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Über die Seele (De anima) von Albertus Magnus ist ein Schlüsseltext der mittelalterlichen Scholastik. Der Auszug beschäftigt sich mit der „Entstofflichung im Erkennen”.
Wir stellen fest: Alles Wahrnehmen besteht in einem Empfangen der Form des Wahrgenommenen, nicht freilich nach dem Wirklichsein, das die Form in dem außerseelischen Wahrnehmungsgegenstand besitzt, vielmehr als innerseelische Darstellung und Abbildung, womit eine sinnliche oder eine geistige Kenntnis des Gegenstandes zustande kommt. Im ganzen genommen vollzieht sich die Wahrnehmung in vier Schritten.
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Auf der ersten und untersten Stufe wird die Form von der Materie geschieden, nicht jedoch von deren wirklichem Vorhandensein und auch nicht von den mit ihr gegebenen Seinsbedingungen. Das ist die Wahrnehmung in der äußeren Sinnestätigkeit.
Der zweite Schritt erfolgt dadurch, daß die Form vom Materiellen und von dessen tatsächlichem Vorhandensein abgehoben wird, noch nicht jedoch von den stofflichen Bestimmungen oder Bedingungen. Dieser Art ist der Vollzug des Vorstellungsvermögens; unabhängig vom Vorhandensein der sinnfälligen Einzelwirklichkeit bewahrt es deren Form auf, baut aber noch nicht die im Stoff begründeten Bestimmungen ab. Solche Bestimmungen (appendicia) sind nach meiner Meinung jene Bedingungen und Eigentümlichkeiten, die der Inhaber der Form insofern hat, wie sie gerade in dieser oder einer anderen Materie verwirklicht ist, z. B. diese Stellung der Glieder, oder diese Gesichtsfarbe, dieses Lebensalter, diese Kopfbildung, oder dieser Geburtsort. Durch solche Angaben ist die Form in ihrer bestimmten Vereinzelung festgelegt, und sie treten jeweils nur in einem einzigen Vertreter einer Art auf. In dieser Weise stellen wir uns oft einen nicht gegenwärtigen Krauskopf, einen blassen Typ, einen alten oder einen jungen Menschen vor, einen mit großen oder mit kurzen Fingern. Nichts von all dem kommt dem Menschen als Menschen zu. Das ist die zweite Wahrnehmungsart.
Die dritte Art geht so vor, daß uns nicht nur sinnfällige Dinge vermittelt werden, sondern gleichzeitig auch solche Vorstellungsinhalte, die nicht von der (äußeren) Sinnestätigkeit geliefert werden, aber niemals ohne sie zu unserer Kenntnis gelangen, z. B. ob jemand gesellig ist, ein Freund, angenehm im Umgang und leutselig, sowie die Gegensätze dieser Eigenschaften. Solches erfassen wir zusammen mit der Wahrnehmung des Sinnfälligen von außen, doch ohne daß es in der Sinnesempfindung als solcher enthalten ist. Auf diese Weise erkennen wir, daß ein Mann gerade Deons Sohn ist, und ob ein Lebewesen ein Lamm oder ein Mensch ist, und daß der Wolf oder der Löwe etwas je anderes ist. Diese Beschaffenheiten werden mittels des Sinnfälligen und nicht von diesem getrennt aufgenommen. Das ist der dritte Grad der Entstofflichung; er kommt der (Vernunft-)Erkenntnis nahe und wird nie ohne (sinnliche) Wertung und Vergleichung erreicht.
Auf der vierten und obersten Stufe werden die Wesenheiten der körperlichen Dinge erfaßt, losgelöst von stofflichen Bedingungen, nicht mehr den Vorstellungsinhalten des Sinnfälligen verhaftet, vielmehr von ihnen geschieden, also einfache Formen. Das ist einzig und allein die Erkenntnisart des Verstandes, wie z. B. der Mensch erkannt wird durch das, was jedem Menschen zukommt; dieser Art ist auch die Erkenntnis dessen, was das des Selbstandes fähige Seiende (substantia) ist, und überhaupt die Erkenntnis der allgemeinen Wesenheit eines jeden körperlichen Seienden, sofern es dessen Wesen ausmacht, nicht jedoch sofern es diesem und nicht einem anderen zu eigen ist. Was nämlich dem einen und nicht dem anderen zukommt, ist das Eigene und das Prägende der Einzelwirklichkeit, und es gehört zu den stofflichen und vereinzelnden Bestimmtheiten. Das Gemeinsame aber, das in dem einen wie in dem anderen verwirklicht ist, und zwar auf gleiche Weise, das ist ohne Frage das Allgemeine, das nur dem Verstand zugänglich ist. […]
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Rolf Günter Renner: Klassiker deutschen Denkens. Band 1: Vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert. Freiburg, Basel, Wien 1992, S. 65-67.
Erscheint in:
Seele; Scholastik; Albertus Magnus, heiliger
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