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Der nachfolgende Auszug gibt Teile einer Rede wieder, die der damalige israelische Präsident Ezer Weizman am 16. Januar 1996 im Deutschen Bundestag gehalten hat. In dieser Ansprache beschäftigte sich Weizman mit den Beziehungen zwischen Deutschen und Juden sowie mit dem Stand des nahöstlichen Friedensprozesses.
Tausend Jahre und länger lebten Juden in Deutschland. Bis zur Zerstörung durch die Nationalsozialisten war dies die größte und älteste jüdische Gemeinde in Europa, von den ersten Kaufleuten, die im Gefolge der Römer hierher kamen, bis zu den Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts, von Kalonymus bis Mendelssohn, von der Fuldaer Ritualmordbeschuldigung bis zu den Schrecken der Reichspogromnacht, vom Schandmal bis zum Gelben Fleck, von den antisemitischen Schriften Martin Luthers bis zu den Nürnberger Gesetzen, von der Schriftauslegung Raschis bis zur Lyrik Heinrich Heines.
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Rabbenu Gershom, die Leuchte des Exils, Walter Rathenau, Martin Buber, Franz Rosenzweig, Albert Einstein – dies sind nur einige Namen, die dieses Land gekannt hat.
Unter den Millionen Kindern meines Volkes, die die Nazis in den Tod geführt haben, waren weitere Namen, an die wir heute mit dem gleichen Maß an Ehrfurcht und Hochachtung erinnern könnten. Doch wir kennen diese Namen nicht. Wie viele Bücher, die niemals geschrieben wurden, sind mit ihnen gestorben? Wie viele Symphonien, die niemals komponiert wurden, sind in ihren Kehlen erstickt? Wie viele wissenschaftliche Entdeckungen konnten nicht in ihren Köpfen heranreifen? Jeder und jede Einzelne von ihnen ist zweimal getötet worden: einmal als Kind, das die Nazis in die Lager geschleppt haben, und einmal als Erwachsener, der er oder sie nicht sein konnte. Denn der Nationalsozialismus hat sie nicht nur ihren Familien und den Angehörigen ihres Volkes entrissen, sondern der gesamten Menschheit.
Als Präsident des Staates Israel kann ich über sie trauern und ihrer gedenken, aber ich kann nicht in ihrem Namen vergeben. Ich kann nur fordern, meine Damen und Herren Abgeordnete des Bundestages und des Bundesrates, dass Sie in Ihrem Wissen um die Vergangenheit Ihre Sinne auch auf die Zukunft richten, dass Sie jede Regung des Rassismus wahrnehmen und jede Regung des Neo-Nazismus zerschlagen, dass Sie diese Elemente mutig zu erkennen wissen und von der Wurzel her ausreißen, auf dass sie nicht wachsen und Zweige und Wipfel bekommen.
Ich vermute, dass auch für Sie, meine Damen und Herren, der Besuch des israelischen Staatspräsidenten einige nicht leichte Momente mit sich bringt. Doch wir treffen uns hier nicht als Privatpersonen, sondern als Abgesandte souveräner Staaten, und wir müssen das Gemeinsame finden, um die von uns gesteckten Ziele anzusteuern und zu erreichen.
Unstet und flüchtig bin ich. Mit dem Rucksack der Erinnerungen auf meinen Schultern und dem Stab meiner Hoffnung in den Händen trete ich auf die große Kreuzung der Zeitläufe am Ende des 20. Jahrhunderts. Wohl weiß ich, woher ich komme, und voller Hoffnung und Besorgnis möchte ich wissen, wohin ich gehe.
Der Staat Israel befindet sich gegenwärtig auf dem Höhepunkt einer ermutigenden und bewegenden Entwicklung, die doch zugleich auch Besorgnis erregend und beängstigend ist. Schon hat sie das Leben führender Friedenspolitiker als Opfer verlangt: das Leben des israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, der kaltblütig von einem Feind des Friedens ermordet wurde, und zuvor das Leben des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar Sadat. Doch der Friedensprozess ist der wichtigste Prozess seit der Gründung des Judenstaates, und wir befinden uns im Augenblick auf seinem Höhepunkt.
Herr Bundespräsident, meine Damen und Herren, länger als hundert Jahre der Verwirklichung des Zionismus haben wir auf diesen Frieden gehofft und uns bemüht, ihn zu erreichen. Nicht auf Schlachtschiffen sind wir in unsere Heimat zurückgekehrt, nicht mit erhobenen Lanzen nach Hause marschiert. In Karawanen träumender Menschen kamen wir zurück und in Booten ausgemergelter Flüchtlinge. Wir kehrten zurück, und wie unsere Vorväter – wie König David den Tempelberg, wie unser Vater Abraham die Höhle in Machpela kaufte –, so kauften wir Boden, besäten Felder, bepflanzten Weinberge, errichteten Häuser, und noch bevor wir einen Staat gegründet hatten, mussten wir zur Waffe greifen, um unser Leben zu schützen.
Immer wieder haben wir die Hand zum Frieden ausgestreckt, immer wieder wurden wir zurückgewiesen. Immer wieder mussten wir in Kriege ziehen, immer wieder töten und getötet werden. Immer wieder mussten wir Haus und Büro, Universität und Plantage verlassen und auf das Schlachtfeld ziehen. Und immer wieder mussten wir entdecken, dass sich auch jenseits der größten Siege nur Krisen und Verluste verstecken.
Wir sehnen uns nach diesem Frieden, wir träumen von ihm und beten um ihn; denn dieser Frieden begegnet uns in jedem einzelnen Abschnitt des jüdischen Denkens: in der Thora und in den Psalmengesängen, im Talmud und in den Schriftauslegungen, in den Gebeten und in den Midraschim. Doch gerade wegen dieser unendlichen Sehnsucht nach Frieden, gerade weil wir uns gut an die früheren Seiten unserer Geschichte erinnern, insbesondere an die Seiten, die schrecklicher als alles andere sind, die Seiten, die in diesem Lande geschrieben wurden, müssen wir vorsichtig und pragmatisch sein.
Deutscher Bundestag, Bonn 1996.
Erscheint in:
Weizman, Ezer; Nahostkonflikt; Israel
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