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Nach mehreren Forschungsreisen in arktische Gebiete wagte sich Robert E. Peary immer näher an den Nordpol heran. Die Expedition zum nördlichsten Punkt der Erdachse begann am 1. März 1909 von der Ellesmere-Insel aus. Innerhalb weniger Wochen legten Peary und seine Begleitmannschaft die rund 400 Kilometer lange Strecke zum Nordpol zurück, wo sie am 6. April ankamen. Sein Bericht erschien bereits 1910 in deutscher Übersetzung.
Der letzte Marsch nach Norden endete am 6. April um zehn Uhr vormittags. Ich hatte jetzt die fünf vorgesehenen Tagemärsche von dem Punkte an, wo Bartlett zurückging, erledigt, und nach meiner Rechnung mußten wir in unmittelbarer Nachbarschaft des Ziels all meines Strebens sein. Wir nahmen die üblichen Anordnungen vor, um ein Lager zu beziehen; dann machte ich etwa am Mittag auf dem Meridian von Columbia die erste Beobachtung in unserem Lager am Pol. Sie ergab als unsere Lage 89° 57’.
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Wir waren nun also auf dem Hinmarsch am Ende des letzten langen Marsches. Obgleich nun der Pol in Sicht war, so war ich doch zu müde, die letzten paar Schritte zu machen. Die aufgesammelte Müdigkeit all dieser Tage und Nächte von Eilmärschen und ungenügendem Schlaf bei ständiger Gefahr und Angst schien mich nun mit einem Male zu überfallen. Ich war jetzt zu erschöpft, um im Augenblick zu begreifen, daß das Ziel meines Lebens erreicht war. Sobald unsere Iglus fertig waren und wir unser Mittagbrot verzehrt und den Hunden doppelte Rationen gegeben hatten, kroch ich hinein, um einige Stunden lang zu schlafen, was absolut nötig war. Henson und die Eskimos hatten inzwischen die Schlitten abgeladen und sie für einige notwendige Ausbesserungen zurecht gemacht. Aber obgleich ich müde war, konnte ich nicht lange schlafen. Ich wachte also schon nach wenigen Stunden wieder auf. Das erste, was ich nach dem Erwachen tat, war, folgende Worte in mein Tagebuch zu schreiben:
„Endlich der Pol. Der Preis von drei Jahrhunderten. Mein Traum und Ziel sein 20 Jahren. Endlich mein! Ich kann es noch nicht begreifen. Es scheint alles so einfach und selbstverständlich.”
Alles war für eine Beobachtung um 6 Uhr nachmittags nach der Zeit des Meridians von Columbia bereit, für den Fall, daß der Himmel klar sein sollte. Aber zu jener Zeit war er unglücklicherweise noch bedeckt.
Da aber Anzeichen dafür vorhanden waren, daß es binnen kurzem aufklaren würde, machte ich mit zwei von den Eskimos einen leichten Schlitten zurecht, der nur die Instrumente, eine Dose Pemmikan und ein oder zwei Felle trug; gezogen wurde er durch ein Doppelgespann von Hunden. Wir marschierten etwa 18 Kilometer. Während wir dahinzogen, klärte sich der Himmel auf, und am Ende des Tages war es möglich, um Mitternacht des Columbia-Meridians eine zufriedenstellende Reihe von Beobachtungen anzustellen. Diese Beobachtungen bewiesen, daß unsere Stellung jetzt jenseits des Pols war.
Fast alle Umstände, die uns jetzt umgaben, schienen uns zu sonderbar, als daß wir sie ganz begreifen konnten. Aber einer der sonderbarsten von diesen Umständen schien mir die Tatsache zu sein, daß ich auf einem Marsch von nur wenigen Stunden aus der westlichen in die östliche Hemisphäre gekommen war, daß ich wirklich auf dem Gipfel der Welt angekommen war. (...)
Nachdem ich die amerikanische Flagge im Eis aufgepflanzt hatte, sagte ich Henson, er solle die Eskimos veranlassen, dreimal donnernd „Hoch” zu rufen. Und dies taten sie auch mit großer Begeisterung. Darauf schüttelte ich jedem Mitgliede der Expedition die Hand, gewiß eine recht unzeremonielle Sache und gleichzeitig doch eine ganz demokratische. Die Eskimos freuten sich kindisch über unseren Erfolg; wenn sie auch nicht seine Wichtigkeit ganz erfassen konnten oder seine Bedeutung für die Welt, so verstanden sie doch so viel, daß es die endliche Beendigung eines Kampfes bedeutete, in den sie mich so viele Jahre lang verstrickt gesehen hatten. Dann legte ich in eine Spalte zwischen die Eisblöcke eines Pressungsgrates eine Glasflasche nieder, die einen Querstreifen von meiner Flagge enthielt und eine Urkunde, von welcher folgendes die Abschrift ist:
90° nördl. Breite, Nordpol, den 6. April 1909 Kam hier heute an, 28 Tagemärsche von Kap Columbia entfernt.
Ich habe bei mir fünf Männer, Matthew Henson, Neger, Utäh, Etschingwäh, Sieglu und Uquiäh, Eskimos; fünf Schlitten und 38 Hunde. Mein Schiff, der Dampfer „Roosevelt”, liegt bei Kap Sheridan, 162 Kilometer östlich von Columbia.
Die unter meinem Oberbefehl stehende Expedition, die so glücklich gewesen ist, den Pol zu erreichen, steht unter dem Schutz des Peary Arctic Club zu New York City und ist von den Mitgliedern und Freunden dieses Clubs ausgerüstet und nach Norden gesandt worden zu dem Zweck, diesen geographischen Preis, wenn irgend möglich, für die Ehre und das Ansehen der Vereinigten Staaten von Amerika zu gewinnen.
Die Vorstandsmitglieder des Clubs sind Thomas H. Hubbard aus New York, Präsident; Zenas Crane aus Massachusetts, Vizepräsident; Herbert L. Bridgman aus New York, Sekretär.
Morgen gehe ich zurück nach Kap Columbia.
Robert E. Peary, von der Marine der Vereinigten Staaten.
Robert E. Peary: Die Entdeckung des Nordpols. Tübingen 1981, S. 260f., 266f.
Erscheint in:
Arktis; Peary, Robert Edwin; Nordpol
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