Quellentext aus Encarta Erscheint in:
Erste Bekanntschaften in Sachalin

Jean François de La Pérouse war der erste Europäer, der die später nach ihm benannte Meeresstraße zwischen Hokkaido und Sachalin durchfuhr. Damit bewies er den Inselcharakter von Sachalin. Nach der Landung nahm die Besatzung rasch Kontakt zu Einheimischen auf.

Erste Bekanntschaften in Sachalin

Am Kap Crillon kamen erstmals Insulaner zu uns an Bord. Bisher hatten wir sie in ihren Hütten aufgesucht, und sie hatten keinerlei Neugier und nicht das geringste Verlangen gezeigt, unsere Schiffe zu sehen. Die Bewohner von Kap Crillon waren anfangs ziemlich mißtrauisch und kletterten erst an Bord, nachdem ihnen Herr Lavaux einige Wörter aus dem Wörterbuch vorgesprochen hatte, das er in der De-Langle-Bucht angelegt hatte. So groß wie zuerst ihre Furcht war später ihr Zutrauen. Sie kamen, als ob wir ihre besten Freunde wären, setzten sich zu uns auf das Kastell und rauchten ihre Pfeifen. Wir überhäuften sie mit Geschenken. Ich ließ ihnen Nankingtuche, seidene Stoffe, eiserne Gerätschaften, Glaskorallen, Tabak und noch andere Dinge überreichen, von denen ich annahm, daß sie für sie von Wert sein könnten, bemerkte aber bald, daß sie vor allem Branntwein und Tabak begehrten. Beides konnte ich ihnen nur in geringen Mengen geben. Den Tabak brauchte ich für unsere Mannschaft, und beim Branntwein fürchtete ich die Folgen. Uns fiel auf, daß die Bewohner von Kap Crillon gut geschnittene Gesichter mit regelmäßigen Zügen haben. Sie sind gut gebaute, kraftvolle Menschen. Ihr Bart fällt auf die Brust herab, auch Arme, Nacken und Rücken sind mit Haaren bedeckt. Sie sind im Durchschnitt einen Zoll kleiner als wir Franzosen, was man jedoch kaum bemerkt, weil sie muskulös sind und ausgewogene Körperproportionen haben. Ihre Hautfarbe ist bräunlich wie die der Algerier und anderer Nordafrikaner.

Auch bei Encarta

Ihr Auftreten ist würdevoll. Wenn sie sich bedanken, sind ihre Gebärden edel; aber ihre Zudringlichkeit, um neue Geschenke zu erhalten, geht bis zum Ungestüm. Auch muß man sie als undankbar bezeichnen. Trotz aller Geschenke, die wir ihnen gemacht hatten, brachten sie einen Teil der Lachse, mit denen ihre Boote angefüllt waren, wieder an das Ufer zurück, weil wir uns geweigert hatten, den von ihnen verlangten übertriebenen Preis zu zahlen. Was die Dankbarkeit betrifft, unterschieden sie sich sehr zu ihrem Nachteil von den Tataren der De-Langle-Bucht, die, weit davon entfernt, Geschenke von uns zu erbitten, dieselben zuweilen beharrlich ausgeschlagen hatten. Wenn die Bewohner von Kap Crillon den Orotschis auch moralisch unterlegen sind, so sind sie ihnen doch im Aussehen wie auch kulturell überlegen. Sie weben alle ihre Kleidungsstücke selbst; ihre Behausungen sind sauberer und eleganter als die der Festlandbewohner. Sie besitzen Möbelstücke, die künstlerischen Wert haben und fast immer aus Japan stammen. Die Trumpfkarte der Bewohner von Südsachalin ist ein Handelsartikel, der in der Tatarei unbekannt ist und dem sie alle ihre Schätze verdanken. Dieser Handelsartikel ist Tran. Sie erzeugen ihn in beträchtlicher Menge, wenn auch auf eine unökonomische Art. Ihre Methode besteht darin, das Fleisch der Wale in Stücke zu schneiden und an der Sonne verfaulen zu lassen. Das dabei herabfließende Öl wird in Gefäßen aus Baumrinde oder in Schläuchen aus Seehundsfell aufgefangen. Ich sah übrigens vor der Westküste Sachalins nicht einen einzigen Wal; sie scheinen aber an der Ostküste in Mengen vorhanden zu sein.

Offenkundig gehören die Bewohner Sachalins einer ganz anderen Rasse als die Stämme an der Tatarenküste an, von denen sie doch nur durch einen Sund von drei bis vier Meilen Breite getrennt sind. In der Lebensweise unterscheiden sich Insulaner und Festlandbewohner absolut nicht. Sie alle gehen auf die Jagd und leben hauptsächlich vom Fischfang. Wie ihre Nachbarn haben auch die Bewohner Sachalins keine Ahnung von Viehzucht, obschon sie sich doch Zuchttiere in Japan oder am Sachalin-Fluß leicht beschaffen könnten. Trotz ein und derselben Lebensweise ist aber ihre körperliche Beschaffenheit denkbar verschieden. Auf Sachalin wird es weniger kalt als auf dem Kontinent, aber das kann nicht die einzige Ursache so auffallender physischer Unterschiede sein. Ich denke daher, daß die Orotschis, Bitschis und anderen Küstentataren bis hin zur Nordküste von Sachalin einen gemeinsamen Ursprung mit den Kamtschadalen und Kuriaken, ja sogar Lappen und Samojeden haben, Völkerschaften, die sich zu körperlich stärkeren Menschenarten verhalten wie ihre Birken und verkrüppelten Tannen zu den Bäumen weiter südlich gelegener Wälder. Die Bewohner von Sachalin sind weit kräftiger als Japaner, Chinesen und Mandschu-Tataren; mit ihren regelmäßigen Zügen ähneln sie eher Europäern.

Jean-François de Lapérouse: Zu den Klippen von Vanikoro. Weltreise im Auftrag Ludwigs XVI. 1785-1788. Stuttgart und Wien 1987, S. 221-223.

Erscheint in:

Sachalin; La Pérouse, Jean François de Galaup, Comte de

© 2008 Microsoft