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Der deutsche Naturforscher Ludwig Leichhardt leitete 1844/45 eine Expedition, deren Ziel es war, binnen fünf Monaten das Innere Australiens vom südlichen Queensland bis zur Küste von Arnhemland im Northern Territory zu durchqueren. Die veranschlagte Reisedauer konnte jedoch nicht eingehalten werden, denn die ständige Suche nach Wasser erforderte zahlreiche Umwege. Die Mitglieder der Expedition erreichten die Nordküste Australiens erst nach 15 Monaten. Ein Auszug aus dem detailliert geführten Tagebuch Leichhardts gibt Einblick in die Gleichförmigkeit der Tage während der Reise.
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Mai 1. – Ich will hier einen Tag schildern, der als Beispiel dienen mag, wie uns alle übrigen verliefen. Ich erhob mich gewöhnlich, wenn ich den lauten Ruf des lachenden Jackass hörte, welcher seiner Pünktlichkeit wegen nicht unrichtig des Ansiedlers Uhr genannt wird. Darauf weckte ich meine Gefährten, beauftragte Brown, den Thee zu kochen, Herrn Calvert, das Fleisch mit Salz und Majoran zu würzen. Nachdem wir uns gewaschen, bereiteten wir das Frühstück, aus zwei und einem halben Pfund Fleisch bestehend, das die Nacht hindurch geschmort hatte. Dazu kam auf jeden von uns ein Quarttopf Thee. Herr Calvert theilte einem jeden seine Portion zu. Nachher kommt Charley gewöhnlich mit den Pferden, die zu ihrer Tagesarbeit zurecht gemacht sind. Nach dem Frühstück geht Charley mit Murphy die Ochsen zu holen, die dann gewöhnlich etwas nach sieben Uhr gebracht werden. Nun erfolgt das Beladen derselben, was wenig Zeit erfordert, da unsere Vorräthe sehr zusammengeschmolzen sind. Ungefähr um ein Viertel auf neun Uhr brechen wir auf und setzen den Weg vier Stunden weit fort, um uns dann nach einem Platze zur Lagerstelle umzusehen. Der Burdekin, welcher uns seines geraden Laufes und beständigen Stromes durch mehr als zwei Grad Länge und zwei Grad Breite wegen nichts zu wünschen übrig ließ, hat uns nicht immer ganz passende mit Wasser versehene Lagerstellen geboten. Seine Ufer bestanden gewöhnlich in steilen Wänden, die mit denen der mit dem Flusse parallel sich hinziehenden Wasserhälter eins bildeten und dicht mit hohem, steifen Grase bedeckt waren. Ein anderes gleich steiles Ufer, mit einem Dickicht von hängenden Theebäumen bestanden, trat bis zum Wasserrande hervor. Von meinen Gefährten waren einige mißbilligende Bemerkungen über meine Wahl des Lagerplatzes gemacht worden. Aber obgleich ich so viel Ungemach mit ertrug, erduldete ich es leicht, indem ich der Vorsehung für den klaren Wasserstrom dankte, mit dem wir jede Nacht versehen waren. Ich hatte natürlich einen starken Widerwillen gegen gesuchte Bequemlichkeit und „gourmandizing”, besonders auf einer Reise wie der unsrigen. Ich äußerte diese Abneigung oftmals vielleicht zu unfreundlich, was Unzufriedenheit hervorrief. Bei solchen Gelegenheiten wurde meine Geduld jedoch hart auf die Probe gestellt. Ich muß indes das Bild des Tages vollenden. Sobald das Lager aufgeschlagen ist und die Pferde und Ochsen von ihren Lasten befreit sind, haben wir jeder unsere bestimmte Arbeit. Das Feuermachen kommt mir zu. Browns Obliegenheit besteht darin, Wasser zum Thee zu holen. Herr Calvert wiegt ein und ein halbes Pfund Mehl zu einem Fettkuchen ab, welcher lieber als eine andere Speise gegessen wird. Nachdem der