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Alfred Brehm: Unser Eisvogel

Alfred Edmund Brehm beschrieb den Eisvogel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit sah man „den prachtvollen Vogel überall”, heute ist er durch den Ausbau und die Verschmutzung von Gewässern stark gefährdet. Brehm bezieht sich in seinem Text auch auf Beobachtungen seines Vaters Christian Ludwig Brehm, der zu den Begründern der Vogelkunde in Deutschland zählt.

Alfred Brehm: Unser Eisvogel

Bei uns zu Lande sieht man den prachtvollen Vogel überall, immer aber nur einzeln. Er fällt wegen seines schönen Gefieders ebenso auf wie wegen seiner sonderbaren Lebensweise und ist deshalb wohl bekannt, obgleich seinerseits bemüht, sich den Blicken des Menschen möglichst zu entziehen. Am liebsten bewohnt er kleine Flüsse und Bäche mit klarem Wasser, und ihnen zuliebe steigt er auch hoch im Gebirge empor, in den Alpen, laut T s c h u d i, bis zu 1 800 m Höhe. An trüben Gewässern fehlt er meist, wenn auch nicht immer. Flüsse oder Bäche, die durch Wälder fließen oder wenigstens an beiden Ufern mit Weidicht bestanden sind, bieten ihm Aufenthaltsorte, wie er sie vor allen anderen leiden mag, und wenn sie so viel Fall haben, daß sie im Winter wenigstens nicht überall zufrieren, verweilt er an ihnen auch in dieser schweren Zeit. Sind die Verhältnisse nicht so günstig, so muß er sich wohl oder übel zum Wandern bequemen, und gelegentlich dieser Wanderungen eben fliegt er bis nach Nordafrika hinüber.

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Gewöhnlich sieht man ihn nur, während er pfeilschnell über den Wasserspiegel dahineilt; denn der, der ihn im Sitzen auffinden will, muß schon ein Kundiger sein. Namentlich in der Nähe bewohnter Ortschaften oder überhaupt in der Nähe regen Verkehres wählt er sich zu seinen Ruhesitzen stets möglichst versteckte Plätzchen und Winkel aus, beweist darin ein großes Geschick, scheint sich auch sehr zu bemühen, bis er den rechten Ort gefunden hat. (…)

Der Eisvogel schießt, solange er kann, in einer geraden Linie dahin, immer gleich hoch über dem Wasser hinweg, und dreht und wendet sich nur mit dem Gewässer, entschließt sich wenigstens höchst ungern, den Fluß oder Bach zu verlassen. Weiter als 500 oder 600 Schritt dehnt er einen solchen Flug nicht leicht aus: ungestört fliegt er nie weiter als bis zu dem nächsten Sitzplatze. Doch treibt ihn der Hunger oder die Not überhaupt zuweilen auch zu Flugkünsten, die man ihm nicht zutrauen möchte. Manchmal sieht man ihn sich über das Gewässer erheben, plötzlich flatternd und rüttelnd sich still halten, sorgsam nach unten schauen und mit einem Male von dieser Höhe aus in die Tiefe stürzen. (…)

Die Nahrung besteht vorzugsweise aus kleinen Fischen und Krebsen, nebenbei aber auch aus Kerbtieren, mit welchen namentlich die Brut groß gefüttert wird. Er ist gefräßig und bedarf zu seiner Sättigung mehr, als man anzunehmen pflegt. Wenn den Erfordernissen seines Magens Genüge geschehen soll, müssen ihm tagtäglich 10–12 fingerlange Fischchen zum Opfer fallen. Hinsichtlich der Art der Fische zeigt er sich nicht wählerisch, fängt vielmehr jeden, dessen er habhaft werden kann, und weiß selbst eine ziemlich große Beute zu bewältigen. Auf diese lauert er, nach N a u m a n n s Ausdruck, wie die Katze auf die Maus. Er fängt nur mit dem Schnabel, stößt deshalb oft fehl und muß sich zuweilen sehr anstrengen, ehe ihm eine Beute wird. Die Art und Weise seines Fanges erfordert Umsicht in der Wahl seiner Plätze; denn das Wasser, in welchem er fischt, darf nicht zu seicht sein, weil er sich sonst leicht durch die Heftigkeit seines Stoßes beschädigen könnte, darf aber auch nicht zu tief sein, weil er sonst seine Beute oft fehlt. (…)

Das Brutgeschäft des Eisvogels ist erst durch die Beobachtungen L e i s l e r s und meines Vaters bekannt geworden; B e c h s t e i n war hierüber noch nicht unterrichtet. „Sobald sich der Eisvogel zu Ende März oder im Anfange des April gepaart hat”, fährt mein Vater fort, „sucht er sich einen Platz für das Nest aus. Dieser ist allemal ein trockenes, schroffes, vom Grase ganz entblößtes Ufer, an welchem keine Wasserratte, kein Wiesel und kein anderes Raubtier hinaufklettern kann. In dieses, einer senkrechten Wand ähnelnde Ufer hacken die Eisvögel 30–60 cm vom oberen Rande ein rundes Loch, das gewöhnlich 5 cm im Durchmesser hat, 0,5–1 m tief ist, etwas aufwärts steigt und am Ausgange unten zwei Furchen zeigt. Am hinteren Ende erweitert sich dieses Loch zu einer rundlichen, backofenähnlichen Höhle, die 8–10 cm in der Höhe und 10–13 cm in der Breite hat. Diese Höhlung ist unten mit Fischgräten ausgelegt, wie gepflastert, wenig vertieft, trocken und oben glatt wie an ihrem Ausgange. Auf den Fischgräten liegen die 6–7 sehr großen, fast rundlichen, glänzend weißen, wegen des durchschimmernden Dotters rotgelb aussehenden Eier. Sie sind die schönsten unter allen, welche ich kenne, von einer Glätte, von einem Glanze und, ausgeblasen, von einer Weiße wie die schönste Emaille. An Größe kommen sie fast einem Singdrossel-Ei gleich, so daß es mir unbegreiflich ist, wie sie der Eisvogel mit seinen kurzen und harten Federn alle bedecken und erwärmen kann.

Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs. Vögel, Band 2. Leipzig 1893, S. 54-57.

Erscheint in:

Eisvögel; Rote Liste (Biologie); Brehm, Alfred Edmund

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