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Der Deutsche Rudolf von Willemoes-Suhm nahm an der Challenger-Expedition teil, einer von 1872 bis 1876 dauernden meereskundlichen Forschungsfahrt. In einem Brief an seine Mutter schilderte er seine Eindrücke der kanarischen Insel Teneriffa.
H. M. S. Challenger, 13. Februar 1873
Hafen von St. Cruz, Teneriffa
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wir ankern hier im offenen Meer vor der kleinen spanischen Stadt, die von dem enormen Felsen des Pic überragt wird. Namentlich an der einen Seite stürzen wild zerklüftete Felsen ins Meer. Das Kolorit ist stets herrlich, doch liegen die Wolken jetzt im Winter ziemlich tief auf den Bergen und verschleiern oft den Gipfel des Pic vollständig. Neulich hatten wir einen klaren, sehr warmen Tag, wo von früh morgens an der ganze 12 000 Fuß hohe, mit Schnee bedeckte Berg frei dalag. In St. Cruz bin ich nur wenig gewesen; es ist ein häßlicher spanischer Ort, wo viel schmutziges Gesindel auf den Straßen umherliegt; weder gute Cafés noch schöne Läden und traurig vernachlässigte Anlagen. Der bessere Teil der Bevölkerung, d. h. der bourbonistische Adel, lebt in einem Gebirgsstädtchen, Laguno genannt, wo eine Kathedrale sein soll, außerdem ein Ort, an dem Mumien jener rätselhaften Ureinwohner der Kanaren, der Guanchen, gezeigt werden, die schon im 16. Jahrhundert ausstarben. Im Sommer zieht sich der zum Teil von den ersten spanischen Eroberern abstammende Adel noch weiter ins Gebirge nach Orotova, an den Fuß des Pic, zurück und bewohnt dort schöne Landhäuser. Mit den königlichen Beamten verkehren sie gar nicht, und diese selbst schelten auf die jetzige Regierung. Diese Details habe ich vom englischen Konsul, der als Verfasser eines großen Werkes: „Histoire naturelle des îles Canaries” sich eines gewissen Ruhmes erfreut. Er hat hier noch mit Alexander von Humboldt und Leopold von Buch gearbeitet und ist ein Vertreter jener guten, alten Schule französischer Gelehrter, die einst Frankreich zum naturwissenschaftlichen Zentrum machten; natürlich schon sehr alt. Ich besuchte ihn und wurde auf liebenswürdigste Weise von ihm in seinem Arbeitszimmer empfangen, wo das wohlbekannte Bild: „Humboldt in seinem Kabinett” aufgehängt war. Er gab mir manche Notizen über die Inseln und zeigte mir einige herrliche lebende Vögel, die zum Teil den Kanaren eigentümlich und sehr selten sind; auch wilde Kanarienvögel, hier ganz grün und ziemlich gemein, sowie Abbildungen von Fischen aus seinem Werk. Wir fuhren dann, nachdem wir noch einen Blick auf die Kaktuspflanzen geworfen, die für die Cochenillelaus gezüchtet werden, am Montag ab, ließen aber Moseley, Murray, Campbell und Buchanan mit mehreren Dienern zurück, die ins Gebirge, vielleicht auf den Pic wollen, um Verschiedenes zu sammeln. Wir kreuzten unterdessen zwischen Teneriffa, Ferro und Gomera, sahen die Inseln von vielen Seiten, bei herrlichster Beleuchtung, machten Sondierungen und dredgten oft in größere, oft in geringere Tiefen. Der Professor, mit dem ich in diesen Tagen also allein arbeitete, hatte die große Liebenswürdigkeit, meine ganze Arbeit über die in „Nature” erwähnte Krabbe in gutes Englisch zu übertragen und heute an Huxley abgehen zu lassen. Seitdem ist schon wieder ein Wurm gefunden, der wohl Ähnliches nach sich ziehen wird. Nachdem wir langsam die Runde gemacht, kamen wir heute hier wieder in den Hafen. Unsere Gebirgspartie ist noch nicht zurückgekehrt, hat aber nur bis heute abend Urlaub.
Freitag, den 14. Februar 1873
Gestern kamen die Reisenden vom Pic zurück, haben vier Nächte in Zelten campiert, oben (9 000 Fuß hoch) viel Schnee und außer einer baumartigen Erica fast gar keine Vegetation gefunden. Sobald wir irgendwo ankern, erscheinen immer scharenweise Boote mit Bananen- und Apfelsinenverkäufern, Wäscherinnen usw. Eben waren wieder Neger an Bord, die wilde, grüne Kanarienvögel feilhielten und drei derselben im Gebauer für neun Shilling anboten. Ich denke, sie in St. Thomas, wo ich auch vielleicht Papageien einkaufen kann, mit einem dänischen Schiff nach Kopenhagen zu senden, damit Tante N. sie Euch zukommen läßt. Der Konsul hat herrliche Rosen- und Pelargonienbouquets an Bord geschickt; dazu kaufte ich 50 Orangen für zweieinhalb Shilling. Alles schwimmt in Blumen und Früchten, und das Wetter ist unvergleichlich schön. Jetzt lebt recht wohl; wir machen im atlantischen Ozean zwölf Dredgestationen, und in fünf bis sechs Wochen erhaltet Ihr Briefe aus Amerika.
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Rudolf von Willemoes-Suhm: Die Challenger-Expedition. Zum tiefsten Punkt der Weltmeere 1872-1876. Stuttgart 1984, S. 51f.
Erscheint in:
Kanarische Inseln; Teneriffa
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