große Theetopf geleert ist, wiegt Herr Calvert zwei und ein halbes Pfund getrocknetes Fleisch ab, welches für unsere letzte Mahlzeit bestimmt ist. Während des Nachmittages folgt ein jeder seinen Geschäften, sei es, daß man Kleider wäscht oder ausbessert, die Sättel und Packsättel in Stand setzt oder das Gepäck ordnet. Meine Beschäftigung besteht darin, mein Tagebuch zu schreiben, meinen Weg zu vergleichen, eine botanische Excursion in der Umgebung des Lagers zu machen oder auf Erforschung der Gegend auszureiten. Meine Begleiter schreiben auch ihre Bemerkungen auf oder gehen aus, um Sämereien zu sammeln oder merkwürdige Steine zu suchen. Herr Gilbert nimmt sein Gewehr, um Vögel zu schießen. Gegen Sonnenuntergang rufe ich alle laut, um sie um das Tafeltuch zu vereinigen. Während wir unser Mahl genießen, bildet die Tagereise den Gegenstand unserer Unterhaltung. Herr Roper ist schweigsamer Natur, Herr Calvert spricht gern. Er steckt voll Schnurren und Anecdoten. Herr Gilbert ist viel gereist, hat daher einen reichen Schatz von impressions de voyage. Seine Unterhaltung ist gewöhnlich sehr angenehm und belehrend, indem er den Charakter der Gegenden, die Sitten und Gewohnheiten der Völker beschreibt. In der Ornithologie Australiens hat er ausgedehnte Kenntnisse. Wenn die Nacht anbricht, ziehen wir uns auf unsere Lager zurück. Die zwei Schwarzen und ich selbst breiten die unsrigen unter Gottes schönem freien Himmel aus, während die anderen ihre Zelte haben. Brown stimmt seine Corroborri-Gesänge an, bei denen ihn Charley begleitet. Brown singt angenehm, und seine melodische Stimme lullt mich in den Schlaf. Herr Phillips hat etwas sonderbare Gewohnheiten. Gewöhnlich schlägt er sein Zelt in einiger Entfernung von den übrigen unter einem schattigen Baume oder in einer Gruppe grüner Gebüsche auf, wo er sich so bequem einrichtet, als es ihm die Umstände erlauben, indem er Gras und Zweige unter seinem Lager ausbreitet und sein Zelt mit diesen bedeckt, um es schattig und kühl zu machen. Zugleich steckt er lilienähnliche Crinum-Stengel mit Blüthen vor seinem Zelte in die Erde, um sich die Aussicht aus demselben für die kurze Dauer unseres Aufenthaltes zu erheitern. Wenn die Nacht vorrückt, hören die Schwarzen zu singen auf. Murphys geschwätzige Zunge ruht, nachdem er Herrn Gilbert eingeschläfert, und zuletzt schweigt Herr Calvert, wenn Ropers kurze Antworten seltener und seltener erfolgen. Das Gewieher der angebundenen Pferde, der Klang der Viehglocken oder der Ruf einen Nachtvogels unterbricht dann allein in unserm Lager die Stille der Nacht. Das Feuer, welches so lange gebrannt, als es von den Corroborri-Sängern geschürt worden, erlischt allmählich oder flackert und dampft matt unter dem großen Topfe, in welchem unser Fleisch leise zischend kocht. Die glänzenden Sternbilder steigen unbeachtet über den Häuptern der träumenden Wanderer der Wildnis am Himmel herauf, bis sie der Ruf des lachenden Jackass wieder zu den Geschäften des anbrechenden Tages weckt.
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Ludwig Leichhardt: Die erste Durchquerung Australiens 1844-1846. Neu bearbeitet nach seinen Tagebüchern, mit einer Einführung und einem Nachwort versehen und herausgegeben von Franz Braumann. Stuttgart 1983, S. 98-101.
Erscheint in:
Leichhardt, Ludwig; Arnhemland; Australien
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