unter andern macht er die richtige Bemerkung: Lasterhafte Gemüthsarten gibts unter allen Völkern; aber einem Bösewichte in diesen Inseln könte man in Engelland oder andern civilisirten Ländern, 50 entgegen stellen.

Johann Georg Friedrich Pabst: Die Entdeckungen des fünften Welttheils oder Reisen um die Welt. Ein Lesebuch für die Jugend. 5 Bände. Nürnberg 1783-1790, S. 395-403.

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Tahiti; Geographische Entdeckungen

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