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Ohne Max Planck wäre Albert Einsteins Genius vielleicht nie entdeckt worden. Sie wirkten viele Jahre gemeinsam in Berlin, doch bei aller Verschiedenheit gab es nie einen Missklang zwischen ihnen. Jeder wusste, dass sich der Kollege nur von den „heiligsten Überzeugungen” leiten ließ. Ein Aufsatz in bild der wissenschaft (8/96) von Armin Hermann, der an der Universität Stuttgart Geschichte der Naturwissenschaften und Technik lehrt.
Als die Stadt Frankfurt am Main ihren hochangesehenen Goethe-Preis 1943 an Max Planck verleihen wollte, „die größte wissenschaftliche Persönlichkeit, die wir in Deutschland haben”, verweigerte das „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda” seine Zustimmung: Planck habe sich bis in die letzte Zeit hinein für den Juden Albert Einstein eingesetzt.
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Die Freundschaft zwischen den beiden großen Physikern währte da bereits seit fast 40 Jahren. Auf den 21 Jahre Jüngeren wurde Max Planck zum ersten Mal aufmerksam, als er im Jahre 1905 dessen Aufsatz „Zur Elektrodynamik bewegter Körper” in den „Annalen der Physik” las. Es handelte sich um nichts geringeres als die Begründung der Speziellen Relativitätstheorie.
Einstein war damals nicht etwa an einer Universität tätig, sondern als Subalternbeamter am Schweizer Patentamt in Bern. Ein halbes Jahr dauerte es, bis er eine Reaktion auf seinen Artikel erhielt: einen Brief von Planck aus Berlin. „Die Freude des jungen Gelehrten war um so größer”, berichtete Einsteins Schwester, „da die Anerkennung seiner Leistung von einem der größten Physiker der Gegenwart herrührte.”
Max Planck war fasziniert von diesen so revolutionären neuen Gedanken. Im Frühjahr 1909 hielt er Gastvorträge über theoretische Physik an der Columbia University in New York. Er machte hier, wie er sich ausdrückte, „Propaganda für das Relativitätsprinzip”: Die neue Auffassung von Raum und Zeit stelle an die Abstraktionsfähigkeit und die Vorstellungskraft des Physikers die allerhöchsten Anforderungen und übertreffe an Kühnheit wohl alles, was bisher in der spekulativen Naturforschung, ja in der philosophischen Erkenntnistheorie geleistet worden sei.
Als Einstein 1911 zum ordentlichen Professor an die Deutsche Universität in Prag berufen wurde, zitierte die Kommission das Urteil Plancks: Die durch die Relativitätstheorie bewirkte geistige Umwälzung sei an Ausdehnung und Tiefe nur mit der seinerzeitigen Einführung des kopernikanischen Weltsystems vergleichbar.
Max Planck bemühte sich, Einstein an seine Seite nach Berlin zu holen, obwohl er wußte, daß ihn dieser weit überstrahlen würde. Planck amtierte als einer der vier „beständigen Sekretare” an der Spitze der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Er verfaßte ein fulminantes Gutachten über Einstein, indem er dessen Schöpferkraft und kritische Fähigkeiten rühmte, das heißt die Gabe, „fremden neu auftauchenden Ansichten und Behauptungen schnell auf den Grund” gehen zu können.
Nicht immer waren überragende Köpfe bei Kollegen so hochgeschätzt. Ende des 18. Jahrhunderts etwa hatte in Wien der Musiker Antonio Salieri seinen genialen jungen Kollegen Wolfgang Amadé Mozart mit Eifersucht verfolgt. Als der noch nicht 36jährig starb, entstand das Gerücht, Salieri habe den überlegenen Konkurrenten mit Gift aus der Welt geschafft.
Einstein ließ sich Zeit mit seinem Umzug nach Berlin. Er wirkte als Professor an der ETH in Zürich und arbeitete an der Allgemeinen Relativitätstheorie. Gemäß dieser neuen Theorie der Gravitation sollte das von den Fixsternen kommende Licht am Sonnenrand um einen kleinen Betrag abgelenkt werden. Die für August 1914 erwartete Sonnenfinsternis wollte Einstein zur Prüfung seiner Theorie nutzen.
In Berlin erreichte unterdessen Max Planck die Bewilligung der Mittel für eine Sonnenfinsternis-Expedition nach Südrußland. Einstein war erfreut und erstaunt zugleich: Er könne Planck „nicht genug rühmen”, schrieb Einstein an seine Freunde. Planck habe sich „sehr schön benommen”, obwohl er an die Theorie nicht glaube und ihm „die Sache gegen den Strich” ginge.
