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Der als Totenvogel verfolgte Steinkauz gehört zu denjenigen Tieren, die unter dem Aberglauben des Menschen besonders zu leiden hatten. Brehm widmet sich deshalb ausführlich diesem Thema. Während der Steinkauz „die Zuneigung des Menschen verdient”, zeigt Brehm für manche anderen Arten, die er wie den Wolf für schädlich hält, wenig Verständnis.
Unser Steinkauz, der liebenswürdige und doch so verschrieene Vogel, auch Sperlings-, Lerchen-, Stock-, Haus- und Scheunenkauz, Leichen- und Toteneule, Leichenhühnchen, Wehklage und Klagemutter, Leichen- und Totenvogel, in Österreich aber Wichtl genannt (Carine noctua, Athene noctua, Strix noctua und psilodactyla, Surnia noctua, Syrnia psilodactyla), zählt zu den kleineren Eulen unseres Vaterlandes; seine Länge beträgt 21–22, die Breite 52–55, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 8 cm. (…)
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Bei uns zu Lande gehört er nicht zu den Seltenheiten. Da, wo Obstgärten mit Bäumen Dörfer umgeben, findet er sich gewiß; er nimmt aber auch mitten in Städten, auf Türmen und Dachboden, in Gewölben, Begräbnissen und an anderen geeigneten Orten Herberge. Das Innere ausgedehnter Waldungen meidet er, und Nadelhölzer liebt er auch nicht, Feldgehölze dagegen sind ihm sehr genehm. Vor dem Menschen und seinem Treiben scheut er sich nicht. Bei Tage lebt er verborgen in seinem Schlupfwinkel, und nachts fürchtet der Mensch, unserer aufklärenden Bildung zum Trotze, den Kauz oft mehr als dieser jenen. Es ist mehr als lächerlich, daß wir noch heutigestags nicht weiter sind als manche indische Volksstämme, die in ihrem Steinkauze ein übernatürliches Wesen erblicken und sich demzufolge von klügeren Leuten oft betrügen lassen. In vielen Gegenden Deutschlands gilt der anmutige Steinkauz als Unheil weissagender Vogel. Man gibt sich nicht die Mühe, selbst zu prüfen, sondern glaubt das, was einfältige Weiber erzählen. Sie haben mit eignen Augen gesehen, daß der Kauz des Nachts an die Fenster von Krankenstuben flog, und sie haben mit eignen Ohren gehört, daß er die Kranken einlud, auf dem Friedhofe, selbstverständlich als Leichen, zu erscheinen. Begründet und wahr ist, daß der harmlose Vogel, angelockt durch das Licht, erleuchteten Zimmern zufliegt, sich wohl auch neugierig auf dem Fensterstocke niedersetzt und bei dieser Gelegenheit vielleicht sogar seine Stimme erschallen läßt. (…)
Der Kauz verdient die Zuneigung des Menschen. Er ist ein allerliebstes Geschöpf. Eine wirkliche Tageule kann man ihn zwar nicht nennen: aber er ist auch nicht so lichtscheu wie andere Eulen und weiß sich bei Tage sehr gut zu benehmen. Niemals schläft er so fest, daß er übertölpelt werden kann; das geringste Geräusch erweckt ihn, und weil er auch bei Tage vortrefflich sieht, ergreift er beizeiten die Flucht. Sein Flug geschieht ruckweise in Bogen, etwa nach Art des Spechtfluges, fördert aber rasch und macht es ihm möglich, sich mit größter Gewandtheit durch dichtes Gezweige der Bäume hindurch zu winden. Im Sitzen hält er sich gewöhnlich geduckt; sobald er aber etwas Verdächtiges sieht, richtet er sich hoch empor, streckt sich so lang er kann, macht Verbeugungen, faßt den Gegenstand seiner Betrachtung scharf ins Auge und gebärdet sich höchst sonderbar. Sein Blick hat etwas Listiges, Verschmitztes, aber nichts Bösartiges, sondern immer etwas Einnehmendes. Wer ihn kennt, begreift, daß die Griechen in ihm den Lieblingsvogel einer klugen Göttin sehen konnten. Seine geistigen Fähigkeiten sind auch wirklich nicht gering; er darf wohl als eine der verständigsten aller Eulen angesehen werden. Dabei ist er verträglich gegen andere seiner Art. Im Süden Europas oder in Nordafrika trifft man ihn oft gesellschaftsweise an.
Schon vor Sonnenuntergang läßt er seine Stimme erschallen; mit einbrechender Dämmerung beginnt er regelmäßig zu jagen. In hellen Nächten sieht man ihn bis zum Morgen fast ununterbrochen in Bewegung oder hört ihn wenigstens. Er durchstreift dabei ein kleines Gebiet, läßt sich durch alles Auffallende herbeilocken, umschwebt namentlich gern das Lagerfeuer des einsamen Jägers oder Wanderers oder kommt bei uns an die hell erleuchteten Fenster heran und erschreckt dann Abergläubische auf das entsetzlichste. Seine Jagd gilt hauptsächlich kleinen Säugetieren, Vögeln und Kerbtieren. Er fängt Fleder-, Spitz- und wirkliche Mäuse, Lerchen, Sperlinge, Heuschrecken, Käfer und dergleichen. Mäuse bleiben immer sein hauptsächliches Wild.
Brehms Tierleben. Allgemeine Kunde des Tierreichs. Vögel, Band 2. Leipzig 1893, S. 176-178.
Erscheint in:
Aberglaube; Eulenvögel; Steinkauz; Brehm, Alfred Edmund
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