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Carsten Niebuhr: Auf den Straßen von Kairo

Carsten Niebuhr erreichte im November 1761 Kairo. Neben einer Kartierung der Stadt nahm er auch Vermessungen der westlich gelegenen Pyramiden vor. Außerdem verfasste er Beschreibungen vom Leben in der ägyptischen Stadt.

Carsten Niebuhr: Auf den Straßen von Kairo

Die größte Anzahl der Einwohner zu Kahira besteht aus Arabern, Türken und andern Mohammedanern aus allen Provinzen des türkischen Reichs. Dazu kommen noch Maghrebiner oder Araber aus der Barbarei, Afrikaner, Tartaren und Perser. Die eingebornen Mohammedaner sind Sunniten und bekennen sich größtenteils zu der Sekte Schafei. Nach den Mohammedanern ist die Gemeinde der koptischen Christen die zahlreichste. Diese sind Abkömmlinge der alten Ägypter und werden von den Türken noch bisweilen spottweise die Nachkommen des Pharao genannt.

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Nach den Mohammedanern und Kopten ist die Gemeinde der Juden wohl die stärkste. Es sind hier nicht nur Pharisäer oder Talmudisten, sondern auch die Karaiten haben ihre besondere Synagoge; jedoch diese letzte Gemeinde ist sehr klein. Die Talmudisten befinden sich in Ägypten sehr gut. Sie haben alle Zölle, nämlich zu Bulak, Masr el atik, Alexandrien und Damiat, schon seit vielen Jahren gepachtet, überdies können sie durch Geschenke und andere ähnliche Mittel bei der hiesigen republikanischen Regierung mehr Schutz erhalten als in andern Provinzen des türkischen Reichs, wo die Zollbedienten unter den Paschas oder dem obersten Zollbedienten zu Konstantinopel stehen. Ein Beweis, daß die Juden sehr vieles bei der Regierung zu Kahira ausrichten können, ist dieses, daß das Zollhaus am Sonnabend geschlossen ist und daß daselbst an diesem Tage keine Waren passieren, sie mögen Mohammedanern oder Christen gehören. Die Griechen haben zu Kahira nur zwei Kirchen. Bei der einen residiert ihr Patriarch von Alexandrien und bei der zweiten der Bischof von dem Berge Sinai. (…)

Weil sich eine Menge kleine Tyrannen zu Kahira befinden, die alle ihre Leibwache und ihre Parteien heimlich und öffentlich haben und wovon jeder zu regieren und seine Nebenbuhler zu stürzen sucht, so vermutet man vielleicht, daß unter der großen Menge Leute auf den engen Straßen dieser Stadt nur sehr wenig Sicherheit sei. Allein man hört hier nicht so viel von Diebstahl und Totschlag als in mancher großen Stadt in Europa. Außer dem obersten Kadi sind hier noch eine Menge andere Richter, die täglich in ihren bestimmten Quartieren und in gewissen Häusern sitzen müssen, um streitende Parteien zu vergleichen. In allen Hauptstraßen sind Janitscharen, welche Ordnung halten müssen. Jedes Handwerk hat seinen Altermann, der alle, die zu seiner Zunft gehören, wohl kennet. Sogar Huren und Diebe haben in den Morgenländern ihre besonderen Vorsteher; doch haben die Diebe keine Freiheit zu stehlen, sondern wenn derjenige, dem etwas gestohlen worden ist, sich an den Vorsteher der Diebe wendet, so kann er seine Sachen oft gegen ein gutes Trinkgeld wiedererhalten. Es gehen vornehme Gerichts- und Polizeibediente sowohl des Nachts als des Tages mit einem großen Gefolge bald in dieses, bald in jenes Quartier der Stadt, um auf Maß, Gewicht und die zu Markt gebrachten Waren Achtung zu geben, um alle verdächtigen Leute aufzuheben, zu prügeln oder ohne weitern Prozeß sogleich aufzuknüpfen, wenn sie sie auf einer bösen Tat antreffen. Also hält die beständige Furcht, von diesen Gerichtspersonen überrascht zu werden, den übelgesinnten Pöbel in Schranken. Sooft ich einem solchen Offizier auf der Straße begegnet bin, habe ich Furcht und Schrecken bei dem ägyptischen Pöbel bemerkt, und wenn mein mohammedanischer Bedienter ihn nur in der Ferne sah, so würde er allezeit gerne wieder zurückgegangen sein, um nicht mit mir als einem Fremden, den er durch Straßen begleitete, wohin die Europäer sonst niemals zu kommen pflegen, bemerkt zu werden, wenn ich ihn nicht genötigt hätte, mir zu folgen.

Die vielen Türen sowohl vor den abgesonderten Quartieren als auf den Hauptstraßen der Stadt tragen auch sehr viel zu der Sicherheit ihrer Einwohner mit bei, denn diese werden alle Nacht, ausgenommen in dem Monat Ramadan, geschlossen. Bei einer jeden solchen Türe ist ein Pförtner, der allen denjenigen, welche des Nachts Geschäfte auf der Straße haben und mit einer Leuchte kommen, für ein kleines Trinkgeld aufschließt, alle verdächtigen Leute aber anhält. Also können diejenigen, welche des Nachts ausgehen, um zu stehlen, niemals weit kommen. Überdies ist bei einem solchen Tore eine kleine Kammer für einen oder zwei Janitscharen. Diese werden nicht nach gewissen Stunden abgelöst, sie präsentieren auch nicht ihr Gewehr, wenn ein vornehmer Kahiriner vorbeireitet, sondern sie bleiben bisweilen einige Jahre auf ihrem Posten, vertreiben sich des Tages die Zeit mit Tabakrauchen, Schachspielen und dergleichen, und wenigstens einer von ihnen muß in der erwähnten Kammer des Nachts schlafen. Sie müssen für die Sicherheit und Ordnung in dem Quartier, wovon sie bezahlt werden, sorgen, und wenn sie hierin nachlässig sind, so verlieren sie ihren Unterhalt, den sie sonst reichlich und mit Bequemlichkeit verdienen können. Diese Anstalten haben auch ihren vortrefflichen Nutzen, wenn etwa plötzlich ein Streit zwischen den Großen zu Kahira entsteht. Dann werden die Tore auf den Straßen sogleich geschlossen und der Pöbel dadurch verhindert, sich zu versammeln. Man sagt sogar, daß die Beys bisweilen sowohl in der Stadt als auf dem freien Felde scharfe Scharmützel halten, ohne daß deswegen viele Unruhe unter der Bürgerschaft entstehet.

Carsten Niebuhr: Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern. Kopenhagen 1774-78. Neudruck Zürich 1993, S. 139-145.

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Kairo; Ägypten; Niebuhr, Carsten

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