Zum 1. April 1914, also noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, kam Einstein als ordentliches hauptamtliches Mitglied der Akademie nach Berlin. Auf die Antrittsvorlesung über die „Prinzipien der theoretischen Physik” folgte wie üblich die „Erwiderung des Klassensekretars”: Einstein verstehe „das Programm des theoretischen Physikers nicht bloß zu formulieren, sondern auch durchzuführen”. Geheimrat Planck wirkte gewöhnlich ein wenig steif. Jetzt jedoch fiel den Akademikern im Saal der ungewöhnlich herzliche Ton auf, mit dem er sich direkt an den neuen Kollegen wandte.
Aus der gegenseitigen Hochachtung entwickelte sich eine tiefgehende Freundschaft. Planck und Einstein trafen sich regelmäßig jeden Donnerstag Nachmittag bei den Sitzungen der Akademie, jeden Mittwoch Nachmittag im Physikalischen Kolloquium und alle 14 Tage am Freitag bei der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Auch durch die Liebe zur Musik waren sie verbunden. Bei den Musikabenden im Hause Plancks spielte Einstein Geige, Planck saß am Klavier, und der Cellist war Plancks Sohn Erwin oder gelegentlich ein Berufsmusiker.
„Das Zuhören war ein wunderbarer Genuß, für den ein paar zufällige Entgleisungen Einsteins nichts bedeuteten”, berichtet Lise Meitner von einem Abend, an dem Beethovens Erzherzogtrio auf dem Programm stand. „Einstein, sichtlich erfüllt von der Freude an der Musik, sagte laut lachend in seiner unbeschwerten Art, daß er sich wegen seiner mangelhaften Technik schäme. Planck stand dabei mit ruhigem, aber buchstäblich glückstrahlendem Gesicht und rieb sich mit der Hand in der Herzgegend: ,Dieser wunderbare zweite Satz.‘ Als nachher Einstein und ich weggingen, sagte Einstein ganz unvermittelt: ,Wissen Sie, um was ich Sie beneide?‘ Und als ich ihn etwas überrascht ansah, fügte er hinzu: ,Um Ihren Chef.‘ Ich war damals noch Assistentin Plancks.”
Am 5. Mai 1916 wurde Einstein als Nachfolger Plancks zum Vorsitzenden der Deutschen Physikalischen Gesellschaft gewählt und im folgenden Jahr wiedergewählt.
Am 26. April 1918 feierte die Gesellschaft den 60. Geburtstag Plancks. Die Festveranstaltung im Großen Physikalischen Hörsaal der Universität wurde zur Familienfeier der Berliner Physiker. Unten, direkt vor dem langen Experimentiertisch, saßen die Koryphäen der deutschen Wissenschaft; in den oberen Reihen sah man viele feldgraue Uniformen. Mit seiner Rede über die „Motive des Forschens” begeisterte Einstein die Hörer; er hob sie aus den Schrecken und der Mühsal des Krieges in eine höhere, geistige Welt:
„Die Sehnsucht nach dem Schauen jener prästabilierten Harmonie, von der Leibniz gesprochen hatte, ist die Quelle der unerschöpflichen Ausdauer und Geduld, mit der wir Planck den allgemeinsten Problemen unserer Wissenschaft sich hingeben sehen ... Ich habe oft gehört, daß Fachgenossen dies Verhalten auf außergewöhnliche Willenskraft und Disziplin zurückführen wollten; wie ich glaube, ganz mit Unrecht. Der Gefühlszustand, der zu solchen Leistungen befähigt, ist dem des Religiösen oder Verliebten ähnlich: Das tägliche Streben entspringt keinem Vorsatz oder Programm, sondern einem unmittelbaren Bedürfnis. Hier sitzt er, unser lieber Planck, und lächelt innerlich über dies mein Hantieren mit der Laterne des Diogenes. Unsere Sympathie für ihn bedarf keiner fadenscheinigen Begründung.”
Auch der scheue und zurückhaltende Planck sprach in seinem Schlußwort – ganz unterkühlt – von ihrer Freundschaft. Wie sich einmal der Widerspruch zwischen der neuen Quantentheorie und der klassischen Wellentheorie des Lichtes auflösen werde, darüber gingen die Ansichten weit auseinander: „Da gewährt es mir eine doppelte Freude, zu sehen, daß zwei Physiker, die über diese Dinge so grundverschieden denken, doch rein persönlich sich, wie man wohl sagen darf, zum mindestens ganz leidlich miteinander vertragen können.”
