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Camille Desmoulins: Erstürmung der Bastille

Die Entlassung des populären Finanzministers Jacques Necker sowie einiger anderer liberaler Minister durch den König am 11. Juli 1789 löste in der Pariser Bevölkerung große Empörung aus. Camille Desmoulins ergriff nun die Initiative, rief das Volk zu den Waffen gegen König und Regierung und kanalisierte die Empörung, die sich unterdessen zu Unruhen gesteigert hatte, in Richtung auf das Symbol der Despotie, die Bastille. Bei dem Sturm auf die Bastille selbst allerdings hielt sich Desmoulins im Hintergrund. Die Zuspitzung der Situation in Paris nach dem 11. Juli bis zu ihrer Eskalation im Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 sowie seine eigene Rolle in dem revolutionären Drama schilderte Desmoulins in einem Brief an seinen Vater vom 16. Juli 1789:

Camille Desmoulins: Erstürmung der Bastille

Am Sonntag war ganz Paris bestürzt über die Entlassung Neckers; so sehr ich versuchte, die Geister zu erhitzen, kein Mensch wollte zu den Waffen greifen. Ich schließe mich ihnen an; man sieht meinen Eifer; man umringt mich; man drängt mich, auf einen Tisch zu steigen: in einer Minute habe ich sechstausend Menschen um mich. „Bürger”, sage ich nunmehr, „ihr wißt, die Nation hatte gefordert, daß Necker ihr erhalten bliebe, daß man ihm ein Denkmal errichtete: man hat ihn davongejagt! Kann man euch frecher trotzen? Nach diesem Streich werden sie alles wagen, und noch für diese Nacht planen sie, organisieren sie vielleicht eine Bartholomäusnacht für die Patrioten.” Ich erstickte fast vor der Menge Gedanken, die auf mich einstürmten, ich sprach ohne Ordnung. „Zu den Waffen”, sagte ich, „zu den Waffen! Wir wollen alle die grüne Farbe tragen, die Farbe der Hoffnung.” Ich entsinne mich, daß ich mit den Worten schloß: „Die niederträchtige Polizei ist hier. Wohlan! Sie soll mich gut betrachten, gut beobachten, ja, ich bin es, der meine Brüder zur Freiheit aufruft.” Und indem ich eine Pistole erhob: „Wenigstens”, rief ich, „sollen sie mich nicht lebendig in die Hand bekommen, und ich werde verstehen, ruhmvoll zu sterben; es kann mich nur noch ein Unglück treffen: daß ich sehen muß, wie Frankreich zur Sklavin wird.” Dann stieg ich hinab; man umarmte mich, erstickte mich fast in Liebkosungen. „Freund”, sagten sie alle zu mir, „wir werden Ihnen eine Wache bilden, wir wollen Sie nicht verlassen, wir wollen hingehen, wo Sie hingehen.” Ich sagte: ich wollte keinen Befehl haben, ich wollte nichts weiter sein als ein Soldat des Vaterlandes. Ich nahm ein grünes Band und befestigte es als erster an meinem Hut. Mit welcher Geschwindigkeit griff das Feuer um sich! (...)

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Nun gibt es in Paris nur noch einen Schrei: Zu den Waffen! (...)

Die Menge und die Verwegensten begeben sich zum Invalidenhaus; man verlangt Waffen vom Gouverneur; er gerät in Angst und öffnet sein Magazin. Ich bin, auf der Gefahr, zu ersticken, unters Dach gestiegen. Ich sah dort, will mir scheinen, mindestens hunderttausend Flinten. Ich nehme eine ganz neue, an der ein Bajonett steckte, und zwei Pistolen. Das war am Dienstag, der ganze Morgen verging damit, daß man sich bewaffnete. Kaum hat man Waffen, so geht’s zur Bastille. Der Gouverneur, der gewiß überrascht war, mit einem Schlag in Paris hunderttausend Flinten mit Bajonetten zu sehen, und nicht wußte, ob diese Waffen vom Himmel gefallen waren, muß sehr in Verwirrung gewesen sein. Man knallt ein oder zwei Stunden drauflos, man schießt herunter, was sich auf den Türmen sehen läßt; der Gouverneur, Graf von Launay, ergibt sich; er läßt die Zugbrücke herunter, man stürzt drauflos; aber er zieht sie sofort wieder hoch und schießt mit Kartätschen drein. Jetzt schlägt die Kanone der Gardes-françaises eine Bresche. Ein Kupferstecher steigt als erster hinauf, man wirft ihn hinunter und bricht ihm die Beine entzwei. Ein Mann von der Garde-française ist der nächste, er hat mehr Glück, er packt die Lunte eines Kanoniers und wehrt sich, und binnen einer halben Stunde ist der Platz im Sturm genommen. Ich war beim ersten Kanonenschlag herbeigeeilt, aber, es grenzt ans Wunderbare, um halb drei Uhr war die Bastille schon genommen. Die Bastille hätte sich sechs Monate halten können, wenn sich irgend etwas gegen das französische Ungestüm halten könnte; die Bastille genommen von Bürgersleuten und führerlosen Soldaten, ohne einen einzigen Offizier! Derselbe Gardist, der im Sturm als erster nach oben gekommen war, verfolgt Herrn von Launay, nimmt ihn bei den Haaren und macht ihn zum Gefangenen. Man führt ihn zum Stadthaus und schlägt ihn unterwegs halbtot. Er ist so geschlagen worden, daß es mit ihm zu Ende gehen will; man gibt ihm auf dem Grèveplatz den Rest, und ein Schlächter schneidet ihm den Kopf ab. Den trägt man auf der Spitze einer Pike und gibt dem Gardisten das Kreuz des heiligen Ludwig.

Briefe aus der Französischen Revolution. Band 1. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Gustav Landauer. Frankfurt am Main, S. 148ff.

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Frankreich; Bastille; Desmoulins, Camille; Französische Revolution

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