Im August 1918, als der Zusammenbruch des Deutschen Reiches unmittelbar bevorstand, erhielt Einstein einen Ruf zurück nach Zürich, auf eine Doppelprofessur an ETH und Universität. Das war sozusagen das Beste, was die Schweiz zu bieten hatte. Einstein aber konnte sich nicht entschließen, Berlin den Rücken zu kehren. Erstens hätten sich schöne Beziehungen „zwischen meinen nächsten Kollegen (besonders Planck) und mir herausgebildet”, zweitens wären ihm hier alle entgegengekommen und kämen ihm weiterhin stets entgegen und drittens seien seine Arbeiten „erst durch das Verständnis, das sie hier gefunden haben, zur Wirkung gelangt”.
Grundverschieden wie über manche wissenschaftliche Streitfrage dachten Planck und Einstein auch über die politischen Ereignisse. Planck war erschüttert, als die alte Ordnung zusammenbrach, Einstein begrüßte die Revolution. Trotzdem gab es nie einen Mißklang zwischen beiden, wußte doch jeder, daß sich der geschätzte Kollege nur von seinen „heiligsten Überzeugungen” leiten ließ.
In der politisch aufgeregten Nachkriegszeit wurde Einstein zur Zielscheibe rechtsradikaler Agitation, und auch seine Allgemeine Relativitätstheorie geriet als „wissenschaftlicher Dadaismus” in den Strudel der Auseinandersetzungen. Zeitweise dachte er daran, Deutschland zu verlassen. Planck richtete beschwörende Appelle an ihn. Er möge – das sei seine „herzlichste und dringendste Bitte” – keinen Schritt in dieser Richtung unternehmen: „Das Ausland beneidet uns ja schon lange um diesen unseren kostbaren Schatz.” Einstein möge doch an alle die denken, die ihn liebten und verehrten, und seine Freunde nicht allzusehr büßen lassen „für die bodenlose Gemeinheit einer bissigen Meute, der wir unter allen Umständen Herr werden müssen”. Diese Sätze stehen in einem Brief Plancks vom 9. November 1923. Soeben war der Bierhallenputsch Hitlers zusammengebrochen.
Nach der Stabilisierung der Währung kamen die guten Jahre der Weimarer Republik, und es schien, als würde es tatsächlich gelingen, der „bissigen Meute” Herr zu werden. In Deutschland begannen die „goldenen zwanziger Jahre”. Die „Annalen der Physik” und die „Zeitschrift für Physik” galten als die führenden Fachorgane und wurden in der ganzen Welt gelesen. Von überallher kamen begabte junge Menschen nach Deutschland, um hier zu studieren. Deutsch war die „Muttersprache der Physik”.
1929 stiftete die Deutsche Physikalische Gesellschaft die goldene Max-Planck-Medaille für „besondere Verdienste um die theoretische Physik, insbesondere für solche Arbeiten, welche an Plancks Werk anknüpfen”. Bei einer großen Feier übergab der Vorsitzende der Gesellschaft zwei Medaillen an Max Planck. Die erste war für ihn selbst bestimmt, die zweite gab Planck an Einstein weiter. Und dann trat Einstein ans Vortragspult und sprach mit einer bei solchen Anlässen gar nicht üblichen Warmherzigkeit: „Wie soll ich in Worte fassen, was mich bewegt, da ich in diesem Augenblicke vor dem verehrten Meister und vor dem Freunde stehe, mit dem mich das gleichgerichtete Streben durch so viele Jahre verbindet.”
Bei Hitlers Machtergreifung befand sich Einstein nicht in Deutschland, sondern in Pasadena am California Institute of Technology. Am 11. März 1933 protestierte er in einem Zeitungsinterview gegen die Menschenrechtsverletzungen der neuen Machthaber: Er übergab der „Internationalen Liga für Menschenrechte” eine scharfe Erklärung gegen die Judenverfolgungen.
Die Nationalsozialisten schäumten. Der Reichskommissar im Preußischen Kultusministerium und spätere Reichserziehungsminister Bernhard Rust forderte ein Disziplinarverfahren. Daraufhin nahm es Planck auf sich, an Einstein zu schreiben: Jetzt gebe es nur noch einen Ausweg für ihn – den freiwilligen Rücktritt von seinen Ämtern in der Preußischen Akademie. Nur so könne er seinen Freunden „ein unübersehbares Maß von Kummer und Schmerz” ersparen – mit anderen Worten: Sie müßten ihn sonst ausschließen.
Diesen Brief erhielt Einstein erst am 5. April. Er hatte jedoch schon am 28. März, noch vom Schiff aus, auf der Rückreise nach Europa, sein Amt niedergelegt. Zwei Tage später nahm die Akademie den Austritt Einsteins zur Kenntnis. Deutschen Boden hat er nicht mehr betreten. Den Rest seines Lebens verbrachte er in den USA, am Institute for Advanced Study in Princeton.
Einstein war für die Nationalsozialisten nicht einfach nur ein Wissenschaftler jüdischer Abstammung, dessen Tätigkeit als Staatsbeamter für das Dritte Reich untragbar war. Das hohe Ansehen, ja die Verehrung, die Einstein in weiten Kreisen genoß, und die Überzeugungskraft seines schlichten Auftretens hatten Einstein auch in der Politik zu beträchtlichem Einfluß verholfen. Als überzeugter Demokrat und Pazifist war er den Bestrebungen der Nationalsozialisten und Deutschnationalen entgegengetreten, wo er nur konnte. Bernhard Rust war ungehalten, daß sich die akademischen Körperschaften und Universitäten nicht zu dem „unerhörten Verhalten” Einsteins äußerten. Am 1. April gab die Akademie die gewünschte öffentliche Erklärung gegen Einstein ab. Auf der Sitzung am 6. April genehmigten die Akademiker zudem einen Brief an Einstein mit neuen, scharfen Vorwürfen.
Planck befand sich damals nicht in Berlin. Er war mit seiner Frau nach Sizilien gereist, um dort am 23. April 1933 seinen 75. Geburtstag zu feiern. Nach seiner Rückkehr brachte er den „Fall Einstein” noch einmal im Plenum der Akademie zur Sprache. Einsteins Bedeutung, sagte Planck, könne „nur an den Leistungen Johannes Keplers und Isaac Newtons gemessen werden”. Er müsse dies aussprechen, damit nicht die Nachwelt einmal auf den Gedanken komme, „daß die akademischen Fachkollegen nicht im Stande waren, seine Bedeutung für die Wissenschaft voll zu begreifen”. Diesen schönen Worten fügte er einige weniger schöne hinzu: Es sei tief zu bedauern, daß Herr Einstein selber durch sein politisches Verhalten sein Verbleiben in der Akademie unmöglich gemacht habe.
Es war eine dunkle Stunde in der Beziehung zwischen den beiden Gelehrten. Der verehrungswürdige Geheimrat geriet in einen Gewissenskonflikt zwischen seiner Freundschaft zu Einstein und seiner tief eingewurzelten Loyalität zum Staate. Planck handelte nach seinen Prinzipien und wußte, daß er damit den Verlust der Freundschaft riskierte.
Die Akademiker, Planck eingeschlossen, waren eben keine Demokraten. Nicht das Eintreten für die politische Freiheit und die Menschenrechte galt ihnen als oberstes Gebot, sondern die Loyalität zum Staate, auch wenn es sich, wie Planck genau wußte, um einen Unrechtsstaat handelte. Allerdings beschlich ihn schon damals das Gefühl, daß der Fall später „nicht zu den Ruhmesblättern der Akademie” gehören werde.
Anfang Mai dieses unseligen Jahres 1933 reiste der in Leiden wirkende Paul Ehrenfest nach Berlin, um zu sehen, was er für die jüdischen Kollegen tun könne. Er berichtete seinem Freund Einstein von einem Gespräch mit Max Planck. In seinem Brief vom 10. Mai verschlüsselte Ehrenfest vorsichtshalber dessen Namen mit „Hanü” in Anspielung an Plancks erste Quantenformel (e = h x n): „Geheimrat Hanü kämpft mit zähester Hartnäckigkeit unter Aufbietung allen Einflusses. Als er mit mir sprach, sah ich, wie furchtbar dieser Mann leidet.”
Plancks Wunsch, daß die Freundschaft erhalten bleiben möge, erfüllte sich mit gewissen Einschränkungen. Auch die stärksten äußerlichen Belastungen hätten es nicht vermocht, bestätigte ihm Einstein, „unsere gegenseitigen Beziehungen” zu trüben: „Diese stehen in ihrer alten Schönheit und Reinheit da, ungeachtet dessen, was sozusagen weiter unten sich zuträgt.”
Als amerikanische Kollegen kolportierten, Planck hätte „öffentlich und nachdrücklich Hitler unterstützt”, dementierte Einstein: „Planck hat sich bemüht, zu mildern, wo er konnte, und er hat in seinen Haltungen und Worten keinerlei Kompromisse gemacht ... Und trotzdem: Ich wäre auch als Goi unter solchen Umständen nicht an der Spitze der Akademie und der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft geblieben.”
Mit freundlicher Genehmigung von: bild der wissenschaft, 1996, H. 8.
Erscheint in:
Planck, Max Karl Ernst Ludwig; Einstein, Albert
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